Wo ist Burglind Gorn?

Wo bleibt denn der Sturm, der uns gestern von den Wetterleuten angedroht wurde, fragte ich mich heute Morgen, als ich schon früh mit dem Rad unterwegs war. Als hätte ich ihn herbeigepfiffen, zog er auf, brachte Regen mit und hinderte mich bei der Rückfahrt, meinen bevorzugten Weg, nämlich den Anstieg der Badenstedter Straße hochzufahren. Er blies mir so heftig den Regen ins Gesicht, dass ich kaum noch etwas sehen konnte. Ich ergab mich dann und bog nach rechts in eine Nebenstraße ein, wo ich im Windschatten einer Häuserzeile weiterkam.

Eine Frau Burglind Gorn ist Besitzerin des Sturmtiefs, also sogenannte Wetterpatin. Von Jacob Grimm las ich einmal einen Aufsatz „Über versunkene Vornamen.“ Ich weiß noch, dass ich die Wortliste absuchte nach Namen, die noch nicht so tief versunken sind, dass man sie vielleicht wieder heben könnte, aber wurde enttäuscht. Die Namen, die Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts in alten Urkunden gefunden hatte, klangen allesamt so fremd, als wären sie von der Agentur erfunden, die einst die Karstadt-Gruppe Arcandor genannt hat. „Burglind“ gehört sicher zu den noch nicht versunkenen, aber bereits versinkenden Namen. Burg kommt von althochdeutsch bergan = schützen, lind von linta = Lindenholzschild. Derweil Tagesschau.de unter der Headline „Burglind fegt über Deutschland hinweg“ schon Bilder der Zerstörungen verbreitet, wo Burglind eigentlich ihren schützenden Schild hätte ausbreiten sollen, frage ich mich, wo Frau Burglind Gorn sich wohl derzeit aufhält. Statt ihre Pflicht zu tun, sonnt sie sich vermutlich irgendwo auf der Südhalbkugel und lacht sich ins Fäustchen.

Im März 2008 habe ich mal über Tief Melli geschrieben. Es gehörte einer gewissen Melanie Irsch. Frau Irsch hat sich damals in meinem Teppichhausblog wenigstens entschuldigt:

Hallo, hier spricht Tief Melli.

Ich entschuldige mich hiermit für die nassen und ungemütlichen Tage, die ich euch beschert habe. Jedoch habe ich mich selbst noch nie so über schlechtes Wetter gefreut wie im April. Seien wir mal ehrlich, schlechtes Wetter soll doch nicht automatisch schlechte Laune bedeuten. Es heißt ja schließlich:“auch wenn die Wolken die Sonne verdecken, sie scheint trotzdem.“

Euer Tief Melli.

PS: war ein Geburtstagsgeschenk, und direkt bei der FU Berlin beantragt.

Als ich eben den Kommentar kopierte, wurde ich ganz traurig. Immer diese Flüchtigkeit im Internet. Wie mag es Frau Irsch inzwischen gehen? Na, egal. Ich musste noch mal raus, um etwas einzukaufen und bekam es mit Burglind Gorn zu tun. Zur Sicherheit bin ich zu Fuß gegangen. Einmal bin ich mit dem Alltagsrad im Städtchen Jülich gewesen, um Lisette zu treffen. Auf dem Rückweg auf offener Landstraße holte sie mich mit ihrem Auto ein. Sie wollte ihre Mutter zu deren Freund fahren. Lisette hielt am Randstreifen. Ich stellte mein Rad ab, trat ans Auto, und wir redeten ein paar Worte. Mit einem Mal rief Lisettes Mutter „Huch!“ Eine Windböe hatte mein Rad vom Radweg gut 25 Meter auf den tieferliegenden Acker geweht. Wie die dafür verantwortliche Dame hieß, weiß ich leider nicht.

