„Man kann ja nie wissen“

Ich habe ein Plakat gerahmt und an die Wand gehängt. Dazu musste ich nur sechs Nägel in die Wand schlagen, das heißt zwei davon habe ich je zweimal eingeschlagen und wieder gezogen, weil sie sich als zu lang erwiesen haben. Ich hämmerte also zwei kurze Stahlnägel in die Wand, und zwar von den ersten Löchern um drei Zentimeter nach links versetzt, damit der linke Rand des rahmenlosen Halters mit dem darüber hängenden Bild bündig abschließt. Das Plakat im Format 420 mm x 594 mm (DIN-A2) zeigt das heitere Aquarell „Anna Blume und ich“ aus dem Jahr 1919 von Kurt Schwitters und wirbt für eine Veranstaltung am 24. Juni 2016 im Kultur-Café „Anna Blume.“ Dort bin ich gestern mit meiner Obernachbarin gewesen. Wir sind mit den Rädern hingefahren. Der kleine Stapel Plakate hat da auf einem Flügel gelegen. Meine Nachbarin hat auch eines mitgenommen und die beiden gerollt in ihrer geräumigen roten Handtasche transportiert.

Das inklusive Kultur-Café „Anna Blume“ befindet sich in der ehemaligen Leichenhalle des Stöckener Friedhofs. Das symmetrisch gestaltete Eingangsportal des Stöckener Friedhofs mit seiner zentralen neugotischen Kapelle und den im stumpfen Winkel abgehenden beiden Leichenhallen ist das Werk der hannöverschen Architekten Adolf Narten und Paul Rowald und wurde fertiggestellt im Jahr 1892.
StoeckenerFriedhofHaupteingangHaupteingang des Stöckener Friedhofs – Bildquelle: Wikipedia (größer: klicken)

Ich habe hier mal den stilistischen Rat gegeben, eine Halle müsse man nicht “eine große Halle” nennen, denn es hallt ja in ihr, wie die Bezeichnung schon sagt, also ist sie kein Kämmerlein. Und wenn man die Ausdehnung der Halle zeigen will, dann ist es besser, jemanden etwas darin tun zu lassen.

Grabstein von Kurt Schwitters auf dem Engesohder Friedhof Hannover - Foto: Trithemius

Grabstein von Kurt Schwitters auf dem Engesohder Friedhof Hannover – Foto: Trithemius

Jedenfalls könnte man unter neogotischen Spitzbögen und zwischen den beiden Säulenreihen gut 15 Särge aufbahren, also mindestens so viele, wie jetzt Tische darin stehen. Warum die westliche der beiden Leichenhalle ihrer eigentlichen Bestimmung entzogen wurde, entzieht sich auch meiner Kenntnis. Am Freitag wird jedenfalls der ehemalige Direktor des Sprengelmuseums, Ulrich Krempel, in der ehemaligen Leichenhalle des Stöckener Friedhofs, jetzt Café Anna Blume“, da wird Herr Krempel Texte des Merzkünstlers Kurt Schwitters lesen. Das hätte sich Schwitters bestimmt nicht träumen lassen, dass man seine Texte mal in der Stöckener Leichenhalle vorlesen würde. Mit Hall auch noch! Sinniger Weise steht auf seinem Grabstein „Man kann ja nie wissen.“

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