Schriftwissenschaft: Ypsilon – Der Scheidweg der Hyäne

„Ganz schön todesmutig“, sagte ich beim Aufwachen. Im Traum hatte jemand einer Hyäne ein Hundehalsband umgelegt und wollte sie spazieren führen. Ob das gelang oder ob sie ihn gebissen hat, weiß ich nicht. Ich erwachte und dachte: „Hyäne“ ist ein interessanter Fall der Orthographie. Der Buchstabe Ypsilon hat im Deutschen drei Lautwerte. In Wörtern wie Yacht oder Yoga entspricht Ypsilon dem Konsonanten „j“, bei Sylt oder Mythos dem Umlaut [Vokal] „ü.“ Am Wortende bei Party, Curry steht Ypsilon für „i“. Beim Wort Hyäne nun vereint Ypsilon zwei Lautwerte, ist Umlaut ü und Konsonant j .

Das über das Wort Hyäne, bei dem Y Konsonant und Vokal gleichzeitig ist. Bei der Gelegenheit etwas über den seltsamen Buchstaben Ypsilon: Y ist der 25. Buchstabe des lateinischen Alphabets, wurde von den Römern mit dem griechischen Alphabet übernommen, wo Y der 20. Buchstabe ist. Die Römer hängten Ypsilon im lateinischen Alphabet hinten an, weil sie dafür keinen Lautwert hatten. Ypsilon wurde nur benötigt, um griechische Namen im Lateinischen zu schreiben. Darüber hinaus war der Buchstabe Y ein beliebtes Symbol von der Antike bis ins 18. Jahrhundert: Der untere Stamm des Ypsilon symbolisiert die lautere und reine Kindheit, die Äste stellen die Gabelung des Lebensweges dar, an dem der Heranwachsende wählt, links den bequemen Weg des Lasters, rechts den steilen, steinigen Weg der Tugend.

Kartoffelstempel Ypsilon auf Scanner – Grafik: JvdL

In der Literatur hat das Ypsilon viele Namen: Der „bifurcata littera“, „littera Pythagorae“, „Libre arbitre“, „der Scheidweg des Herkules“ „die Kreuzwegsfigur des Pythagoras.“ Ich habe einige Belege aus der Literatur zusammengetragen:

Vergil (AENEIS, Sechster Gesang):

    „Hier ist der Ort, wo die Straße sich teilt in verschiedene Wege.
    Rechts, da zieht sie sich hin zum Palast des mächtigen Pluto,
    Führt auch zum Elysium hin; doch jene zur Linken
    Straft die Bösen mit Qual und führt zu des Tartarus Schrecken.“

Richard de Bury, Bischof von Durham, verwendet das christlich umgedeutete Bild in seinem berühmten Buch von der Bücherliebe, dem PHILOBIBLON (1344), in der ruhigen Gewissheit, dass die Leser seiner lateinisch verfassten Abhandlung die gelehrte Anspielung verstehen. In der Klage der Bücher gegen wohlbestallte Geistliche heißt es:

    „Soll aber die Gefahr der Jugend euch bezwingen, und ihr, wenn ihr zur Kreuzwegsfigur des Pythagoras gelangt, den linken Ast erwählen und rückwärts abirrend den aufgenommenen Weg des Herrn verlassen und ihr zu Diebsgenossen werden….“

– dann kann der gefallene Priester nur noch durch das Zeugnis der Bücher vor dem Galgen gerettet werden. (Aus der Übersetzung von Max Frensdorf).

200 Jahre später, das ganze auf gut Deutsch gesagt – Hans Sachs verdeutlicht Vergil:

    (dieser buchstabe) wirt ein ypsilon genandt.
    Virgilius der spricht (versteh!):
    dieser buchstab Pytagore
    ist oben zerspalten von weytten
    gleich wie zway hörner auff baid seyten,
    an zu schawen, sam zeig er, das
    menschlichs leben zwayerley strasz

Hans Sachs; der buchstab Pitagore Y, baiderley strasz, der tugent und der untugent (1534), (zitiert a. d. Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm).

