Forschungsreise zu den Franken – Epilog

Ich weiß nicht, ob hauschnau überhaupt ein allgemein bekanntes Wort ist. Es gehörte jedenfalls zum Idiolekt meiner Mutter und meint, ratzfatz über etwas hinweggegangen zu sein, aber schlimmer als ratzfatz, nämlich lieblos. Heute Morgen unter der Dusche fiel mir jedenfalls auf, ich wäre hauschnau mit dem Schluss meiner Reisedokumentation verfahren. Wie die Kutschpferde schneller werden, wenn sie den heimischen Stall wittern, drängten sich die Wörter, im letzten Absatz zu Schlussworten zu werden, und ehe ich „Ruhig, Brauner!“ rufen konnte, riss die Kutsche mich fort wie Kafkas machtlosen Landarzt, kam ins Rasen, bekam vorm Haus gerade noch die Kurve auf zwei Rädern, dass der Kies aufstob, ratzfatz war ausgespannt und alles in seiner Box, die „ENDE-Vignette darunter geknallt, und nachdem überall nach dem Rechten gesehen war, die Pferde ihre Mäuler im Futtersack hatten, sank ich ins Bett.

Ach, wie hingebungsvoll habe ich die Vignette damals gezeichnet und gemalt, als noch viel Zeit in meiner Welt war. Ich gestaltete ENDE, aber dachte nicht ans Ende, hatte noch ewig Zeit vorm Bauch. Diese Sorglosigkeit hat mich verlassen. Ich bin erschöpft von der schriftlichen Tour, die viel mehr Denken als Tastendrücken war, und das Gehirn ist bekanntlich der größte Energieverbraucher.

Wie war es in Nürnberg? Ich bekam einen Einblick in fremde Lebenswelten, vorrangig in die von Christian Dümmler CD und Anna socopuk. Erlebte die beiden in ihrem Wirkungskreis in ihrer Heimatstadt Nürnberg und war selbst für kurze Zeit Akteur in ihrem jeweiligen Mikrokosmos, lernte Teilbereiche ihrer Stadt kennen und mich darin zu orientieren. Ganz wunderbar finde ich übrigens, dass es von der ersten Begegnung zwischen Christian und mir zwei Texte gibt, aus unserer jeweiligen Perspektive.

Jede, jeder hat schon vor einem fremden Haus gestanden und sich gefragt: Wie mag es drinnen aussehen, was geschieht dort? Welchen Mikrokosmos beherbergt das Gebäude und ist die normale Lebenswelt welcher Menschen mit welchen Sozialbezügen? Mir geht es vor einer unbekannten Arztpraxis so, besonders aber beim Bahnfahren, wenn ich durchs Zugfenster plötzlich Menschen in ihrem Schrebergarten oder vor ihrer Haustür stehen sehe und ahne, da ist alltägliches Leben, von dem ich nur ein Vorbeiwischen mitbekomme. Aber auch das ist nur ein winziger Teilbereich der Welt. Ein Bild von einer anderen Reise:

Bahngleise zu Universen – Foto: JvdL

Unplanmäßiger Halt vor Bad Oeynhausen. Da reckt sich eine kümmerliche Pflanze aus dem Schotter und zittert im Westwind. Vermutlich werde ich sie niemals wieder sehen, weiß nicht einmal ihren biologischen Namen, und doch tritt sie plötzlich in meine Wahrnehmung ein, und ihre Botschaft ist: Ich bin da, ich war es schon gestern und werde es auch morgen sein. Mal werde ich von der Sonne gedörrt, mal vom Wind gezaust, mal vom Regen niedergedrückt, mal droht mich ein vorbeirauschender Zug hinweg zu reißen, doch ich treibe meine Wurzeln tiefer und trotze all den widrigen Bedingungen am Gleisbett. Ich war ein Samenkorn, als du fünf Jahre weniger auf dem Buckel hattest, und ich werde dich vielleicht überleben. Jedenfalls interessiere ich mich nicht für dein Machen und Tun, denn das hier ist mein Universum. – Es macht mich wehmütig, dass die Pflanze mir eigentlich gar keine Botschaft sendet, sondern ich sie nur herauslese aus ihrer Existenz. So viele Leben nebeneinander, so viele Universen.

Das Meiste von der Vielfalt des Lebens bleibt uns für immer verborgen. Einblick zu bekommen ist ein Geschenk und eine Erweiterung der eigenen Perspektive.

