Als mein Gewissen nichts wert war (6)

Ich kannte den Gefreiten Krabetz, einen gebürtigen Kölner. Er saß beim Delmenhorster Bataillon in der Schreibstube des Oberleutnants, der die Versetzungsanträge bearbeitete. Krabetz berichtete, der meinetwegen gescholtene Oberleutnant habe sich sehr wohl um meine Versetzung nach Köln bemüht. In dessen Auftrag habe er, Krabetz, eine Reihe von Kasernen im Großraum Köln angeschrieben, aber keiner habe Platz für mich. Vermutlich wollte sich keine Kompanie mit einem nicht anerkannten Kriegsdienstverweigerer belasten.

Inzwischen fiel es mir immer schwerer, die schwangere Marie allein zu lassen. Ich fand eine Methode, das zu unterlaufen, meldete mich sonntags von zu Hause aus telefonisch in der Bremer Kaserne krank und ging montags in Köln zum Arzt. Dort gab es eine medizinische Einrichtung der Bundeswehr, in der überwiegend W-18-er Ärzte arbeiteten, also junge Ärzte, die ihren Wehrdienst ableisteten. Unter denen fand ich immer eine mitleidige Seele, die mich für eine Woche „heimkrank“ schrieb, auch wenn ich keine echte Erkrankung vorweisen konnte. Die Angelegenheit war jedoch unglaublich stressig für mich, denn in der Kompanie glaubte man, mein Spiel durchschaut zu haben und strafte mich mit allerlei Repressalien ab. Zusätzlich belastete mich der Umstand, lügen zu müssen, wenn ich in der Nähe meiner schwangeren Frau sein wollte, was ich für meine vorrangige Pflicht hielt, statt mich bei der Bundeswehr mit sinnlosen Tätigkeiten festhalten zu lassen.

Von meiner Not schrieb ich an den Wehrbeauftragten des Bundestages, eine weisungsbefugte Behörde, an die sich Soldaten mit ihren Problemen wenden können, ohne den Dienstweg einhalten zu müssen. Es dauerte noch drei Monate, dann verfügte der Wehrbeauftragte meine wundersame Versetzung ins Kölner Heeresamt. In der Führung der Bremer Kompanie versuchte man auch das zu behindern, indem man meinen Versetzungstermin durch einen Wochenend-Wachdienst verzögerte und mich erst drei Tage verspätet wegließ, als ich den Dienst in Köln längst angetreten haben sollte. Schon wieder suchten mich die Feldjäger, aber klingelten diesmal bei meiner schwangeren Frau.

Die letzten drei Monate meines Wehrdienstes verbrachte ich mit Büroarbeit in der Stammdienststelle des Heeres unter relativ zivilen Bedingungen und als sogenannter Heimschläfer. Ich hatte bei der Stabskompanie im Heeresamt nicht mal ein Bett. Als Schrank diente mir eine Besenkammer, in die ich nach meiner Ankunft einfach den Seesack auskippte, ein herrliches Privileg gegenüber den anderen, die ihre Hemden sauber auf DIN-A4-Größe falten mussten, was freitags vor dem Wochenendurlaub per „Stubendurchgang“ durch Unteroffiziere überprüft wurde.

Bei meinem Dienstantritt in der Stammdienststelle wurde ich vom Leiter, einem väterlichen Oberst, vorgestellt mit den Worten: „Der Gefreite van der Ley wurde zu uns versetzt, weil seine Ehefrau unter schwierigen Bedingungen schwanger ist.“ Da war mein Sohn längst geboren, einen Monat zu früh, ein Winzling, der mich heute um einen ganzen Kopf überragt. Seine Geburt hatte ich sogar miterleben können, weil ich glücklicherweise gerade „heimkrank“ war, als bei Marie die Wehen einsetzten.