Das Motiv zeigt sich auch versteckt in einem Schwank des 16. Jahrhunderts, „Ein Witziger folgt einem Narren“ [aus: Joseph Weigert, Deutsche Volksschwänke des sechzehnten Jahrhunderts, Kempten 1925.] Der linke Weg ist hier „der glatte Weg der Sünde“, der vom Leib (dem Narren) bevorzugt wird, während die gescheite Seele den rauhen, steinigen Weg wählen will. Der Schwank enthält eine Moral, dass nämlich die Seele nicht den Verlockungen des Leibes nachgeben dürfe, sonst droht beiden das Verderben. [Zum Vergrößern bitte klicken. Die Schwanksammlung ist unter dem Link zur UB Marburg online einzusehen. (Nachweis Archivalia]

Letztes Beispiel: Der Dichter Jean Paul (1763-1825) kannte „in Spaa einen Croupier“, der in seiner Jugend ein Strauchdieb gewesen war. Dieser Mann verkündete, „der Wind fänd‘ ihn längst am Galgen, wär‘ ihm nicht, da er auf dem Scheidweg des Herkules schon den linken Fuß auf den Höllenweg hingehalten hätte, auf dem Tugend- und Himmelswege der Genius der Tugend in Gestalt des Spiels entgegengeritten.“ (Jean Paul; Untertänigste Vorstellung unser, der sämtlichen Spieler und redenden Damen in Europa, entgegen und wider die Einführung der Kempelischen Spiel- und Sprachmaschinen)

Bis ins 18. Jahrhundert ist das Sinnbild des Ypsilons offenbar noch allgemein geläufig, aber die Vorstellung, die Jean Pauls Croupier von Tugend hat, ist schon ziemlich verwaschen. Richtig ist jedoch, dass Croupiers in der Regel nicht am Hals aufgehängt werden. Ansonsten müsste es frei nach Brecht heißen: Was ist das Ausrauben einer Bank gegen das Halten der Bank?

Ob die Hyäne meines Traums zugebissen hat, hängt davon ob, für welchen Scheidweg sie sich entschieden hat, Hund oder Bestie.
[Ypsilon: Aus Buchkultur im Abendrot]

Experiment gescheitert (U) – Acht Omas uzen einen Igel

Folge AFolge EFolge IFolge O – Folge U

Der Schwabe stieg ab und nahm seine Station ein. Bald entschwand er unseren Blicken. Wir fuhren weiter zur nächsten Station I.
„Bevor Sie gleich absteigen, verraten Sie mir bitte Ihren Namen, Herr I!“, sagte Madame Dobbelstein. „Ich möchte ich Sie ungern als I in Erinnerung behalten, denn I kennt man allgemein als Interjektion des Ekels. “

„Ich heiße Karl-Hermann Hutschkottenreuther-Dillbohner.“

„Himmel! Das habe ich nicht ahnen können. Mir Ihren Namen zu merken, wäre eine unverzeihliche Verschwendung geistiger Ressourcen, ihn auszusprechen verschlechtert unserer CO2-Bilanz. Da bleibe ich doch lieber bei I.“

„Zumal I als der mittlere Buchstabe der Vokalreihe etwas Besonderes ist“, sagte ich. „Das ist übrigens bei den Ogham-Runen anders. Da steht I am Schluss. Die Reihe geht so: A – O – U – E – I.“ Weil es konkurriert mit dem vertrauten A – E – I – O – U, habe ich mir einen Merksatz für die Vokalreihe der Ogham-Runen ausgedacht: ‚Acht Omas uzen einen Igel.‘ A – O – U – E – I.“

Madame Dobbelstein schnaubte: „Muss das jetzt sein, Herr Ley? Sie bringen Herrn I ganz durcheinander!“ Sie stoppte die Draisine, damit I absteigen konnte. Nun waren wir nur noch zu Dritt.

