Karpfen, Knoblauch und Kargokult

Viele wollen auf der Mauer an der Maschseepromenande sitzen. Da ist kaum noch Platz. Zwischen mir und einer Blondine in schwarzer Lederjacke könnte gerade mal ein ganz Dünner sitzen. Da kommt ein großer, massiger Chinese vorbei mit einer kleinen Chinesin im Schlepptau. Der dicke Chinese sieht die Lücke zwischen der Blondine und mir, findet sie groß genug, also nicht die Blondine, sondern die Lücke, und quetscht sich zwischen uns, um sich die fetten Karpfen anzusehen, die sich immer am Promenadenufer herumtreiben, sobald viele Leute da sind.

Karpfen können durchaus Richtung Himmel schauen, sie tauchen von unten auf und sehen hoch oben in ihrem Himmel ein verzerrtes Chinesengesicht. In Wahrheit ist es aber rund und glatt. Die Verzerrung wird von der leichten Wellen der Wasseroberfläche hervorgerufen. Daher sehen Karpfen nicht nur Chinesen verzerrt, sondern auch mich, wenn ich sie anschaue.

Chinese oder nicht, der Mann hat keine gute Aura. Sie ist von einem starken Knoblauchgeruch durchtränkt. Ich wusste gar nicht, dass Knoblauch zur chinesischen Küche gehört, hatte bisher immer gedacht, Chinesen würzen alles mit Glutamat. Wikipedia belehrt mich eines Besseren. Beim Anbau von Knoblauch ist China mit großem Abstand führend, rund 80 Prozent der weltweiten Knoblauchprouktion. In absoluten Zahlen, halt dich fest, 21.197.000 Tonnen. 21 Millionen Tonnen Knoblauch, ich weiß nicht, wie viele Säcke das sind, aber einer stützt sich dicht neben mir auf die Kaimauer und freut sich lachend der Karpfen.

Vier fette Maschsee-Karpfen, Foto: JvdL

Die Religion der Karpfen ist der Cargokult. Sie glauben, die Götter mit den verzerrten Gesichtern werfen Güter ab, wenn man ihnen schön tut und flehend nach oben schaut. Sie lassen sich mästen und hoffen, in den Himmel zu kommen. Ihr Himmel wird sein eine Badewanne, und dann lernen sie das Messer eines Kochs kennen. Man darf den Göttern eben nicht trauen, weiß dann der Karpfen. Doch er kommt nicht mehr dazu, es den Artgenossen mitzuteilen. So geht es uns allen. Wenn wir rausfinden, was dran ist, können wir es nicht mehr erzählen. Der Chinese verzieht sich; wir können wenigstens aufatmen und die Sonne genießen. Manchmal geht es  ganz hübsch zu bei uns im Karpfenhimmel.

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Die Kaiserroute (2b) – Bei den wundersamen Chinesen

Vor ziemlich genau 10 Jahren fuhr ich mit meinem Freund Wim einen heute aufgegebenen und bald vergessenen Fernradweg, die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn. Für die 480 Kilometer lange Strecke hatten wir vier Tage vorgesehen, was wir locker hätten schaffen können, wenn mein Trainingszustand besser gewesen wäre. Für einen solchen Weg wünscht man sich ein Wetter wie dieser Tage, aber so prächtig schien die Frühlingssonne nur bei unserem Aufbruch. Den Fahrtbericht habe ich ziemlich bald nach der Tour verfasst, so dass die Eindrücke noch frisch waren. Da ich nicht weiß, wie es um den Trainingszustand der Teestübchenbesucher und – besucherinnen bestellt ist, veröffentliche ich den Text in je zwei Tagesetappen und hoffe, dass wir Montag ans Ziel gelangen.

Teil 1a hierTeil 2a hier
logo Kaiserroute 2
2.Tag
Nachmittag und Abend

Natürlich regnete es bald wieder. In den Vororten von Essen bekam ich den Zweiten Atem. Ich bolzte Tempo, um Wim mein Missfallen zu zeigen. Eine Weile fuhr es sich leicht, denn ich wähnte unser Ziel vor Augen. Doch es gab nirgendwo eine Übernachtungsmöglichkeit, und man sagte uns, es sei am Besten, bis Hattingen zu fahren.

