Lies Erleichterung, sprich Entmündigung

Entmündungs-Software habe ich Routenplaner und Karten-Apps in einem Kommentar beim Kollegen castorpblog genannt. Anschließend saß ich am Tisch und füllte Leistungsanträge für die Krankenversicherung (KV) und Beihilfe (LBV) aus. Derweil ich sorgsam Rechnungssummen in ein Formblatt malte, Additionen, die ich vom Rechner auf dem Tablet hatte vornehmen lassen, wurde mir klar, dass die Entmündigungssoftware schon weit vor Navi und dergleichen in unser Leben eingedrungen ist.

Mit der Erfindung des Formular am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Verwaltungsarbeit wesentlich erleichtert, indem es mit Hilfe vorgedruckter Passagen Schreibarbeit ersparte. Überdies war das Formular eine soziale Errungenschaft im Verhältnis Obrigkeit und Bürger. Man muss sein Anliegen nicht mehr wie ein unterwürfiger Bittsteller einer willkürlichen Obrikeitsbürokratie vortragen, muss die nötigen Verwaltungsfachbegriffe nicht können, denn sie sind im Formulare vorgegeben. Das Formular verspricht Gleichbehandlung nach allgemein gültigen Vorschriften und Gesetzen.

Taschenrechner kamen in den 1970-er Jahren auf. Der Taschenrechner ersetzte in den Ingenieurswissenschaften das Hantieren mit dem Rechenschieber, der wiederum den Abakus abgelöst hatte. Homecomputer der 1980-er Jahre und später Personalcomputer (PC) demokratisierten die Druckschrift, die zuvor nur den Buchdruckereien zugänglich gewesen war. Dadurch geriet die Handschrift unter Druck. Als ich die Zahlen in die Formularspalten malte, merkte ich, wie viel Aufmerksamkeit und Feinmotorik deutliches Schreiben erfordert. Das war mir kaum bewusst, als Handschrift noch meinen Alltag bestimmte. Blogfreundin Ann schlug letztens vor, ich könnte ja die Leistungsanträge an KV und LBV online erledigen. Dann fiele auch das Hantieren mit den Formblättern weg. Allein das Lochen und richtige Abheften finde ich mühsam. Ich bin darin wie mit dem händischen Schreiben völlig ungeübt. Schon in den 1990-er Jahren habe ich aufgeschrieben, dass wir mit der Nutzung von Druckschriften per Tastendruck die Verantwortung für die Formentwicklung des Schreibens abgeben.

Die Evolution der medialen Hilfsmittel bringt erkennbaren Zugewinn, verändert Verhaltensweise und geht mit dem Verlust vorheriger Qualifikationen einher. Es ist wie mit der zu kurzen Decke. Man zerrt sie uns freundlich unters Kinn und legt derweil unsere Füße frei. Die Propagandisten der Neuerungen wollen uns glauben machen, dass sie zum Wohle der menschlichen Existenz dienen. Eine nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse lässt zweifeln. Wenn er nur profitieren würde, müsste der Mensch immer klüger werden. Doch scheint sich im Gegenteil weltweit eine bedrückende Idiotie breit zu machen. Darum muss man Erleichterungen durch Entmündigungssoftware stets skeptisch betrachten und ihnen konservativ begegnen.

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Einiges über unsere Buchstaben

In den 1960-er Jahren habe ich mit 13 eine Schriftsetzerlehre in Neuss begonnen. Mit 16 war ich Schriftsetzergeselle. In acht Jahren dreiklassiger Volksschule auf dem Dorf hatte ich fast nichts Ordentliches gelernt, und so tat sich für mich in der Druckerei ein Fenster zur Welt auf. Da ich sehr wissbegierig war, merkte ich rasch, dass man mir in dieser kleinen Neusser Druckerei nicht viel beibringen konnte. Der Setzereileiter, der Juniorchef, sprach fast nie ein Wort. Er war gelernter Konditor, hatte in die Fußstapfen seines älteren Bruders treten müssen, der nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, und büffelte in jeder freien Minute für den Meisterkurs. Meine Ausbildung überließ er weitgehend den Gesellen. Ich sollte ja auch keine Kuchen backen, und wenn ich mal einen Eierkuchen fabrizierte, war das ein Schriftsatz aus Bleilettern, der mir unter den Händen zusammengefallen war, was in der bilderreichen Druckersprache so heißt.

