Bodensee-Kursplitter IX

Jugend in der Unterwelt
In der vierten Woche, von Dienstag bis Dienstag werde ich unbegleitet sein. Die Schwäbin meines Herzens reist nach drei Wochen Kur weiter zum Verwandtenbesuch in die Schweiz. Am Pfingstmontag müssen wir ihr Mietfahrrad abgeben. Weil der Radolfzeller Fahrradladen geschlossen hat, sollen wir das Rad in einer Tiefgarage abstellen. Radolfzell ist an diesem trüben Regentag wie ausgestorben. Leben gibt es nur in besagter Tiefgarage. In Ermangelung besserer Orte hat sich dort eine Gruppe Jugendlicher versammelt. Einer fährt kunstvolle Figuren mit seinem BMX-Rad, aus einer Ecke klingen neckisch die hellen Stimmen junger Mädchen. Dazwischen tönen brüchig-raue Stimmen junger Männer. Im Hall der Tiefgarage nicht genau zu verorten, sind das unwirklich-surreale Klänge. Ich bin froh, als wir dieses Schattenreich der Automobilhölle verlassen können.

Bahnfahrers Klagelied
In Deutschland mit mächtiger Automobilindustrie und Verkehrsministern, die schon Jahrzehnte im Hintern der Autolobby zu Hause sind, darf man sich über den desolaten Zustand der Bahn nicht wundern. Da haben Streckenstilllegungen Methode, denn wo kein Zug mehr fährt, müssen pro Haushalt ein, zwei oder mehr Autos her. Die Deutsche Bahn verballert Milliarden für aberwitzige Prestigeobjekte wie „Stuttgart 21.“ Das Geld fehlt überall, beim Erhalt des rollenden Materials und des Schienensystems. Im Grenzgebiet zur Schweiz trifft das Deutsche-Bahn-Elend auf die Philosophie der Pünktlichkeit der Schweizerische Bundesbahnen AG (SBB), schließlich baut man dort überwiegend Uhren.

„Querende Züge“
Auf der Hinfahrt nach Radolfzell sind wir in Singen in einen IC der SBB umgestiegen. Obwohl man von Singen nach Radolfzell spucken kann, fahren wir dort 45 Minuten Verspätung ein. Der Zug bleibt immer wieder auf der Strecke stehen und ein Schweizer Zugchef versorgt die Fahrgäste mit verzweifelten Erklärungsversuchen von „langsam vorausfahrenden“ und „querenden Zügen“, was immer das ist.

Ein Fahrer muss leiden
Jedenfalls langen wir in Radolfzell an, nachdem der Fahrer der Kurverwaltung bereits Feierabend hat. Er sitzt offenbar auf heißen Kohlen, fährt uns im halsbrecherischen Tempo zur Kurverwaltung und derweil wir einchecken unsere Koffer zur Unterkunft, steht wieder vorm Gebäude, um uns zu unseren Koffern zu bringen, bricht schier zusammen, als die Schwäbin zurück zur Rezeption eilt, weil sie ihre Tasche vergessen hat. Beim Ausstieg geben wir ihm sechs Euro Trinkgeld in die offene Hand. Er schaut nicht mal hin, und wirkt, als wollte er sich verächtlich in die Hand spucken. Wir sind unschuldig, schon gegen sieben Uhr in Hannover losgefahren: „Nimm den Rotz, Andreas Scheuer!“

Bodensee- Kursplitter VIII

Vom anderen Stern
Bei der Wassergymnastik betritt ein Mann mit gewaltigem Bauch die Schwimmhalle. Am Beckenrand stolziert die gertenschlanke Sportlehrerin und demonstriert mit selbstverliebter Perfektion die Übungen. Wir im Wasser können nur staunen über diese Selbstinszenierung in koboldartiger Überdrehtheit. Bauchmann und Sportlehrerin wie Wesen von verschiedenen Planeten.

Kleine Freuden
Am Yachthafen von Moos bei den dümpelnden Booten schön in der milden Abendsonne gesessen und Pizza Funghi gegessen. Dabei empfinde ich eine fast diebische Freude, das gesunde, fettreduzierte Abendessen in der Kur zu verpassen.

Der einzige Kunde
In Radolfzell öffnen die Geschäfte wieder. In einem Sportkaufhaus erstehe ich Laufschuhe. Der Seniorchef und eine Verkäuferin kümmern sich gut eine halbe Stunde darum, die richtigen Schuh für mich zu finden.

Rechts-Links-Schwäche
Weil ich die Kur um eine Woche verlängere, muss ich in ein anderes Zimmer umziehen. Es ist genau spiegelverkehrt zu meinem alten Zimmer. Die Umstellung fällt mir schwer, namentlich das Betreten der engen Dusche. In drei Wochen haben sich die Bewegungsabläufe anders herum eingeschliffen, dass mein inneres Ich nicht umlernen mag.