In der Stammdienststelle des Heeres traf ich auch den Gefreiten Krabetz wieder. Weil er nichts von meiner Eingabe an den Wehrbeauftragten wusste, glaubte er, meine Versetzung nach Köln wäre sein Werk, und dachte, ich müsste ihm ewig dankbar sein. Da ich seine Erwartungen ungewollt enttäuschte, rannte er ständig hinter mir her und rief: „Ne, ne, wat hann isch alles vür dich gedonn!“ Überhaupt wurde mein Soldatsein hier von Absurditäten und ungewollter Komik gekrönt, wovon bei Gelegenheit noch erzählt werden könnte.

Nachtrag
Im Jahr 1977 wurde mit der sogenannten Postkarten-Novelle die mündliche Gewissensprüfung abgeschafft. In Erwartung dieser Gesetzesänderung ruhten alle ausstehenden Verfahren. Ein Jahr darauf, ich war längst Student und stand kurz vor dem 1. Staatsexamen, wurde ich brieflich gefragt, ob ich meinen Antrag auf Anerkennung weiter verfolgen wollte. Ich bejahte und wurde vom Düsseldorfer Verwaltungsgericht endlich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt.

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Als mein Gewissen nichts wert war (4)

So abrupt, wie meine Kindheit endete, als ich mit 13 eine Lehre begonnen hatte, so abrupt endete auch meine Jugend. Plötzlich hatte ich den Staat gegen mich aufgebracht und musste mich seinen Forderungen unterwerfen. Marie, meine Lebensgefährtin, hatte ein wenig Geld aufgetrieben. Unser gemeinsames Glück hatte nur wenige Monate gewährt. Jetzt wurde es immer schwieriger für uns. Ich konnte erstmals ahnen, wie sich meine Patentante Liesl und ihr Mann gefühlt haben mochten. Sie wollten mitten im Krieg heiraten. Er hatte dafür Heimaturlaub von der Front bekommen. Am Abend der Hochzeit, noch vor der Hochzeitsnacht wurde er zurück an die Front abberufen. Er geriet in Kriegsgefangenschaft und kehrte nie mehr zurück. Als kleines Kind hatte ich mitbekommen, wie meine Mutter und Tante Liesl stundenlang am Radio saßen und horchten, als die Namen von „Spätheimkehrern“ aus der russischen Kriegsgefangenschaft verlesen wurden. Endlose Namenslisten leierten aus dem Radiolautsprecher, und nie wurde ihr Hoffen und Bangen belohnt. An die Front sollte ich nicht, aber mich in eine Maschinerie einfügen, deren Handwerk Krieg und Töten ist. Und ich musste Marie in ungeklärten Verhältnissen zurücklassen, war in Sorge um sie und konnte nichts für sie tun.

Mit den letzten fünf DM kaufte ich eine Zugfahrkarte nach Mönchengladbach. Ich dachte, dass man mich vom Kreiswehrersatzamt gleich in die Kaserne verschicken würde. Zu meiner Überraschung empfingen mich die zivilen Beamten überaus freundlich. An der Wand des Büros hing eine Karte der Umgebung, für die man zuständig war, gespickt mit vielen Fähnchen, die jeweils einen Wehrpflichtigen markierten, der seiner Einberufung nicht gefolgt war. Man war froh, dass ich freiwillig gekommen war, denn die Feldjäger hatten mehrmals vergeblich bei meiner Mutter geklingelt, im Dorf, wo ich noch immer polizeilich gemeldet war. Ein Fähnchen weniger auf der Karte. Für mich war beruhigend zu sehen, dass ich kein Einzelfall war. Folglich gab es auch Routinen, wie jetzt weiter zu verfahren war. Ich sollte nach Adelheide bei Delmenhorst. „Aber“, sagte der eine, „die haben jetzt sowieso Osterdienstbefreiung. Ich frage mal nach, ob Sie die auch bekommen.“ Ein kurzes Telefonat mit der Ausbildungskompanie, und ich durfte meinen Wehrdienst mit Osterurlaub beginnen. Man händigte mir neue Papiere aus, eine Zugfahrkarte nach Delmenhorst und verabschiedete mich mit den besten Wünschen.