„Sie sind ja ein echter Volkalreihentheoretiker“, sagte Herr O hämisch, derweil die Draisine wieder anrollte. Eine gewisse Abneigung zwischen uns war nicht zu leugnen.

„Ein Grund, warum ich am Experiment teilnehmen will. Welchen Grund haben Sie, Herr O?“, fragte ich arglos.

„Ich überwache das Experiment im Auftrag der katholischen Glaubenskongregation.“

Du lieber Herr Gesangsverein, das ist doch der euphemistische Name der Inquisition. Plötzlich verstand ich, warum O und ich uns von Beginn an so herzlich unsympathisch waren. Ich sagte: „Herr Inquisitor! Ich bin Atheist und verachte alles, was Sie und ihresgleichen vertreten. Sie haben genug Leid über die Menschheit gebracht. ‚Überwachen‘ Sie nur in Ihrem Wahn, aber wagen Sie nicht, das Experiment zu sabotieren. Sie haben an Station A mein Megaphon zu Boden gestoßen. Glücklicherweise funktioniert es noch. Einen weiteren Übergriff werde ich zu verhindern wissen.“

Der Inquisitor war von der Heftigkeit meiner Worte überrascht und setzte zu seiner Verteidigung an: „Der heiligen katholischen Kirche missfällt die zunehmende Anrufung des Satans, also wenn aus Leichtfertigkeit, Übermut oder Bosheit allerorten rückwärts geredet wird.“

„Wir reden überhaupt nicht rückwärts. Jeder Einzelne von uns sagt nur einen Vokal auf.“

„Auf der Metaebene rufen Sie den Satan an.“

„Verstehe ich Sie richtig, Herr O, dass Sie etwas gegen das Experiment einzuwenden haben und es erst jetzt sagen?“, fragte Madame Dobbelstein wie leichthin. Der Hund ahnte wohl einen gefährlichen Unterton, fletschte die Zähne und begann zu knurren.

„Ach, seien Sie ganz still, Sie mit Ihrer Hexenkraft!“, sagte O heftig. „Sie wissen sicher, was die heilige Inquisition mit Ihresgleichen gemacht hat.

„Jetzt mäßigen Sie sich aber, Herr Inquisitor!“, sagte ich.

„Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Aufgabe in der Postenkette nicht korrekt ausführen wollen“, sagte Madame Dobbelstein. „Also muss ich Sie bitten, die Draisine unverzüglich zu verlassen.“

Wir hielten. Über die Ebene fegte ein unangenehmer Wind heran, der mich frösteln ließ. Der Hund hatte sich aufgerichtet und verfolgte aufmerksam, wie der dickliche O unbeholfen von der Plattform stieg. Ich widerstand der Versuchung, die Sache mit einem Tritt zu beschleunigen. Mit Genugtuung sah ich, wie O den Gleiskörper verließ und die Festigkeit der Ebene überschätzte. Seine Schuhe versanken in einer schlammigen Stelle und er warf einen verzweifelten Blick zum Himmel.

„Es bleibt uns keine Wahl, Herr Ley“, sagte Madame Dobbelstein. „Wir müssen tauschen. Sie übernehmen Station O und ich werde weiterfahren zu Ihrer Station U.“

Das war mir nun gar nicht recht, denn ich hatte mich innerlich die ganze Zeit schon mit U beschäftigt, hatte memoriert: ‚Dunkles, gruftdunkles U, samten wie Juninacht‘ und jetzt sollte ich mich auf O umstellen? Hoffentlich würde ich nichts falsch machen. Mein Einsatz ging schief, wie man weiß. Ich hörte noch das U von Madame Dobbelstein heranfliegen, dachte in der Aufregung, wieso U? Das ist doch mein Vokal, und rief so laut ich konnte „E“ ins Megaphon. Auf U folgt E oder nicht? „Acht Omas uzen einen Igel.“

Epilog: Die Handlung und die handelnden Personen sind erfunden, aber alles zur Alphabetmystik und zu den Vokalen ist wissenschaftlich belegt. LeserInnen aus Österreich wissen, dass die Vokalreihe AEIOU auch ein Motto ihres Landes ist. Interessierte können alles nachlesen in: Buchkultur im Abendrot.

