Forschungsreise Rheinland (2) – Bonner Geschichte

„Man glaubt es nicht“, sagt die Frau hinter mir, “wenn das alles stimmt, was in dem Buch steht, dann ist die ganze Politik eine einzige Korruption, bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht. Wenn da ein Staatsanwalt anfängt zu ermitteln, wird der sofort von seinem Fall abgezogen.“ (Entschuldigung, kleine Panne: Falscher Notizzettel. Die Worte hörte ich nicht im Bonner Haus der deutschen Geschichte, sondern irgendwann in einem Café. Und nochmals Pardon: Die Erklärung ist so ausführlich geraten, damit der Text so hoch ist wie das Kategoriebild, was natürlich nur auf einem Computerbildschirm passt, nicht auf Tablet oder Smartphone. Als Typograf ignoriere ich gern die Ortlosigkeit der digitalen Schrift.)

Obwohl wir natürlich nicht wissen, was da alles im ungenannten Buch enthüllt worden ist, Buch und Frau schon längst im Orkus des Vergessens verschwunden sind, geben ihre Worte auf dem falschen Notizzettel einen wichtigen Fingerzeig zur Beurteilung einer positivistischen Ausstellung, wie sie im Bonner „Haus der deutschen Geschichte“ präsentiert wird. Zu sehen ist die Oberfläche: der Salonwagen auf einem Abstellgleis, mit dem die Bundeskanzler von Adenauer bis Brand durch die Republik geschaukelt sind und natürlich ein schwarzes Bakelit-Telefon mit Wählscheibe zur Hand hatten.

Ich setze mich auch in eine enge Hinterbank des Bonner Plenarsaals, quetsche mir beim Hinsetzen den Oberschenkel und spüre genau, dass der sprichwörtliche Hinterbänkler ein hartes Los hatte, auch wenn er sich geschickter in die Bank gedrückt hat als ich. Wenigstens das sollte er gekonnt haben. Im Pult vor sich hatte er wie alle Abgeordnete vier Tasten für Abstimmungen, doch wie und warum abgestimmt wurde, von den Vorgängen hinter den Kulissen, der Kungelei in den Fraktionen, den inzwischen aktenkundigen Bestechungen wie etwa beim gescheiterten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt, von den Einflüssen durch Lobbyisten auf politische Entscheidungen erfährt der staunende Betrachter nichts, wie uns ja auch heute nur die offizielle Lesart präsentiert wird und unsere Medien sich brav zu regierungsamtlichen Verlautbarungsorganen herabgestuft haben.

Trotzdem lohnt sich der Besuch, der Fülle von Artefakten wegen, die Auskunft geben darüber, was mal ganz nomales Leben war. Die Rückschau zeigt die Plastizität des Normalen, dass nämlich das scheinbar alltäglich Festgefügte im ständigen Wandel ist, der sich an den Ecken und Rändern vollzieht und deshalb kaum wahrgenommen wird. Es gehörten zu diesen versunkenen Zeiten andere Menschen. Noch in den 1980-er Jahren wollten sie sich nicht zählen lassen und hätten die medial gefeierte Corona-Tracking-App unserer fürsorglichen Bundesregierung in die Tonne getreten.

Nebenher: Wer sich über die Rechten und Neonazis in deutschen Parlamenten beunruhigt, die eine solche App hoffentlich nie in die Hände bekommen, damals saßen unsere Parlamente voller Altnazis. Mit Kurt Georg Kiesinger war sogar ein Blockwart der NSDAP Bundeskanzler, vom KZ-Bauten-Planer Heinrich Bundespräsident Lübke ganz zu schweigen. Dass die alten Nazis inzwischen glücklich verröchelt sind, beruhigt natürlich nicht wirklich, denn Seilschaften und Netzwerke sind beständiger als die Personen. Ehemalige Nazis saßen auch in den Redaktionen der Zeitungen.