Plötzlich stand ich als freier Mann wieder auf der Straße, aber ohne Geld für die Rückfahrt. Ich hatte wohl noch ein paar Groschen und rief aus der Telefonzelle bei meinem CDU-Onkel an, um mir Geld für die Fahrkarte zu leihen. Nur die angeheiratete Tante ging ran und war überaus ungehalten mit mir. Sie müsse jetzt weg und könne nicht auf mich warten. Allein Thomas, ihr ältester Sohn, mein Cousin, sei dann zu Hause. Als er klein war, hatte ich oft auf diesen Thomas aufgepasst, wenn er bei meiner Oma zu Besuch war. Jetzt öffnete er die Tür der elterlichen Villa nur einen spaltbreit, sagte altklug: „Du machst ja Sachen“ und schob mir ein 5-Mark-Stück durch den Spalt. In der eigenen Familie verpönt zu sein, zeigte mir, dass ich mich zu weit außerhalb der anerkannten Rechtsordnung bewegt hatte. Ab jetzt sollte es demütigend werden.

Im Text „Geben Sie dem Mann ein Haarnetz“ habe ich Kuriosa vom Beginn meines Daseins als Bundeswehrsoldat geschildert. Aber so heiter, wie es dort anklingt, war es nicht. Ich galt als unbotmäßig, und man tat in den folgenden 18 Monaten einiges, meinen Widerwillen zu brechen. Das gelang nicht, sondern ich lernte das Soldatendasein zu hassen, die engstirnigen Vorgesetzten, das dumme Prinzip „Befehl und Gehorsam“, den militärischen Drill, die sinnlosen Tätigkeiten und ewige Langweile im Dienst. Ich habe mich nach Kräften gewehrt, aber muss zugeben, dass man mir einiges an Schneid abgekauft hat, bevor ich nach Ablauf des Wehrdienstes vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht in Sachen Van der Ley gegen Bundesrepublik Deutschland als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wurde.

Folge 5

Als mein Gewissen nichts wert war (2)

Ich bin mit der Zeitfolge ein bisschen durcheinander gekommen. Das gestern genannte Datum meiner politischen Erweckung im Schwarzwald musste ich nach unten korrigieren, weil ich sonst die Ereignisse nicht unterbringen kann. Es ist soviel passiert in dieser Zeit und in meinem Leben, Ich war also 16, als meine dörfliche Filterblase zerstört wurde. Plötzlich konnte ich überall das Verlogene, das Falsche und Fadenscheinige im konservativen Weltbild ringsum sehen. Mit 18 wurde ich gemustert und für wehrtauglich befunden.

Hallo wach!

Mit 19 brach ich mir bei der Arbeit in einer Kölner Druckerei den Fuß. Eine hüfthohe, schmale Rolle Rotationspapier wurde auf mich zugerollt; ich sollte sie in Richtung Rotationsmaschine umlenken, gab ihr zuviel Schwung, so dass sie kippte, ich sprang zurück, aber nicht weit genug, die Rolle klatschte zu Boden, erwischte mit ihrer Kante meinen linken Mittelfuß und brach ihn glatt durch. Obwohl ich nur sechs Wochen mit Gipsbein lahmgelegt war, wurde meine Einberufung für zwei Jahre zurückgestellt. Irgendwie hoffte ich, man würde mich vergessen, aber als nach zwei Jahren die Einberufung drohte, reichte ich den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung ein und wurde zur mündlichen Prüfung meines Gewissens zum Kreiswehrersatzamt Mönchengladbach vorgeladen.

