Costers zweifelhafte Befreiung

Pataphysisches Institut - Foto: JvdL

Pataphysisches Institut – Foto: JvdL

Eine Sache zu benennen, sei doch noch immer das probateste Mittel, sie loszuwerden, sagte Coster.
„Benannt – Gebannt“,
hätten ja schon die Alten gewusst. Wie erleichtert, ja, geradezu erfreut wäre er gewesen, als er aus der Kirche austreten wollte und habe beim Amtsgericht eine Tür gefunden habe mit der Aufschrift „Kirchenaustritte.“ „Aha, es gibt ein Wort, sogar ein Amt für mein Vorhaben“, habe er da gedacht. Allerdings habe ihn das Türschild mit dem Plural „Kirchenaustritte“ schwer erheitert. Wieso Austritte? Ob welche nach dem Austritt wieder eintreten, austreten, wieder eintreten, weil sie einfach nicht vom Weihrauch wegkämen? Das jedoch wäre im zeitlichen Abstand jeweils ein Austritt nach dem anderen, würde also den Plural nicht rechtfertigen.

„Den Plural wird man aus der Innensicht formuliert haben“, sagte ich. „Für die Behörde sinds Austritte, wenn Sie dort nicht als einziger antanzen, was man ja aus dem Umstand ablesen kann, dass es eine Amtsstube für solche Fälle gibt.“

Jedenfalls habe er sich zusätzlich erfreut über die Tatsache, dass man ihm tatsächlich ein Formblatt in die Hand gedrückt habe. So ein Formblatt wäre schließlich noch eine Steigerung des Prinzips „Benannt – gebannt“

„Worum geht es eigentlich, Coster“, fragte ich. „Sie sind doch nicht erst gestern aus der Kirche ausgetreten.“

„Es geht um meine Zahnärztin“, sagte Coster. Indem er mir seine vertrackte Verliebtheit geschildert habe und wie er nun alles nachlesen könne, weil ich es aufgeschrieben hätte, da wäre der Bann von ihm gewichen. Inzwischen habe er ganz nüchtern erkannt, dass es letztlich um eine Geschäftsbeziehung gehe. Die Zahnärztin würde ihre Dienstleistungen anbieten, und er als öffentlich bestallter Professor sei Privatpatient und mithin Kunde. Und in einer Geschäftsbeziehung wären Gefühle unangebracht.

„Ich hätte eher gedacht, dass Verliebtsein in Ihrem Alter grundsätzlich etwas Närrisches hat, Coster“, sagte ich.

„Verliebtsein ist für Außenstehende immer lächerlich“, sagte Coster und warf mir einen geringschätzigen Blick zu, nur akzeptiere man das bei jungen Leuten, weil doch letztlich Paarung und Fortpflanzung im Vordergrund stünden. Bei älteren Leuten drehe das aber im Leerlauf, und jeder frage sich, wozu soll das jetzt noch gut sein? Wenn man aber bedenke, dass der Fortpflanzungstrieb die Paare ganz närrisch mache, wäre doch eine Beziehung ohne die Idee der Fortpflanzung ungleich reifer.

„Trugschluss, lieber Coster“, sagte ich. „Es geschieht doch zwischen Menschen nichts, das die Natur nicht vorgesehen hat. Warum sich ältere einander zuneigen, verstehen wir vielleicht nur nicht richtig, aber getrieben sind sie wie das junge Volk.

