Brautkleid in Hongkong – Überdruss durch Google News

Gedankliche Ödnis bis zum Überdruss bereitet mir der Google-News-Reader, nämlich das unterschiedslose Nebeneinander von Nachrichten unterschiedlicher Relevanz. Nachrichten im Sinne der Wortherkunft „wonach man sich zu richten hat“ sind sowieso höchst selten, wenn etwa vor Staus auf bestimmten Autobahnen gewarnt wird, vor vergifteten Nahrungsmitteln oder vor drohenden Unwettern. Im Normalfall hat nur der Wetterbericht die Qualität einer Nachricht. [Die folgenden Beispiele stammen von Google News am 14. 08. 2019]
Das Beispiel des Flughafens in Hongkong kann man noch gelten lassen als Nachricht für jene, die einen Flug nach Hongkong erwägen. Darüber hinaus scheinen statt Nachrichten sich die Banalitäten auszubreiten wie ein Flächenbrand. Was ist beispielsweise los mit dem Brautkleid einer gewissen Sarah Harrison? Bestand der „Mega-Eklat“ im Zeigen des „wunderschönen Brautkleids“? Welche Nachricht ist das für mich? Soll ich mich erschießen?

Das wäre vielleicht eine Nummer zu groß für eine Frau, von der ich noch nie gehört habe. Das typografisch gleiche Nebeneinander von echten Nachrichten und derlei Schmarrn bewirkt eine Nivellierung nach unten. Alles verkommt zum Entertainment. Was in gedruckten Zeitungen noch sauber getrennt auf verschiedenen Seiten erscheint – Sarah Harrison dürfte ihr Brautkleid nur auf der letzten Seite zeigen, unter „Panorama“ oder „Vermischtes“, bei Google News steht sie damit neben dem Hongkonger Flughafen und Chinesen bedrohen ihr Brautkleid mit Truppenaufmärschen und Panzern, was natürlich kein Mega-Eklat, sondern im höchsten Maße albern ist. Ts, ts, diese Chinesen!

Was ist überhaupt ein „Mega-Eklat?“ Eklat ist für Wikipedia „ein unerfreulicher Vorfall, der in der Öffentlichkeit für Aufsehen sorgt. Das aus dem Griechischen stammende Präfix „mega“ bezeichnet laut Duden „[…] etwas als besonders groß, mächtig, hervorragend, bedeutend (als Steigerung von Super)“. Sarahs „wunderschönes Brautkleid“ müsste schon übel geschändet werden, etwa indem chinesische Truppen auf dem Hongkonger Flughafen ihr Wasser darüber abschlagen, dass man mit Recht von einem Mega-Eklat schreiben könnte. Eine Faustregel: Je platter der Inhalt, desto größer der sprachliche Aufwand.

Man muss das alles nicht wissen. Es verkleistert unsere Hirne. Und jetzt noch das:
Ich dachte aus Quark.

Die flämische Radiomoderatorin Linde Merckpoel erzählt einen rührenden Witz vom kranken Pferdchen. Die Pointe haut dich um und du verstehst auf Anhieb Niederländisch

Linde Merckpoel
Zum Anhören bitte Bild klicken! (Lies simultan in einem zweiten Fenster meine fast wörtliche Übersetzung)

Eines Tages im Stall eines Bauernhofes ist das Pferdchen krank. Das Pferdchen ist schon alt, ist schon eine zeitlang nicht in Ordnung, aber nun ist es sehr krank. Es liegt schon einige Tage platt auf der Erde, auf etwas Stroh, lustlos vor sich her starrend, und die Tiere, die rundum in ihren Verschlägen hocken, machen sich große Sorgen ums Pferdchen, vor allen anderen: das Ferkel. Denn das Pferdchen und das Ferkel sind schon jahrelang treue Freunde. Sie haben eine intensive Verbindung, und das Ferkel sieht die Situation mitleidig an.

Der Bauer, der eigentlich auch nicht recht weiß, was er mit dem Pferdchen tun soll, hat den Tierarzt geholt, und der Tierarzt untersucht das Pferdchen. Er guckt nach den Hufen, unter den Schwanz, leuchtet ihm mit einer Taschenlampe in die Augen und sagt zum Bauern: „Ich will ehrlich zu dir sein, es sieht nicht gut aus. Das Pferdchen ist sehr krank. Ich muss ihm ein starkes Medikament spritzen, dann warten wir zwei Tage, aber wenn es dann nichts geholfen hat, wenn das Pferdchen nicht auf die Beine kommt, muss ich es einschläfern.

Der Bauer seufzt. Er ist niedergeschlagen, denn er liebt sein Pferdchen sehr und verlässt mit gebeugtem Rücken zusammen mit dem Tierarzt den Stall. Die Atmosphäre ist nicht gut. Und das Ferkel, das alles verfolgt hat, springt, sobald die beiden Männer weg sind, auf und rennt auf seinen kurzen dicken Beinchen zu seinem Freund, dem Pferdchen, und sagt: „Pferdchen, du hast gehört, was sie gesagt haben. Du musst aufstehen, sonst werden sie dich einschläfern!

Das Ferkel hat den Ernst der Lage erkannt, aber das Pferdchen schnaubt nur und reagiert nicht. Es bleibt liegen – bis zum folgenden Tag. Aber das Ferkel ist ein treuer Freund, ein echter Freund, und ein echter Freund gibt nicht auf. Am folgenden Morgen steht es schon wieder bei seinem Freund und ruft: „Pferdchen, komm, los, Pferdchen, du musst aufstehen! Morgen kommt der Tierarzt, und dann geben sie dir eine Spritze, wenn du nicht aufstehst. Ich will dich nicht verlieren! Komm, Freund, tu es für mich!“
Aber das Pferd bewegt sich nicht.

Am folgenden Morgen geht die Sonne auf und scheint dem Ferkel in die Augen, das wach wird und weiß: Heute entscheidet es sich. Heute heißt es alles oder nichts. Und es stapft auf seinen kleinen dicken Beinchen zum Pferdchen, guckt ihm direkt in die Augen und sagt „Pferd! Pferd, nun höre mir gut zu. Ich bin schon jahrelang dein bester Freund. Ich habe dich noch nie um was gebeten. Aber nun tue ich es . Pferd, du musst aufstehen! Komm, du kannst es! Ich will dich nicht verlieren. Bitte steh auf!!“

Und ein Wunder geschieht. Das Pferdchen guckt seinem besten Freund in die bangen Augen und es richtet sich mit zitternden Beinen sehr langsam auf. „Qieck, Quieck!, ruft das Ferkel, denn es ist sehr glücklich. Und in diesem Augenblick kommt auch der Bauer in den Stall, begleitet vom Tierarzt und sieht, was da geschieht, sieht das Pferdchen wieder auf den Beinen und ruft: „Hurra! Hurra! Ein Festtag! Das Pferdchen hat sich aufgerichtet! Es ist genesen. Wir müssen das feiern! Los!“, ruft der Bauer, (…)

(Pointe bei 4:18)