In meiner Dokumentation treten Menschen auf, die sich mit entfremdeter Arbeit eher krumm und schief durchs Leben quälen müssen. Ich fühle mich fast als deren Ausbeuter, wenn ich sage, dass auch sie mir die Perspektive erweitert haben. Während ich mit Christian im Biergarten saß, bewunderte ich die Kellnerin, die mehrfach ein Riesentablett mit Speisen vorbeitrug, dieses lange Brett mit einer Hand stemmte und dabei fast schwerelos schien. Das ist vielleicht besser, als jeden Morgen im Bahnhof toten Fisch zu rollen, endlos Butterbrote zu schmieren oder ein „U-Bahn-Kapitän“ zu sein, dem durch die fahrerlose U-Bahn auf „infame Weise“ seine „völlige Überflüssigkeit“ mitgeteilt wird, wie Matthias Egersdörfer im Video schimpft.

Was wird? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Schöne, das Gelungene nicht einfach wiederholt werden kann. Aber Ähnliches sollte möglich sein, wenn man es nicht durch Erwartungen überfrachtet. Als ehemaliger Handwerker muss ich zum Feierabend immer ein Ergebnis vorweisen können. Ein erstes Ergebnis ist diese Dokumentation. An ihr erfreuen mich die vielen Gedanken und Statements im Subtext der Kommentare. Aber gewaltig stört mich die Ortlosigkeit der digitalen Schrift. Ich habe seit 2005 schon viele Reisedokumentationen geschrieben, manche wie hier, manche ein wenig phantastischer auf anderen Plattformen. Die hätte ich Lust zusammenzutragen, um ein Buch daraus zu machen, das über versinkende Blogplattformen und auch meine Endlichkeit hinausragt. Ich habe Christian schon gefragt, ob er etwas Neues von mir layouten will. Er hat zugesagt. Was sonst noch wird, ist bislang nicht ausformuliert. Guten Tag und danke fürs Mitkommen.

zurück auf Los

 

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Forschungsreise zu den Franken (4) – Siesta im Hotel, Radiowellen und Biergarten

Mein Hotel erhebt sich in der Eilgutstraße. Mir war bei der Online-Buchung des Zimmers sofort klar gewesen, dass die „Eilgutstraße“ in Bahnhofsnähe liegen muss. Da brauchte ich nicht mal Google zu befragen, denn „Eilgut“ verweist auf Güterverkehr und stammt aus der Zeit der Eilzüge. Bahnhofsnähe ist für den Fremden wichtig, denn vom Bahnhof aus lässt sich eine Stadt am besten erschließen. Die 50 Meter zwischen Hotel und Bahnhof erweisen sich als Segen, denn ich kann mich dort versorgen, ohne lange durch die Hitze laufen zu müssen. Eine Weile hatte ich für ein pädagogisches Institut gearbeitet, das bundesweite Zeitungsprojekte mit Schulen organisiert, und hatte damals in vielen Hotels übernachtet. Aber siehe da, während ich fünf Jahre mit meiner Wiederherstellung beschäftigt war, hat sich die Welt einfach weitergedreht, und die Entwicklung ist auch im Hotelwesen vorangeschritten.

Als mein ältester Sohn gerade mal stehen konnte, gab es für sein Alter ein „activity-center“, ein Board aus Plastik, auf dem allerlei Elemente angebracht waren, deren Bedienung das Kleinkind einüben konnte. Es gab eine Wählscheibe, einen Knopf zum Drücken, der eine Kugel in einem transparenten Röhrchen nach oben schoss und eine Klingel anschlug, einen Drehschalter und vieles mehr. Im Kunstunterricht habe ich einmal „activity-center für Außerirdische“ bauen lassen. Frage: Welche Bedienelemente muss ein Außerirdischer kennen, damit er sich in unserer Welt erfolgreich bewegen kann? Klar ist, dass er keine Wählscheibe mehr kennen muss. Aber er muss beispielsweise wissen, wozu die Plastikkarten gut sind, die wir haben. Im Hotel bekomme ich eine, mit der ich den Aufzug in Gang setzen kann. Sie öffnet auch die Tür meines Zimmers. In der Karte ist ein Funkchip. Wenn ich sie berührungsfrei vor einen Funkempfänger (Transponder) halte, denn leuchtet mit leisem Klick eine grüne Diode auf, und der Weg ist frei. Das Klicken ist unnötig, ist quasi die Kugel im Röhrchen, die gegen die Glocke schlägt, weil der Mensch es gerne hat, wenn mehrere Sinne angesprochen sind. Die Karte zeigt also auch, wann ich mein Zimmer betrete und verlasse, wann ich den Aufzug benutze und zeigt meine Wege an. Transponder sind überall, bei allen Ein- und Ausgängen von Geschäften und öffentlichen Gebäuden. Das System steckt ebenfalls in Kleidungsetiketten und heißt radio-frequency identification (RFID). RFID funktioniert normalerweise, ohne Signal zu geben, denn der Mensch nimmt Funkwellen nicht wahr. Die Brüder auf dem Foto, das ich aus dem SPIEGEL ausgeschnitten habe, sind Trickbetrüger. Man braucht ein Gerät, das Funksignale aufnimmt, speichert und interpretiert.