In der Ausstellung halte ich die erste Ausgabe der Aachner Nachrichten in Händen. Sie hat vier Seiten. Aachen als westlichste deutsche Großstadt hatte mit den Aachener Nachrichten am 24. Januar 1945 das erste freie Publikationsorgan, lizensiert von den Allierten. Nach dem endgültigen Zusammenbruch des 3. Reiches schufen die westlichen Alliierten in ihrem Einflussbereich eine Presselandschaft, mit der sie ein Mindestmaß an Meinungsvielfalt sichern wollten, indem sie in den Städten und Regionen je eine rechtskonservative und eine linksliberale Zeitung ins Leben riefen. So wurde den von der Nazi-Propaganda geistig und moralisch paralysierten Deutschen eine Ahnung von Meinungsvielfalt beigebracht. Leider ist das Konzept in unserer Zeit durch Verlagsfusionen, Blatteinstellungen und Redaktionsnetzwerke verloren gegangen. Mehr zum Wesen und Unwesen unserer Medien bietet folgender Auszug aus meinem Buch Buchkultur im Abendrot:

Exkurs Medien von der frühen Bundesrepublik bis heute Weiterlesen

Forschungsreise Rheinland (1) – Pommes in Bonn

Niemand fährt nach Bonn, um Pommes Frites zu essen. Trotzdem befällt mich dort ein unbändiger Pommeshunger. Leider finden wir nur McDonalds, wo ein junger Mann, Typ „Hauptschulabschluss nicht geschafft“, in seinem Element ist. Er darf die Masken kontrollieren, Meldezettel ausgeben und Plätze zuweisen. Mit geschultem Blick erkennt er mein Befremden angesichts dreier Bestellbildschirme und befindet: „Ältere Herrschaften mögen ja nicht am Tuch-Screen bestellen. Sie dürfen durchgehen zur Bestelltheke.“ Anschließend weist er uns großzügig einen Platz „in der Spiele-Ecke“ zu, wo „ältere Herrschaften“ wohl am besten hinpassen. Die Spielgeräte sind vorsorglich gesperrt.

Seit wann es Fastfood gebe, will beim Abendessen unser junger Gastgeber wissen. Staunend erfahren die jungen Leute, dass es in der Republik tatsächlich mal eine Zeit ohne Fastfood gegeben hat. Ich erinnere mich, wie im Jahr 1961 erstmals von einer Pommes-Bude am Freibad unserer Kreisstadt geredet wurde. Damals hat sich mir unbefangenem Kind nicht erschlossen, was damit gewonnen wäre, Bratkartoffeln für unterwegs zu kaufen. Nach dem ersten Kauf war ich enttäuscht vom laffen Geschmack, der erst durch den Klacks Majonäse aufgehübscht wurde. Anfang der 1970-er Jahre tauchte in den Städten erstmals die Hamburger-Kette „Wimpy“ auf. Sie wurde aber bald von anderen Ketten mit besser konfektionierten Hamburgern verdrängt. Aus McDonalds verdrängt man offenbar das Verkaufspersonal. Kunden dürfen sich zukünftig mit frigiden Automaten herumschlagen. Trotzdem ein hoffnungsfroher Anfang. Dann müssen die nur noch Automaten bauen, die den Fastfood-Dreck unbeschadet fressen können.

Aachener Automatenschicksal: „cabot“ (kaputt) – Foto: JvdL – größer: Klicken

Dass auch Automaten ein Alterungsproblem haben, erfahren wir Tage später in Aachen. Die Bildschirme der Fahrschein-Automaten der Aachener Verkehrsbetriebe (ASEAG) sind allesamt tot. Wir halten das für eine der widersinnigen Corona-Schutz-Maßnahmen, wie ja auch am Vatertag nur Bollerwagen erlaubt waren, denen man das vierte Rad blockiert hat. Eine Frau in der ASEAG-Fahrkarten-Verkaufsstelle teilt uns mit, dass die Automaten schon vor Corona abgestellt worden sind:
„Die sind esu alt, dafür jibt et keine Ersatzteile mehr.“ Doch in Aachen sind wir noch lange nicht.
Fazit Bonn: Wäre ich König von Deutschland, würde ich im schönen Bonn residieren, nicht im überschätzten Berlin.

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