„Da könntest du Recht haben, Trithemius. Ist ja immer so: Man glaubt zu schieben, aber wird geschoben.“

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Costers Dilemma

Costers Wirkungsstätte (Foto und Montage: JvdL)

Costers Wirkungsstätte (Foto und Montage: JvdL)

Er habe sich auf den ersten Blick in seine Zahnärztin verliebt, sagte Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. Derlei wäre ihm noch nie passiert. Freilich wäre er bislang immer bei Zahnärzten gewesen, bei denen nur die Kategorie Sympathie oder Antipathie eine Rolle spiele. Sobald aber die weibliche Komponente ins Spiel komme, könne er sich leider nicht auf sich verlassen. Jedenfalls freue er sich in einer Art perversen Lust auf seinen nächsten Zahnarzttermin. Das habe ihm zu denken gegeben, denn die normale Reaktion wäre doch die Suche nach Vermeidung, und läge man erst auf der Pritsche, spiele man mit Fluchtgedanken, bis letztlich sich ein lähmender Fatalismus einstelle, vergleichbar dem, wie sich eine Antilope zwischen den Zähnen eines Krokodils ihrem Schicksal fügt. Die Notwendigkeit, vor einem Fremden das Maul zu öffnen, ihm zu gestatten, mit diversen spitzigen Geräten darin herum zu hantieren, sei ja deshalb so fürchterlich, weil all diese zum Teil schmerzhaften Verrichtungen sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Ichwahrnehmung ereignen würden, die ja bei den meisten irgendwo im Kopf zu wohnen scheine. Die Mauern dieser Wohnung bringe der Zahnbohrer auf das Abscheulichste zum Dröhnen und Vibrieren, wodurch Urängste mobilisiert würden, die normalerweise nur der Panik bei Erdbeben vorbehalten wären. Abgesehen davon wäre ja der eigene Mund etwas höchst Privates und normalerweise der Lustempfindung bei der Nahrungsaufnahme vorbehalten. In dieser privaten Höhle würde man als Mann keine fremden Dinge wollen, vielleicht abgesehen von gewissen Körperteilen einer sexuell begehrenswerten Frau.

Dass er bei sich diesen Wunsch nach Nähe zu seiner Zahnärztin spüre und nötigenfalls die bedrohlichen zahnmedizinischen Gerätschaften in seinen Mund zu lassen, wäre doch im höchsten Maße beunruhigend, zumal die Weltgeschichte ja voller Männer sei, die wegen einer Frau sehenden Auges ins Verderben gegangen sind. „Du lieber Himmel, Coster“, sagte ich, „da haben Sie echt ein dickes Problem.“

In meinem Bügeleisen ist beinahe Vollmond

Einmal saß ich mit Coster in einem hannöverschen Altstadtcafé. Da hörte ich am Nebentisch einen jungen Mann sagen: „Die Kapazität meines Portemonnaies ist bald überschritten.“ Sein Begleiter nickte mitfühlend. Aber ich sagte zu Coster: „Dass mein Portemonnaie überquillt, hätte ich auch mal gerne.“ Die Sprache des Alltags ist oft ungenau, Kontext und Situation helfen, dass man sich trotzdem versteht. So hatte auch der junge Mann seine beinah leere Geldbörse vorgezeigt, als er sagte, es sei an der Kapazitätsgrenze. Das Geld war weg oder, wie es in einem TV-Werbespot heißt: „100 Prozent unsichtbar!“

Dass sprachliche Äußerungen oft ungenau sind, liegt auch an den Wörtern. Einige von ihnen sind viel zu grob, manche haben sogar ungereimte Doppelbedeutungen. Eine Untiefe kann eine Sandbank dicht unter der Wasseroberfläche sein oder ein Tiefseegraben. Man nimmt Medikamente für oder gegen eine Krankheit. Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner vergleicht die Wörter mit Uniformierten, die man in oder aus der Ferne betrachtet. So schön gleichmäßig sie auch aussähen, aus der Nähe erweise sich jeder der Kerls als schlecht angezogen.