Die Gesellen hatten mir außer einem grotesken Standesdünkel nicht viel zu bieten. Es wurde freilich viel geschwärmt von Setzereien für komplexe typografische Aufgaben, wo nur die Besten unseres Fachs arbeiteten. Wie diese Setzereien hießen, daran erinnere ich mich nicht, nur daran, dass sie nicht an eine Druckerei angegliedert waren, sondern an eine Werbeagentur, für die sie vom Bleisatz besonders kontrastreiche Barytabzüge lieferten, die von Grafikern in ihre Entwürfe eingeklebt wurden. Als ein Geselle zu einer solchen Setzerei in Düsseldorf wechselte, wurde das behandelt, als wäre er in den Olymp aufgestiegen.

Zu gerne hätte ich ebenfalls gewechselt in eine große stattliche Setzerei, in der die Qualität meines Handwerks hoch gehalten wurde. Aber ich beneidete nicht die Düsseldorfer Edelsetzereien, sondern meine Schweizer Schriftsetzerkollegen, denn die Schweiz galt damals als führend in Sachen Typografie. Eine berühmte Schrift, die Helvetica, vom ehemalige Schweizer Schriftsetzer Max Miedinger trägt sogar den Namen der Schweiz. Deren Adaption für den Bildschirm kennen alle Computernutzer als Arial.

Ein Schweizer Schriftsetzer, von dem nur ehrfürchtig gesprochen wurde, war Adrian Frutiger (1928-2015). Frutiger hatte eine Schriftsetzerlehre bei einer Kunstdruckerei absolviert, anschließend an der Kunstgewerbeschule Zürich studiert und stieg auf zu einem berühmten Schriftgestalter. Fast jeder kennt die von ihm gestaltete serifenlose Linearantiqua Univers, zu sehen auf Schweizer Verkehrstafeln, ebenso die Schrifttypen der OCR-B, die inzwischen weltweiter Standard für maschinenlesbare Schriften ist. Man sieht sie im Alltag noch auf Überweisungsträgern. Adrian Frutiger hat sich naturgemäß auch theoretisch mit Schrift befasst. Aus seinem Standardwerk „Der Mensch und seine Zeichen“, (Frankfurt 1979) stammt die abgebildete Systematisierung der zum Schreiben von Druckschrift erforderlichen Gesten, von mir flüchtig skizziert und auf die Majuskeln des Alphabets angewandt.

Wie zu sehen, ist Versal B der schwierigste Buchstabe. Was solls?, flötet die Amsel im Baum. Solche Aspekte wären auch zu beachten, wenn man in Schulen die Druckschrift als Ausgangsschrift einführt. Ich wüsste nicht, dass die Propagandisten der Grundschrift das getan hätten. Interessant ist jedenfalls, dass die jahrhundertelange Trennung von Hand- und Druckschrift damit aufgehoben ist und wir wieder Fragen zu erörtern haben, die für beide Bereiche gelten.

William Morris, Zukunftsvisionen im Rückspiegel

illiam Morris, der britische Maler, Architekt, Dichter, Kunstgewerbler, Ingenieur, Drucker und Begründer der sozialistischen Bewegung in Großbritannien wurde heute vor 184 Jahren, am 24. März 1834, in einem Dorf am Londoner Stadtrand geboren. Dieser erste Satz und das erste Wort stehen da wie sie stehen, weil ich mal aus purer Freude ein W im Stil der Troy-Type gezeichnet habe, die William Morris für seinen berühmten Verlag Kelmscott Press entworfen hat.