Guten Abend

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Einiges über die Heimtücke meiner Handschuh

Weil hier der Frühling noch immer auf sich warten lässt, muss ich über ein Problem schreiben, nämlich über die Heimtücke meiner Handschuh. Sie sind reichlich klobig. Aber ich trage sie trotzdem, nachdem ich meine schlankeren Handschuh vor gut zwei Jahren im Büro meiner Steuerberaterin vergessen habe. Wann immer ich mit dem Fahrrad fahre, ziehe ich mir diese dicken Handschuhe über, erstmals wenn ich vor der Wohnungstür auf dem Treppenabsatz stehe. Als Rechtshänder stecke ich meinen Hausschlüssel immer in die rechte Jackentasche. Da steckt aber schon die Geldbörse, weil ich sie nicht in der Arschtasche tragen will, damit sie mir die Hose nicht nach unten zieht. Dabei ist sie nicht mal schwer, weil ich nur Silbergeld in ihr dulde, alle anderen Münzen aber in einer Kaffeedose sammle, um sie später bei der Deutschen Bundesbank gegen frisch gedruckte Scheine einzutauschen, weshalb ich immer ganz unwirsch werde, wenn eine Kassiererin mich etwa fragt: „Haben Sie zwei Cent?“ „Sehe ich aus wie ein Kerl, der zwei Cent mit sich herumschleppt?“

Mein Fahrrad steht im Hof und ist mit einer schweren Kette angeschlossen. Mit dem Handschuh an der Hand komme ich kaum in die Jackentasche und kann den Schlüssel zwar ertasten, wollte ich ihn aber herausziehen, käme das Portemonnaie mit raus und fiele zu Boden. Also muss ich den Handschuh ausziehen, um den Schlüssel aus der Jackentasche zu nehmen. Da ich aber beide Hände brauche, um zu verhindern, dass das Ende der gelösten Kette gegen den Fahrradrahmen schlägt, wo sowieso schon der Lack an mehreren Stellen abgesplittert ist, so dass mir immer bei deren Anblick die Worte eines jungen Fahrradmechanikers aufstoßen, der schon vor vier Jahre geseufzt hat: „Das Fahrrad könnte ein bisschen Liebe vertragen!“, da ich also beide Hände brauche, um zu verhindern, dass der junge Fahrradmechaniker schon wieder jammert und letztlich in Tränen ausbricht, fällt mir der rechte Handschuh garantiert zu Boden. So geht es in einem fort weiter. Ich fahre zum Mittagstisch, will mein Fahrrad an einen Laternenmast anketten, bin aber mit den Handschuhen so ungeschickt beim Zurechtfingern des Schlüssels, da muss ich den rechten wieder ausziehen, klemme ihn unter den linken Arm, und was tut er? Ohne dass ich es merke, sinkt er sanft auf den Bürgersteig. Vor dem Mittagessen stecke ich dann beide Handschuh in den Rucksack, gehe nach dem Essen hinüber zum Supermarkt und kaufe etwas fürs Abendessen, packe meine Beute in den Rucksack, und muss dann alles durchwühlen, was ich zuvor sorgfältig geordnet, schwere Sachen nach unten, in den Rucksack geräumt habe, um an die Handschuh zu kommen.

böser Handschuh„Stell dich nicht so an. Manche haben gar keine Handschuhe!“, sagt mein besseres Ich. „Das ist ja herzallerliebst!“, entgegne ich. „Soll ich mir etwa aus dem Mangel handschuhloser Menschen, aus dem Gedanken an deren klamme und möglicherweise steif gefrorenen Finger ein Feuerchen machen, über dem ich mir die Hände wärmen kann? Das ist doch absurd und unmoralisch, wenn es überhaupt ginge. Ich kann mir nicht vorstellen, dass steifbefrorene oder auch nur klamme Finger gut brennen.“ „Jaja!“, brummelt mein besseres Ich wie immer, wenn ihm die Argumente ausgehen. Es wäre langsam zu fragen, ob es den Anforderungen an  ein besseres Ich überhaupt noch genügt. Sollte ich ihm ein Arbeitszeugnis ausstellen müssen, würde ich schreiben: „Es hat sich stets bemüht.“ und „Im Kollegenkreis galt es als gesellig.“ Man möge selbst eruieren, was diese vernichtenden Floskeln bedeuten, denen jeder Kundige ansieht, dass es sich um illegale Geheimkodes handelt, die eigentlich verschwunden sein müssten, nachdem ich als junger Referendar in aufklärerischer Absicht in der 10. Klasse eines Mädchengymnasiums bereits eine vielgelobte Lehrprobe zum Thema „Illegale Geheimkodes in Arbeitszeugnissen“ bestritten habe, nicht glaubend, dass derlei Kodes nach meiner vernichtenden Lehrprobe noch gut 35 Jahre überleben würden.