"Schnuppertauchen" - Foto: Trithemius (größer: klicken)

„Schnuppertauchen“ – Foto: Trithemius (größer: klicken)

Wir denken uns die Welt zurecht mit Hilfe von Wörtern, die, aus der Nähe betrachtet, nicht gut passen, das heißt, wir bilden die Welt nicht objektiv ab, sondern interpretieren sie schon durch unsere Wortwahl. Es kommt bei der Interpretation immer nur auf den Erfolg an. Letzte Wahrheiten sind nicht nötig. Darum sagt der Deutsche auch, wenn er etwas nicht genau weiß: „Ich glaube, …“ und nicht „I think“ wie der Engländer. Übrigens ist „Ich denke“ eine Lehnübersetzung aus dem Englischen, also endlich mal ein echter Anglizismus. Die meisten Leute hingegen glauben, ein Anglizismus wäre ein englisches Fremdwort. Wen stört’s? Höchstens mich.

Als Coster und ich aufbrachen, erhoben sich an einem anderen Tisch vier Frauen und strebten an der Theke vorbei dem Ausgang zu. Der Kellner küsste jede auf die Wange und sagte: „Tschüs Mädels!“ Coster und ich bekamen keinen Kuss. Der aufgedrehte Kellner drückte uns nur seine Fehlinterpretation auf und rief uns freundlich hinterher: „Tschüs, ihr Süßen!!“ Coster war leicht irritiert, doch vor der Tür mussten wir lachen. Verständnis ist Missverständnis, Wahrnehmung ist Falschnehmung. Meistens ist sowieso alles ganz anders. Ach so, die Überschrift. Das sah nur so aus, als ich das Bügeleisen mal auf den Schrank gestellt hatte. Vom Bett aus besehen, guckte der Drehschalter wie ein beinahe Vollmond unter dem Griff hervor. Ich habe meinen Irrtum schon nach fünfzehn Minuten bemerkt.

Costers Asche – #Kramladengeschichten

Die Biographie der Dinge

Beim Frühjahrsputz am vergangenen Wochenende ist ein schwarzes Filmdöschen hinter meine Kommode gefallen. „Ist das schlimm?“ „Ach du liebe Zeit! Ja! Im Döschen ist doch die Asche von Thomas.“ Jetzt steht das Döschen wieder prominent auf der kleinen Installation von Erinnerungsstücken, deren zentrales Element ein Versal-A aus Beton ist. (Teestübchen-Hausaltar – Foto: Trithemius, zum Vergrößern bitte klicken)

Tom AscheEs ist nunmehr zwei Jahre her, da ich das Filmdöschen bekam. Emile, ein holländischer Freund, hatte sich nach dem Tod von Thomas um dessen Einäscherung gekümmert. In den Niederlanden wird einem die Asche nach einem Monat zur freien Verfügung ausgehändigt. Im Mai 2014 lud Emile den engeren Freundeskreis zu sich zu einem kleinen Leichenschmaus ein, wozu er eine köstliche Ananas-Curry-Suppe gekocht hatte, die wir auf einer hübsch von Blüten umrankten Terrasse einnahmen. Anschließend fuhren wir zu Hollands höchstem Berg, dem Drielandenpunt, auch Vaalser Berg, der sich im Dreiländereck, Deutschland, Holland, Belgien auf 322,7 Meter erhebt, um die Asche von Thomas zu verstreuen. Vorher öffnete Emile die Urne und bot an, jedem etwas in ein Filmdöschen abzufüllen. Schon dabei wunderte ich mich, wie schwer die Asche eines Menschen ist. Noch mehr, als wir auf dem Drielandenpunt waren. Es gibt dort eine große Wiese mit vereinzelt stehenden Bäumen. Wir streuten die Asche von Thomas mit unseren Händen rund um den Stamm einer Eiche. Das war schöner als einen Sarg in ein Erdloch hinabzulassen.

Ich bin froh, noch etwas von meinem guten Freund Coster bei mir zu haben. Gelegentlich, wenn ich Wein oder Sekt trinke, proste ich ihm zu, denn er hat im Leben auch gerne einen gehoben.

