Jüngling der Schwarzen Kunst – Wachsen wollen

Die Sekretärin kam in die Gasse und übergab dem Jüngling das Speisekarten-Manuskript. Er machte sich an die Arbeit. Den Kasten der 10 Punkt Bodoni mager hatte er schon vor sich, den Winkelhaken auf 16 Cicero Breite eingestellt. Kaum hat er angefangen zu setzen, fluchte er: „O Mann, wenn die schon überall Majonäse drauf kletschen müssen, könnten die sich wenigstens auf eine einheitliche Schreibweise einigen. Der eine Koch schreibt Mayonnaise mit Ypsilon und „ai“, der andere mit Majonäse „j“ und „ä“, mal mit einem „n“, mal mit zwei. Hier! Unterschiedlich in einem Manuskript!“

„Guck in den Duden und leg‘ eine Schreibweise fest“, sagte Monitz.

„Dazu habe ich jetzt keine Zeit, ich muss noch die Setzerei fegen. Ich setze es so, wie es da steht“, sagte Hannes bockig.
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Jüngling der Schwarzen Kunst – Ein Schuh fehlt

Hannes und Karl-Heinz drängten sich in die Telefonzelle. Die beiden hatten Münzen zusammengelegt für ein Ferngespräch. Karl-Heinz hatte die Groschen, 50-Pfennig- und Markstücke auf dem grauen Münztelefon gestapelt, und Hannes sollte beizeiten nachzahlen, indem er die Münzen in die richtigen Schlitze steckte.
„Aber halte die Markstücke möglichst lange zurück!“, befahl Karl-Heinz. Das Gerät hatte eine schräge Sichtanzeige, worin die eingeworfenen Münzen zu sehen waren und langsam nach unten rutschten, wenn die unterste Münze abtelefoniert war. Beide waren nervös. Hannes hatte noch nie von einem Münztelefon aus telefoniert. Karl-Heinz tat weltmännisch, als hätte er schon oft aus der Telefonzelle angerufen, doch das war nicht so, zumal seine Eltern sich erst kürzlich ein Telefon angeschafft hatten. Er las die Telefonnummer von einem Zettel und ließ die Wählscheibe rotieren.

Hannes beneidete ihn um seine Eltern. Sie waren noch recht jung. Der Vater war ein umtriebiger Versicherungsvertreter, weshalb er ein Telefon benötigte, die Mutter eine hübsche sanfte Frau, die als Näherin ein Zubrot verdiente.
„Die erste Münze rutschte durch.
„Mama?!“, rief Karl-Heinz mit erhobener Stimme, als müsste er dem Wort „Fernruf“ Genüge tun. „Mama! Hier ist Karl-Heinz!“
„ … “
„Ja, wir sind gut am Bodensee angekommen und in Konstanz in der Jugendherberge!“
„ … “
„Nein, es regnet die ganze Zeit. Wir haben keine trockenen Sachen mehr. Hannes hat seinen Schuh verloren. Aber sonst ist alles gut.“
„ … “
„Er hat seine Schuh abends zum Trocknen vor die Tür gestellt, und am nächsten Morgen war einer weg.“
“ … “
„Wirklich?! Das wäre toll.“
„ … “
„Ja, Tschüß, Mama, grüß Papa und Schorschi von mir.“
„ … “
Derweil hatte Hannes den Münzautomaten gefüttert. Ihm war unheimlich, wie schnell der die Münzen schluckte. Karl-Heinz hängte den Hörer sorgfältig auf die Gabel. Einige Münzen klapperten in die Geldrückgabe. „FASSE DICH KURZ!“ stand auf einem Schild an der Zellentür. Daran hatte sich Karl-Heinz gehalten.

„Ich soll morgen noch mal anrufen“, sagte er, indem er die noch übrigen Münzen einsammelte.
„Warum?“
„Meine Eltern wollen vielleicht mit dem Auto herkommen und uns Sachen bringen.“
„Musstest du das mit meinem Schuh erzählen?“
„Warum nicht?“
„Es ist mir peinlich. Was soll deine Mutter von mir denken? Dass ich einfach so meinen Schuh verliere?“
„Ach, Quatsch! Du kannst nichts dafür.“

