Burtscheider Kursplitter IX – Butter wärmen

Mein verstorbener Freund Thomas, der in meinen Texten auftritt als Jeremias Coster, Professor für Pataphysik, war im realen Leben Stadtplaner in Aachen. Er freute sich über jedes Stück Kopfsteinpflaster, das er zu verantworten hatte. Heute hätte er mich sehen sollen, wie ich mit dem Rollator fast am Kopfsteinpflaster der Gasse Adlerberg gescheitert bin. Ich musste nur ein kurzes Stück bergauf hinüber zum Haus E. Als ich noch in Aachen lebte und gut zu Fuß war, haben wir darüber gesprochen, dass eine alternde Bevölkerung Rollbahnen für Rollatoren benötigen würde. Das widersprach seinem Sinn für die Ästhetik der Wegegestaltung.

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Beim Frühstück fragt ein Mann die Tischnachbarin:
„Beten Sie oder machen Sie die Butter warm?“
„Ich wärme die Butter. Wenn ich beten würde, hätten Sie mich sicher nicht gestört.“
„Klar. Betende soll man nicht aufhalten.“

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Abenteuer in der eigenen Hose
Weil ich eine ganze Zeit recht unbeholfen war, ist mir die Tücke der Objekte besonders aufgefallen. Hosen beispielsweise, Hosen! Für deren Tücke gibt es einen frühen Beleg. Samuel Pepys schreibt am 6. April 1661 in sein Tagebuch:

    „Mr. Townsend erzählte mir ein Missgeschick, dass er nämlich kürzlich mit beiden Beinen durch ein Hosenbein gestiegen und so den ganzen Tag herumgelaufen ist.“

Ich habe mir das Zitat herausgeschrieben, damals, als die Dinge mir noch gehorchten, weil mir die Sache so absurd erschien. Doch was muss ich sagen? Seit Wochen bietet sich mir bei jeder Umkleide das falsche Hosenbein an. Und irgendwie fehlt mir die spleenige Souveränität, den ganzen Tag so herumzulaufen wie dieser Mr. Townsend. Glücklicher Weise war ich letztens bei der Hilfsmittelberatung. Da wurde demonstriert, dass es für viele Probleme praktische Gerätschaften gib. So bekam ich einen Greifarm, der auch beim Anziehen der Hose hilfreich sein kann.

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Nochmals zum behänden Prothesenmann:
Dem Kollegen Dieter Kayser war sogleich aufgefallen, dass die Wendung: „(…) bewegt sich so behände auf seiner Prothese“ etwas hat, Kollegin Sabine Spinnradl überlegt, ob es statt „behände bewegende Prothesen-Mann“ … ‚befuße‘ heißen müsste. Mir wurde klar dass dieses Stilproblem erst durch die Orthographiereform aufgeworfen worden ist. Zuvor schrieben wir „behende,“ worin das Substantiv Hand nicht mehr erkennbar war. Die neue Schreibweise „behände“ lässt die Abkunft von Hand erkennen. Es war ja das erklärte Ziel der Reformer, das Stammprinzip und das etymologische Prinzip zu stärken, darum die neue Schreibweise Stängel zu Stange, zuvor Stengel. Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner vermutet, dass alle unsere Wörter versunkene Metaphern sind. Wenn eine Orthographiereform das etymologische Prinzip stärkt, wird der Prozess des Versinkens gestoppt, bzw. versunkene Metaphern wie „behende“ [flink, geschickt, gewandt, wendig] bekommen ihren alten Wortsinn zurück „behände“ [geschickt mit den Händen].

Musiktipp
Kashmir-Cover

Burtscheider Kursplitter IV – Keine Bücher mehr

Vor fünf Jahren wurden im Speisesaal feste Plätze zugewiesen. Mit mir am Tisch saß ein Polizist, der schon zwei Jahrzehnte an den Folgen eines Dienstunfalls leidet. Seine Geschichte klang nach dümmer als die Polizei erlaubt: Auf einer abschüssigen Straße, die von blühenden Kirschbäumen gesäumt war, verfolgte er einen Einbrecher und hatte ihn gerade gestellt, da wurde er von einem Streifenwagen erfasst. Der Streifenwagen war wegen der Kirschblütenblätter auf der Straße ins Rutschen geraten und verletzte ihn so schwer, dass er wohl niemals mehr gesunden wird. Schon sechsmal war er deshalb in Kur, bezahlt von der Haftpflichtversicherung des Einbrechers. Ein Richter hatte damals folgendes geurteilt: Es ist nicht strafbar, vor der Polizei zu fliehen. Wohl aber haftet der Fliehende, wenn ein Polizist bei der Verfolgung Schaden erleidet. In der Folge war ich froh, dass der Polizist selten bei Tisch auftauchte. Am Ende wünschte ich dem Kerl zur Unzeit: „Guten Appetit!“, der verschluckte sich bei der Antwort, erstickte daran, und ich hätte blechen müssen.

