Über die Verleugnung der Endlichkeit

Irgendwann Ende der 1990-er Jahre sprach ich mit dem Dichter Robert Gernhardt über seinen Freund und Kollegen aus Titanic-Gründertagen, den begnadeten Cartoonisten Friedrich Karl Waechter. Auf meine Frage, warum Waechter keine Cartoons mehr für Titanic zeichne, sagte Gernhardt, Waechter hege die Vorstellung, ein Mensch habe nur 2000 Witze. Ob es die genaue Zahl war, weiß ich nicht mehr. Ich wunderte mich über die Vorstellung. Bis dato kannte ich das nur in sexueller Hinsicht, auf die Potenz des Mannes bezogen („Zehntausend Schuss und dann ist Schluss.“)

Ob hier eine Analogie besteht, werde ich nicht behaupten, aber auch nicht bestreiten. Jedenfalls hatte Waechter die Endlichkeit seines künstlerischen Schaffens akzeptiert. Am 16. September 2005 ist er verstorben.

Anfang der 1990-er Jahre wollte der Aktionskünstler Achim Schollenberger herausfinden, wie viele Wörter in einem handelsüblichen Tintenfass stecken. Wie die FAZ damals berichtete, hat er bis zu neun Stunden täglich in der Würzburger Stadtbibliothek gesessen und immerzu die vier Buchstaben „Wort“ geschrieben.
Nach 20 Tagen hatte er genau 856 Bögen DIN-A4 voll- und das Tintenfass leer geschrieben. Im Tintenfass steckten 171.073 Wörter.

Die Aktion gewinnt ihren Reiz aus der Endlichkeit. Indem sich heutige Schreiber vom Material losgesagt haben, können sie im Digitalen nichts Vergleichbares tun. Das digitale Tintenfass ist schier unendlich groß. Wir müssen nicht befürchten, dass irgendwann ein serviles Männlein auf dem Bildschirm erscheint und verlegen herumdruckst: „Tut mir Leid, aber die Buchstaben sind alle.

Schon zuvor durch Film- und Tonträger hatte der postmoderne Mensch aufgehört, Endlichkeit zu akzeptieren. Im Jahr 2010 hörte ich in den Nachrichten des flämischen Radiosenders Studio Brussel, der amerikanische Soulsänger Solomon Burke sei in einem Flugzeug kurz nach der Ankunft auf dem Flughafen Amsterdam verstorben. Gleich danach spielte man ein Platte von Solomon Burke, und ich dachte: „Der arme Mann ist grad gestorben und muss trotzdem singen.“

Transhumanisten im Silicon Valley arbeiten daran, den Inhalt des menschlichen Gehirns zu digitalisieren und auf externe Speicher auszulagern, mit dem Ziel, die menschliche Existenz ins Unendliche zu überführen. Es ist die logische Konsequenz der Idee vom Cyborg, also einem Mischwesen aus lebendigem Organismus und künstlichen Bauteilen und eben diesem digitalisierten Gehirn. Im Jahr 2012 wurde ich unerwünscht zum Cyborg, als mir nämlich ein Kardiologe über eine Sonde in der Blutbahn ein „Stent“ genanntes Röhrchen ins Herz schob, um den Verschluss eines Blutgefäßes zu verhindern. Ohne diesen Stent wäre ich längst tot. Mediziner haben meine Endlichkeit nicht zugelassen.

Der diese Zeilen schreibt, ist ein transhumaner Mensch. Meine Gedanken sind noch nicht digitalisiert, das versichere ich hoch und heilig. Man sieht mir nicht an, dass ich ein Cyborg bin, und ich hoffe sehr, dass ich bis zu meinem Ableben keine weiteren künstlichen Bauteile mehr benötige. Es gibt freilich bereits junge Menschen, die sich zur Erweiterung ihrer Sinne, Antennen oder Magnete in den Kopf einpflanzen lassen. Doch künstliche Bauteile sind ein Irrweg. Indem der Mensch eifrig an der Zerstörung dieses Planeten arbeitet, ist auch der transhumane Cyborg endlich.

Ziel wird sein, das digitalisierte Gehirn gänzlich von vergänglicher Biomasse zu trennen – wie in dieser Zukunftsvision des Instituts für Pataphysik. Die Idee der fünf schwarzen Kugeln, die über den emaillierten Erdball rollen und digitalisierte Bewusstseine enthalten, hatte ich für eine Lesenacht im Teppichhaus Trithemius im Jahr 2007 entwickelt. Das digitale Bewusstsein kann sich beliebige Welten simulieren, und ihren Reiz beziehen die Szenerien daraus, endlich zu sein.

Die Bloggerin Mikage, eine Berliner Jurastudentin, hat damals einen Text für mich eingesprochen. Ab 1:30 hören wir sie aus dem Inneren einer schwarzen Kugel, im Hintergrund schwach das Geräusch einer Tastatur.