Im asiatischen Imbiss im Bahnhof bekomme ich beim Vorabbezahlen auch so ein Teil und muss es wieder abgeben, als ich mein Essen in Empfang nehme. Obwohl der Chip hauchdünn ist, ist das Gehäuse dick und klobig, damit man es nicht versehentlich einsteckt. Vermutlich registriert es die Zeit zwischen Bezahlvorgang und Auslieferung des Tellers an den Kunden, erlaubt also die Kontrolle, ob Koch und Bedienung sich ordentlich sputen.

Genug von der Funkpest, die uns nochmal übel aufstoßen wird. Der Außerirdische hat jedenfalls die Schnauze voll, denn er ahnt, dass man ihn gezielt in die Luft sprengen könnte, wenn er ahnungslos an einer Sprengfalle vorbeigeht und sein RFID-Chip ihn heimlich verrät. Natürlich lassen sich auch unliebsame Menschen auf diese Weise bequem beseitigen.

Unsere Siesta ist vorbei. Christian radelt vor, und wir bummeln durch die Abendhitze zu einem belebten Biergarten in der Innenstadt, dem Kulturgarten im K4. Man muss unterscheiden zwischen den bayerischen Volksstämmen. Ich bin in Franken, aber die Biergartenkultur scheint mir vergleichbar mit der Münchner. Wo in München ich gern gesessen hätte, will Christian wissen, denn er hat eine Weile in München gelebt und studiert. Bei mehreren Maß Kellerbier erzählt er mir von diversen Künstlerfreunden, und ich registriere, dass er ein großes Netzwerk hegt und sich als Kommunikator zwischen all diesen Menschen versteht. Man sieht es in seinem Blog, wo er immer wieder befreundete Künstler vorstellt. CD ist auch mit dem fränkischen Kabarettisten Matthias Egersdörfer befreundet, hat mir eben noch eine DVD von ihm geschenkt, worüber ich mich sehr gefreut habe, denn wenn ich schlechte Laune habe oder traurig bin, höre und sehe ich mir bei Youtube Egersdörfers absurd-komischen Geschichten an und kann  zum zweiten, dritten, vierten und fünften Mal darüber lachen.

Ob wir linksrheinischen ripuarischen Franken mit den östlichen Franken in Bayern verwandt sind, ist umstritten. In jedem Fall mag ich den zuweilen derben fränkischen Humor. Wäre er eine Wurst, ich würde mir eine Scheibe davon abschneiden. Von fränkischer Wurst erzählt Christian auch und dass sie sich durch eine in Europa fast einmalige Würzung auszeichnet. Nur in einem vergessenen Pyrenäental (oder war es bei den Sarden?) gäbe es etwas Vergleichbares. Ich verstehe, dass Fränkische Würste quasi die Ungarn unter den Würsten sind, denn Ungarisch ist ja auch einmalig in Europa, verwandt nur mit dem Finnischen und eventuell über acht Ecken mit dem Baskischen, aber eigentlich nicht. Einen ungarischen Künstler kennt Christian auch gut, aber wir reden nochmal über Christians Praktikanten, und er sagt, dass ein fähiger dabei war, so ein „verlorener Junge.“ Dessen Arbeit hätte ich mir aber nicht angesehen. Das tut mir herzlich leid, denn von meinen Schülern waren mir jene immer besonders lieb, die das Schicksal nicht verwöhnt hat. Obwohl selbst die mit dem goldenen Löffel Geborenen ein unglückliches Dasein haben können. Zumindest ist es schwer, sich zu entfalten und wer zu werden, wenn man es nur einfach hat im Leben. Der Mensch wächst an seinen Widerständen.

