Wenn Frauen über Schultern schauen

Dies ist die überarbeitete Fassung eines Beitrags vom August 2015. Aus aktuellem Anlass habe ich ihn hervorgeholt. Es geht um konservative bildhafte Vorstellungen. So sehen und verstehen wir heute noch das Piktogramm mit Telefongehäuse und auf eine Gabel aufgelegtem Telefonhörer, manchmal sogar mit stilisierter Wählscheibe, obwohl Telefone heute ganz anders aussehen. Ähnlich gut verstanden wird das Piktogramm, das eine stilisierte Dampflok zeigt, obwohl man Dampfloks nur noch von der Modelleisenbahn oder der Museumsbahn kennt.

Gestellte Fotos transportieren ebenfalls konservative Vorstellungen, entweder des Fotografen oder der Agentur, die ihn beauftragt. Die Berufsbezeichnung „Fotograf“ habe ich bewusst nicht gegendert, denn es geht um ein Bildmotiv, das vermutlich nur in Männerköpfen schwelt. Ich dachte, die Sache hätte sich in den letzten fünf Jahren erledigt, fand jedoch kürzlich ein neues Beispiel in meiner Post: Die Frau, die dem Mann freundlich über die Schulter schaut. Das ist ein Relikt aus Zeiten, in denen Männer in allem, was nicht den Haushalt betraf, die Macher waren, Frauen die wohlmeinenden Zuschauer. Zunächst die „historischen“ Beispiele:

Neuland
Das Foto aus einem Prospekt von 2015 der Discounterkette Aldi Nord verdreht die heutigen Verhältnisse, denn Smartphones sieht man weit häufiger in Frauen- als in Männerhänden. Konservative Frauenbilder transportierte 2015 auch die Deutsche Bahn:

bonus
Selbstentlarvend war die Werbung der Deutschen Bahn schon 2009, was mich zu einem Gedicht anregte:

Das aktuelle Beispiel aus dem Frühjahr 2020 zeigt ein Paar mit den Köpfen fast nebeneinander, doch sie hat den Arm um ihn gelegt und ist hinter ihm, weshalb sie doch über seine Schulter schaut. Wie in alten Zeiten handelt der Mann, zu sehen an Arm und Hand, die irgendwas an einem Klapprechner hantiert, derweil die Frau dabei zuschaut und einvernehmlich grinst.

Prospekt der Vodafone Kundenbetreuung

Auf der Rückseite des Prospekts ist zu lesen: „Vodaphone lebt Vielfalt und Chancengleichheit unabhängig von Alter, kultureller Herkunft, Handicap, sexueller Orientierung, Geschlecht und Geschlechtsidentität. Wenn in Texten die männliche Form verwendet wird , dient das lediglich der Lesbarkeit. Sie bezieht immer alle Menschen mit ein.“

Wie Einbeziehen gemeint ist, zeigt die Vorseite: „Liebe Frauen, ihr seid ja mitgemeint, also werdet wieder normal und lasst die Männer machen! Sie können es eh besser.“

Teestübchen-Technikmuseum: Automaten und Diener

Vor beinah 27 Jahren, am 25. November 1992, stellte die Süddeutsche Zeitung diesen Fahrkartenautomaten vor, der zu Testzwecken am Münchner Hauptbahnhof aufgestellt worden war. (Zum Vergrößern bitte klicken!) Ich notierte mir damals:

„Endlich! Wenn sie jetzt noch einen Automaten aufstellen, der für mich eine Fahrkarte zieht und dann nach Castrop-Rauxel fährt, wo ich sowieso nicht hinwill …“

Aus heutiger Sicht ungewollt komisch wirkt im Begleittext der Satz: „Der Fachmann nennt diese Technik Touch-Screen.“ Wie der zickige Automat zu bedienen war, musste der Fahrgast halt lernen. Damit wurde ein wesentlicher Sachverhalt umgedreht. Vorher bediente ein Schalterbeamter den Fahrgast, jetzt muss der Fahrgast einen Automaten bedienen. Mit der deutschlandweiten Einführung der Automaten wurde der klassische Schalterbeamte abgeschafft. Es entstand ein ulkiger neuer Beruf, der Automatenguide. Automatenguides sind bis heute gefragt, besonders wenn man als Fahrgast in Eile ist. Auf diese Weise kehrt der Mensch in die schöne neue Automatenwelt zurück, wenngleich nur als Dienstbote eines digitalen Herrn.