Als wir auf der Höhe des Baldeneysees ins Ruhrtal kamen, verröchelte mein Zweiter Atem. Ruhr und Regen waren eins. Das Ruhrtal ist weit und wirklich schön, doch ich war einfach zu platt, um die Schönheit dauerhaft zu würdigen. Wim hat einen Höhenmesser an der Armbanduhr, der jedoch am Luftdruck geeicht werden muss, damit er ordentliche Werte zeigt. Im Ruhrtal zeigte die Uhr 80 Meter unter dem Meeresspiegel an. Das entsprach zwar einerseits meiner Wahrnehmung, andererseits dachte ich, dass 80 Meter unter Null auch die zutreffende Beschreibung meiner Verfassung war.

Wim hat den langen Winter über im Fitnessstudio an seiner Kondition gearbeitet, ich dagegen habe am Rechner gesessen. Das rächte sich jetzt.

Das Ruhrtal scheint den Hang zum Sport enorm zu fördern. Auf dem Wasser Menschen in Booten und Kanus, die noch Lust hatten, uns durch den Regen zuzuwinken, auf dem Ruhrtalweg viele Jogger, von denen mich einige beeindruckten, weil sie trotz der Kälte mit nackten Beinen liefen. Überhaupt scheint der Ruhrgebietler recht wetterfest zu sein. Die auf unserem Weg herumstreunenden Hundebesitzer sind grundsätzlich barhäuptig gewesen.
Na, egal, wenn man einmal nass ist, tut zusätzlicher Regen auch nichts. Im Gegenteil, er massiert ja ein wenig den Kreislauf.

Wo zum Teufel ist Hattingen? Da, nach einer Flussbiegung tauchen die ersten Schilder auf. Wir verließen den Ruhrtalweg und rollten über nasses Kopfsteinpflaster ins Stadtzentrum. Da war ein ansehnlicher alter Hotelbau, wo Wim nach Zimmern fragte. Er kam mit der glücklichen Nachricht zurück, dass man uns zwei Einzelzimmer sogar billiger lassen würde.

Habe ich je so etwas wie eine Aura besessen, so war sie jetzt in jedem Fall vom Regen abgewaschen. Ich wollte eigentlich nur noch unter die heiße Dusche und dann in ein Bett kriechen. Leider muss der Bericht weiter gehen.

Das Hotel wurde geführt von sehr freundlichen, flinken Chinesen. Chinesen können sich offenbar sehr gut arrangieren. Sie hatten die Einrichtung der Restauranträume belassen, zum Beispiel ein schrecklich überladenes eichenes Monster einer Thekenlandschaft. Doch wo Platz gewesen war, hatten sie schier beliebigen chinesischen Kitsch platziert. Zum Glück war ich zu Beginn des Aufenthalts nur noch dankbar. Die Frau des Hoteliers war deutlich breiter und runder als er und trug stets lächelnd ein kleines Kind im linken Arm. Mit der freien Hand arbeitete sie.

Das Einzelzimmer habe ich zunächst kaum wahrgenommen. Es war eine lange schmale Hundehütte, und ich kroch einfach hinein. Doch schon beim Duschen überkam mich das große Staunen. Das perfekt geflieste Bad war derart eng und klein, dass man sich nur nach gezielter Überlegung drehen oder wenden konnte. Das war die große chinesische Improvisationskunst. Ich war sicher, dass die chinesische Wirtin, obschon dicker als ich, dieses Bad bis in den letzten Winkel putzen würde, und dabei hätte sie natürlich im linken Arm das kleine Kind. Ich jedoch eckte überall an und zwängte mich hinfort nur nach gründlicher Planung in dieses Bad. Auch hätte ich gerne den Installateur gesehen, der in dieser Enge alles sauber angebracht hatte. Diesem Mann hätte ich gern einmal die Hand geschüttelt.

Wir haben chinesisch gegessen, bekamen unsere Töpfchen und Näpfchen, als wir gerade erst fertig bestellt hatten. Ich war maulfaul, voller Demut, bzw. Dankbarkeit, dass die flinken Chinesen mir Nahrung gewährten.

Eine kleine Situation bevor ich in meine Hundehütte krieche, um wie tot zu schlafen:
Als wir unsere Essen bezahlen wollten, saß ein Einheimischer an der Theke. Er war angetrunken und redete wirres Zeug. Plötzlich stand er auf und sagte: „Sayonara!“
Ich dachte, hier stimmt was nicht. Bevor ich mich gedanklich gekramt hatte und gerade bei: „Japanisch“ angelangt war, sagte der Wirt lachend: „Aber wir sind Chinesen, keine Japaner!“
Donnerwetter, bei den flinken Chinesen ist es schwer mitzuhalten. Besonders, wenn man sich gerade wie 80 Meter unter dem Meeresspiegel fühlt. Morgen dann wieder fit.

