Onkel Josef sein Waschbecken, Eselsohren, Strohhalme und Colomans fromme Fliege

Fast vergessen hatte ich, dass ich über private Leihbüchereien schreiben wollte, wie wir eine Anfang der 1960-er Jahre auf dem Dorf hatten. Der Text über private Leihbüchereien im Allgemeinen muss leider noch warten. Heute geht es um etwas anderes. Inzwischen ist mir über Gewährsleute zugetragen worden, dass die Wäscherei Fonk gar keine Wäscherei gewesen ist, sondern ein Nähstübchen. Der Einfachheit halber belasse ich es aber bei der Vorstellung, die private Leihbücherei meiner Kindheit wäre hauptsächlich eine Wäscherei gewesen. Mein Onkel Josef, der Drucker, war da ebenfalls Kunde. Er lieh sich regelmäßig dicke Western aus. Das aktuelle Buch lag immer auf dem Gästeklo, und zwar aufgeschlagen über dem Rand des Waschbeckens, so dass er bei der nächsten Sitzung wusste, wo er weiter lesen könnte. Ein Waschbeckenrand als Lesezeichen ist recht unsicher, denn jederzeit könnte jemand das Waschbecken seinem Zweck gemäß benutzen, das hinderliche Buch einfach zuklappen und weglegen. Sicherer sind da schon Eselsohren. Dazu wird bekanntlich die Seite, bei der das Lesen unterbrochen wurde, an der oberen oder unteren Ecke umgeknickt, was man bei Büchern aus der Wäscherei Fonk unbedenklich tat. Man hatte keine Ehrfurcht vor den Büchern aus der Wäscherei Fonk. Sie waren auf billigem Papier gedruckt und hatten ohnehin viele Lesespuren wie Risse, Kaffeeflecken und verschmierte Stellen zweifelhafter Herkunft.

Nach diesem etwas anrüchigen Anfang sind wir hurtig bei unserem Thema angelangt, den Lesezeichen. Der irische Mönch Coloman († 17. Juli 1012) hatte der Überlieferung nach eine Fliege, die auf dem Codex saß, in dem Coloman las. Immer wenn er eine Lesepause einlegen wollte, befahl er der Fliege, auf der zuletzt gelesenen Zeile sitzen zu bleiben, was die Fliege auch tat. Dieses lebendige Lesezeichen wird ihm leider irgendwann vom Codex weggestorben sein, ohne die Fähigkeit zu vererben, denn ähnliche Dienstleistungen wurden nie mehr von Fliegen berichtet.

Gut 200 Jahre nach Coloman klagt Richard de Bury im Philobiblon, seinem berühmten Buch von der Bücherliebe, über allerlei Verbrechen an den kostbaren handschriftlichen Büchern durch unachtsame Novizen: „Eine Unmenge Strohhalme streut er hin, um sie an verschiedenen Stellen sichtbar einzulegen, damit das Stroh zurückrufen soll, was das Gedächtnis nicht behalten kann.“ (Auszüge aus dem Philobiblon im Teestübchen-Handschriftenseminar)

Gedruckte Bücher brauchen keine Eselsohren, keine dressierte Fliege, kein Stroh, sie haben ein Lesebändchen, allerdings trifft das nur bei wirklichen schönen Büchern zu. Man kann sich fast danach richten: Wenn ein Buch ein Lesebändchen hat, ist es auch ein gutes Buch. Als ob sich die Verleger zusammengesetzt hätten und gesagt: „Wenn wir ein wirklich gutes Buch verlegen, dann wollen wir es mit einem Lesebändchen kennzeichnen. So gesehen ist’s eigentlich irreführend, dass E-Book-Reader für beliebige Bücher ein Lesebändchen simulieren können. Ich hätte ja lieber eine digitale Fliege.

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Gekritzelt – Bahn bewaffnet Schaf

Biertrinken gegen Sprachmagie
Bei unserem letzten HaCK-Treffen in der Kneipe zweifelte Herr Putzig aus soziologischer Sicht den Vereinbarungscharakter der Sprache an, der unter Linguisten seit Saussure unumstritten ist. Um das Willkürliche zu beweisen, schlug ich vor, wir sollten vereinbaren, unsere Biergläser künftig Nähmaschinen zu nennen. Dann stießen wir mit unseren vollen Nähmaschinen an und prosteten uns zu. Filipe d’Accord guckte ganz erstaunt. Vermutlich hätte er nicht gedacht, dass es geht.

Erinnerung an Colomans Fliege
Auf meiner Fensterbank lagen Ausdrucke eines Manuskripts, das ich gerade in Arbeit habe. Gestern saß eine kleine schwarze Spinne auf den Zeilen gleich Colomans Fliege. Der irische Mönch Coloman († 17. Juli 1012) hatte der Überlieferung nach eine Fliege, die auf dem Codex saß, in dem Coloman las. Immer wenn er eine Lesepause einlegen wollte, befahl er der Fliege, auf der zuletzt gelesenen Zeile sitzen zu bleiben, was die Fliege auch tat. Dieses lebendige Lesezeichen wird ihm leider irgendwann vom Codex weggestorben sein, ohne ihre Fähigkeit zu vererben, denn ähnliche Dienstleistungen wurden nie mehr von Fliegen berichtet. Das Spinnchen hatte ich allerdings nicht gerufen, und ich dachte, meine Texte sind auch nichts für Spinnenhirne.

Ich folgte einer Vampirin

„Sie lächeln so fein, dabei wollen Sie nur mein Blut“, sagte ich der aparten medizinischen Fachangestellten, als sie mich zur Blutabnahme bat. „Wenn ich grimmig schauen würde, käme doch keiner freiwillig mit“, entgegnete sie. Gut gegeben.

Die Sorge des Atheisten
Wenn es dunkel ist und ich vom Schreibtisch nach links schaue, blinkt durch das wirre Gezweig der entlaubten Vogelkirsche ein Stern. Er strahlt vermutlich von der Turmspitze der Bethlehem-Kirche. Als ich von Aachen nach Hannover zog, hätte ich nebenan, am Bethlehemplatz auch eine schöne Wohnung mieten können. Ich habe mich gegen sie entschieden, weil ich die Adresse „Betlehemplatz“ nicht haben wollte. Da würde man doch denken, da wohnt eine Betschwester.

Aber warum denn?

Schnappschuss: JvdL

Ach so, vong da her
Wie Jugendsprache in den Medien verbreitet wird, ist sie schon immer künstlich gewesen. Das gilt auch für die diversen Lexika der Jugendsprache. Um seines zu bewerben, kürt der Langenscheidt-Verlag das „Jugendwort des Jahres.“ Diesmal lautet es „I bims“, eine Verballhornung von „Ich bin’s“ aus der parodistischen Vong-Sprache, mit der die schlechten Deutschkenntnisse von Jugendlichen und Erwachsenen ironisiert werden. Obwohl Vong eine Erfindung ist, die durch eine facebook-Seite populär wurde, greift „I bims“ eine Entwicklung der Umgangslautung auf, die der Grammatikduden schon 1984 verzeichnet, ähnlich „fümf“ statt „fünf“, „ampassen“ statt „anpassen“ und dergleichen. Vielleicht werden unsere Ururenkel Vong sprechen.