Morris gehörte zum Kreis der Präraffaeliten, einer Kunstrichtung, die in England dem Jugendstil vorausging. Morris wollte die mittelalterliche Handwerkskunst wiederbeleben, tischlerte Möbel, entwarf Häuser und Inneneinrichtungen sowie Teppiche und erneuerte die Buchkunst. Mit seinen Vorstellungen von Design setzte Morris praktisch um, was sein Freund, der Sozialphilosoph John Ruskin als Gegenbewegung zur Industrialisierung forderte, nämlich eine Wirtschaftsethik, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. In der Buchkunst verfolgte Morris das Ideal der kräftig schwarzen Druckseite und beeinflusste damit den Typografen und Schriftgestalter Stanley Morison (Schöpfer der Times New Roman) und die Kalligrafen Edward Johnston (Schöpfer der Johnston Sans, bekannt von den Beschriftungen der Londoner U-Bahn) und Alfred Fairbank, der im Teestübchen durch seine Erstschrift bekannt ist.

Heute werden handwerkliche Fertigkeiten nicht durch die Industrialisierung, sondern die Digitalisierung verdrängt, was wir von der schreibenden Zunft besonders an der Weise unserer Schriftverwendung ablesen können, indem wir die komplizierte Feinmotorik des Schreibens mit der Hand zunehmend durch den einfachen Tastendruck ersetzen.

Es gilt, dem handschriftlichen Schreiben wieder mehr Raum zu geben, nicht nur der Ästhetik wegen, sondern weil es eine andere Form des Denkens fordert und fördert, indem es uns von sterilen maschinenmäßigen Formen befreit. Dass nämlich kein großer Gegensatz bestehen muss zwischen Kalligrafie und Typografie, zeigt das Beispiel William Morris, dessen Troy Type sich auch gut schreiben lässt, wie in diesem Blatt von meiner Hand zu sehen:

Alphabeträtsel, geschrieben in der Troy Type des William Morris von JvdL

Nachdenken über digitale Kommunikation (2) – Ortlosigkeit und digitale Orte

Mein alter Chef und Lehrherr während meiner Schriftsetzerlehre hatte eine Reihe sprachlicher Eigenheiten. Wenn er beispielsweise im Büro einen Anruf entgegengenommen hatte für seinen Sohn, den Setzereileiter, rief er die Treppe hoch: „Theo! Am Apparat!“ Für mich drückt sich darin die apodiktische Örtlichkeit des analogen Telefons aus. Man wurde zum Apparat befohlen, und der stand da und dort. Seine kurze Schnurverbindung zur Buchse in der Wand erlaubte nur eine unwesentliche Ortsveränderung.

Zeitsprung. Während einer heimlichen Beziehung fuhren die Freundin und ich nach Hamburg. Sie musste sich beruflich einige Tage dort aufhalten, und wir wollten die Zeit zur ungestörten Zweisamkeit nutzen. Dazu sollte uns die Wohnung eines ihrer Exkollegen dienen, der derweil auf einer Mittelmeerinsel Urlaub machte. Nach unserer Ankunft an einem Hamburger Bahnhof rief sie in seiner Wohnung an, um sicher zu gehen, dass er wirklich schon abgereist war. Ich sah sie erbleichen, als abgenommen wurde. Doch es war ein Fehlalarm. Er hatte nur eine Rufumleitung von seinem Festnetz auf sein Mobiltelefon eingerichtet. Das war meine erste Konfrontation mit der Ortlosigkeit der digitalen Kommunikation.

Die digitale Telefonie ist dem Menschen auf Körperkontakt gerückt, aber hat die Örtlichkeit aus der Kommunikation entfernt. In den Anfängen des Mobilfunks war die Frage: „Wo bist du?“ fester Bestandteil der Gesprächseröffnung durch den Anrufer oder die Anruferin. Wenn mein Eindruck stimmt, dass die Frage seltener wird, haben die Menschen gelernt, sich mit der unwägbaren Verortung zu arrangieren.