Inzwischen hatte ich mich aus der dörflichen Enge befreit, las Pardon, Konkret und die Frankfurter Rundschau, manchmal auch die deutschsprachige Ausgabe der Peking-Rundschau. Mit 20 war ich mit meiner Freundin, der späteren Mutter meiner Kinder, nach Köln in eine Wohnung gezogen. Obwohl sie nur ein Zimmer hatte und möbliert war, wähnte ich mich im Paradies und wollte das keinesfalls aufgeben und zur Bundeswehr.

Der Prüfungsausschuss bestand aus drei Personen. Die beiden Beisitzer waren interessierte Laien und hatten nichts zu sagen, der Ausschussvorsitzende wurde von der Bundeswehr gestellt. Aufgeführt wurde absurdes Theater, denn wie lässt sich das Gewissen junger Menschen erforschen? Ich hatte mich aus der Literatur vorbereitet, wusste, was ablaufen würde und rechnete mir nur geringe Chancen aus. Auf Rat meiner Freundin hatte ich mir in der Apotheke Captagon besorgt, ein Weckamin, das in studentischen Kreisen als „Hallo wach!“ bekannt war und in Prüfungssituationen bei der Konzentration helfen sollte.

Vor mir betrat einer von den Zeugen Jehovas den Prüfungsraum. Der brauchte natürlich kein „Hallo wach“; es hätte seinem Glauben nur geschadet. Jedenfalls war er nach fünf Minuten wieder draußen und anerkannt. Religiöse Gründe wurden einfach akzeptiert. Aber ich hatte nach Auffassung der Kommission einen politischen Grund angegeben, was ziemlich ungeschickt war. Ich weiß nicht, ob es am Captagon lag, jedenfalls sagte ich, es wäre nicht auszuschließen, dass die Bundeswehr einmal in einen Angriffskrieg verwickelt werden würde. Das wies der Ausschussvorsitzende entrüstet von sich und stellte mich als Spinner dar. In Anspielung auf das gewaltsame Ende des Prager Frühlings fragte er listig: „Was würden Sie denn machen, wenn Sie Tscheche wären, russische Panzer würden ihre Freundin bedrohen, und Sie hätten ein Gewehr? Würden Sie Ihre Freundin im Stich lassen?“
„Das weiß ich nicht. Ich bin ja kein Tscheche.“
Da diktierte er ins Protokoll: „Der Antragsteller wüsste nicht, was er machen würde, wenn er Tscheche wäre.“ Insgesamt war das Protokoll ein Dokument des Irrsinns. Ich junger Mensch wollte niemanden totschießen müssen, der mir nichts getan hat, und man konfrontierte mich mit Fangfragen und einer hypothetischen Situation bar jeder Realität, denn was hätte ich denn ausrichten können mit einem Gewehr gegen einen Panzer? Die Absurdität solcher Prüfungsfragen hat die Kölschrockgruppe BAP in ihrem Lied „Stell dir vüür“ verpackt;

Hier der Originaltext mit verfügbarer Übersetzung.

Leider habe ich das Protokoll nicht mehr, sonst könnte ich die Bundesrepublik verklagen, dass man mir 18 Monate kostbarer Lebenszeit gestohlen hat. Denn inzwischen ist die Bundeswehr in unzählige Angriffskriege verwickelt gewesen oder noch verwickelt.

Natürlich wurde ich vorerst nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkannt und bekam wenige Monate später meine Einberufung nach Delmenhorst. Mein Versuch, mir zwischen zwei schweren Setzkästen den Finger zu brechen, misslang. Eines Abends, als Freunde zu Besuch waren und wir einiges getrunken hatten, habe ich Einberufung und Wehrpass im Waschbecken verbrannt. Besonders der Wehrpass brannte nicht gut, und seine Reste haben das Waschbecken tagelang verstopft. Ich erinnere mich noch an den Besuch des Hausbesitzers, einem großspurigen Bauern aus der Voreifel und seinem Hausmeister, der das verstopfte Waschbecken richten sollte. Da sagte der Hausbesitzer noch gönnerhaft: „Die sollen sich ja waschen, die sollen ja sauber sein!“, aber kriegte fast einen Anfall, als die Reste des Wehrpasses zu Tage kamen.