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Die mit Krücken zeigen. Ein Frau stochert ganz selbstverständlich mit ihrer Krücke im Brötchenkorb, um einer anderen ein bestimmtes Brötchen zu zeigen. Mit ihr saß ich einmal am Tisch. Da zeigte sie mir selig lächelnd ein Video ihrer Katze. Ich hoffe, nicht auszusehen wie einer, der sich für Katzenvideos interessiert, sondern es war ihrer Selbstvergessenheit geschuldet.

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Die Patientenbegrüßung fand in der ehemaligen Bibliothek statt. Es sei die Ärztebibliothek gewesen, sagte die Chefin der Patientenbetreuung, „und die enthielt wohl nur Fachliteratur.“
„Ich habe da auch Belletristik gelesen“, widersprach ich. Jedenfalls sind die Bücher weg. Bei der Pandemiebekämpfung mussten sie dran glauben. Ehrlich gesagt war ich schon 2015 der einzige Besucher. Im seltsam zusammengewürfelten Bestand der Bibliothek fand ich Herbert Rosendorfers wunderbaren Roman in „Briefe in die chinesische Vergangenheit“. Rosendorfer behauptet darin, der Heilungsquotient in unserem Gesundheitssystem habe 1980, im Jahr seines Zenits, bei 60 Prozent gelegen. Seither sei er nicht mehr gestiegen. Der Schamane, der mit seinem Mummenschanz den Kranken umtanzt, habe den gleichen Heilungsquotienten. Ich konnte die Zahl leider nicht verifizieren, halte sie aber für plausibel. Ein Freund und Exkollege, dem ich davon erzählte, als er mich besuchte, führte das auf die Zuwendung zurück, die der Kranke durch den Schamanen erfährt.

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Wann weiß man, dass man im Rheinland ist? Wenn die Präposition „um“ durch „für“ ersetzt wird. Mann und Frau unterhalten sich über einen See in ihrer Region. Er sei da früher immer mit den Kindern hingefahren „für die Enten zu füttern.“

