… um Ulm und

Einmal zuvor in meinem Leben bin ich in Ulm gewesen, und zwar im Alter von 15 Jahren. Vier Freunde und ich fuhren von unserem Heimatort nahe Köln mit dem Fahrrad zum Bodensee. Auf der Rückfahrt haben wir am Ulmer Münster gehalten, sind die 768 Stufen hinauf gestiegen und sahen 142 Meter hinab auf das Ameisengewimmel der Passanten. Meine schwäbische Lebensgefährtin ist kürzlich mit Verwandten oben gewesen. Zwei wollten nicht mit, sondern blieben unten auf einem Bänkli zurück. Man habe von oben zum Bänkli eine WhatsApp geschickt. An der späten Reaktion derer auf dem Bänkli sei abzulesen gewesen, dass die Nachricht erstaunlich lange gebraucht hat.

Natürlich nimmt eine WhatsApp-Nachricht nicht den überschaubaren Weg, plumpst nicht einfach hinab, sondern fliegt zu einem fernen Rechenzentrum in die USA, dann vielleicht zu einem die Erde umkreisenden Satelliten, wird von dort einmal um den Erdball geschickt, trudelt in ein anderes Rechenzentrum und dann erst in die Smartphones der Wartenden.

Der Pfennig, den ich einst im jugendlichen Leichtsinn vom Ulmer Münster geworfen habe, brauchte gar nicht lange, versetzte mich aber in Angst und Schrecken, weil er ebenfalls nicht senkrecht hinunter auf den freien Vorplatz fiel. Etwa auf halber Höhe verließ er den direkten Weg, legte sich auf die Seite, beschrieb einen Bogen und trudelte unwägbar nach unten. Böse Zungen werden behaupten, der eigenwillige Pfennigflug zeige, dass ich schon früh nicht mit Geld umgehen konnte. Aber als unser schwäbischer Gastgeber bemerkt: „Der Pfennig war ja weg“, wird mir klar, dass es nicht darauf ankommt, ob einer die Flugbahn weggeworfener Münzen oder Scheine einschätzen kann. Vielmehr geht es darum, das Geld nicht aus dem Fenster oder wie ich von hohen Türmen zu werfen, sondern bei sich zu behalten.

Fortsetzung

Musiktipp
Noordkaap
Satelliet S.U.Z.Y

Das achte Brot


Der britische Ethnologe und Medienwissenschaftler Jack Goody berichtet in Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Frankfurt 2003, vom Fall eines afrikanischen Boten, der acht Brote nebst Begleitbrief in eine Missionsstation bringen sollte. Unterwegs bekam er Hunger und aß ein Brot. In der Station fragte ihn der Priester, wo das achte Brot geblieben sei. Der Bote fragte erstaunt zurück, woher der Priester vom Brot wisse.
„Der Brief hat es mir erzählt.“

Bei einem erneuten Botengang konnte der Bote seinen Hunger nicht zügeln und aß wieder ein Brot. Zuvor versteckte er den Brief, damit er ihn nicht beobachten und verraten konnte. Letztlich verhält sich der heutige Mensch gegenüber der digitalen Technik nicht klüger als der illiterale Bote beim Erstkontakt mit dem Schriftmedium.

„Jules van der Ley, Privatadresse!“, sagte jüngst mein ältester Sohn, als er mich mit dem Auto abgeholt hatte und nach Hause fahren wollte. Prompt nannte eine wohlklingende Frauenstimme meine Adresse und gab Anweisungen, wie zu fahren wäre, was noch auf einem Bildschirm angezeigt wurde.
„Woher kennt die Frau meine Adresse“, fragte ich naiv. Ähnlich naiv reagierte ich, als ich bei einem Touchscreen eine Satzphrase mit den Finger ausgeschnitten hatte und an anderer Textstelle einfügte. Da konnte ich mich nicht der Vorstellung erwehren, die Phrase wäre zwischenzeitig in meiner Fingerkuppe gespeichert gewesen. Der Mensch ist nur an das Analoge gewöhnt. Deshalb kann die digitale Technik irritieren.

Die Frauenstimme des Navigationssystems trägt den Namen Siri. Der Name ist eine Reminiszenz ans Analoge. Siri und ihre Stimme gehören zur sogenannten Benutzeroberfläche. Das Wort gibt einen Hinweis darauf, dass es etwas unterhalb der Oberfläche gibt. Unter dieser Oberfläche beginnt für die meisten Menschen die Fremde, eine hermetische Einöde aus mathematischen Daten und Algorithmen, also Anweisungen, wie die Daten zu verarbeiten sind. Das unterscheidet das gedruckte oder geschriebene Adressbuch vom digitalen. Auch das Adressbuch gibt eine gewünschte Auskunft. Es spricht zu dem, der die Schriftzeichen zu lesen versteht. Doch es fehlt die Tiefenstruktur. Die Seiten eines Adressbuches sind nur Benutzeroberfläche. Demgemäß leitet das Adressbuch hinter unserem Rücken keine Daten weiter und handelt nicht mit ihnen, ohne dass wir es merken.

Die Schriftzeichen, aus denen dieser Text besteht, sind ebenfalls eine Vorspiegelung auf der Benutzeroberfläche. Darunter besteht er aus mathematischen Daten und Algorithmen. Doch das Wort „besteht“ ist irreführend. Es verschleiert, dass wir es nur mit elektronischen An-Aus-Zuständen in Speicherzellen zu tun haben.

Ein Großteil unserer Geschäftspost, digital und analog gehört inzwischen zur Benutzeroberfläche digitalisierter Verwaltungs- und Geschäftsvorgänge. Selbst wenn eine veranlassende Person genannt ist, gehört sie ebenfalls zur Oberfläche. Wenn in derart automatisierten Verfahren etwas schief läuft, wird es immer schwieriger, einen menschlichen Veranlasser zu finden, mit dem sich über eine Angelegenheit verhandeln lässt. Indem reale Personen aus derartigen Vorgängen verschwinden, machen wir uns das Dasein nicht einfacher, sondern die Welt wird für den Einzelnen unerbittlich.