Teestübchen Humorkritik – Einladung zum Indoorschupfing

Wenn ich einen Text verfasst habe, wie ich ihn selbst gerne lese, dann bin ich für Stunden darin zu Hause, lese ihn immer wieder, finde hier noch eine bessere Formulierung, ziehe dort zwei Aussagen zu einer zusammen, entdecke spät noch Tippfehler oder fehlende grammatische Kongruenz, weil ich einen Satz umgestellt aber nicht alle Flexionen angepasst hatte. Wenn der Text dann so ist, dass ich ihn für fertig halte, sitze ich darin wie früher als Kind in einer jüngst gebauten Hütte. Es ist eine überaus lustvolle Beschäftigung, die aber dazu führt, dass ich am liebsten eigene Texte lese.

Nun ist mir mein jüngstes Buch „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ bedingt durch die Wirren des vorweihnachtlichen Geschäftes noch immer nicht geliefert worden, so dass mir das Hocken in der eigenen Hütte verwehrt ist, weshalb ich ersatzweise zu einem Büchlein von Philipp Moll gegriffen habe, das mir der Layouter meines Buches, der Nürnberger Buchgestalter und mein guter Blogfreund Christian Dümmler letzte Woche geschickt hat. Die Textsammlung heißt „Blumen und Wurst“, was mich Vegetarier eigentlich eher abschreckt. Noch kritischer als Schnittblumen beäuge ich Wurst, seitdem mein Ex-Kommilitone Nebenmann, der vormalig Metzgermeister gewesen, mir vom Gekröse erzählt hat, das in ihr steckt, hauptsächlich minderwertiges Seperatorenfleisch.

Mir fällt die urbane Sage ein, von der dänischen Wurstfabrik, in der die Mitarbeiter der Reihe nach kündigen. Sie können die Schreie der Ratten nicht mehr ertragen, wenn montagmorgens die Fleischwölfe angeschaltet werden, worin die Ratten sitzen, um die Reste zu fressen. Freilich ist die Wurstverliebtheit in Franken eine der traditionellen Art, wo man den Metzger aus der Nachbarschaft gut kennt, der die Sau noch höchst persönlich tot gestreichelt hat.

Das Büchlein hat mich trotz des Titels begeistert. Philipp Moll ist ein bodenständiger Sprachanarchist. Ganz wunderbar und hochkomisch seine Tiraden gegen die Kirche und „die greisen Kuttenbrunser, die gern mal ihren Pinöckel in junge Menschen hineinstoßen, bis dass sie recht gescheit den Geist Gottes in sich spüren“, wenn er berichtet von der Verklemmtheit der „bigotten Pfaffenbeutel“ und von „Finsterlingen wie dem evangelischen Extremistenpfarrer (…), der schon ‚Unzucht, Unzucht grölte, wenn Mädels und Jungs auch nur in getrennten Bussen aneinander vorbeifuhren.“

Oder hier, wie der „Brief an mich selbst Nr.22“ beginnt: „Lieber Philipp, weil dir ein lustiger Gott eine kugelrunde Gestalt gegeben hat und du deswegen immer in das hintere Eck von deinem Zimmer rollst und dort mit den Augen nach unten liegen bleiben musst, bis ein dienstbarer Geist dich ans Fenster zurückkugelt, (…)“

Gänzlich eingenommen hat mich seine Erfindung des Indoorschupfens. Der fränkische Schupfen ist unser Schuppen. Nie zuvor las ich diese chaotische Gebäudeform derart gefeiert wie bei Philipp Moll. „Der Schupfen ist ein Hort der Anarchie, er zeichnet sich durch improvisative Errichtungsstrategien aus. Es gibt kein Material und keine Materialkombination, die nicht zum Schupfenbau geeignet wäre. (..) Wichtig ist die Vielzahl der verwendeten Materialien und ihre möglichst fachkenntnisfreie Montage.“ Der Schupfen als „ein Ort, an dem man das tun kann, was man von Zeit zu Zeit tun muss, einfach hemmungslos blöd schauen.“ Um diesen hilfreichen Ort in die Welt einer urbanen Zweizimmerwohnung zu übertragen, hat Moll das „Indoorschupfing“ entdeckt. „In einem Winkel meines Ganges habe ich aus Plastiktüten, Pappe und gebrauchten Pflastern einen kleinen Verschlag errichtet, in dem ich, wenn sich zum Beispiel die Anwesenheit von Besuch oder dem Kaminkehrer nicht mit meinem Ruhebedürfnis deckt, verschwinde (…)“

Auf der Rückseite des Buches hat der fränkische Kabarettist Matthias Egersdörfer lobende Worte gefunden. Mitunter, wenn ich schlechte Laune habe oder traurig bin, höre und sehe ich mir bei Youtube Egersdörfers absurd-komischen Geschichten an und kann auch zum zweiten und dritten Mal darüber lachen.

Ob wir linksrheinischen ripuarischen Franken mit den östlichen Franken in Bayern verwandt sind, ist umstritten. In jedem Fall mag ich den zuweilen derben fränkischen Humor. Wäre er eine Wurst, ich würde mir gerne eine Scheibe davon abschneiden und nach Herzenslust indoorschupfen. Schwere Leseempfehlung!

Philipp Moll
Blumen und Wurst
Bartlmüllner Verlag, 2013
ISBN: 078-3-942953-15-3

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