Der schöne Tag und Abend neigt sich. Ich will morgen fit sein, denn ich werde Anna socopuk treffen. Auf Umwegen und ein wenig beduselt vom Kellerbier bummeln wir zum Hotel zurück.

Als ich gestern einen Kommentar von Ann beantwortete, wurde mir klar, dass die Nachwelt allein Christian Dümmler das Buch „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ verdankt. Er hatte mir nämlich im letzten Herbst überraschend vorgeschlagen, dass er ein Buch für mich layouten wolle. Zuerst wollte ich ihm das Manuskript eines E-Books geben. Aber dann sah ich die Chance und stellte eine ganz neue Auswahl zusammen. Text und Cover sind von mir, aber den Inhalt hat Christian gestaltet, und heraus kam eine ripuarisch-fränkische Cooperation. Kürzlich überraschte er mich mit einem Heftchen, das eine Auswahl der kosmischen Geschichten aus dem Buch enthält, herausgegeben in seiner „Edition Blumen“. Buch wie Heftchen sehr zu empfehlen.


Fortsetzung

Forschungsreise zu den Franken (3) – Christian und ich

Jeweils an meinen Geburtstagen in den Jahren 2012 und 2013 hat Gottes Stiefelabsatz nach mir gezielt, und beim zweiten Mal bin ich ziemlich ramponiert darunter weg gekrochen: 2012 erlitt ich einen Herzinfarkt. Er kam nicht aus heiterem Himmel, hat mich aber trotzdem überrascht, weil ich gewohnt war, dass mein Körper mir keine Kapriolen macht. Gerade hatte ich mich erholt, hatte wieder Zutrauen zu mir gefasst, erwischte mich genau ein Jahr später ein Schlaganfall, in dessen Folge ich wieder Stehen, Gehen und Sprechen lernen musste.

„Herzinfarkt UND Schlaganfall?“, fragte ich ungläubig, als ich es noch nicht wahrhaben wollte.
„Klar“, sagte der Arzt, ein Gemütsmensch, „man kann ja auch Läuse UND Flöhe haben.“
„Mag sein, aber so einen kenne ich nicht.“

Eine Weile habe ich mich ängstlich beobachtet, weil ich meinem Körper nicht mehr traute, und sah jedem Geburtstag bang entgegen. Dieses Misstrauen bedingte, dass ich auch mein zuvor unerschütterliches Selbstvertrauen verlor. Da ich geistig frischer war denn je, habe ich alles daran gesetzt, auch wieder körperlich fit zu werden. Zeitweise bin ich wöchentlich zu vier Therapien geradelt. Mit meinen langsamen Fortschritten wuchs das Zutrauen. Trotzdem habe ich mich in den letzten fünf Jahren überwiegend in vertrauten Bereichen bewegt. Im Umgang mit Fremden bin ich ein bisschen scheu geworden, zumal die Modulationsfähigkeit meiner Stimme erst spät zurückkehrte und auch jetzt noch nicht völlig meinen Wünschen entspricht.

Meine digitale Existenz hat mir in allem sehr geholfen, denn dort konnte ich ignorieren, dass ich körperlich beeinträchtigt war, mal abgesehen davon, dass ich seit dem Schlag mit einem Finger schreibe und das sehr fehlerhaft. Es geht nicht gerade nach dem polizeiinternen Terroristensystem: „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen!“, aber unwesentlich schneller, wenn ich Korrekturzeiten hinzurechne. Das regelmäßige Bloggen hat mir sehr geholfen. Wer bei mir liest, likt und kommentiert, hat dazu beigetragen, mich wieder aufzubauen. Dafür bin ich allen sehr dankbar.

Nach fünf Jahren wage ich wieder einen Schritt aus den vertrauten Kreisen in eine mir völlig fremde Welt. In Nürnberg bin ich nie zuvor gewesen, nur durchgefahren, wenn ich zu meiner Münchner Freundin pendelte, damals vor Gottes zweitem Stiefeltritt. Meinen Buchlayouter Christian Dümmler (CD) wollte ich immer schon kennenlernen, denn fernschriftlich waren wir uns vertraut und sympathisch. Zudem hatte mich socopuk zu ihrer Ausstellung eingeladen. Für meine Reise hatte ich mir aber ungünstige Bedingungen ausgesucht, denn die Hitze scheint mir glatt lebensgefährlich für einen wie mich zu sein.