Ein Beitrag zum Erzählprojekt #Kramladengeschichten

Kleiner Kamin löscht die Glut – #Kramladengeschichten

Die Biographie der Dinge

Seit ich vor gut vier Jahren mit dem Rauchen aufgehört habe, liegt ein Zigarettenlöscher aus Messing in meiner Kramlade. Als ich noch rauchte, war mein Ehrgeiz, perfekte Zigaretten zu drehen. Es war eigentlich das Beste am Rauchen. Eines habe ich jedoch nie hinbekommen: Die Selbstgedrehte richtig auszudrücken. Einmal bin ich mit einem neuen jungen Kollegen von Aachen zum Kloster Marienthal gefahren, um ihn einzuarbeiten. Da fiel mir bald ein sympathischer Zug an ihm auf. Er wusste nicht nur immer, wohin ins Jackett ich meine Lesebrille gesteckt hatte, sondern drückte auch fürsorglich an den Raststätten meine noch qualmende Kippe aus.

Im Jahr 2010 bin ich mit dem Fahrrad von Hannover nach Aachen gefahren. In Aachen nächtigte ich bei meinem guten Freund Thomas. Bis tief in die Nacht saßen wir in seiner Küche, feierten meine glückliche Ankunft und tranken aus schönen alten Gläsern. Und immer wieder gerieten mir die Welten durcheinander, diese reale Welt und die Welt meiner Texte, in der er Jeremias Coster war, Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen.

kleiner schornsteinIrgendwann schob Coster mir diesen kleinen Schlot aus Messing über den Tisch und sagt: „Den schenke ich dir.“ Ab dann versuchte er mir beizubringen, meine Kippe hineinzustecken. Das konnte ich auch, obwohl das Loch im Zigarettenlöscher naturgemäß kleiner sein muss als der Zigarettenlöscher selbst. Trotz dieser probaten Lösung für mein Zigarettenausdrückproblem versuche ich immer wieder die Zigarette im Aschenbecher auszudrücken. Es passen ja manchmal nur kleine Dinge in meinen Kopf, aber immerhin. Dann sollte doch so ein furzkleiner Zigarettenlöscher auch hineingehen. Zum Glück hatte der Mann eine Engelsgeduld, wartete wie ein guter Lehrer, ob ich es selbst konnte, und erst wenn er sah, dass meine Hand erneut zum Aschenbecher irrte, wies er freundlich auf den Zigarettenlöscher hin und erklärt nochmals dessen Funktion. „Du brauchst die Zigarette nur hineinzustecken, einfach mit der Glut hineinfallen zu lassen. Sie verlöscht von selbst.“

Leider ist Thomas vor jetzt zwei Jahren freiwillig aus dem Leben geschieden. Ich vermisse diesen liebenswerten Mann sehr. Mir blieben zwei Dinge, der Zigarettenlöscher und ein Filmdöschen mit etwas von seiner Asche, wovon ich nächstens erzählen will.

Weitere Texte zum Mitmachprojekt unter #Kramladengeschichten

Keine Hose – kein Gott

Er habe sich leider keine Hose kaufen können, obwohl sie stapelweise dort gelegen hätten, sagte Coster, der dubiose Professor der Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der RWTH Aachen. „Warum nicht?“ Im Kaufhaus bei den Regalen hätten zwei Verkäufer gestanden, ein junger und ein älterer. Und just als er, Coster, begonnen habe, sich für eine Hosensorte näher zu interessieren, da habe der junge den älteren gefragt: „Ihr habt euch also ein paar Mal gesehen, seid aber noch nicht zusammen.“
Da habe der andere losgelegt:
„Ich sage dir mal, was sie mir per SMS geschrieben hat:
Sie findet schön, dass ich träume, sie mag wie ich sie ansehe, …“