Diese 10. Klasse voller hübscher Mädchen, die mir herzlich zugetan waren, unterrichtete ich auch in Kunst, hatte sie gerade zum Thema „Klassenraumgestaltung“ Entwürfe zeichnen lassen, den Direktor schon um Zustimmung gebeten, dann aber fiel ich mit einem grippalen Infekt für zehn Tage aus. Als ich noch geschwächt wieder in der Schule auftauchte, wurde ich sogleich zum Direktor zitiert. Der herrschte mich an: „Was haben Sie nur angerichtet? Die Kollegen weigern sich, im umgestalteten Klassenraum Ihrer 10 zu unterrichten. „Sie haben die Umgestaltung doch erlaubt“, wandte ich ein. „Aber doch nicht so!“, schrie er und zerrte mich hin, schloss die Tür auf und wir standen vor einem pink-lila-Mädchentraum, die Wände zartrosa getüncht, mit violetten Vorhängen an den hohen Fenstern, einem Sofa mit lila-pink Häkeldecke und plüschigen Patchwork-Kuschelkissen. „Hier sieht es ja aus wie im Bordell!“, rief der Direktor aufgebracht. „Äh, wenn Sie es sagen“, stammelte ich, „ich war noch nie im Bordell, Herr Direktor.“ Er warf mir einen vernichtenden Blick zu. „Für diese eklatante Störung des Schulfriedens werden Sie sich zu verantworten haben, van der Ley!“ Ich murmelte noch was von „beachtlicher Eigeninitiative“, doch konnte mich nicht behaupten. Er schnaubte: „Ihre Mädchen sollen die Eigeninitiative in Ordnung bringen und den vorherigen Zustand wiederherstellen!“

Ich will nicht behaupten, dass meine Handschuh irgendwas mit dem Debakel zu tun hätten, doch im Hof schlug das bewehrte Ende der Fahrradkette erneut gegen den Rahmen, und indem mein besseres Ich seufzte, befand ich: „Für einen Fahrradmechaniker zu sentimental.“

Nützliches und Unterhaltsames vom Radfahren

radfahrenEnglands erster und berühmtester Lexikograph, Dr. Samuel Johnson (1709-1784) hatte für mit Muskelkraft bewegte Fahrzeuge nur Spott übrig. Sein Einwand gegen einen Vorläufer des Fahrrads, einen Wagen, bei dem der Fahrer mittels Kurbel eine Antriebsfeder spannen musste, klingt zunächst plausibel: „Damit wäre wohl erreicht, dass einer die Wahl hat, ob er nur sich selber fortbewegen will oder sich selber und noch einen Wagen dazu.” (James Boswell; Dr. Samuel Johnson – Leben und Meinungen)
(Zeichnung: Trithemius)

Dr. Johnson, „Der schwer gelehrte Bär“, wie Lichtenberg ihn nannte, starb ein Jahr, bevor im Jahr 1785 ein gewisser Karl Friederich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn geboren wurde. Dieser Mann wagte sich im Jahr 1817 mit einer Art Holzbock auf zwei Rädern in die Öffentlichkeit. Auf der 15 Kilometer langen Jungfernfahrt von Mannheim bis zum Schwetziger Relais und zurück fuhr er immerhin ein Stundenmittel von 14,8 Kilometern. Seine Zeitgenossen hielten es aber mit der kauzigen Logik des Dr. Johnson und zeigten dem Erfinder einen Vogel.

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