Hannes hatte einen kleinen Jungen im Verdacht, der offenbar zu den Herbergseltern gehört.
„Weißt du, wo mein zweiter Schuh ist?“, fragte Hannes.
Der Junge nickte. „Ja, komm, komm!“
Er streckte die Hand nach Hannes aus und zog ihn den Gang hinab bis zur Kellertür.
„Da unten soll mein Schuh sein?“
„Ja, ja! Aufmachen“, nickte der Kleine.
„Hannes öffnete die Tür und stieg mit dem Kleinen an der Hand hinab in den Keller. Dabei musste rückwärts immer zwei Stufen vorgehen, um den Kleinen zu sichern. Der Kleine lotste ihn in einen Kohlenkeller. Einen Lichtschalter fand Hannes nicht. Licht kam durch ein offenes Kellerfenster, an dem es eine Art Rutsche für die Kohlen gab. Der Kleine deutete stolz auf den riesigen Kohlenhaufen und sagte: „Da, da!“
„Da oben soll mein Schuh sein?“
„Ja, ja!“
Hannes sah, wie Wasser durch das offene Kellerfenster schwappte.
„Vergiss den Schuh! Wir müssen hier raus!“

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Jüngling der Schwarzen Kunst – Aufwachen

Hannes genoss das Anheimelnde, geschützt zu sein und zu hören, wie der Regen aufs Dach prasselte. Während er noch seine Haare trocken rubbelte, hatten die anderen schon ihre Nesselschlafsäcke auf den Feldbetten ausgerollt, waren hinein gekrochen und hatten sich die Decke über die Ohren gezogen. Die beiden Studenten saßen auf ihren Betten und beobachteten Hannes.
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Jüngling der Schwarzen Kunst – Herrenalb

Im Laufe des Nachmittags fing es wieder an zu regnen. Mit grimmigem Mut und regenblind quälten sie sich die Anhöhen des Schwarzwalds hinauf. Für solche Steigungsprozente waren ihre Schaltungen nicht ausgelegt. Ludwig hatte an seinem geliehen Fahrrad sogar nur eine Dreigang-Nabenschaltung. Gesprochen wurde auch während der Verschnaufpausen kaum. Sie verfluchten die Abfahrten von einmal erkämpften Höhen, wenn der Fahrtwind eisig durch ihre nassen Klamotten fuhr und sie schlottern ließ. Auf dem letzten Teilstück zur Jugendherberge musste sie sogar absteigen und ihre bepackten Fahrräder den Anstieg hoch stemmen. Inzwischen hatten sie ein durchgängiges Prinzip erkannt, dass Jugendherbergen stets oben auf einem Berg lagen. „Selbst wenn es weit und breit nur einen einzigen Berg gibt, steht da die Jugendherberge“, sagt Karl-Heinz wie zur Entschuldigung, dass er ihren müden Beinen diese letzte Anstrengung abverlangte.
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Jüngling der Schwarzen Kunst – Nässe

Die Ängste, deretwegen Karl-Heinz die Freunde aus ihren Schlafsäcken hochgescheucht hatte, waren absurd. Trotzdem fügten sich alle, noch in tiefer Nacht zu packen und wieder aufs Rad zu steigen. Wie sich zeigen sollte, hätten sie sowieso nicht länger im Straßengraben liegen können, denn bald begann es ergiebig zu regnen. In kurzer Zeit waren sie durchnässt. Als die Landstraße wieder in einen Wald eintauchte, beschlossen sie, unter den Bäumen Schutz zu suchen. Doch der Nadelwald bot wenig davon. Es regnete durch, und was nicht zu Boden kam, triefte satt von den Zweigen. Theo hatte eine einzelne dreieckige Zeltplane vom Militär bei sich. Sie war dafür gedacht, durch gleichartige zu einem Zelt ergänzt zu werden. Daraus und mit den Müllsäcken bauten sie einen notdürftigen Unterstand, was nicht einfach war in der Finsternis des Waldes.
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Jüngling der Schwarzen Kunst – Kirchheim-Bolanden

Sie hatten sich unzweifelhaft verfahren. Ringsum nur Landschaft, von einer elend langen Landstraße durchzogen, weit und breit keine Stadt zu sehen. Weit und breit niemand, den sie nach dem Weg fragen konnten. Karl-Heinz, der eine gewisse Führungsposition in ihrer fünfköpfigen Runde eingenommen hatte, weil er die Karte zu lesen pflegte und sagte, wo es lang ging, war kleinlaut geworden, da er sie offenbar in die Irre geführt hatte. Sie waren am Morgen in Bacharach gestartet und jetzt müde, wollten endlich die Jugendherberge in Neustadt an der Weinstraße finden, ihr Tagesziel.
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Jüngling der Schwarzen Kunst – Selbstbefleckung

Seine Mutter legte ihm wortlos ein Paket Tempotaschentücher aufs Nachtschränkchen. Sie hatte offenbar die Flecken auf dem Bettlaken entdeckt. Hannes fühlte sich schuldig, weil er ständig gegen das sechste Gebot verstieß. Er markierte in einem Kalender, wann er schwach geworden war und versuchte möglichst viele Tage zu überstehen, ohne dass er Hand an sich gelegt hatte. Als er seinem Freund Frank von seiner Methode erzählte, sagte der erleichtert, „Ja, das mache ich ab jetzt auch.
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