Ich bin mir nicht sicher, aber meine entferntesten Blogkontakte habe ich nach Graz. Man möge mich korrigieren, denn ich weiß es nicht, weiß nur, was man mir mitteilt. Einige Blogfreundinnen oder -freunde haben mir schon von unterwegs, aus U-Bahnen, aus dem ICE, von Flughäfen oder von sonst wo geschrieben. Für mich saßen sie immer nur die Ecke rum. Da erhebt sich die Frage, ob dieses „die Ecke rum“ einen Ort bezeichnet, ob es etwas wie einen digitalen Ort überhaupt geben kann. Natürlich sind die Server, die alles technisch möglich machen, irgendwo zu verorten, aber deren Bestimmung ist schwer, denn verschiedene Teile einer digitalen Botschaft können von verschiedenen Servern kommen. Da die digitale Informationsverarbeitung nur aus Zuständen elektronischer Speicherzellen besteht, die sich mathematisch durch eins und null darstellen lassen, entzieht sie sich der menschlichen Vorstellung und wir können sie vorerst ignorieren.

Es geht um die digitalen Orte unserer Vorstellung. Das digitale Gespenst, von dem im ersten Beitrag die Rede war, manifestiert sich ja irgendwo. Diese Irgendwo ist so schimärenhaft wie das digitale Gespenst. Am leichtesten lässt es sich über eine bildhafte Vorstellung fassen. Letztlich ist der Computerbildschirm das Fenster, durch das wir auf die Gespenster vor ihren transparent schimmernden Kulissen schauen. Man klickt ein anderes Blog an, Kulissenumbau. Ein weiteres Gespenst tritt auf und hält seinen Monolog. Woraus besteht die Kulisse? Aus Typographie gemischt mit vermeintlichem Wissen um.

Werfen wir einen Blick auf die Typographie. Mit dem Wortbestandteil -graphie haben wir die Bedeutung von „Ritzen“, „Graben.“ In der neueren Technologie Buchdruck ist die Schrift nicht mehr geritzt, also keine Inschrift mehr, sondern Aufdruck. Die Schrifttypen aus dem Druck benutzen wir ähnlich in der digitalen Kommunikation. Hier sind sie aber weder geritzt, noch aufgedruckt, sondern ortlos. In einem Aufsatz in der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) hat der Literaturwissenschaftler Roland Reuss den Begriff „Ortlosigkeit der Schrift“ geprägt, und schreibt vom „gespenstischen digitaler Schrift, beim Scrollen gut zu beobachten (…)“ Das Scrollen zeigt nämlich, dass die technische Schrift ebenfalls eine Täuschung ist, sie ist nicht Ritzung, nicht mal mehr Aufdruck, sondern beliebig wegzuscrollen, ständig in Gefahr, verändert zu werden oder ganz zu verschwinden von einem Ort, an dem sie niemals war, aber doch gesehen wurde.

Bevor wir dieses Phänomen näher betrachten, einiges zum Bildschirm, auf dem unsere Gedanken verschriftlicht erscheinen. Der Bildschirm befindet sich an einem Ort, wie das Mobilfunkgerät nah bei unserem Körper, innerhalb der privaten Schutzzone, die nach menschlichem analogen Maß der Armabstand ist. Innerhalb dieser Schutzzone treten also alle digitalen Gespenster auf, die uns angenehmen, aber auch die sogenannten Trolle, die ihre Kraft und Lust daraus gewinnen, andere Menschen zu beleidigen. Ich habe nicht oft Trolle erlebt, aber war selten vorher so getroffen und erschüttert gewesen wie dann. Die digitale Kommunikation rückt uns also im Negativen wie im Positiven auf die Pelle, und ihre Gespenster können uns ganz leicht unter die Haut dringen. Das freilich ist ein Ort. Der analoge Mensch ist, wenn er digital kommuniziert, ein digitaler Ort.

