Die Straße meiner Kindheit (10) – Rollkur, Halve Hahn und Bockreiter

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Von „Straße meiner Kindheit“ ist Folge 10 erschienen. Bitte hier klicken!

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Straße meiner Kindheit (2) – Ein Interview

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Folge 1

Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:

Traust du dich heute an Rolf vorbei?

Ich will es versuchen. Sie müssen bedenken, Herr Trittenheim, dass ich noch klein war, als ich begann, die Welt meiner Straße zu erkunden. Ich sah rätselhafte und beunruhigende Dinge, die ein Erwachsener nicht gesehen hätte, wie das, was auf dem Hof der Schmiede geschah. Das Tor war offen, und ich stand in gebührendem Abstand von Rolf und schaute in den Hof. Da waren ein Pferd und zwei Männer. Der eine Mann schlug dem anderen mit einem Hammer aufs Knie. Das hatte schon eine offene Stelle. Man sah den Knochen. Und wie die Reiter, die gezielt in ihr Verderben gesprungen waren, schockierte mich die unfassbare Gleichgültigkeit, mit der der eine Mann sein Knie hinhielt und der andere drauf hämmerte. Weiterlesen

Straße meiner Kindheit – Ein Interview

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Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:

Was ist deine früheste Erinnerung an die Straße deiner Kindheit?

Ich erinnere mich ganz schwach, dass vor dem Hof der Melzers auf der anderen Straßenseite ein defekter Panzer mit US-Hoheitszeichen stand. Der verschwindet aber bald. Ich habe ihn auch nie aus der Nähe gesehen, muss also noch sehr klein gewesen sein. Zu dieser Zeit war ich oft krank, hatte mehrmals doppelseitige Lungenentzündung. Meine Mutter wachte viele Nächte an meinem Bett. Manchmal, wenn die Zeit gar nicht vergehen wollte, hob sie mich in eine Decke gewickelt aus dem Bett und schaute mit mir aus dem Fenster. Wir sahen mitten in der Nacht, dass in einem Parterrezimmer bei Melzers noch eine Funzel  brannte. Da lag der alte Großonkel Cornél im Sterben, wusste meine Mutter. Ich habe nie später in meinem Leben so ein trostloses Licht gesehen. Und noch was fällt mir ein. Eines Tages, als meine Mutter mich morgens anzog, war sie in Eile und in aufgekratzter Stimmung. Sie trug mich auf dem Arm die Straße hoch zum Hohlweg, den wir „erste Bruchstraße“ nannten, und weiter durch den verwunschenen Hohlweg (Startbild) zum Tal, das die erste von der zweiten Bruchstraße trennt. Dort auf einem Feld fand ein Springreiten statt. Ich sah ständig Reiter mit ihren Pferden über ein Hindernis springen und hinter einer Bodenwelle verschwinden, so dass ich glaubte, sie würden dort von einem Abgrund verschlungen. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, dass die Männer so bereitwillig in ihr Verderben sprangen und wunderte mich auch über ihre Vielzahl. Heute weiß ich, es wird ein Rundkurs gewesen sein, und es kamen dieselben Männer mehrmals vorbei. Weiterlesen

Verschüttete Milch und ein kaiserlicher Goldtaler

Kategorie Kopfkino
In vielen Texten zum Erzählprojekt „Die Läden meiner Kindheit“ ist die Rede vom Milchholen, mal beim Milchmann im Laden, mal beim Bauern. Ein etwa zehnjähriges Mädchen erzählte mir einmal im Deutschunterricht eine absolut erstaunliche Geschichte aus dem Leben ihres Großvaters, der Milch holen sollte und einen kaiserlichen Goldtaler bekam. Ich habe sie aus der Erinnerung möglichst getreu nacherzählt.

Dieser Goldtaler befindet sich im Besitz der Familie. Man hat ihn vom Großvater geerbt. Er lebte als kleiner Junge in einem Dorf in den Österreichischen Alpen. Das Elternhaus lag abseits des Dorfes. Jeden Abend musste der Junge ins Dorf laufen, um beim Bauern Milch zu holen.