Vom Anfang und vom Ende

Die Maastrichter Laan, von Westen kommend, wird beim Grenzübertritt im kleinen niederländischen Grenzort Vaals zur Vaalser Straße. Mit ihr beginnt die berühmte Bundesstraße 1. Einst führte diese 2000 Jahre alte Handelsstraße von Aachen bis Königsberg. Unterwegs macht die B1 einiges mit. Schon hinter Jülich verschwindet sie in einer Braunkohlegrube. Als junger Mann bin ich noch über die B1 durch das Dorf Lich-Steinstrass gefahren. Da wankten nur alte Mütterchen vor den zugenagelten Fenstern über den Gehsteig. Denn kurz danach sollte Lich-Steinstrass mitsamt der Bundesstraße 1 weggebaggert werden.

Ach, jetzt sind wir schon viel zu weit im Osten der B1.

Nochmal auf Los. – An der deutsch-niederländischen Grenze bei Vaals beginnt die Bundesstraße 1. Sie steigt an – sie kommt ja aus den Niederlanden – überwindet bei Gut Kullen eine Kuppe und taucht dann schnurgeradeaus in den Talkessel von Aachen ein. „Vaals“ bedeutet übrigens „Tal“. „Aachen“ bedeutet „Wasser“, – so schlicht sind die geographischen Namen.

Wo die B1 ihr wassersüchtiges Gefälle bekommt, durchschneidet sie den Aachener Westfriedhof. Beide Friedhofshälften sind durch eine alte Fußgängerbrücke verbunden. Die kleinere südliche Hälfte ist älter als die nördliche. Hier werden nur ganz bestimmte Personen begraben. Da ich diesen Personenkreis nicht kenne, hatte ich auch nie einen Anlass, durch den Torbogen zu gehen.

An einem grauen Tag im Herbst, an dem es nicht hell werden wollte, – ich war in düsterer Stimmung, – an diesem trüben Tag setzte ich mich aufs Rad und fuhr durch den kalten Dunst Richtung Niederlande. Der Weg führt an der Güterbahnlinie entlang, auf der ich vor Jahren die „Nachtschwärmer-Draisine“ (Nachtschwärmer online) fahren ließ.

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Friedhof in Verviers – Foto: Gudrun Petersen – Bearbeitung: Trithemius

Wo die Bahnlinie die Vaalser Straße kreuzt, bog ich ein. Da lag der Westfriedhof in der Dämmerung, und statt weiter zu fahren, querte ich die Straße und schob mein Rad durch die Pforte der alten Friedhofshälfte. Die Wege sind nicht asphaltiert. Man geht über knirschenden roten Split, Kies oder gestampfte Erde. Bald taucht ein Platz zwischen den Bäumen auf. Er wird nach Osten von einer großen Kapelle begrenzt. Um den Platz reihen sich gewaltige Grabmonumente. Alte Aachener Größen, Abkömmlinge großer Familien, sind hier unter steinernen Kolossen begraben.

Unsereiner wollte nicht soviel Geröll über dem Kopf. Mir würde ein Blechkranz genügen, damit ich hören kann, ob es regnet. Doch die Großen des 19. Jahrhunderts waren selbstherrlich und bigott. Da musste unbedingt ein Mausoleum her oder zumindest ein riesiger steinerner Engel. Engel aus Stein sind übrigens die irdische Variante. Sie fliegen nicht, sondern krachen irgendwann in sich zusammen.

Jedenfalls stand ich an den Grabmonumenten und versuchte mir zu vergegenwärtigen, welch wichtige Knochen dort verbuddelt lagen. Die Protzbauten auf alten Friedhöfen sind heidnisch. Sie sind noch der Idee verpflichtet, dass man seine Reichtümer mit ins Jenseits nehmen könnte. Vielleicht hat man ja das ein oder andere Dienstmädchen mit eingemauert, damit der hohe Herr etwas hat, womit er sich im Jenseits verlustieren kann. Tatsächlich hat es in Aachen einen unaufgeklärten Dienstmädchenmord gegeben. Ein kleiner Gedenkstein im Wald berichtet davon. Sie wurde am Fuße des Hügels gefunden, auf dem die Villa ihres Dienstherrn thronte. Man munkelt, er habe sie ermordet.

Was ein Mensch auf seinem Gewissen hat, nimmt er mit in seine Gruft. Was er sonst noch war und tat, ob er Häuser bauen ließ, Länder eroberte, eine Tuchfabrik besaß, das alles ist im Jenseits ohne Belang, ganz egal, was man glaubt. Im Gedenken der Menschen ist es nicht anders. Obwohl es Namen gibt, die das Gegenteil behaupten. Karl der Große, Alexander der Große, die Namen verbergen eine wesentliche Tatsache: Das waren doch vor allem große Menschenschlächter. Man mag sie in Geschichtsbücher schreiben, Denkmäler und Mausoleen für sie bauen – am Ende sind sie auch nur alte Knochen, die sich nicht besonders von deinen oder meinen unterscheiden.

Dieser alte Friedhof hat mich im Herbst eindrucksvoll mit dem Endlichen des Menschen konfrontiert. Es ist gut, sich das ab und zu klar zu machen, damit man im Leben nichts tut, was selbst durch steinerne Engel nicht getilgt werden kann.