Wie schön, dass es noch geht, einfach in ein Taxi zu steigen und eine Adresse zu nennen. Der ortskundige Taxifahrer fährt los, statt zu sagen: „Damit ich Sie fahre, brauchen Sie eine Smartphone-App, und ich Ihre Bestätigung, dass ich Ihre Bestands- und Bewegungsdaten weitergeben darf.“ Uber und vergleichbaren Smartphone-Buchungsquark bräuchte es meinetwegen nicht zu geben. Der Taxifahrer stutzt, als ich ihm die Hausnummer nenne, und siehe da, er findet sie nicht, sondern lässt mich in der Nähe raus. Ich irre ein Stück durch die Hitze, bis jemand hinter mir meinen Namen ruft und Christian mich einsammelt.

Es geht zu wie immer. Man kennt sich zwar nicht, aber wir kennen uns. Es dauert nicht zwei Minuten, da sind digitale und analoge Existenz verschmolzen, was ein erstaunliches Phänomen ist. Ist man sich schreibend sympathisch, mag man auch den äußeren Menschen. Christian trägt einen Sommerhut und ist viel jünger als ich gedacht hatte. Freundlicherweise nimmt er die Schuld mit der falschen Hausnummer auf sich, aber ich vermute, dass er sie mir korrekt genannt hat, ich sie aber falsch aufgeschrieben habe. Ich bin in einer reizarmen Welt aufgewachsen, was bedingt, dass mich zu viele Eindrücke überfordern und es zu Fehlleistungen kommt.

Christians Atelier im Rückgebäude (hier ein Bild) ist angenehm kühl. Die lange Fensterfront zeigt nach Norden. Ich erkenne im Raum große Leuchttische, an der Wand eine professionelle Fotografie-Einrichtung mit Vorhang, Beleuchtung und Kamera auf Stativ, zwei große Computer-Bildschirme, Kunst an den Wänden, Schränke und viele viele Dinge, zuviele als dass ich sie hätte registrieren können. Etwa drei Stunden sitzen wir zusammen und erzählen uns was. Außerhalb der Ferien hat er immer mehrere Praktikanten. Christian zeigt mir Arbeitsproben, einige DIN-A-5-Heftchen mit Tuschezeichnungen und hübsch geletterten Texten. Ich staune über die kalligrafische Qualität, und er sagt: „Ja, bei mir müssen die schreiben.“ Einige kenne ich, Christian hat sie bei meinem Philobiblon-Projekt mitmachen lassen. Das schön in Fraktur geschriebene Heft der Praktikantin Cornelia schaue ich mir näher an. Sie war mir schon im Blog als fähig aufgefallen. Natürlich blättere ich viele Hefte nur an und ignoriere einige, was ich später bereue, was mich bei unserem Abend im Biergarten sogar ein bisschen traurig macht. Buchkunst, Drucktechnik und Typografie  sind das fachlich Verbindende zwischen uns, aber Christian ist Künstler, der „overlord of bookdesign“, wie ihn der amerikanische Fotograf und Buchgestalter Jason Koxvold genannt hat, während ich aus der handwerklichen Tradition komme. Nach gut drei Stunden und mehreren Ladungen Eis für die Getränke verabschiede ich mich zur Siesta im Hotel. Wir wollen am Abend noch zum Biergarten gehen.

Fortsetzung

Teestübchen Humorkritik – Einladung zum Indoorschupfing

Wenn ich einen Text verfasst habe, wie ich ihn selbst gerne lese, dann bin ich für Stunden darin zu Hause, lese ihn immer wieder, finde hier noch eine bessere Formulierung, ziehe dort zwei Aussagen zu einer zusammen, entdecke spät noch Tippfehler oder fehlende grammatische Kongruenz, weil ich einen Satz umgestellt aber nicht alle Flexionen angepasst hatte. Wenn der Text dann so ist, dass ich ihn für fertig halte, sitze ich darin wie früher als Kind in einer jüngst gebauten Hütte. Es ist eine überaus lustvolle Beschäftigung, die aber dazu führt, dass ich am liebsten eigene Texte lese.