Folge 3

Als mein Gewissen nichts wert war (1)

„Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“ (Art. 4 Abs. 3 des Grundgesetzes)

Gestern Nacht um 00:05 Uhr versteckt zeigte die ARD in ihrer Reihe Geschichte im Ersten die Dokumentation: „Als das Gewissen geprüft wurde“, einen sehenswerten Beitrag über Kriegsdienstverweigerung in Deutschland. Diese Gewissensprüfung hatte ich auch durchmachen müssen. Hatte zuvor einen Antrag eingereicht, mir Bücher gekauft, um mich vorzubereiten, hatte gelesen, dass die Chancen auf Anerkennung für Nichtabiturienten gering waren, und war erwartungsgemäß vor der Prüfungskommission beim Kreiswehrersatzamt Mönchengladbach in erster Instanz nicht erkannt worden.

Bislang hatte ich nicht wirklich darüber nachgedacht, warum ich bei dieser „Gewissensprüfung“ durchgefallen war und später als nicht anerkannter Kriegsdienstverweigerer zur Bundeswehr gemusst hatte. Doch im Beitrag wurde deutlich, dass und warum diese Prüfungen reine Willkür waren. Da diese Willkür und die Entscheidungen zu meinen Ungunsten meinen Lebensweg geprägt haben, beschloss ich, diesen Teil meiner Biographie aufzuschreiben, quasi als Geschichtsschreibung von unten. Die erste Folge habe ich eben geschrieben und veröffentliche sie jetzt:

Ho, Ho, Ho Chi Minh

Als ich 16 Jahre alt war, erwachte mein politisches Bewusstsein, und zwar in einer Jugendherberge im Schwarzwald, wo ich mit Freunden während einer Radtour übernachtete. Wir waren gemeinsam mit zwei niederländischen Studenten in einer Dachstube untergebracht. Ich erinnere mich gut, dass ich von den beiden erstmals etwas Kritisches über den Vietnamkrieg hörte. Die Jugendherberge war sehr spartanisch, und wir lagen auf Pritschen unterm Gebälk. Derweil ein ergiebiger Landregen aufs Dach prasselte, der uns den ganzen Tag auf dem Fahrrad schon durchnässt hatte, und wir fröstelnd in unsere Nesselschlafsäcke gekrochen waren, redeten die beiden Holländer auf uns ein, öffneten uns quasi die Augen.

Bis dahin hatte ich nicht über den Vietnamkrieg nachgedacht und war nie auf die Idee gekommen, dass er etwa Unrecht sein könnte. Im Dorf meiner Kindheit und Jugend war man nicht nur streng katholisch, sondern unterstützte durchweg die CDU. Kritik an den USA kam nicht vor. Bei uns zu Hause wurde wie in fast allen Haushalten die CDU-nahe Neuß-Grevenbroicher-Zeitung gelesen, ein Ableger der rechtskonservativen Rheinischen Post. In der Nazizeit war man im Dorf hitlertreu gewesen, und diese besinnungslose Gefolgschaft war ungebrochen auf die CDU übergegangen. Vor Wahlen warb der Pastor von der Kanzel unverhohlen für die CDU, so dass ich als Kind gedacht hatte, wer SPD wählt, kommt nicht in den Himmel. Es war mir aber als gerechte Strafe erschienen, denn die beiden erklärten SPD-Anhänger im Dorf waren gemessen an den rotwangigen, wohlgenährten Bauern in unserer Nachbarschaft freudlose Gestalten, die in der nahen Kleinstadt in der Fabrik arbeiteten.

Dass man gegen den Vietnamkrieg sein konnte, und dass es falsch war, mit einem Schulterzucken über Berichte aus diesem Krieg hinwegzugehen, hörte ich also aus dem Mund zweier Studenten aus Den Haag: Sie sagten, dass die Amerikaner in Vietnam nichts zu suchen hätten, dass deren Krieg himmelschreiendes Unrecht sei. Diese fremdartigen Gedanken gingen mir leicht ein, weil ich fasziniert war vom Akzent der beiden und weil sie so selbstverständlich von Dingen sprachen, über die ich noch nie nachgedacht hatte.