Noch etwas: Da ich kein Schwäbisch kann, habe ich ein Online-Übersetzungs-Tool Deutsch-Schwäbisch genutzt. Inzwischen wurde mir von einer kundigen Mundartsprecherin mitgeteilt, dass die schwäbischen Passagen „unverständliches pseudoschwäbisches Zeug“ seien, und sie war so freundlich, alles zu korrigieren. Ich habe die Korrekturen eingearbeitet.

Vergessene Arbeit

Immer öfter passiert es, dass ich an einem Text arbeite, ihn nicht fertigstelle, abspeichere – und vergesse. Wenn ich nicht zufällig darüber stolpere, schlummert der Text auf immer in den Tiefen meiner Datenbank. Als ich am Manuskript von „Buchkultur im Abendrot“ arbeitete, habe ich abschließend das Literaturverzeichnis von Karteikarten abgetippt, ohne zu merken, dass ich das schon einmal getan habe. Kürzlich fand ich bei meinen Dateien einen Ordner „Diskette“ und darin eben dieses Literaturverzeichnis geschrieben im Jahr 1999 mit der Schreibsoftware „Letter Perfect“, Suffix lpf.

Das Besondere dieser Fassung: Sie ist kommentiert. Denn auf den Karteikarten befinden sich nicht nur die bibliographischen Angaben zu verwendeten Büchern, sondern auch Bemerkungen zu den Autoren und eine Beschreibung der Inhalte. Etwa zwei Tage verbrachte ich damit, die Letter-Perfect-Steuerzeichen aus der Datei zu entfernen. Vielleicht kann Word von Microsoft noch LPF-Dateien lesen. Mein Open Office Writer stellt die Datei dar, wie der Screen Shot zeigt, hatte ursprünglich über 400 Seiten, wobei die Steuerzeichen, die als Leerseiten interpretiert wurden, je Leerseite anders lauteten, so dass hier die Suchen-Ersetzen-Funktion nicht half, sondern alle manuell getilgt werden mussten. Die fehlende Abwärtskompatibilität neuer Software ist auch ein Problem unserer Tage. Das gereinigte Ergebnis hat 31 Seiten und sieht beispielweise so aus:

    Agrippa von Nettesheim 1531/1533: Die Eitelkeit und Unsicherheit
    der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift; Hg. von Fritz Mauthner, München 1913

    Agrippas skeptisches Hauptwerk, in dem er sich gegen die Wissenschaft, den Aberglauben, die Magie, den Adel und die Kirche wendet und gleichsam alles widerruft, was er in seinen vorherigen Schriften verbreitet hat, die er seltsamerweise etwa zeitgleich wiederauflegen ließ. Das Buch ist fein gestaltet von Paul Renner und von Fritz Mauthner erhellend eingeleitet und kommentiert. Dem Text liegt eine anonyme deutsche Übersetzung aus dem Lateinischen von 1713 zu Grunde. Mauthner hat die hier fehlenden Passagen nachgetragen und, wie er sagt, die gröbsten Sinnentstellungen und Fehler der alten Übersetzung getilgt.

    Aicher, Otl / Krampen, Martin 1977: Zeichensysteme der visuellen Kommunikation, Stuttgart
    Otl Aicher erfand die heute weltweit verbreiteten Sportpiktogramme (erstmals für die Olympischen Spiele 1972 in München) und prägte später das Erscheinungsbild des ZDF entscheidend. Von ihm stammt auch die ZDF-Hausschrift. Zusammen mit dem Kommunikationswissenschaftler Krampen hat er hier eine Dokumentation und Bestandsaufnahme heutiger nonverbaler Zeichensysteme vorgelegt.