Wird fortgesetzt

Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 7) Kanonen der Form

Folge 1 Antikes Geschrei
Folge 2 Lesen wie Bienensummen
Folge 3 Faustischer Buchdruck
Folge 4 Fraktur versus Antiqua
Folge 5 Aufstieg und Abschaffung der Fraktur
Folge 6 Die unendliche Setzerei

Die Linguistik unterscheidet bei einem Wort seine lexikalische Bedeutung (Denotation), und die Gefühlswerte und Assoziationen (Konnotationen), die ein Sprecher/Hörer mit dem Wort verbindet. Typographen und Kalligraphen wissen, dass die Form der Buchstaben ebenso Gefühlswerte und Assoziationen vermittelt. Der Klarheit wegen will ich bei Konnotationen der Schriftform von Konnotationen² schreiben. Der Kunstwissenschaftler und polyglotte Blog-Kollege Merzmensch berichtete mir nach einer internationalen Tagung über den MERZ-Künstler Kurt Schwitters im hannöverschen Sprengelmuseum von den Problemen, das typographische Bilderbuch „Die Scheuche“ von Kurt Schwitters, Käthe Steinitz und Theo van Doesburg ins Englische zu übersetzen. Übersetzen ist hier das richtige Verb, denn die Scheuche hatte Schwitters ausschließlich mit typographischem Material aus der Setzerei des Schriftsetzers Paul Vogt gesetzt. In seinem Blog hat Merzmensch die deutsche und englische Fassung verglichen und mir freundlicher Weise die Übernahme gestattet:
Freund Merzmensch schreibt: „Der BierBäuchige Bauer BreitBeinig stehend – was kann so eine Figur [nicht] besser personifizieren, als B?“ und weiter über die englische Übersetzung: “The Farmer on his Flimsy Feet doesn’t Fit so really in the Schwitters’ concept. But how you would translate it else? Dieser Bauer sieht absolut unpassenderweise nach einem Gentleman aus… Ja, Merzmensch, weiss es nicht, wie man typographische MERZ-Werke übersetzen soll. Vielleicht ist es unmöglich?“

Wenn schon die Bildwerte einzelner Buchstaben unser Urteil beeinflussen, gilt das erst Recht für den Bildwert, den Charakter einer Schrift. Jeder empfindet empfindet die Konnotationen² beim Anblick einer Handschrift, weil sich in der expressiven Gestaltung die Person des Schreibers zu spiegeln scheint. Auch hier lässt sich mit Mehrfachbedeutungen spielen, um die Aussage kräftiger zu machen, wie die wunderbare handschriftliche Zeile der Blog-Kollegin Phyllis zeigt:
(Phyllis Kiehl; „Komplett irrationale Notate, ff“ – größer: klicken)

Bei den von jeder Expressivität gereinigten Druckschriften sind Konnotationen² weniger augenfällig, zumal ein Abstumpfungsprozess durch häufiges Lesen entsteht. Trotzdem lässt sich eine schriftliche Aussage durch die Wahl der passenden Schrifttype unterstützen oder schwächen. Es ist ein Unterschied, ob

liegen oder umgekehrt, also nicht weiche Männer in harten Betten oder harte Betten in weichen Männern, sondern bei gleichem Bedeutungsinhalt die Schriften ausgetauscht werden. Die gewählte Schrifttype lässt immer auch Nebenbedeutungen mitschwingen.

Darum sollte das Wort „Symphonie“ den Leser nicht in der gleichen Tonart und optischen Lautstärke anbrüllen wie das Wort „Sauerkraut.“ Was gut und passend ist für „Das alte Rom“…ist etwas zu gut für die „neuen Radieschen.“ (Beispiele aus: Edwin Baumann; „Mit den Kanonen der Form nach den Spatzen des Inhalts zu schießen“, in Grafisches ABC 4/1966) Es kommt viel eher vor, dass ein Text typografisch overdressed ist als zu schlecht angezogen. Die richtige Wahl fällt natürlich am ehesten durch die Kontrastierung auf. Ein Gespür für den passenden Schriftcharakter stellt sich nicht von selbst ein, sondern wie in allen Künsten schärft sich das Urteil durch längere Beschäftigung mit der Materie. In der Vergangenheit war feines Gespür oft bei den Fachleuten in den Schriftgießereien zu finden. Wenn die Schriftgießereien eine neue Schrift herausbrachten, gaben sie immer passenden Anwendungsbeispiele. Die nachstehende Aufstellung passender Schriftwahl stammt von Karl Klingspor, dem Miteigner der Gebr. Klingspor, einer der bedeutendsten deutschen Schriftgießereien des 20. Jahrhunderts.

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Wird fortgesetzt