Das Verzeichnis – dritter und letzter Tag


Dritter Tag – Trügerische Erdung

ie tiefen Kellergewölbe der Bierbrouwerij hatte er nie genutzt. Ja, er scheute sich hinab zu steigen, denn beim Restaurieren des Gebäudes hatten die Arbeiter im Keller einen vermauerten Gang freigelegt. Er führte als Rampe hinab in das Gangsystem, das sich unter der Stadt erstreckte, denn die gesamte Stadt war unterhöhlt, ja, es führten sogar Gänge unter dem Fluss hindurch auf die andere Seite. Da die Straßen der Stadt sich in ihrem Untergrund zu spiegeln schienen wie ein negatives Abbild der Oberwelt, drängte sich ihm die Vorstellung auf, dass auch ein jeder Bewohner der Stadt in der Unterwelt als Schattenwesen gespiegelt wäre, wo er als Antipode kopfüber jede Bewegung seines positiven Abbilds nachvollzog. So musste es dort unten auch sein eigenes negatives Abbild geben. Manchmal ertappte er sich dabei, dass er durch die Irrwege seiner Behausung streifte, allein um seinen schattigen Gegenfüßler ein wenig umherzuscheuchen.
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Das Verzeichnis – zweiter Tag

Zweiter Tag – Fatales kam aus Gras

ußer der Postbotin kannte er niemanden. Denn obwohl er den Dialekt der Stadt längst verstand, weigerte sich seine Zunge, ihn zu sprechen. Einem verirrten Besucher würde sich hinter der Tür zur dritten Etage der Bierbrouwerij ein langer Gang auftun, dessen Wände aus gestapelten Prospekten bestehen. Diese Abteilung der grauen Literatur ist gut 20 Meter tief, hat an ihrer Basis Kataloge und Telefonbücher und hoch oben nur dünne Prospekte, von denen das eine oder andere herunter auf die Dielen geweht ist. Der Gang endet an einer Gabelung. Rechts gelangt man zwischen hohe Buchstapel, die sich bedenklich nach innen neigen. Es gibt alberne Weisen, zu Tode zu kommen. Von religiösen Büchern erschlagen und verschüttet zu werden, ist eine davon, weshalb sich der Besucher besser nicht rechts halten würde, wenn’s auch im metaphorischen Sinne hundertmal gut und richtig ist, den rechten Weg zu nehmen. Der linke Gang führt zwischen hohen Holzregalen hindurch, in denen sich Zeitungen und Zeitschriften jeglicher Couleur stapeln. Und da zu fragen ist, ob diese Printerzeugnis in ihrer Summe nicht wesentlich besser Auskunft geben über das menschliche Dasein als philosophische oder religiöse Werke, wendet sich der kluge Besucher nach links, zumal die Presseerzeugnisse durch die rohen Regalgitter gehalten werden. Bald türmen Schränke und andere Möbel sich auf und bilden ein schier undurchdringliches Labyrinth, in dem sich der Besucher verirren würde. Daher ist es besser, nicht weiter vorzudringen, sondern zu rufen und zu hoffen, dass von irgendwo Antwort kommt oder ein Schrank zur Seite gerückt wird, was vermutlich nicht geschehen wird, wenn man nicht ausdrücklich gebeten wurde. Meines Wissens ist das seit Jahren nicht geschehen.