    Andersch, Alfred 1977: Der Buddha mit der Schmetterlingskrawatte, in: Öffentlicher Brief an einen sowjetischen Schriftsteller…, Reportagen und Aufsätze, S. 163-165, Zürich
    Gemeint ist der Buchkünstler und Typograph Jan Tschichold, der lange Zeit Andersch‘ Nachbar war.

    Arntz, Helmut 1944: Handbuch der Runenkunde, 2. Auflage, Halle/Saale
    Trotz der Entstehungszeit keine nationalsozialistisch gefärbte Behandlung des Themas. Wie rührt mich das Vorwort, in dem der staunende Leser erfährt, dass diese 2. Auflage „im Felde“ in „Einsatzpausen“ und im Heimatlazarett“ geschrieben wurde. Seit der 1. Auflage habe er „fünf Jahre über diese Fragen arbeiten können und, was vielleicht entscheidender ist, vier Jahre im Felde über sie nachgedacht. Früh beginnen die Winternächte im Osten, in der Kalmückensteppe versank bald nach Mittag die Sonne und mit ihr der Tag, und in dem langen Sinnen ward vieles unsicher, was einst sicher schien. Alte, immer wieder nachgesprochene Ansichten sind nun aufgegeben. was aber aus der neuen Durchdringung des Stoffes entstanden ist, ergibt ein geschlossenes und darum einfaches Bild – möge die Wahrheit auch hier das Einfache sein.“

    Arntz, Helmut 1935: Das Ogom, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache u. Literatur, Bd. 59, Halle, Reprint New York London 1971, S. 321-413
    Einzigartige umfassende Arbeit über das geheimnisvolle keltische Runensystem, in gemäßigter Kleinschreibung gedruckt.

    Assmann, A. u. J./ Hardmeier, Chr. (Hg.) 1983: Schrift und Gedächtnis. Archäologie der literarischen Kommunikation, München

    Arbeiten zur kulturellen Bedeutung von Oralität und Literalität.

In einer bald erstellten Neuauflage von „Buchkultur im Abendrot“ wird die komplette Kommentierung der Bibliographie zu finden sein. Ich muss die Datei aber noch einpflegen.

Technikmuseum – Die Karteikarte

Das deutsche Verb „verzetteln“ ist vorwiegend negativ konnotiert und bedeutet den Überblick / die Übersicht verlieren; mehrere Sachen anfangen und dabei durcheinander geraten. Verzetteln ist aber auch ein Verfahren, Wissen zusammenzutragen und zu ordnen. Der deutsche Schriftsteller Jean Paul gilt als Vater der Zettelkastentechnik, hat in seinem Leben 12.000 Seiten an Exzerpten zusammengetragen. Allein sein Register dazu hat 2000 Seiten mit Schlagworten.

Bitte festhalten! Wir machen einen Zeitsprung ins Jahr 1979. Ich will einen Ritter zeichnen (Bild rechts) und brauche Anschauungs- material. Nachdem ich erfolglos meine Büchersammlung inspiziert habe, suchen wir die alte Aachener Stadtbibliothek auf. Wir dürfen auf der ersten Etage nur einen Katalograum betreten. In der Kartei suche ich nach Büchern, von denen ich hoffe, dass sie Abbildungen von Rittern enthalten und fülle fünf Bestellzettel aus. Ein städtischer Angestellter in Livree nimmt die Bestellzettel an und bescheidet, dass die Bücher in zwei Stunden bereitliegen werden.

