Kleine Stilkunde – Ich und der innere Schulmeister

Ich habe gestern einen Kommentar von Blogfreundin Ann missverstanden. Sie hatte geschrieben: „Verurteile es aber auch nicht bei anderen!“ Ich hatte verstanden, ich solle das in frage stehende Verhalten nicht verurteilen. Formal war der Satz nämlich eindeutig ein Imperativ (Befehlssatz), erkennbar an der Verbform und dem Ausrufezeichen als Satzschlusszeichen. Ihr Satz war aber eine Mitteilung in Form einer sprachlichen Ellipse. Es fehlte das Subjekt, in diesem Fall „Ich“. Ann hatte sich gemeint. Ihre Äußerung war kein Befehlssatz, sondern ein Mitteilungssatz.

Als wir uns noch gar nicht lange kannten, schoss die achtjährige Tochter einer Hannoveraner Exfreundin aus dem Nichts die Formel: „Hab‘ dich lieb!“ auf mich ab. Das machte mir mehrmals eine Sorte Zungenlähmung. Sie hinderte mich, eine ähnliche Beteuerung zurückzugeben. Offenbar hatte sie für mich noch wesentlich mehr Gewicht als für das Kind. Zurückzugeben wäre aus meinem Gefühl: „Ich hab‘ dich auch lieb!“ Das Personalpronomen „Ich“ wegzulassen, wie es in der Umgangssprache üblich geworden ist für emotionale Schnellschüsse, war mir unmöglich.

„Hab dich lieb!“, „Drück dich!“, „Wünsch dir gute Besserung!“ – all diese Formeln kann man als sprachliche Ellipsen verstehen. Das Urheber-Ich muss man sich dazu denken. Als grammatisch vollständige Sätze betrachtet, sind es aber Imperative, Befehlssätze. „Wünsch dir gute Besserung!“ Wünsch dir das selbst, du Kranköllich (kranke Zwiebel)! Ich kann mich gerade nicht damit belasten. Indem er das Ich weglässt, verweigert der Sprecher/Schreiber quasi die Verantwortung und verweist den Angesprochenen auf sich selbst. Und man möchte ihm auch raten, sich prophylaktisch selbst zu drücken und selbst lieb zu haben, weil’s ihm von der ihm nahe stehenden Person vorenthalten wird.

Was ist der Grund für das Verschwinden des Ichs aus intimen Sätzen? Offenbar bildet hier die Sprache eine kulturelle Entwicklung, eine Tendenz ab. Zeigen sich in dieser Spielart der sprachlichen Ökonomie die Flüchtigkeit, Gleichgültigkeit und zunehmende Beliebigkeit heutiger Beziehungen sowie die Vorsicht, sich zum anderen zu bekennen?

Ich-habe-mich-verliebtEs könnte aber auch eine Zurückhaltung bedeuten, sich zum eigenen Ich zu bekennen, ausgelöst durch ein beinah ehernes Stilgesetz, dass man nämlich einen Satz nicht mit „Ich“ beginnen dürfe. Du willst „Ich“ schreiben, da fährt dir der innere Schulmeister in die Parade und ruft „Ich und der Esel! – man sagt das nicht!“ Der innere Schulmeister hat sein Stilgesetz aus der Geschäftskorrespondenz. Noch immer wird davon abgeraten, in Bewerbungsschreiben einen Satz mit „Ich“ zu beginnen, damit der Personalchef nicht auf die Idee kommt, man wäre egozentrisch. Das mag so ein Personalchef natürlich nicht. Egozentrisch ist er ja selbst und will folglich keine Konkurrenz. Beim Satz: „Ich habe die Dienerschule Benjamenta (*) besucht“, fragt sich der Personalchef sogleich, ja, hat denn dieser freche Mensch überhaupt einen ordentlichen Bückling gelernt? Da klänge „Habe die Dienerschule Benjamenta besucht“ angemessen unterwürfig.

Der Mensch in der Barockzeit musste sich winden, bücken und Kratzfüße machen, wenn er mit der Obrigkeit verkehrte, und Obrigkeit war überall. Das Obrigkeitsdenken hat sich hartnäckig durch die Zeit gerettet. Noch in meiner Kindheit ermahnte man kleine Jungs: „Mach einen schönen Diener!“ Diener, Dienstboten und Dienerschulen gehören nicht mehr in unsere Lebenswelt. Darum darum dürfen wir unsere Sätze getrost mit „ich“ beginnen. „Danke für eure Aufmerksamkeit. Ich mache einen schönen Diener“, klingt doch gleich selbstbestimmt. Ich finde das besser.

(*) Der Name Benjamenta entstammt dem wunderlichen Roman „Jakob von Gunten“ (1909) von Robert Walser.
Der Roman hebt an mit dem schönen Satz: „Wir lernen hier fast gar nichts.“
Abbildung oben: Lange aufbewahrt und endlich passt’s – Zeitungsanzeige einer Sauna aus dem Jahr 2007

 

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