Einmal hörte er vom Marktplatz her Marschmusik. Er lief hin und staunte die Militärkapelle an. Erst nach einer Weile konnte er sich losreißen und ließ sich beim Bauern die Milchkanne füllen. Jetzt musste er sich beeilen. Auf dem Weg stolperte er und stürzte mit dem Knie in einen rostigen Nagel. Zu Hause schimpfte der Vater, denn der Junge kam viel zu spät zurück und hatte auch noch Milch verschüttet. Deshalb wagte er nicht, von seinem Unglück zu erzählen und legte sich mit seinem wunden Knie ins Bett.

Am nächsten Morgen hatte der Junge hohes Fieber. Das Knie war dick angeschwollen. Man brachte ihn in die Stadt ins Krankenhaus. Dort lag er zusammen mit gut 20 Verwundeten des ersten Weltkriegs in einem Krankensaal. Eines Tages erwartete man Besuch vom Kaiser. Es muss wohl Karl I. gewesen sein. Das Krankenhaus war in heller Aufregung; alles wurde herausgeputzt. Der Direktor des Krankenhauses wollte nicht, dass der Kaiser die vielen Kriegsverletzten zu sehen bekam. So ließ er sie alle in den Keller bringen.

Als der Kaiser mit seinem Gefolge den Krankensaal betrat, fand er nur den Jungen in seinem Bett. Er begrüßte den Jungen, sprach mit ihm, und als er sich abwenden wollte, rief der Junge ihn zurück. Er sagte leise:
„Willst du wissen, wo die anderen sind?“
„Ja, gibt es denn noch andere?“
„Schau einmal im Keller nach.“

Da war der Kaiser so gerührt, dass er dem Jungen einen Goldtaler schenkte. Es ist nicht überliefert, wie der Kaiser auf die Kriegsverletzten im Keller reagiert hat.

Die Läden meiner Kindheit – Durch das Verschwinden der Stofflichkeit verschwindet auch der Mensch

Kategorie MedienSo ein Erzählprojekt macht Arbeit, meine lieben Damen und Herren. Jedenfalls habe ich in letzter Zeit lange am Rechner sitzen müssen, nicht allein um selber Beiträge zu verfassen und alles zu organisieren, sondern auch um jeden Beitrag zu lesen und zu kommentieren, was nebenher kaum jemand außer mir getan hat. Die Demokratisierung der technischen Schrift und die Möglichkeit der leicht zugänglichen digitalen Publikation hat nämlich einen bedrohlichen Nachteil: Wir nähern uns allmählich dem Zustand, dass es mehr Schreiber gibt als Leser. Die schreckliche Vorstellung droht wahr zu werden, dass jede und jeder in die Welt hinaus schreibt, aber niemand liest. Dazu passt, dass die Schriftsprache immer hermetischer wird, bei vielen digital publizierenden Autoren die Inhalte sich in Andeutungen und unvollständigen Sätzen verlieren. Offenbar wird bei diesem artifiziellen Schreiben kein Leser mehr mitgedacht. Damit wäre das Ende der Schrift erreicht. Der Gedanke liegt nah, dass dieses Ende durch den Verzicht auf Papier, Druck und fehlende Selektionsmechanismen eingeläutet wurde. Ob sich im Abendrot der Schriftkultur wenigstens die Literaturwissenschaft einmal über die digitalen Texte beugen wird und sie auf irgendeine Weise zu fassen versucht, ist dann auch fraglich. Es würde sich hier gewiss lohnen, weil die Beiträge des Erzählprojektes Welten aufscheinen lassen, die noch etwas Handfestes hatten und uns die Stofflichkeit des Menschen als Wert aufzeigen.

Wie überall ist die Abkehr vom Material nämlich nicht nur eine Erleichterung, sondern verdünnt die Welt bis zum Unfassbaren. Was heißt „wie überall?“ Meine Sparkasse schickt mir einen Brief und teilte mir diverse Preiserhöhungen mit. Selbst dieser Brief auf Papier ist ein Abgesang und erklärt das Material zum verzichtbaren Kostenfaktor: hohe-kostenIn der digitalisierten Welt ist der leibhaftig anwesende Mensch eine lästige Erscheinung. Der Kunde, der persönlich erscheint und einen Überweisungsbeleg einreicht, verursacht nur Kosten. Wie wird es weitergehen? Im Supermarkt steht der Kunde nur noch im Weg. „Bitte wählen Sie online – wir liefern.“ Die Bahn schreibt:

Lieber Bahnkunde! Sie haben gerade einen Fahrschein erworben. Ihr Transport von A nach B verursacht hohe Kosten. Unser Tipp: Bitte prüfen Sie, ob Ihre Anwesenheit in B wirklich erforderlich ist und nutzen Sie ggf. die Möglichkeiten der Fernkommunikation.