Einmal war er nicht ganz bei Sinnen, denn er hatte sich mit Grasrauchen betäubt. Weil es ihm an Koordination mangelte, drückte er auf seinem Laptop versehentlich eine Tastenkombination, die ein seltsames Tool aufgehen ließ. Das Tool spiegelte den Grundriss seiner Etage, und klickte er eine beliebige Stelle an, blendete sich ein kleines Fenster ein, in dem eine Nachricht stand, mal „dieser Platz ist leer“, mal eine Liste der Dinge, die sich an diesem Platz befanden. In den nächsten Tagen entdeckte er, dass sich das Verzeichnis der Dinge fortschrieb, als säße irgendwo ein stummer Sekretär, der alle neuen Gegenstände getreulich archivierte. Ein solches Wesen bekam er aber nie zu Gesicht, weshalb er den Glauben an dessen Existenz bald verwarf. Trotzdem setzte sich diese Idee in ihm fest, denn von allen möglichen Erklärungen des Phänomens war es doch die am leichtesten fassliche. Der Mensch braucht Bilder, vor allem dort, wo sich die Welt nicht erklären mag. Er stellte sich den Sekretär als hageren verknöcherten Mann vor, der von der Last seiner Jahre ein bisschen krumm geworden. Nie verzog der Sekretär eine Miene. Stumm ging er seiner Arbeit nach, saß am Rechner wie ein Schreiber, der sich nicht mit der Tastatur der Schreibmaschine anfreunden mag und viel lieber an einem Stehpult mit der Spitzfeder übers Papier kratzen würde.

Es gefiel ihm, sich den Sekretär vorzustellen, und er gab seinem unsichtbaren Faktotum Anweisungen, fragte nach seinem Befinden oder tadelte dessen ungeschicktes Hämmern auf der mechanischen Tastatur. Nein, dieser verknöcherte Kerl würde es nicht mehr lernen, konnte die technische Entwicklung offenbar nicht nachvollziehen. Die mechanische Schreibmaschine war nichts für ihn, die braucht geschickte Frauenhände. Daher stellte der Bewohner der Bierbrouwerij seinem imaginären Sekretär ein Stehpult hin und legte die alten Schreibutensilien für ihn bereit, die in den Kantoren des 19. Jahrhundert im Gebrauch gewesen waren, bevor die Tippmamsells die Bürowelt eroberten. Gewiss war auf der 3. Etage der Bierbrouwerij einst die Verwaltung gewesen, und ebenso gewiss hatten solche Schreiber dort an Stehpulten gestanden, hatten die Geschäftsbriefe geschrieben und Listen geführt.

Tatsächlich konnte er auf seinem Verzeichnis-Tool Kurrentschrift einstellen, was eine hübsche optische Bekräftigung seiner Idee war, das Verzeichnis würde sich nicht selbsttätig fortführen, sondern von einem stummen Archivar verwaltet, der mit einer Spitzfeder Kurrentbuchstaben schrieb wie gestochen. „Meine Frau duldet keine weitere Einbringung von Gegenständen in unseren gemeinsamen Haushalt“, sagte 1996 der scheidende Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, als man ihn beschenken wollte. Dahinter steckte Vernunft, denn in einen geordneten Haushalt dürfen nicht wahllos die Dinge eindringen. Es bedarf der ständigen Erwägung, welche Dinge man zulassen will und welche nicht. Denn Haushalte scheinen die Dinge magisch anzuziehen, und sie sind erfahrungsgemäß unersättliche Sammler, was jedoch eher eine Eigenschaft ihrer Bewohner ist. Eine natürliche Grenze ergibt sich durch das Praktische. Wenn Ordnung zur beständigen Unordnung verkommt, beginnt eine Behausung unkontrollierbar zuzuwachsen.

Lag es am Verzeichnis-Tool, dass er das Zuwachsen der dritten Etage zugelassen hatte? Gab es ihm eine trügerische Sicherheit, dass ja alles zu finden wäre, egal wo es verschüttgegangen? Er brauchte ja nur sein Verzeichnis zu fragen, wo sich gerade die Knoblauchpresse befand, wo die Schuhbürste abgeblieben war oder sich der Rasierpinsel aufhielt. Vielleicht lag es auch am Verzeichnis, dass er aufgehört hatte, auf eine gewisse Ordnung mancher Dinge zu achten. Er konnte sich zwar stets gut erinnern, wo ein von ihm gesuchtes Zitat auf einer Buchseite stand, war jedoch gänzlich hilflos geworden, was die Dinge seines natürlichen Bedarfs betraf. Die Ernährung zum Beispiel war ein einziges Ärgernis, denn er konnte die zum Kochen und Bruzzeln benötigten Gegenstände zwar im Verzeichnis orten, kam jedoch häufig nicht an sie heran, weil sie verschüttet waren. Daher aß er meistens auswärts, saß stumm am Fenster eines Restaurants und schob sich gedankenvoll irgendwas zwischen die Zähne.