Schlagwortkatalog einer Universitätsbibliothek – Foto: Dr. Marcus Gossler (Wikipedia) (Größer klicken)

Bis Mitte der 1980-Jahre war die Literaturrecherche in der Aachener Universitätsbibliothek noch genauso zeitraubend organisiert. Man füllte Bestellzettel aus und wartete, dass die Bücher aus dem Depot per Aufzug nach oben kamen. Meist bekam man nur einen Teil der gewünschten Bücher. Manche Bücher waren vorhanden, konnten aber nicht gefunden werden, weil sie verstellt waren. Dann gabs Nullzettel. Ein Jahr versuchte ich Wilhelm Wattenbach, Das Schriftwesen im Mittelalter auszuleihen. Aus den Nullzetteln hätte ich mir ein Büchlein binden können: „Das Bibliothekswesen Ende des 20. Jahrhunderts.“

Weil er die Karteikarten versehentlich vor- und rückseitig beschrieben hatte, habe er ein geplantes Buch nie geschrieben, berichtet der Linguist Harald Weinrich – leider zu spät. Da war mir schon derselbe Fehler unterlaufen. Es ist mühsam, die Übersicht über ausgelegte Karteikarten zu behalten, wenn auch Wichtiges auf Rückseiten steht.

Ausgelagertes Gedächtnis – Kartei zum Thema Schrift – Foto: JvdL (zum Vergrößern klicken)

Die Karteikarte, meist im Format 105 * 148 mm, etwa 180 Gramm/qm Karton, liniert oder blanko – Das obige Foto zeigt meine Kartei zum Thema „Schrift und Verwandtes.“ Ich habe sie von Mitte der 1980-er Jahre bis in die 1990-er Jahre hinein angelegt. Zu diesem Zweck habe ich jede freie Minute in den großen Aachener Bibliotheken, der TH-Bibliothek, der Diozösanbibliothek und der Stadtbibliothek, verbracht. Mein Ziel war, ein interdisziplinäres Werk über Schrift zu verfassen, weil ich festgestellt hatte, dass die verschiedenen Fachdisziplinen, die sich mit Schrift beschäftigen, wenig voneinander wissen. Viele Jahre ruhte die Arbeit, weil ich anderweitig zu eingespannt war. Ab 2005 habe ich angefangen, einiges niederzuschreiben, unter Berücksichtigung aktueller Entwicklungen. Erste Ergebnisse sind Blogbeiträge in der Rubrik Sprache, Schrift Medien und mein Werk „Buchkultur im Abendrot“, übrigens ein lohnendes Weihnachtsgeschenk.

Unterstützt von meinen Söhnen bin ich jetzt dabei, die Kartei zu digitalisieren, zuerst jede Karte zu scannen, dann zu verschlagworten und in einen digitalen Zettelkasten einzuordnen. Ich bin sicher, noch manches zu finden, worüber sich zu schreiben lohnt. Ob Vor- oder Rückseite ist dabei unerheblich, und die zeitraubende Suche entfällt. Die Karteikarte hat dann ausgedient.

Arthur Koestlers Klopfzeichen

Während meiner Recherchen zur Schrift- und Buchkultur machte mich ein Kollege auf Arthur Koestlers deprimierenden Roman „Sonnenfinsternis“ aufmerksam. Darin beschreibt Koestler ein Klopfzeichen-Alphabet, mit dem sich Gefängnisinsassen trotz Isolationshaft verständigen können. Koestlers dystopischer Roman ist eine Abrechnung mit den stalinistischen Säuberungen, obwohl die Sowjetunion als Handlungsort nicht genannt wird. Als Mitglied der KPD sah er sich ähnlich wie sein Freund George Orwell vom Kommunismus enttäuscht.

Inhaftiert war Koestler jedoch nicht in der Sowjetunion, sondern in Spanien. Er war als Kriegsberichterstatter im spanischen Bürgerkrieg von Francos Truppen gefangen genommen und wegen Spionage zum Tode verurteilt worden. Das Klopfzeichenalphabet hat er vermutlich in seiner Isolierhaft kennengelernt.