Nahezu wunderbar finde ich den mit Edding gezeichneten Automatenguide auf diesem Parkscheinautomaten, den ich in Aachen fotografierte (Zum Vergrößern bitte klicken!) Mir gefällt besonders, dass er so hübsch die Klappe aufreißt. Die Buchstaben in der Sprechblase sind vermutlich linksläufig zu lesen. Das große C am Wortende und das gespiegelte a deuten darauf hin. Linkshänder schreiben gern von rechts nach links, denn es ist die ihnen gemäße Schreibrichtung. Bei der üblichen rechtsläufigen Schreibweise verdeckt die Schreibhand stets die vorangegangenen Buchstaben, weshalb Linkshänder gern den Stift von oben ansetzen. In der Sprechblase steht „Cabot.“ Im ripuarischen Dialekt, zu dem Kölsch und Öcher Platt gehören, bedeutet „kapott“ soviel wie defekt, kaputt. Da es für eine Mundart keine allgemein bekannte Orthographie gibt, könnte man die Schreibweise „Cabot“ gelten lassen, da sie schön vollmundig klingt. Automat spuckt keinen Parkschein aus? Danke für den Tipp! Oder wird hier ein Automat aus Protest mit dem Edding zurückgestuft.

Ein Netz wird zerfetzt

    Vorrede: Letztens habe ich den Bahnhof von Stolberg erwähnt und erinnerte mich an einen Text, den es bei Twoday.net mal zu lesen gab, hier aber nie. Er ist die Fortsetzung von „Große Welt ist kleine Welt“ und gehört zu Band 2 des unvollendeten Internetromans „Die Papiere des PentAgrion.“

Schalte dein Radio ein – passende Musik am Schluss des Textes

Von Westen her, über den Höhenrücken des Stadtwalds hinweg ziehen schwarze Wolken auf. Als Coster zurückkommt, schaut er hoch und sagt: „Ich glaube, du gehst am besten sofort, sonst wirst du nass.“
Da packe ich meinen Kram und mache mich auf. In seiner Diele umarmen wir uns, und ich danke ihm für all die Wohltaten, die er mir hat zukommen lassen. Er ist jetzt froh, mich los zu werden, denn er hat alles getan für mich, was einer nur tun kann, der einen bekümmerten Freund beherbergt. Am Vorabend hat er sogar auf seiner Trompete geblasen, die er kürzlich einer Freundin abgekauft hatte, die ein wenig klamm gewesen und Erbstücke hatte verhökern müssen.

Draußen hebt ein Sturm an, schüttelt und rüttelt alles durch, was sich nicht halten kann, erfasst auf dem Bahnhofsvorplatz Metalltische und Stühle und schleudert sie umher. Eine Weile setze ich mich auf eine Bank und lasse mich zausen, lasse mir vom Sturm den Kopf zu Recht rücken, bis der von Coster vorhergesagte Regen aufkommt. Da flüchte ich in den Bahnhof und gehe auf den Bahnsteig. –

Bald finde ich mich mit drei anderen Fahrgästen wieder im Taxi nach Stolberg. Wir machen eine hübsche Erinnerungstour durch die Stadt. Es ist nicht so, dass wir mit dem Taxi hatten nach Stolberg fahren wollen. Die Deutsche Bahn hat uns dazu genötigt. Einst muss die Bahn ein Muster an Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gewesen sein. Da warb sie mit dem Slogan: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Dieses robuste, ja, stoische Image hat sie längst verspielt. Die Bahn ist heute ein fein gesponnenes Netzwerk von höchst fragiler Natur. Das Gebilde Bahn gerät aus den winzigsten Anlässen sofort aus dem Takt, beispielsweise wenn Wetter ist, also Kälte, Hitze, Sturm oder Gewitter. Ja, selbst wenn ein Verantwortlicher an den Schaltstellen nur ein Fürzchen quer sitzen hat, pflanzt sich diese kleine Unpässlichkeit über das filigrane Netzwerk fort, richtet hie und da erste Schäden an, die im weiteren Verlauf kulminieren, sich zu wahren Unwettern aufblähen und in der Folge als Tornado den gesamten Bahnverkehr zum Erliegen bringen.