Das habe er aber nicht wissen wollen, sagte Coster, vor allem, nachdem er unvorsichtiger Weise aufgeblickt und dem Kerl ins Gesicht gesehen habe , der gerade leer lief wie ein angestochenes Fass, wobei er all die Intimitäten preisgab, die, wenn man sie rumerzählt, den Charakter von intimen Geständnissen verlieren und zu Banalitäten werden, die einen am Verstand des Menschen zweifeln lasse. Natürlich kenne er den Spruch: Wovon das Herz voll ist, geht der Mund über. Und es sei auch nicht ungewöhnlich, wenn man Herzensdinge einem Freund oder einer Freundin anvertraue, um sich in einem Konflikt rückzuversichern. Doch er sei ein Außenstehender gewesen, ein potentieller Kunde, der sich mit Hosenfragen beschäftigen wollte. Und außerdem habe ihm die Frau Leid getan, deren Gefühle und Bekenntnisse im offenen Hosenladen ausgestellt wurden.

Nun müsse er die Energie erneut aufbringen, die Schwelle eines Bekleidungsgeschäftes zu übertreten. Indem der Hosenverkäufer sprachlich inkontinent war, habe er in Costers Leben eingegriffen. Irgendwann werde er sich eine andere Hose kaufen, und da eine Hose die Erscheinung eines Menschen präge, werde sein zukünftiges Leben anders verlaufen. Denn es könnte sein, dass die Hose der zweiten Wahl ihm nicht ganz so gut passe oder nicht gut an ihm aussehe, mit all den Folgen, die unpassende Kleidung von innen und von außen betrachtet habe.

Diese Änderung seines Lebens habe jedoch eine vergessliche Bäckereifachverkäuferin verschuldet. Er habe einen Kaffee trinken und dazu etwas essen wollen. Die Verkäuferin im Bäckereicafé habe gesagt, sie müsse sein vegetarisches Wrap in der Küche bestellen. Es werde jedoch nur drei Minuten dauern. Darum habe er einen großen Kaffee bestellt und sich schon einmal an einen Tisch gesetzt, von dem man so hübsch auf den Münsterplatz schauen könne. Allerdings habe er den großen Kaffee nach und nach austrinken müssen, denn sein Wrap kam und kam nicht. Irgendwann habe er nachgefragt, und siehe da, die Bäckereifachverkäuferin sah ihn mit großen Augen an und entschuldigte sich für ihre Vergesslichkeit. Zur Entschädigung habe sie ihm eine kleine Tasse Kaffee spendiert. Als er aus dem Café trat, dämmerte es bereits, er sei also viel länger als üblich im Café gewesen. Deshalb sei er auch viel später als geplant im Kaufhaus angelangt, mit all den geschilderten Folgen. Nun habe er keine neue Hose und zuviel Kaffee getrunken, die kleine Tasse gar zu spät. Folglich werde er am Abend nicht einschlafen können, dadurch später als gewohnt aufwachen, und das würde alles Weitere seines Lebens determinieren.

Hier schloss Coster eine philosophische Überlegung an. Allein die geschilderte Verkettung der Ereignisse zeige plausibel auf, wie die Kleinigkeiten des Lebens den weiteren Verlauf des Weltenlaufs bestimmen. In diesem Sinne sei ein jeder Lebensweg unwägbar und nicht vorauszusehen, denn er werde unablässig von Ereignissen in der inneren und äußeren Welt des Menschen ausformuliert. Das eigene Ich sei ebenfalls Ergebnis solcher Prozesse. Eine Winzigkeit beim Zeugungsakt, ein mühsam erkämpftes Obsiegen eines bestimmten Spermiums lege fest, welcher Mensch, welches Ich auf die Welt käme. Einstein, Leonardo, Karl der Große, die Religionsstifter der großen Religionen, – es sei der pure Zufall, dass just sie geboren sind und nicht ihre potentiellen Brüder und Schwestern.

Ob ich aus seiner Darlegung irgendetwas gewinnen könne, müsse ich selbst wissen, schloss Coster. Er jedenfalls schließe daraus, dass es nicht Festes gebe in der Welt, nur ein unablässiges Wimmeln. Und gäbe es einen Gott, der Teil des Ganzen wäre, dann wimmele er auch. Sei er aber nicht Teil des Ganzen, könne er nicht in die Geschicke der Welt eingreifen, wäre mithin kein Gott.