Musiktipp
The Staves
Black & White

Burtscheider Kursplitter III – Die mit Krücken zeigen

Der Ortsname Burtscheid leitet sich her vom lat. Porcetum, „Schweinetrift“. Gemeint sind Wildschweine, die den Wald der Gegend in großer Zahl bevölkerten. Um das Jahr 2000 habe ich in Aachen-Burtscheid gelebt. Wildschweine habe ich nicht gesehen. Täglich nahm ich den Weg durch die beschauliche Fußgängerzone über den Burtscheider Markt, wo sich gleich einer Klippe das klotzige Gebäude der Rheumaklinik erhebt, ehemals Bad der Landesversicherungsanstalt Rheinprovinz. Meine Erinnerung an diese Rheumaklinik ist untrennbar mit dem Bild von Männern verbunden, die ihre Krücken wie verlängerte Zeigefinger benutzten, wenn sie an den Wochenenden ihren Besuch durch Burtscheid führten. Herumstreifende Kurgäste auf Krücken gehören in Burtscheid zum Straßenbild. Humpelte jemand durch den Eingang der Rheumaklinik, habe ich gedacht, dass ich gerne das Gebäudeinnere sehen würde. Niemals kam ich auf die Idee, dass ich einmal als Patient in diese Einrichtung einfahren und meine Neugier befriedigen könnte.
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Genauer gesagt, ich war im Jahr 2015 nach einer Schulter-OP zur Reha in der angrenzenden Schwertbadklinik, wo ich derzeit auch bin. Diese Einrichtung verteilt sich über mehrere Gebäude. Anfänglich schwer durchschaubar ist das System aus Gängen und Aufzügen, das die Bauten des Schwertbads miteinander verbindet. Durch eine rundum geschlossene Brücke überquert man das gepflasterte Sträßchen Adlerberg zum Haus A, hat unter sich den talseitigen Eingang zur Schwertbadklinik. Zum Gebäudekomplex gehörte im Jahr 2015 noch die alte Rheumaklinik. Ich glaube, von der obersten Etage des B-Hauses führte ein verwinkelter Gang in die obere Etage der Rheumaklinik. Der Zugang ist inzwischen vermauert. Eine Investorengruppe hat die Rheumaklinik gekauft und wollte sie umwandeln zum Apartmenthaus. Allerdings rechnete sich das nicht, so dass der Plan scheiterte. Vermutlich gab es zu hohe Auflagen durch den Denkmalschutz. Derzeit steht das Gebäude leer und beflügelt meine Erinnerung. [Im Bild oben: Diese nicht ganz ernst gemeinte Ansichtskarte habe ich damals gestaltet]
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Vor sechs Jahren hatte ich einige Therapien in dem sonst leeren Gebäude der Rheumaklinik. In einem Raum ließ mich eine betagte Ergotherapeutin in einer Plastikschale mit Reis oder Erbsen graben. In einem anderen Raum lag ich in einem bequemen Sessel und eine junge Therapeutin brachte mir die Progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson bei. Sie kam aber nur einmal, sonst blieb sie in den Tiefen der Klinik verschwunden. Und ich hatte Wassergymnastik im Thermalbecken. Ich erinnere mich an ein hübsches Mosaik aus Wandkacheln, vielleicht im Jugendstil oder Art Deco. Völlig ungestört erklomm ich die Stufen in zyklopenhaften Treppenhäusern bis in die leere Dachetage. Dort entdeckte ich einen großen Gesellschaftsraum für Patienten mit Büchern und Spielen. In einem Gästebuch las ich Einträge längst entlassener Patienten. Darin Kunde von Freundschaften, die sich in der Kur ergeben hatten, von Abschiedsfeiern und launige Einträge von Alkoholgelagen. Es muss einmal Leben in den ungezählten Krankenzimmern gewesen sein, mit Decken so hoch, dass sich Schmerz auf Schmerz türmen konnte. Das alles ist nun für immer Geschichte. Im Schwertbad habe ich noch niemanden gefunden, der über die alte Rheumaklinik reden wollte, und ich schelte mich, damals nicht genug fotografiert zu haben.

Burtscheider Kursplitter I – Pfeifen lernen

In der Reha fällt mir das Gehen noch schwer. Deshalb konnte geschehen, dass ich beim Verlassen des Speiseraums etwas hörte, was unter normalen Bedingungen meine Aufmerksamkeit gefesselt hätte. So aber bekam ich nur Fetzen eines Berichts mit. Zwei ältere Frauen sitzen sich beim Abendessen diagonal gegenüber, getrennt durch eine Glasscheibe. In meinem Rücken sagt eine: „Als Kind wollte ich unbedingt „Flöten“ [Pfeifen] lernen. Ich bin zum Bauern gegangen und habe nur noch Flötekies [Quark] gegessen. (…) Wie die Geschichte weiterging, kann ich nicht sagen. Derweil ich zum Aufzug humpelte, spulte der Besserwisser in mir ab, dass der Erfolg mäßig gewesen sein musste.

Denn Flötekies = Flötekäse ist ein altes Wort für Quark. Der erste Bestandteil dieses Wortes, das ausgestorbene Verbum ›Flöten‹, bedeutete ursprünglich: den Quark durch Rühren wieder fließend (flott) machen. Da die Grundform „Flöten“ im Rheinland außer Gebrauch kam, wurde der Ausdruck Flötekies nicht mehr verstanden; seine ursprüngliche Bedeutung ging verloren. Deshalb setzte eine volksetymologische Umdeutung ein: Das nicht mehr verstandene Wort Flöten wurde mit Pfeifen gleichgesetzt. So kam es zur volkstümlichen Auffassung, durch den Verzehr von Quark würde man pfeifen lernen.

Als ich Kind war, hörte ich die Behauptung, aber da ich Quark nicht mochte, verzichtete ich auf Virtuosität im Pfeifen. Leider habe ich die Sprecherin nicht gesehen und kann sie nicht nachträglich nach ihren Erfahrungen befragen. Vielleicht wäre aus ihr beinah eine bekannte Kunstpfeiferin geworden wie damals Ilse Werner, wenn der Quark nicht versagt hätte.