Es war tatsächlich nicht meine erste Konfrontation mit dem Vietnamkrieg gewesen. Zu Rosenmontag war ich das erste Mal im Kölner Karneval gewesen. Nach dem Rosenmontagszug streiften unzählige Jugendliche durch die Stadt, bildeten solche Ketten, von denen man eingefangen und mitgerissen wurde. Von mancher dieser Ketten wurde „Ho, Ho, Ho Chi Minh“ skandiert, was ein Jahr später der Schlachtruf der Studentenbewegung werden sollte.

Ich ließ mich gerne einfangen von einer Kette, in der „Jo,Jo, Johnson!“ gerufen wurde. Das klang nicht so gut, aber ich geriet zwischen zwei hübsche Mädchen, die ich im Verlauf abwechselnd küsste. Für derlei Luxus, zwei hübsche Mädchen im Arm zu haben und nach links und rechts beliebig heiße Küsse auszutauschen, hätte ich sowieso jede politische Überzeugung verraten. Vor den Holländern schämte ich mich aber plötzlich, „Jo, Jo, Johnson!“ gerufen zu haben. Eigentlich schäme ich mich heute noch.

Folge 2

Geben Sie dem Mann ein Haarnetz

ichHätte ich gewusst, dass ich bei der Bundeswehr ein Haarnetz tragen dürfte, genau wie meine Oma, hätte ich nicht Einberufung und Wehrpass im Waschbecken verbrannt, sondern wäre frohgemut hingegangen. Tatsächlich habe ich ungefähr so ausgesehen, als der Staat mich zum Wehrdienst rief und ich nicht folgte. Ich war gerade mit der späteren Mutter meiner Kinder in eine Kölner Wohnung gezogen und wollte da nicht weg, obwohl das Waschbecken jetzt verstopft war.

Man empfing mich in der Ausbildungskompanie ziemlich unfreundlich, weil mich die Feldjäger zwei Wochen hatten suchen müssen. Kompaniechef und Leutnant setzten mir zu. Ich dürfte keinesfalls den Kriegsdienst verweigern, „“die Kameraden nicht aufwiegeln“, überhaupt, müsste ich mich strengstens an alle Regeln des Soldatenseins halten und mich einfügen. Beim kleinsten Vergehen gegen die Vorschriften wollten sie “meine Sache der Staatsanwaltschaft übergeben.” Dann wäre ich vorbestraft. Mein oberster Chef war Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt. Er hatte am 8. Februar 1971 einen Erlass herausgegeben, in dem stand:

Die Bundeswehr kann in ihrem Erscheinungsbild die Entwicklung des allgemeinen Geschmacks nicht unberücksichtigt lassen.“ (…) „Haare und Bart müssen sauber und gepflegt sein. Soldaten, deren Funktionsfähigkeit und Sicherheit durch ihre Haartracht beeinträchtigt wird, haben im Dienst ein Haarnetz zu tragen.

Folglich liefen viele Wehrpflichtige mit so einem Haarnetz auf dem Kopf durch die Kaserne. Zu albern sah das aus. Ohne Haarnetz war ich immerhin der Schrecken aller Schwiegermütter, die perfekte Abschreckung, falls mal irgendein verbrecherischer Schwiegermütterstaat Deutschland angreifen wollte. Mit Haarnetz erschreckte ich nur meine Oma. Ein Haarnetz zu tragen, war sicher ebenso erniedrigend wie ein kahler Kopf. Der Unterschied: nach Dienstschluss durften die Haare wieder in die Freiheit. Dagegen sahen die Glatzen selbst im Feierabend wie geschorene Sklaven aus.