Als später das Stehpult unter anderen Gegenständen verschwand, kam auch der Archivar nicht mehr. Manchmal ertönte noch ganz in der Nähe sein trockenes Husten, doch da sich das Stehpult nicht mehr frei räumen ließ, ohne andere Stapel zu gefährden, war da kein Platz mehr für den Archivar, obwohl er nur ein Eckchen benötigte. Das war eine üble Sache, denn der Archivar war doch längst zu seinem Gegenüber geworden und hatte ihm auch in den nächtlichen Stunden inneren Halt gegeben, da er doch nie zu schlafen schien, sondern stets sofort heranschlurfte, wenn er sich gerufen fühlte.

Sich mit ungezählten Dingen zu umgeben, die allesamt ihre eigene Geschichte haben, im Kontext mit anderen ihrer Zeit stehen, so dass sich die Vergangenheiten unentwirrbar mit der Gegenwart vermischen, das ist nicht gut für den menschlichen Geist. Nicht umsonst umgibt sich der Mensch mit Hecken, Wänden und Mauern. Selbst der Berber am Fluss kriecht bei Nacht in einen Karton, um der weiten Welt den Schrecken zu nehmen. Und schluckt er vor dem Einschlafen eine halbe Flasche Fusel, errichtet er eine Wand gegen seine elende Vergangenheit, so dass ihm die Träume Hoffnung bringen können. Es war schon ein Fehler gewesen, dass der Bewohner die Büroetage der Bierbrouwerij De Keizer hatte ihrer Wände berauben lassen. Die alten Mauern hätten seinem Dasein eine Gliederung angeboten, hätten ihm gleichsam eine geistige Ordnung vorgegeben und verhindert, dass er bald aus der Welt rutschten würde.

Fortsetzung 3. Tag

Das Verzeichnis – erster Tag


Erster Tag – Horror vacui

style=”margin-bottom: -10px;” or vielen Jahren war er beim Bummel durch jene fremde Stadt in die Wycker Grachtstraat geraten, ohne rechten Grund, denn besonders ansehnlich ist die Wycker Grachtstraat trotz ihrer alten Häuserreihen nicht. Da war auch ein düsteres Ziegelgebäude, das die anderen Dächer mächtig überragt. Von weitem schon rätselte er, welchem Zweck es wohl dienen mochte, erst spät entdeckte er neben der geschlossenen Toreinfahrt ein dunkles Schild aus Messingblech, auf dem sich das Gebäude als „Bierbrouwerij De Keizer“ auswies. Es schien, als läge ein Schatten auf dem Gebäude, was wohl von den dunklen Ziegeln herrührte. Auch schauten die vier Fensterreihen düster drein, obwohl sie allesamt artige Fensterbögen hatten und von aufwendig gemauerten Friesen gesäumt waren. Die Scheiben der zwölf großen Fenster waren stumpf. Eine Sonne hatten sie jedoch nie gespiegelt, denn die Fassade zeigte nach Norden. Als man die Fenster noch putzte, war das große Tor gewiss den ganzen Tag über offen gestanden. Schon früh morgens wurde es aufgezogen, damit der Bierwagen herauskonnte, gezogen von vier keizerlichen Kaltblütlern. Und den ganzen Tag war ein Kommen und Gehen gewesen, so dass es auf dem Pflaster der Wycker Grachtstraat unentwegt rumpelte und klapperte.