Handwerkskunst
Seitdem ich einst im eigenen Haus das Bad gefliest habe, interessiert mich an fremden Bädern die Arbeit des Fliesenlegers. Einmal nächtigte ich bei einer Radtour entlang der Ruhr in einem Hotel, das von Chinesen geführt wurde. Die Wirtin trug stets ein kleines Kind auf dem Arm. Beim Duschen erfasste mich das große Staunen. Das perfekt geflieste Bad war derart eng und klein, dass man sich nur nach gezielter Überlegung drehen oder wenden konnte und trotzdem überall aneckte. Hinfort zwängte ich mich nur nach gründlicher Planung in dieses Bad. Ich war sicher, dass die chinesische Wirtin, obschon dicker als ich, dieses Bad bis in den letzten Winkel putzen würde, und dabei hätte sie natürlich im linken Arm das kleine Kind. Auch hätte ich gerne den Installateur gesehen, der in dieser Enge alles sauber angebracht hatte. Diesem Mann hätte ich gerne die Hand geschüttelt.

Wenn das Herr Litfaß wüsste
Neben dem anzüglichen Inhalt und der kuriosen kontextualisierung der beiden Plakate zeigt sich bei der unteren Plakatwerbung eine Mehrfachkodierung des Vokals O.
(Litfaßsäule auf der Halbinsel Mettnau
Foto: JvdL
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Bodensee-Kursplitter VI

Alarm unterm Dach
Das Haus, in dem wir untergebracht sind, liegt direkt am See. Die Zimmer haben Balkon und Seeblick. Das Gebäude hat den Charme einer Jugendherberge und ist gedeckt mit gewellten Eternitplatten. Nah der Regenrinne nisten unter den halbrunden Enden der Platten offenbar Spatzen. Allmorgendlich landen dort fette Krähen und versuchen ein Frühstück zu räubern. Da erhebt sich ein wüstes Schimpfen in der Spatzenkolonie. Wo der Mensch ein Naturidyll erlebt, findet simultan ein ständiger Überlebenskampf statt.

Impf-Alpträume
Aus dem Vorhang staken türkisfarbene Hände, hat meine aparte Begleiterin nach der Impfung mit AstraZeneca geträumt. Ihr Nachbar berichtet von seiner Impfung mit AstraZeneca: Nach einem nächtlichen Toilettenbesuch hätten in seinem Bett zwei Kopfkissen gelegen. Ein Mann, der aussah wie er selbst, kam hinzu und legte sich neben ihn. Dann schrumpfte er zum Zwerg und sprang unermüdlich ums Bett. Aus der nahen Schweiz erreicht mich dieses Video:

Zwielaut spezial
Ich habe bei der Schwäbin meines Herzens festgestellt, wie sie den Diphthong (Zwielaut) „ei“ spricht, beispielsweise in „Schweiz.“ Hinter dem „ei“ erklingt immer noch ein einzelnes „i“, so dass es klingt „Schwei-iz.“ Versuche es und fühle dich wie ein halber Schwabe, eine halbe Schwäbin.

Kur statt Urlaub

„Im Lesebereich saß kein Geringener als Klaus Kleber“, sagt sie eines Morgens. Tatsächlich steht er bald darauf am Büfett. Meine Begleiterin findet ihn kleiner als er im Fernsehen wirkt. Ich höre ihn später auf der Terrasse reden. Ein alerter junger Türke hat ihn vereinnahmt, und Kleber gibt ihm Karrieretipps beim ZDF: „Du, ich finde klasse, dass du dich so interessierst.“
Die ihre Sätze mit dem kumpelhaften „Du“ beginnen, sind mir nicht geheuer.

Bodensee – Kursplitter V

Das Wetter wird gebracht
Nach dem heftigen Regen der Nacht ist im Kurpark das Kneippbecken randvoll. Zwei Arbeiter sind daran beschäftigt, haben den Gullydeckel zu einem Schacht geöffnet, woraus das Rauschen einer Pumpe zu hören ist. Ich frage im Vorbeikommen, was passiert ist. Die Pumpe spiele verrückt, sagt einer und geht mit mir weiter. Wie wohl das Wetter wird, frage ich. „Wenn des Weddr kommd, des sie brochd hend, hörd’s bald auf zu soicha“, sagte er. Gemeint ist wohl die im Fernsehen gebrachte Wettervorhersage.

