Trithemius Blog-Geschichte: Ein Bär auf großer Fahrt

Elf Jahre ist es her, dass die Kunde ging von einem leisen Bären. Im Oktober, als die anderen Bären in ihre Höhlen krochen, um ihren Winterschlaf zu halten, startete vom belgischen Leuven aus ein musikalischer Bär ein 365-Tage-Projekt. Er packte seine Gitarre ein, setzte sich aufs Fahrrad und begab sich auf eine abenteuerliche Reise. Abends klopfte der Bär an eine Haustür und bat um ein Nachtlager und Verpflegung. Natürlich wollte der fahrende Bär nichts geschenkt. Als Gegenleistung für die freundliche Aufnahme erhellte er die Stuben seiner Gastgeber mit zarter Hausmusik.

Der damals 23-jährige Nils Verresen aus dem flämischen Genk war „The Bear That Wasn’t.“ Nachdem er Belgien durchstreift hatte, verließ er im Mai 2010 sein Heimatland und zog durch die Niederlande und Deutschland hoch nach Dänemark und hinüber nach England. Seine Wanderroute konnte man im Internet verfolgen, wo auch alle seine Gastgeber aufgelistet sind.

    Der Name „The Bear That Wasn’t“ geht zurück auf ein Kinderbuch von Frank Tashlin aus dem Jahr 1946. Im Buch erwacht der Bär aus seinem Winterschlaf und findet sich in einem Industriegebiet wieder. Sogleich will man ihn zum Arbeiten zwingen, worauf der Bär erwidert: „Aber ich bin kein Mensch, ich bin ein Bär!“ Das wollen die Bosse nicht gelten lassen, sondern verlangen, dass der Bär sich rasiert. Und sie stellen ihn vor die Wahl: Arbeiten oder Zoo …

Auch der musikalische Bär verweigerte sich den rüden Anforderungen der Industriegesellschaft und wohl auch dem nicht weniger rüden Musikgeschäft. Inzwischen hat The Bear That Wasn’t seine Wanderjahre beendet und sich offenbar im belgischen Flandern als Hausarzt niedergelassen. Seine wunderbare Musik hat mir im Jahr 2010 als Untermalung der PentAgrion-Texte Band 2 gedient, einem Blog-Projekt im Teppichhaus Trithemius auf Twoday.net, das ich im Jahr zuvor mit Band 1 im Teppichhaus Trithemius auf der versunkenen Plattform Blog.de begonnen hatte. Band 1 habe ich zu einem externen WordPress-Blog überführen können. Leider fehlen alle Bilder und Tondateien. Band 2 ist noch auf Twoday.net zu finden (auch ohne Bild und Ton). Ein Klick aufs Bild links führt zu einem Kapitel, das ich geschrieben habe, als ich mal wieder vom Liebeskummer geplagt war. Damals war ich stark gerührt vom Song „And So It Is Morning Dew.“ Verresens Management hatte mir die Musikverwendung übrigens erlaubt. Meine lieben Damen und Herren, hören Sie selbst:

Teestübchen Hausmitteilung – Erzählen im Grenzbereich zwischen Schriftlich und Mündlich

Meine lieben Damen und Herren,
mit Folge sieben endet Jüngling der Schwarzen Kunst hier im Teestübchen Blog. Ich habe fehlende Passagen schreiben können. Was jetzt noch käme, wäre zu sehr aus dem Kontext gerissen. In den folgenden Wochen hoffe ich, den Roman fertigzustellen, die folgerichtige Chronologie herzustellen und alles zu unterfüttern mit fachlichen Aspekten.
Schreiben im Blog verdirbt zwar nicht den Charakter, verändert aber die Haltung zum Schreiben. Während ich in den 1990-er Jahren überwiegend für die Schublade und mein Tagebuch geschrieben und nicht darauf geschielt habe, dass jemals andere das lesen würden, hat mich das Bloggen daran gewöhnt, mich mit Leserinnen und Lesern über Texte auszutauschen. Das freilich ist keine neue Erscheinung. Erzählen ist, wie das Wort vermuten lässt, eine mündliche Kunst. In den Anfängen der geschriebenen Erzählungen, also in den Anfängen der Literatur haben die Schriftsteller sich immer noch den Anschein einer mündlichen Erzählsituation gegeben. Wir kennen das aus den Rahmenhandlungen von Tausendundeine Nacht und den Canterbury Tales des Geoffrey Chaucer. Noch Rabelais behauptete, er habe seinen Romanzyklus um die beiden Riesen „Gargantua“ und „Pantagruel“ während eines Trinkgelages diktiert. Ein modernes Beispiel finden wir bei dem 1938 erschienenen Kinder- und Jugendbuch „Die grüne Wolke“ (orig. The Last Man Alive) des schottischen Schriftstellers und Pädagogen Alexander Sutherland Neill. Der Autor erzählt die einzelnen Kapitel den Kindern von Summerhill und verzeichnet hinter jedem Kapitel deren Bemerkungen und Anregungen. Anregungen und Kritik bestimmen den weiteren Verlauf der Handlung.

Wir Bloggerinnen und Blogger befinden uns in einer imaginären Erzählsituation, wie es sie vor dem Internet nicht geben konnte. Wenn’s gut kommt, regen Kommentare neue Erzählideen an oder lassen einen reflektieren, sogar ändern, was man geschrieben hat. Als ich am 9. Oktober 2009 ein literarisches Projekt im Stammhaus TeppichhausTrithemius, den Internetroman „Die Papiere des PentAgrion“ begann, wollte ich erproben, wie sich die fiktive Erzählsituation im Blog auf den Text auswirkt. Nach kurzer Zeit fanden sich Mitautoren, die eigene Handlungsstränge entwickelten, wie die langjährigen Freunde des Teppichhauses Careca und Videbitis, und zwei Chronisten, Einhard und Marana. Einhard hat ein tiefschürfendes Register zu den Papieren erstellt, das er ständig erweiterte, Marana hat innere Bezüge der PentAgrion-Texte zu anderen Texten im Teppichhaus Trithemius aufgesucht, dargestellt und eine Kartei dazu angelegt. Leider ist vieles mit der Plattform Blog.de versunken. Das Projekt hat aber gezeigt, was das Schreiben im Internet Neues hervorbringen kann, indem es die Rolle der stummen Rezipienten aufbricht.

Jüngling der Schwarzen Kunst ist ein Entwicklungsroman, in dessen Verlauf der Protagonist heranreift und erkennbare Fortschritte macht, während die klassische Buchdruckerkunst ihrem Niedergang entgegen strebt. Diese Endphase wird nicht mehr Gegenstand des Romans sein, sondern bliebe einem Folgeband vorbehalten. Doch einstweilen muss ich diesen ersten Band zum Abschluss bringen. Das hoffe ich zu schaffen, ohne das Teestübchen-Blog zu vernachlässigen. Ich danke allen Leserinnen und Lesern, die hier ein Like oder einen Kommentar hinterlassen haben, herzlich für die Aufmerksamkeit, die ja trotz der Textfülle beachtlich war. Vielleicht hätte ich die obigen Überlegungen eher mitteilen müssen und die Interaktion wäre lebhafter ausgefallen. Aber es war gut so.
Beste Grüße