Dem stofflichen Netzwerk der Bahn fehlt Redundanz, es fehlen alternative Verbindungen, auf denen sich eine Störung umgehen lässt. „Früher“, sagt ein hilf- und ratloser Lokführer aus der Tür seiner Lok heraus, „früher wären sofort zwölf Mann ausgerückt, um die Schäden an der Strecke zu beseitigen. Aber heute müssen die erst zusammengerufen werden.“ Seine Lok steht still auf dem Bahnhof von Stolberg, wohin die Reisenden mit dem Taxi gekommen sind. Ab Stolberg werde ein Zug fahren, hatte man uns gesagt. Aber diese Information gilt nicht mehr. Der Furz aus dem Bahnvorstandssessel war leider verheerend. „Wann es weiter geht, weiß ich auch nicht“, sagt der Lokführer. „Die Strecke ist nicht frei.“ Nie zuvor hätte ich gedacht, dass die gewaltigen Lokomotiven, die so eine immense Kraft und Geschwindigkeit entfalten können, von Männern gesteuert werden, die nichts wissen. Die Unwissenheit aber ist eine Begleiterscheinung fragiler Netzwerke. Solche Netzwerke sind streng hierarchisch organisiert. Das Wissen verdünnt sich von oben nach unten, denn es ist per Definition Herrschaftswissen und festigt die Macht der Entscheidungsträger. Es heißt, schlanke Netze seien kostengünstiger und effektiver. Verschlankung bedeutet aber Ausdünnung. Was nicht oft gebraucht wird, kommt weg. Weg kommt auch, was mehr Kosten verursacht als es beim Normalbetrieb einbringen könnte. Da nun aber der Normalbetrieb von unzähligen Faktoren gestört werden kann, sind wir also auf dem Stolberger Bahnsteig gestrandet. Mich erwartet niemand, aber um mich herum wird heftig diskutiert und geflucht, weil man Termine hat.

Bahnreisende sind üblicherweise eine Zwangsgemeinschaft, und das Kennzeichen solcher Strukturen ist die gegenseitige Abschottung. Daher fließt im Netzwerk der Bahnkunden selten eine Information, die über das Gucken, Schubsen und Anrempeln hinausgeht. Im Netz der Bahn werden Informationsträger befördert, die zu anderen Netzwerken gehören. Ein Menschentransportmedium kann natürlich auch gesellig sein, zumindest einst ist es so gewesen, als die Menschen noch in den unbequemen Rollwagen saßen, deren Wände hochgeflochten waren, so dass man nicht hinaussehen konnte. In Jörg Wigrams Rollwagenbüchlein aus dem Jahr 1555 sind die Schwänke versammelt, die man sich zur Reiseunterhaltung erzählte. Offenbar hat die Kommunikationsbereitschaft des postmodernen Menschen enorm unter der Verstädterung und der Ausweitung seines privaten und beruflichen Netzwerkes gelitten, hat sich dadurch verdünnt und ist eigentlich zum Stillstand gekommen unter Fremden. So geht es auch jetzt auf dem Bahnsteig von Stolberg. Zuerst müssen alle in ihr Mobiltelefon sprechen und die aktuellen Wasserstände melden, wo sie sind, was passiert ist, dass niemand was weiß. Und Rückrufe kommen.

„Nein, niemand weiß, wann es weitergeht!“

Das ist zweifellos eine wichtige Information, die über die diversen Funknetze verbreitet werden muss. Sie zieht in den Äther hinaus, einmal um den Mond und zurück, wird von diversen Satelliten weitergeleitet, zurückgestrahlt in Parabolantennen, umgewandelt und wieder in die Funknetze eingespeist, um hie und da in Köpfe zu flutschen: „Keiner weiß was, ich weiß auch nichts.“ Es ist klar, dass sich Informationen verdünnen, je größer und dichter ein Netzwerk ist, in dem sie herumschwirren. Wie Autobahnen Verkehr erzeugen, so erzeugt jede Datenautobahn Informationen, die es nur gibt, weil die Datenautobahn da ist. Und je höher die Nachrichtendichte, desto redundanter werden Informationen. Auf einen Großteil könnte man verzichten, ohne den Informationsgehalt zu senken. Zusätzliche Fernkommunikationsnetze wie Internet und Festnetzanschluss, sie alle in Kombination bewirken nicht nur ein Absinken des Informationsgehalts der digitalen Nachrichten, die Nachrichten können sich auch gegenseitig stören, überholen, den zeitlichen Ablauf durcheinander bringen.