Schwäbische Mediennutzung
„Em Fernseh wird ebbes brocht, em Radio au,
aber im Intenet und in der Schwäbische Zei-itung stohts.“

Oma bekommt Besuch
Ein kurdischer Masseur schildert mir eine Entwicklung: „Früher hatte Oma Geburtstag, und die ganze Familie fuhr mit einem Auto hin. Heute gleiche Oma, gleicher Geburtstag, die Familie fährt mit fünf Autos hin.“

Der Zeller See im Nebel – Foto: JvdL


Auf Schwaden starren
Sauwetter seit Tagen, Wind und Regen bei Temperaturen um 15 Grad. Der Zeller See ist allmorgendlich nebelverhangen. Über den jenseitigen Hügeln steigen Nebelschwaden auf. So kenne ich den Bodensee. Vor genau 56 Jahren bin ich als Jugendlicher schon einmal hier gewesen. Vier Freunde und ich radelten von Nettesheim eine Woche hin, eine Woche zurück. Eine Woche blieben wir am Bodensee und erlebten ihn fast nur im Regen. Auf der Hinfahrt durch den regenverhangenen Schwarzwald nächtigten wir in der Jugendherberge von Freudenstadt. Wir teilten uns die Dachstube mit zwei niederländischen Studenten. Indem der Regen aufs Dach prasselte, ein Freund eine Reportage über seine auf- und abschwellende Erektion gab, geschah meine politische Erweckung. Die Studenten klärten uns darüber auf, welches Unrecht der Vietnamkrieg war. Bis dahin hatte ich derlei nie gehört, hatte in einer Filterblase gelebt, denn in den Nachrichten von ARD und ZDF wurde es nicht ausgesprochen, auch die Neuß-Grevenbroicher Zeitung war voll auf US-Kurs gewesen. Jetzt verstand ich, warum zu Karneval in Köln die Jugendlichen „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!!“ skandiert hatten.

Nicht meine Schuld
Nach der missglückten Kahnpartie wasche ich meine verschlickten Sneakers am Badestrand und gehe Barfuß Richtung Unterkunft. Unterwegs raste ich auf einem Stein.Unzählig Tagesausflügler ziehen vorbei. Zwei türkische Jugendliche fragen, ob es wo was zu essen gibt. Wegen Corona hat auch das Restaurant am See geschlossen. „Hier gibt’s nichts.“
„Keinen Döner?“, wundern sich der eine.
„Auch keine Pommes?“, fragt der andere aggressiv.

Bodensee-Kursplitter III

Zwangsläufig 10.000 Schritte

Seit 30 Jahren mache sie das schon, sagt die Kellnerin, nachdem sie unser Mittagessen am Tisch serviert hat. Heute habe sie Rückenschmerzen. Das überrascht mich, denn ihr Schritt wirkt stets beschwingt, ob sie zwei Teller trägt oder ein schweres Tablett mit einem Stapel sauberer Tassen. Schon eine Weile habe ich beobachtet, wie schier unermüdlich das Personal schuftet, und das für zwei Schichten der Kurgäste dreimal am Tag. Keine macht einen Leergang, immer eilen alle, in die Küche, wieder heraus, quer durch den Saal. „Sie laufen schier acht Kilometer am Tag“, schätze ich. „Mehr“, sagt sie. „Eine Praktikantin hatte an ihrem Smartphone einen Schrittzähler, und da sind mehr als zehn Kilometer zusammen gekommen.“

Kacka!

Am Pfingstmontag zieht ein übler Geruch durch Foyer und Lesesaal. Die Zimtzicke kommt vorbei und ruft: „Jetzt riecht es auch noch nach Fäkalien! Was soll denn das?!“ Bald schon parkt ein Wagen der Kurverwaltung draußen, und zwei Arbeiter spülen einen Abflusskanal. Wenig später warte ich im Untergeschoss auf die Krankengymnastik (KG): Einige Physiotherapeuten und Sportlehrer arbeiten auch am Pfingstmontag. Ein Mann in Arbeitskleidung kommt die Treppe herab und verschwindet in einem „Betriebsraum.“ Das erinnert mich an H. G. Wells „Die Zeitmaschine.“ Sein Zeitreisender gerät in ferner Zukunft in eine Welt mit zwei menschlichen Rassen. Die kindlichen Eloy leben wohlversorgt in einer paradiesischen Welt, sind aber geistig degeneriert. Sie werden versorgt von den unterirdisch schuftenden Morlocks. In der Nacht kommen die Morlocks an die Oberfläche und holen sich eine(n) der Eloy, was die anderen Eloy nur gleichgültig registrieren. Wir Kurgäste sind wie die Eloy, das allzeit dienstbare Personal, das sind die Morlocks. Nur fressen die keinen der Kurgäste. Aber weiß man’s?

Kindliches

Tatsächlich attestiert mir meine aparte Begleiterin einen neuerdings kindlichen Witz. Das kam so: Sie hatte gesagt, mit meiner Kappe sehe ich aus wie Che Guevara. Da wir etwas abseits der zentralen Kureinrichtung untergebracht sind, haben wir uns Fahrräder gemietet und sprinten damit allmorgendlich um die Wette einen kleinen Anstieg hinauf. Als Siegprämie habe ich mir ausbedungen, sie müsse mich den ganzen Tag „El Commandante“ nennen.