Nun ist mir mein jüngstes Buch „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ bedingt durch die Wirren des vorweihnachtlichen Geschäftes noch immer nicht geliefert worden, so dass mir das Hocken in der eigenen Hütte verwehrt ist, weshalb ich ersatzweise zu einem Büchlein von Philipp Moll gegriffen habe, das mir der Layouter meines Buches, der Nürnberger Buchgestalter und mein guter Blogfreund Christian Dümmler letzte Woche geschickt hat. Die Textsammlung heißt „Blumen und Wurst“, was mich Vegetarier eigentlich eher abschreckt. Noch kritischer als Schnittblumen beäuge ich Wurst, seitdem mein Ex-Kommilitone Nebenmann, der vormalig Metzgermeister gewesen, mir vom Gekröse erzählt hat, das in ihr steckt, hauptsächlich minderwertiges Seperatorenfleisch.

Mir fällt die urbane Sage ein, von der dänischen Wurstfabrik, in der die Mitarbeiter der Reihe nach kündigen. Sie können die Schreie der Ratten nicht mehr ertragen, wenn montagmorgens die Fleischwölfe angeschaltet werden, worin die Ratten sitzen, um die Reste zu fressen. Freilich ist die Wurstverliebtheit in Franken eine der traditionellen Art, wo man den Metzger aus der Nachbarschaft gut kennt, der die Sau noch höchst persönlich tot gestreichelt hat.

Das Büchlein hat mich trotz des Titels begeistert. Philipp Moll ist ein bodenständiger Sprachanarchist. Ganz wunderbar und hochkomisch seine Tiraden gegen die Kirche und „die greisen Kuttenbrunser, die gern mal ihren Pinöckel in junge Menschen hineinstoßen, bis dass sie recht gescheit den Geist Gottes in sich spüren“, wenn er berichtet von der Verklemmtheit der „bigotten Pfaffenbeutel“ und von „Finsterlingen wie dem evangelischen Extremistenpfarrer (…), der schon ‚Unzucht, Unzucht grölte, wenn Mädels und Jungs auch nur in getrennten Bussen aneinander vorbeifuhren.“

Oder hier, wie der „Brief an mich selbst Nr.22“ beginnt: „Lieber Philipp, weil dir ein lustiger Gott eine kugelrunde Gestalt gegeben hat und du deswegen immer in das hintere Eck von deinem Zimmer rollst und dort mit den Augen nach unten liegen bleiben musst, bis ein dienstbarer Geist dich ans Fenster zurückkugelt, (…)“

Gänzlich eingenommen hat mich seine Erfindung des Indoorschupfens. Der fränkische Schupfen ist unser Schuppen. Nie zuvor las ich diese chaotische Gebäudeform derart gefeiert wie bei Philipp Moll. „Der Schupfen ist ein Hort der Anarchie, er zeichnet sich durch improvisative Errichtungsstrategien aus. Es gibt kein Material und keine Materialkombination, die nicht zum Schupfenbau geeignet wäre. (..) Wichtig ist die Vielzahl der verwendeten Materialien und ihre möglichst fachkenntnisfreie Montage.“ Der Schupfen als „ein Ort, an dem man das tun kann, was man von Zeit zu Zeit tun muss, einfach hemmungslos blöd schauen.“ Um diesen hilfreichen Ort in die Welt einer urbanen Zweizimmerwohnung zu übertragen, hat Moll das „Indoorschupfing“ entdeckt. „In einem Winkel meines Ganges habe ich aus Plastiktüten, Pappe und gebrauchten Pflastern einen kleinen Verschlag errichtet, in dem ich, wenn sich zum Beispiel die Anwesenheit von Besuch oder dem Kaminkehrer nicht mit meinem Ruhebedürfnis deckt, verschwinde (…)“

Auf der Rückseite des Buches hat der fränkische Kabarettist Matthias Egersdörfer lobende Worte gefunden. Mitunter, wenn ich schlechte Laune habe oder traurig bin, höre und sehe ich mir bei Youtube Egersdörfers absurd-komischen Geschichten an und kann auch zum zweiten und dritten Mal darüber lachen.

Ob wir linksrheinischen ripuarischen Franken mit den östlichen Franken in Bayern verwandt sind, ist umstritten. In jedem Fall mag ich den zuweilen derben fränkischen Humor. Wäre er eine Wurst, ich würde mir gerne eine Scheibe davon abschneiden und nach Herzenslust indoorschupfen. Schwere Leseempfehlung!

Philipp Moll
Blumen und Wurst
Bartlmüllner Verlag, 2013
ISBN: 078-3-942953-15-3