Teleportieren oder beamen wird nicht kommen, zu aufwändig und zu teuer. Die preiswerte Variante, die Bilokation, ist nur katholischen Heiligen zugänglich. Für uns Heiden reicht, unser Bewusstsein in Hüllen am anderen Ort zu transferieren. Die lebensechte Oma-Puppe hängt schlaff im Schrank und wird hervorgeholt und aktiviert, wenn Oma auf Sendung ist.

Das Teestübchen-Blog hat seit kurzem einen neuen Follower, eine erklärter Maßen fiktive Person. Fraglich ist, ob diese Erscheinung des Digitalen noch eine Person zu nennen ist. Von Geistern verfolgt, da passt es und beruhigt mich, dass meinem Blog neuerdings auch die parapsychologische Beratungsstelle Freiburg folgt.

Aber ich wollte eigentlich über meinen Rücken schreiben. Jedes Mal wenn ich mich nach langem Sitzen erhoben habe, tat er mehr weh. Auf den Rat meines Sohnes holte ich mir in der Apotheke am Lindener Markt so ein Wärmepflaster, und weil ich Invalider nicht zurücklaufen wollte, wartete ich auf den Bus, der nach einer weiten Schleife nah an meiner Wohnung hält. Eigentlich mäandert die Fahrtstrecke durch den hannoverschen Stadtteil Linden. Und in jeder der ungezählten Kurven, fuhr der Schmerz mir heiß ins Kreuz. Der Langbus wurde von einer Frau gefahren. Als Mann wäre sie Verkehrsrowdy geworden. Sie fuhr den Langbus wie andere ihren frisierten Kleinwagen.

Mir ist ja in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, wie anfällig der menschliche Körper ist und mit welchen Verschleißerscheinungen er einen überraschen kann. Da wesentliche reichere Menschen als ich ähnliche Probleme haben, auch wenn sie nicht Bus fahren müssen, finanziert irgendein Superreicher gewiss schon ein wissenschaftliches Projekt, um das eigene Bewusstsein in den Klon seiner selbst zu transferieren. Niemand kann wissen, ob es nicht bereits geschieht, und auch dem Klon sollte das besser verborgen bleiben, damit er keine Identitätsprobleme bekommt. Allerdings kann ich dafür garantieren, kein solcher Klon zu sein. Ich hätte beizeiten verlangt, einiges zu optimieren.

Noch immer erscheinen in der Linkliste neue lesenswerte Beiträge. Ich bitte um Beachtung und wünsche viel Vergnügen beim Lesen. Klicke bitte aufs Bild.laeden-alltagskultur

Die Läden meiner Kindheit – Neue Beiträge

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Berni’s RummelWoast scho
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Manfred VoitaDarf es etwas mehr sein?
Manfred VoitaFußweg zum Rock’n Roll
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Die Läden meiner Kindheit – Ein Erzählprojekt

laeden-alltagskulturDer Text „Nase voll“ von Blogfreund Manfred Voita hat mich angeregt, an die Läden meiner Kindheit zu denken. Sie sind Teil einer versunkenen Alltagskultur, wie sie manche von uns noch kennen. Daher möchte ich zu einem Erzählprojekt anregen und fordere alle Schreibwilligen auf, in ihren Erinnerungen zu kramen und sich zu beteiligen. Über Links zu solchen Texten freue ich mich. Ich werde sie in einer Liste hier im Teestübchen sammeln. Das von mir gestaltete Logo ist gemeinfrei. Bitte bedient euch (für eine größere Variante anklicken). Zum Auftakt des Erzählprojekts beschreibe ich hier die Läden eines Dorfes im Rheinland. Die Läden existieren heute nicht mehr. Trotzdem habe ich die Namen geändert.
Bimmelimmeling, der Laden ist auf! Weiterlesen