Abendbummel online – Effie und die Chinesen

Wenn die Dunkelheit sich so früh schon über die Stadt senkt, macht es Vergnügen, ein Format wieder zu beleben, das ich zum Beginn meines Bloggens fast allabendlich geschrieben habe. Eigentlich wollte ich ja nur zum Lichtenbergplatz gehen, um einige Flaschen Kölsch zu kaufen. Doch die vielen erleuchteten Fenster verlocken hineinzuschauen, fremde Lebenswelten zu entdecken. Da liegt der Laden für chinesische Heilkunst und Kalligrafie verwaist im Licht. In der Tür eines Hinterzimmers taucht schwanzwedelnd ein Hund auf. Ich sehe nur sein Hinterteil, denn er himmelt eine Frau an, die im Begriff ist, eine offenbar volle Tasse in den Laden zu tragen. Vielleicht hat sie sich einen Kaffee oder Tee gemacht, jedenfalls sehe ich keinen Grund für die Freude des Hundes. Was sie da vor sich herträgt, ist gewiss nicht für ihn. Seine Schnauze würde ja gar nicht hineinpassen in so eine Tasse. Es ist diese buchstäblich hündische Ergebenheit, die ich hoch nie leiden mochte und vor allem nicht in einem Laden für chinesische Heilkunst und Kalligrafie zu finden erwarte. In China gehört der Hund doch auf den Teller und möglichst sollte er nicht mehr mit dem Schwanz wedeln. Da bin ich froh, den Laden noch nie betreten zu haben, obwohl mich chinesische Kalligrafie durchaus fasziniert. Aber leider leider, die chinesische Kultur ist auch nicht mehr, was sie einmal war.
lichtenbergplatzLichtenbergplatz – Foto: Trithemius

Kürzlich meldete de redactie, ein Service des öffentlich rechtlichen Vlaamse Radio- en Televisieomroep (VRT), eine Kunstaktion Antwerpener Künstler. Verkleidet als Notare hatten sie die Schlafplätze von Obdachlosen versteigert. Parkbänke, Stellen unter Brücken und so fort. Die Plätze wurden angepriesen wie Immobilien, so ein Platz in einer U-Bahnstation: „Gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.“ Der Erlös dieser Aktion ging an eine Einrichtung für Obdachlose.
Aus China hatten einige Chinesen per Telefon mitgeboten, weil sie gedacht hatten, es ginge um einen echten Verkauf. Man weiß ja, dass weltweit die Spekulanten händeringend nach lukrativen Anlagemöglichkeiten suchen. Aber was haben sich die Chinesen wohl gedacht. Wollten sie die Parkbänke eventuell an die Börse bringen? Wollten sie Plaketten anbringen lassen derart: „Eigentum von Hong Lu Spe Ku Lant? Oder einfach ein Stück Belgien besitzen, und wenn es ein zugiger mit Urin getränkter Platz unter einer Brücke ist? Da schauen wir lieber mal in die Bücherkiste, die wohlmeinende Anwohner auf das Mäuerchen ihres Vorgartens gestellt haben, zumal sich hier ein Ensemble prächtiger Jugendstilhäuser aufreiht. Wer in einem solchen Haus lebt, sollte doch einen erlesenen Büchergeschmack haben. Leider nicht. Da geht es mir wie Sokrates auf dem Athener Markt: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, die ich nicht brauche.“ Und wie zahlreich sind die Bücher, die ich nicht lesen will. Aber ein Taschenbuch nehme ich mit: aus der Bibliothek literarischer Meisterwerke Theodor Fontanes Roman „Effie Briest.“ Das erinnert mich nämlich an einen Kollegen Deutschlehrer, der mich mehrmals gefragt hat, was „briesen“ eigentlich für ein Verb ist. Effie Briest – was macht sie da? Muss ich das Buch nach so vielen Jahren nochmals lesen? Vielleicht hilft es, das Verb probeweise zu konjugieren?

ich briese
du briest
er, sie, es briest

wir briesen
ihr briest
sie briesen

Ich trage das Buch in der Hand, und in der feuchten Abendluft beginnt der lackierte Umschlag des Taschenbuchs an meinen Fingerkuppen zu kleben. Da brauche ich gar nicht erst ins Buch zu schauen, um herauszufinden, was „briesen“ ist. Ganz klar, Effie klebt.

Guten Abend