Es geht auch ohne

Da ich den ganzen Tag auf den eigenen Körper konzentriert bin, höre ich auf zu denken. Bin nur noch Muskel und Magen.

Die letzte Stufe

„Kalt und grausam“ sei die Auflösung des Akronyms KG, sagt die Physiotherapeutin. Sie hat bei mir eine Gangunsicherheit beim Treppenabsteigen bemerkt, wohl ein Restsymptom des Schlaganfalls, übt mit mir sogar den Treppenabstieg, allerdings aus Sicherheitsgründen von der letzten Stufe. Die habe ich kürzlich übersehen. Das musste ja schiefgehen.

Collagieren geht noch

Was will ich denn am Bodensee?

kategorie surrealer-AlltagIch träumte, den Zug zu verpassen, obwohl ich schon mal gut drin gesessen hatte. Aus irgendeinem Grund war ich zusammen mit einem Koreaner in Köln ausgestiegen. Plötzlich fuhr der Zug wieder los. Ich sah noch die Türgriffe vorbeiziehen, und wenn der Koreaner nicht zu träge gewesen wäre, hätte ich danach greifen können. Er aber stand mir im Weg, und so zog der Zug immer schneller werdend an uns vorbei, und wir standen machtlos draußen und sahen hinterher. Ich tröstete mich, dass ich zumindest meine Geldbörse bei mir hatte und ging im Geist durch, was noch Unentbehrliches in meinem ohne mich wegfahrenden Gepäck wäre. Davon war alles verzichtbar. Wie aber sollte ich jetzt zum Bodensee kommen, genauer nach Lindau? Warum ich nach Lindau wollte, weiß ich nicht. Zum Bodeseee habe ich gar keinen Bezug. Als ich darüber nachdachte, fiel mir bloß ein, dass ich mal für das Format „Briefe an die Leser“ des satirischen Magazins Titanic an einen deutschen Ingenieur geschrieben habe. Dieser Mann hatte die grandiose Idee gehabt, die gesamte Menschheit im Bodensee zu versenken, und hatte ausgerechnet, dass der Seespiegel kaum ansteigen würde. Es mutet seltsam an, wenn sowas ein deutscher Ingenieur kaltherzig ausrechnet, wo doch die Deutschen die Ermordung von Millionen Menschen in Konzentrationslagern mit ingenieursmäßiger Effizienz betrieben haben. Hier die Kopie aus Titanic, von mir zusammengeschnitten.

JvdL in Titanic Nr.11, November 1998

JvdL in Titanic Nr.11, November 1998

Für das Format „Briefe an die Leser“ habe ich gut zehn Jahre geschrieben. Doch dann war mir zu mühsam geworden, mich mit all dem Mist zu beschäftigen, der einem aus den Medien zufliegt. Hinzu kam ein weiterer Aspekt. Als ich 2005 das Bloggen für mich entdeckte, wurde mir nach und nach die zentrale Schwäche der etablierten Medien klar. Denken in der Buchkultur wird von oben herab mitgeteilt. Massenmedien bestimmen, was gerade öffentlich diskutiert wird und geben die Weise vor, wie man darüber zu denken oder am Beispiel Titanic zu witzeln hat. Daraus hat sich ein grotesker Dünkel ergeben, von dem sich besonders Printjournalisten kaum befreien können. Den Journalisten und Dichter Thomas Gesella, in der Titanic-Redaktion lange Zeit verantwortlich für das Format „Briefe an die Leser“, schätze ich sehr. Nachdem ich angefangen hatte zu bloggen, schrieb er mir abschätzig: „Aber bloggen – wozu die Leute heute Zeit haben.“ Es ist kein Wunder, dass Blogs die schärfste Kritik von Printjournalisten bekommen. Es kränkt sie, dass Blogger sich der geistigen Kontrolle entziehen. Jeder Blogger ist nämlich sein eigener Redakteur. Das bringt eine größere Verantwortung mit sich als manche Blogger denken, Verantwortung für den Sprachstil, für Grammatik und Orthographie sowie für sachliche Richtigkeit und Relevanz der behandelten Inhalte. (Ich gebe zu, den letzten Aspekt muss man in einem privaten Blog nicht unbedingt beachten.)

Welche Relevanz hat schon, dass ich geträumt habe, den Zug nach Lindau zu verpassen? Aber falls dann hier doch ein gewisser Koreaner mitliest: Könnten Sie sich beim nächsten Mal bitte etwas bellen beeilen oder einfach zur Seite treten? Jetzt werde ich nie erfahren, was ich in Lindau wollte.