Haarnetze sind zwar dicht, aber sehr empfindlich. Ein kleiner Einriss, schon ist ein Loch drin. Aus löchrigen Haarnetzen schieben sich Haarsträhnen. Dann musste bald ein Neues her, weil es gegen die Kleiderordnung verstieß, ein Haarnetz zu haben, aus dem Strähnen wuchsen. Aber immer wieder kam es zu erfreulichen Engpässen in der Haarnetzlieferung, obwohl man vorsorglich 740.000 Stück auf Lager gelegt hatte. Helmut Schmidt hat dafür, glaube ich, den Orden Wider den tierischen Ernst bekommen.

Als wir vereidigt werden sollten, gab es keine Haarnetze. Zu viele Rekruten hatten sie zerrissen. Mein Kompaniechef bestellte mich ein, und zusammen mit dem Leutnant flocht er mir einen Zopf, eine durchaus homoerotische Angelegenheit. Dann legten sie den Zopf auf meinen Scheitel und befahlen mir, den Helm darüber zu stülpen.

Es war heiß an diesem Tag. Die Ausbilder wirkten aufgeregt. Ein General hatte sich angesagt. Er würde auf der Tribüne sitzen und sich die Vereidigung ansehen. Die Rekruten würden an ihm vorbeimarschieren und müssten anschließend lange in der Sonne stehen. Ein Stabsunteroffizier führte meinen Zug zum Vereidigungsplatz. Er fürchtete, es könnte einer von uns in der prallen Sonne umkippen. Daher befahl er nach wenigen Schritten, die Helme abzusetzen. Mein Zopf fiel hinunter. Als wir uns der Tribüne näherten, hieß es: „Helm auf! Im Gleichschritt …!“ Da konnte ich meinen Zopf nicht wieder untern Helm schieben. Sie hätten „meine Sache“ bestimmt dem Staatsanwalt übergeben, wegen unbotmäßiger Fummelei am Kopf während des Marsches zur Vereidigung. Darum fügte ich mich ein, wiegelte auch keinen Kameraden auf, mir beim Richten der Haarfrisur zu helfen, sondern trug meinen Zopf mit Fug und Recht an der Tribüne des Generals vorbei.

Er wird mich nicht gesehen haben. Generäle achten nicht auf einzelne Soldaten, sondern auf Kompanien, Bataillone, Regimenter und Heeresgruppen. Aber ich habe damals zum ersten Mal erfahren, wie lustvoll und befreiend es ist, Netze zu zerreißen. Diese Erkenntnis verdanke ich den vielen anderen Rekruten überall in der Bundesrepublik, die ebenso ihre Netze zerrissen haben. Nur durch dieses unsichtbare Netzwerk, das allein aus ähnlichen Gedanken bestand, konnte der Nachschub im Versorgungsnetz der Bundeswehr zum Erliegen kommen.

Ein Jahr später war ich gerade im Wochendurlaub, als übers Radio mitgeteilt wurde, dass der Haarerlass gekippt worden war. Es war aus mit der „German Hair Force“. Ich setzte mich hin und weinte.

Ich besitze drei hübsche Farbfotos von mir in Uniform mit vielen Haaren ohne Haarnetz und habe mir das Wochenende damit versaut, sie zu suchen. Dabei hätte ich doch eigentlich meinen Weihnachtsbaum abbauen wollen/sollen, denn er verdeckt mein Bücherregal, just wo meine Dudensammlung steht. Freund Leisetöne bat mich kürzlich, darin etwas für ihn nachzuschauen. Am Samstag hat er sogar Schneebälle gegen mein Fenster geworfen, um mich leise zu erinnern. Bevor ich noch mehr meiner kostbaren Lebenszeit mit Suchen verplempere, haue ich den Text jetzt raus. Er war eigentlich gedacht als vorletzter Text für das Schreibprojekt des Wortmischers. Hier geht alles durcheinander – kein Wunder, bei den Haaren.

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