Postmann

Auf dem Weg zum Bäcker begegnete mir erneut der Briefträger von der Citypost. Er schob sein blaues Postrad über den Bürgersteig. Der Mann rührt mein Herz. Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der von einer derart dunklen Wolke der Traurigkeit umweht ist. Bevor wir einander passierten, schlug er wie üblich die Augen nieder. Doch die Sonne schien, ich war guter Dinge und dachte, warum nicht mal freundlich grüßen, um ihm die Wertschätzung zu zeigen? In seinen gesenkten Blick sagte ich arglos: „Guten Morgen!“ und erschrak vor seiner Antwort. Sein „Guten Morgen“ klang so jämmerlich und so hart am Weinen, dass ich fürchtete, ihn aus der Fassung gebracht zu haben.

Da dachte ich, der trägt so schwer an seinem Los und jetzt wie zum Hohn muss er meinetwegen auch noch „guten Morgen“ sagen? Das lasse ich in Zukunft besser. Doch während ich mein Frühstück bereitete, fiel mein Blick auf den Spielplatz, wo er unter der blühenden Kirsche auf der Bank saß und pausierte. Dabei versenkte er sich wie üblich in einer Zeitung. Was wird er wohl lesen?

    „Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt Billiglohnsektor sittenwidrig“ oder
    „Bundesverdienstkreuz für Postboten der Citypost“ ?

In einer besseren Welt.

Ich hätte es gerne unbillig

„Die haben mich gesagt, ich soll dich das in der Briefkasten stecken“, radebrecht der junge Postbote. Ich zeige ihm den gedruckten Adressaufkleber: „Hier steht doch eindeutig: „Absender!“ Er schaut hin, aber versteht nicht. Ach, wie schön die Zeiten, als Postboten noch Beamte waren und ihren Beruf mit Sachverstand ausübten, als Postzustellung noch als hoheitliche Aufgabe galt, die nicht von ungelernten Aushilfskräften erledigt wird, die den Unterschied nicht kennen zwischen Anschrift und Absender. Damals gab es noch den Ehrgeiz, eine Sendung richtig zuzustellen.

Das leistete die Post, selbst wenn die Anschrift unvollständig oder schlecht lesbar war. Für solche Fälle gab es eigens eine Abteilung, die mit detektivischer Akribie nachgeforscht hat. Auch ist man den Ursachen einer Zustellungspanne auf den Grund gegangen, beschied nicht achselzuckend: „Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte!“ Das erfuhr ich bei der Lindener Deutsche-Post-Filiale, von wo ich den Umschlag abgeschickt hatte, der tags darauf an mich zurückgegangen war. Das Porto wird immer teurer, aber der Service wird immer schlechter. Es gilt für alle ehedem Staatsbetriebe, die zum Segen von Anteilseignern privatisiert worden sind. Weil überall Wegelagerer und Zolleintreiber zugelassen wurden, brauchen wir ein Deutschland zum Spartarif, das schäbige Kind von Schröder und Merkel. Beispiel? Bevor der Fernmeldesektor privatisiert wurde, war ein Anruf bei der Auskunft kostenlos. Private Anbieter klagten dagegen wegen unlauteren Wettbewerbs, so dass auch die Telekom verpflichtet wurde, Gebühren für die Auskunft zu erheben. Privatisierung ist nichts als eine moderne Form der Wegelagerei und für unser Sozialleben so vernichtend wie Glyphosat für jedes natürliches Pflänzchen. Deutschland zum Spartarif, das ist „der größte Billiglohnsektor Europas“, wie Schröder einst stolz verkündete. Wer will das? Nur die Ganoven, die sich durch Ausbeutung billiger Arbeitskräfte eine goldene Nase verdienen. Die Frau von der Citypost hat nichts zu lachen, wie sie da friert im T-Shirt in der Nasskälte.

Nicht lustig – T-Shirt im Regen – Foto: JvdL


Aber ist nicht alles schön billig? Ja, herrlich, denkt sich die Fachärztin, die nur Privatpatienten behandelt, ihre Rechnungen aber mit der Citypost versendet. Würde man allen gerechten Lohn bezahlen, bräuchten wir kein Deutschland zum Spartarif und der Fachärztin ginge es keinen Deut schlechter.

„In der Kaffeebud“, sangen die Bläck Föös 1978 und schildern das heute längst verlorene Idyll der Frühstückspause von Arbeitern in einem Kiosk. Da treffen sich Schreiner, Putzer, Polizist und Postbote, um gemeinsam Kaffee zu trinken. Daran muss ich oft denken, wenn ich den armen Citypostboten sehe, der seine Pause bei jeder Temperatur draußen auf einer Bank macht. Bei Regen steht er unter einem Vordach, ein noch junger Mann ohne die Perspektive je genug zu verdienen, dass er eine Familie gründen könnte. „Deutschland zum Spartarif?“ Das ist doch hässlich.

Ich hätte es gerne unbillig.