„Holla! Dieser Coster ist gefährlich“, sagte ich, „weil er keine neue Hose bekommen hat, dekonstruiert er mal eben den Schöpfergott.“

Dies ist ein Beitrag zum Schreib-mit-Projekt des Kollegen Wortmischer
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Unterhaltung am Wochenende – Halloween special – Eine Nacht im Reiffmuseum – (Folge 1)

nacht im reiffmuseum
Der Morgen

Es stimmt was nicht mit mir. Ich hatte eine unruhige Nacht und wurde von heftigen Träumen geplagt, so dass ich heute morgen wie gerädert war. Und dann war mir, als wäre ich noch gar nicht erwacht, denn ich lag allein in einem fremden Bett. Über mir eine hohe Decke, seitlich drei hohe Fenster, Bücherregale in einem Erker.

Wo bin ich, was tue ich hier, dachte ich. Indem ich mich erhob, kannte ich mich plötzlich in der fremden Wohnung aus. Da war die zweiflügelige Tür meines Schlafzimmers, an der ich mir einmal in der Eile den kleinen Zeh des linken Fußes eingehakt hatte, weshalb ich taglang nicht laufen konnte. Dieses Wiedererkennen ließ mich entsetzt zurücksinken. Eine Weile lag ich wie erschlagen. Dann raffte ich mich auf und wankte ins Bad. Im Spiegel war ich mir fremdvertraut. Doch Haar und Stoppelbart grau! Und in mein Gesicht schienen all die Dinge eingegraben, die mir im Traum begegnet waren. Ich fand mich um 30 Jahre gealtert.

Mir fehlt ein Zahn. Meine Zunge fühlt eine Lücke. Ja, klar, Dr. Dr. Kopf hat mir den Zahn herausgemeißelt. Es dauerte elend lang, und am Ende war er über und über mit Blut bespritzt. Er hatte mir den Kiefer angebohrt. Eine üble Sache, zum Glück lange verheilt. Wieso lange verheilt? Wo ist das Hier und Jetzt, das ich gestern Abend verlassen habe?

Ein andalusischer Hund

Die Plakate in der Unterführung und an den Hochschulgebäuden – sie sollten meine sein, von meiner Hand gestaltet! Ich finanziere mir das Studium damit. Und was ist das für ein visuelles Unglück dort an der Wand? Niemals hätte ich es auf diese Weise gemacht. Welch ein Verfall der Plakatkunst!

Und seltsam ist die Hast auf den Straßen. Wer seid ihr? Ich kenne euch nicht. 1000 Gesichter, und nicht ein vertrautes ist darunter. Gewiss werde ich meine Kommilitonen vor dem Reiffmuseum treffen. Jeremias Coster, Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte, hat uns hinbestellt. Wir sollen uns „Ein andalusischer Hund“ von Bunuel ansehen, diesen surrealen Meilenstein der Filmgeschichte. Du kennst ihn doch? Es gibt da die berühmte Szene, wo ein Rasiermesser durch ein geöffnetes Auge geht. Willst du einmal meine Theorie zu diesem Film hören?

Ich glaube „Ein andalusischer Hund“ hat all die späteren Horror- und Splatterfilme erst möglich gemacht. Bunuel war der Vordenker, und mit seinem Film rief er die Nachahmer auf den Plan. So geht es immer, oder? Zuerst hast du das originäre Werk, dann fallen die Epigonen wie die losgelassenen Kettenhunde darüber her. Sie ahmen die Vorlage nach, ohne sie wirklich verstanden zu haben. Dabei verhunzen sie die Ursprungsidee derart, dass du dir wünschst, es hätte den Ursprung nie gegeben. Wieso weiß ich das? Woher weiß ich, was kommen wird? Es war alles in meinem gestrigen Traum. Wie schrecklich!

Folge 2