Anders ist das bei stofflichen Netzen wie bei der Bahn oder einer Solidargemeinschaft, die sich aus Gründen höherer Gewalt zu einem losen Netz zusammenschließt. Denn nachdem auch der letzte dreimal herumtelefoniert hat, dass niemand was weiß, besinnt man sich auf die Leute in der Umgebung. Das Niederliegen des Beförderungsnetzes lässt ein unmittelbares, menschliches Netz entstehen. Horror vacui, die Angst der Natur vor dem leeren Raum. Dieses neue soziale Netz ist nur eine Augenblicksbildung, aber sie lässt ahnen, wie die Welt anders und besser sein könnte, wenn die Menschen mehr miteinander reden würden, Aug in Aug und nicht per Fernkommunikation. Im Laufe der holprigen Reise sollte ich jedenfalls eine Reihe Leute kennen lernen und die kurzweiligste Bahnreise meines Lebens haben, die ich je alleine unternommen habe.

Die Bahnsteige in Stolberg (Rhld) sind nicht überdacht. Überhaupt ist es recht ungastlich in Stolberg. Selbst wenn der Zug mit geschlossenen Fenstern durchfährt durch Stolberg (Rhld), dann stinkt es nach faulen Eiern. Dort auf dem Bahnsteig zu stranden mit einem Lokführer, der ratlos neben seiner Lok steht und nicht weiß, wann er weiterfahren darf, das gemahnt an einen Alptraum. Als alle Wartenden schon verzweifelt sind, naht die Rettung. Ein Fahrdienstleiter mit einem großen Rucksack auf dem Rücken taucht aus der Unterführung auf, wird sogleich umringt und mit Fragen gelöchert, denn er strahlt Kompetenz aus. Nach einer Weile macht er sich frei, tritt einige Meter zur Seite und ruft mit seinem Mobiltelefon irgendwo an, offenbar bei einer höheren Stelle. Ich höre ihn fragen: „Und was mache ich jetzt mit meinen Leuten?“

Es wirkt sogleich beruhigend, dass plötzlich jemand sich verantwortlich fühlt für den Haufen, der auf dem Bahnhof von Stolberg gestrandet ist. Inzwischen bin ich mit einer blonden jungen Frau ins Gespräch gekommen. Sie will nach Berlin, was vom Stolberger Bahnhof aus unglaublich weit wirkt. Es ist kaum vorstellbar, dass jemand, der auf dem Bahnsteig in Stolberg herumsteht bei einem Zug, der nicht fährt, noch zu christlicher Zeit in Berlin anlangen kann. Sie ist Zollbeamtin, unterwegs zu einem Lehrgang, und ich habe mir in Maastricht im Easy-Going-Coffeeshop fünf Gramm Gras gekauft. Wenn ich meinen Arm bewege, steigt der unverkennbare Geruch nach frischem Haschisch aus der Innentasche meiner Jacke auf …

Friederike, blas mich nach Bermuda!

Friederike ist die weibliche Form von Friedrich zu ahd. fridu=schutz; rich= mächtig. Unter Friederike stelle ich mir ein nahezu ätherisches Wesen vor, dessen liebliches Gemüt seine ganze Umgebung in ein mildes Licht zu tauchen beliebt. Wenn Friederike zürnt, was eigentlich nie vorkommt, aber wenn, dann fehlen ihr dazu mangels Übung einfach die Ausdrucksmittel.

Das Sturmtief Friederike ist weniger harmlos. Die Polizei in NRW, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen warnte am Nachmittag vor tieffliegenden Pendlern, die überdies schwer geladen seien, weil die Deutsche Bahn AG den Zugbetrieb eingestellt hat, obwohl diese Maßnahme absolut nachvollziehbar ist, angesichts Bildern von Flugzeugen im Landeanflug, die von Sturmböen zum Schwanken gebracht werden. Und wie man weiß, eifert die Deutsche Bahn seit Mehdorn dem Luftverkehr nach.

Sturmschäden auch im sonst so beständigen Teestübchen. Als Chefredakteur Julius Trittenheim anhub, eine saftige Polemik auf die Bahn zu verfassen, sind ihm alle behauchten Konsonanten einfach davongeflogen.