Koestlers Klopfzeichenalphabet, aufgezeichnet von JvdL

Die 25 Zeichen unseres Alphabets (J fehlt, das I dient als Halbvokal ) sind in fünf Gruppen zu je fünf Zeichen eingeteilt. Das jeweils erste Klopfzeichen gibt die Reihe an, das zweite die Spalte. Wir werden hoffentlich nie in die Verlegenheit kommen, Koestlers Klopfzeichen benutzen zu müssen. Aber um geheime Botschaften auszutauschen, ließe sich das Verfahren auch auf Handzeichen übertragen, linke Hand: Reihe, rechte Hand: Spalte. Ähnlich lassen sich auch die Ogham-Runen nutzen. Das wäre dann eine gute Verschlüsselung.

Acht Tage hingekritzelt

01.08.2017 – Begegnung im Zug
Im Zug saß mir eine sehr traurige junge Frau gegenüber. Sie war im Ruhrgebiet eingestiegen und hatte sich gleich in die Fensterecke geknüllt. Meistens schlief sie. Da stand etwas in weißer Schreibschrift auf ihrem schwarzen T-Shirt, verdeckt von bunten Zöpfchen und einer Strickjacke. Ich wollte wissen, was da stand. Bevor es unschicklich wurde, konnte ich drei Wörter lesen. Den Rest habe ich ergoogelt. Es war ein Zitat von Sophie Scholl: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt!“

02.08.2017 – Evolution
Im ICE ein junger Mann vom Servicepersonal, der den Kaffee rundbrachte. Er hatte vom immer wieder Hinunterbeugen zu sitzenden Bahnkunden so einen prächtig runden Dienerrücken, wie es gewiss ein evolutionärer Vorteil ist in einer Dienstleistungsgesellschaft. Der Buckel wird sich hoffentlich vererben.

03.08.2017 – Traumkritik
Total langweilig geträumt, so dass ich im Traum dachte, das ist der GAU, meinen Träumen geht die Phantasie aus.

04.08.2017 – Lob der Fensterscheibe

Derweil ich im Marktcafé am Fenster meine Suppe löffle, gucke ich auf drei Leute, zwei Männer eine Frau, die sich angeregt unterhalten. Zum Glück kann ich nicht Lippenlesen, sonst hätte ich nie Ruhe.

05.08.2017 – Perfekte Krümmung

Im Marktcafé gibt es zwei Sorten Löffel. Eine davon passt exakt in das Rund der Suppenschüssel, so dass man mit ihm bequem an der Innenwandung entlang schaben kann. Wer das berechnet hat, bei dem hat sich das Mathematikstudium echt gelohnt. Andererseits, „Ich berechne die Krümmung von Suppenlöffeln“, was ist das für ein Beruf?

06.08.2017 – Wo ist Ann?
Blogfreundin Ann (Sternchen) hat offenbar ihr Blog gelöscht und ist zu meinem Bedauern sang- und klanglos verschwunden. Sehr schade.

07.08.2017 – Große Enttäuschung
Eine Gruppe Touristen vor dem Café K. Die Stadtführerin verkündet: „Und es gibt auch keine Himbeertorte!“ Im Vorbeifahren höre ich ein vielstimmiges enttäuschtes „Ooch!“ und einen Mann rufen: „Was ist denn JETZT passiert?!“ Eine Welt bricht zusammen.

08.08.2017 – Ausgeräumte Schriftmythen

Erfreut stelle ich fest, dass nach Blogfreund Lo noch jemand für „Buchkultur im Abendrot“ eine Rezension geschrieben hat.
„[..] Zu fast allen Fakten der Schriftgeschichte streut der Verfasser neben dem anschaulich dargestellten Basiswissen kuriose Details ein, womit das Werk spielerisch über ein Basiswissen hinausgeht. „Selbst beim Fachpublikum dürfte hier mit manchen Schriftmythen und -irrtümern aufgeräumt werden.“ Feinfein!