Jetzt war es still in der Wycker Grachtstraat, so still, dass aus einem der Häuser das Rufen heller Stimmen zu hören war, ein lauter Disput im kakophonen Dialekt der Stadt, den er nicht verstand, ja, auch eigentlich nicht verstehen wollte, denn es ist ja unbestreitbar, dass eine misstönende Sprache auch einen Missklang in den Charakter ihrer Sprecher bringt. Sie selbst merken freilich das eine wie das andere nicht. Sie kennen es nicht anders. Jedenfalls war etwas Befremdliches in den Stimmen, und das sagte: Wir sind hier unter uns und streiten so laut, wie wir lustig sind. Sogleich fühlte er sich als Eindringling, konnte jedoch seinen Blick nicht von der Fassade der „Bierboruwerij De Keizer“ losreißen. Ja, er nahm sein Notizbuch und begann sie zu zeichnen. Und weil er sich dabei beobachtet fühlte, missriet ihm die Zeichnung, war so krakelig, dass er sie später nachbearbeiten musste, wobei ihn sein schlechtes visuelles Gedächtnis immer wieder in Schwierigkeiten brachte. Dann war er noch einmal zurückgegangen und hatte die Hausnummer neben der Toreinfahrt abgeschrieben. Die schrieb er groß an die Seite der Zeichnung. Wenige Monate später war er in die Stadt zurückgekehrt, hatte einen Makler aufgesucht, ihm die Zeichnung unter die Nase gehalten und gesagt: Dieses Gebäude, Wycker Grachtstraße Nummer 26, will ich haben.

Sein Bett hatte er auf der dritten Etage der entkernten Bierbrouwerij aufgeschlagen, irgendwo inmitten des schier endlosen Raumes. Da schien der Lichtkreis seiner Nachtlampe wie eine Insel, an deren Ufern die Dunkelheit brandet. Doch langsam begann er, die Halle zu erobern, weitete sein Reich aus, indem er sich mit Dingen des täglichen Lebens umgab. Dann wuchsen die Papierstapel, die sich später zu engen lichtlosen Gassen reihten. Es hatte damit begonnen, dass ihn die fixe Idee anflog, Rezensionen über philosophische und religiöse Werke zu verfassen, und zwar in so großer Zahl, dass täglich die diversen Paketdienste bei der Brouwerij vorfuhren und Rezensionsexemplare der Neuerscheinungen brachten. Deshalb ließ er bei Tag das große Hoftor offen stehen gleich einem gefräßigen Maul. Jeden Werktag pünklich um acht entriegelte er die Torflügel und stemmte sie auf. Und hatte sich das Tor für den Tag sattgefressen, dann begann er mit dem Verdauen der Buchstapel, las, las quer, notierte, verzettelte und exzerpierte, und das stets bis 00:40 Uhr in der Nacht. Es hatte eine Weile gedauert, bis er diesen Zwang entdeckte, denn oft hatte er nicht auf die Uhr geschaut, wenn er die Arbeit nieder sinken ließ. Was es mit dieser magischen Uhrzeit auf sich hatte, und welche innere Uhreinstellung ihn stets zu dieser Zeit aus der Arbeit riss, entzog sich seiner Erkenntnis.

Er konnte sich nicht daran erinnern, wann die Bierbrouwerij begonnen hatte zuzuwachsen, könnte es jedoch leicht herausfinden. Um an die Anfänge zu gelangen, müsste er nicht einmal die übermannshohen Papierstapel in einem der Laufgänge abräumen, Sedimentschicht um Sedimentschicht, wie es ein Archäologe tun würde. Nein, wenn er wirklich wissen wollte, wann seine Heimstatt zuzuwachsen begann, könnte er einfach nachschauen. Auf seinem Notebook existierte ein Verzeichnis aller Gegenstände und Schriftstücke, die in den letzten 15 Jahren den Weg in das Gebäude gefunden hatten. Das Verzeichnis hatte er entdeckt, lange bevor das Zuwachsen seiner Behausung begann. Und wie die Dinge um ihn herum sich wie von selbst zu vermehren schienen, schrieb sich auch das Verzeichnis ohne sein eigenes Zutun fort. Den Rechner allerdings müsste er suchen, denn er ist seit kurzem untergetaucht. Sein Mobiltelefon hatte er häufig gefunden, indem er es vom Festnetz anrief. Auf ähnliche Weise würde er auch sein Notebook wiederfinden, denn es würde Laut geben, sobald eine E-Mail eintrudelt.

Fortsetzung zweiter Tag