Seine Entscheidung, auf wirklich schwere Wörter auszuweichen wie Amboss, Anker, Bagger erwies sich als wenig hilfreich, einerseit, weil sich nur schwer eine Polemik auf die Bahn oder sonst ein sinnvoller Text außerhalb von Schmieden, schwerer See und Tiefbau damit schreiben lässt, andererseits weil auch diese dicken fetten Wörter einfach weggepustet wurden.

Selbst die allseits beliebten und geschätzten Vollpfosten boten nur unzureichenden Halt. Glücklicher Weise schläft jedes Unwetter, ja, jedes Wetter überhaupt vor Langeweile über Hannover ein, so auch die wütende Friederike, so dass zumindest dieser launige Beitrag fertiggestellt werden konnte, ohne auf Bleilettern zurückgreifen zu müssen. Wie die Deutsche Bahn Ag mitteilte, sollen Fernzüge bei Wetter künfig nur noch in Hannover fahren.

Reihenfolgefehler im galaktischen Betriebssystem

Ich habe ja nichts gegen Sachsen, einer meiner Freunde ist sogar Sachse, aber trotzdem war ich zuerst herzlich amüsiert darüber, wie sie einstiegen und die falsche Reihenfolge des Wagen 10 beklagten. Und ich dachte noch: „Beschwert euch, Ihr seid verdammt noch mal das Volk!“ Dann hatte das Volk  aber erst recht was zu maulen, als sie nämlich hinter mir ihre reservierten Plätze nicht fanden; sie hatten im IC nach Dresden vier Plätze an einer Tischgruppe gebucht, die es nicht gab und knubbelten sich, wo die Tischgruppe hätte sein sollen, bis der Schaffner ihnen erklärte, es wäre ein anderes Wagenmodell als vorgesehen angehängt worden. Dann war ich froh, dass ihnen der Schaffner alternative Plätze in einem vorderen Wagen anbot. Gekränkt und erbost über die Ungerechtigkeit der Welt und speziell über die Diskriminierung durch die Bahn – „Nü, wür hapen de Blätze toch pezahld!“ – folgten sie nur widerwillig, ein älteres Ehepaar, von dem die Frau am lautesten war, während der Mann nur das krakelende Echo abgab, dahinter ein kümmerliches schwarzhaariges Männlein mit Fuselbart und schwarzem T-Shirt mit dem weißen Aufdruck „Böhse Onkelz“, offenbar der Sohn.

fußgängerwegPassend schleppte der böhse Onkel ein kleines blondes Mädchen mit, und für einen Moment tauchte das beängstigende alte Verkehrsschild „Fußgängerweg“ vor meinem geistigen Auge auf. Ich dachte den abziehenden Sachsen hinterher: „Ja, soll der Schaffner euch vorne in den 80-ziger-Jahre-Schrott-Waggon setzen, da könnt ihr meinetwegen randalieren, und ich muss nicht die gleiche Luft atmen wie ihr, selbst die dummen Lautäußerungen nicht hören, die ihr für Sprache haltet.“ Weiterlesen

Wenn Frauen über Schultern schauen

Bildhafte Vorstellungen sind konservativ. So sehen und verstehen wir heute noch das Piktogramm mit Telefongehäuse und auf eine Gabel aufgelegtem Telefonhörer, manchmal sogar mit stilisierter Wählscheibe, obwohl Telefone heute ganz anders aussehen. Ähnlich gut verstanden wird das Piktogramm, das eine stilisierte Dampflok zeigt, obwohl man Dampfloks nur noch von der Modelleisenbahn oder der Museumsbahn kennt.

Gestellte Fotos können ebenfalls konservative Vorstellungen transportieren. Die Frau, die dem Mann freundlich über die Schulter schaut, ist so ein Relikt aus Zeiten, in denen Männer in allem, was nicht den Haushalt betraf, die Macher waren, Frauen die wohlmeinenden Zuschauer.

Neuland
Das Foto aus einem aktuellen Prospekt der Discounterkette Aldi Nord verdreht die heutigen Verhältnisse, denn Smartphones sieht man weit häufiger in Frauen- als in Männerhänden. Konservative Frauenbilder transportiert auch das Transportunternehmen Deutsche Bahn:

bonus

Selbstentlarvend war die Werbung der Deutschen Bahn schon 2009: