Nachtwanderung (3) – Aus Unwissenheit kam Quatsch

Was du drüben siehst, so dicht von den schwarzen Kastanien umstanden, ist der Nettesheimer Lommertzhof. Die Familien der Gutshöfe im Rheinland sind alle miteinander verwandt. Sie bilden ein heimliches Netzwerk. Übrigens soll der Humanist und Universalist Agrippa angeblich in Nettesheim geboren sein. Weiß ich – oder ich habs mir ausgedacht. Aufgewachsen ist er vermutlich in Köln, denn sein Vater war Stadtpatrizier. Agrippa von Nettesheim war für kurze Zeit der Schüler des historischen Trithemius, wusstest du das? Beiden wurde nachgesagt, dass sie sich dunklen Mächten verschrieben hatten. Es ist ein Wunder, dass Agrippa nicht auf dem Scheiterhaufen endete. Wer zu seiner Zeit Wissenschaft betrieb, konnte sich rasch die Feindschaft der Kirche zuziehen. Agrippa kannte sich in vielen Wissenschaften aus, auch in den okkulten, die er jedoch in einem Buch als eitlen Unsinn entlarvte. Trotzdem hieß es, er sei stets von einem schwarzen Hund begleitet gewesen, der nach seinem Tod verschwand.

Der Glaube an magische Kräfte ist in allen Menschen, meinst du nicht? Weshalb ja auch alle Völker eine Religion haben. Als Kind spürt man die Magie der Welt. Später regt sich der Verstand und beginnt zu fragen, kritisch zu bewerten und manches abzutun. Das mittelalterliche Schwanken zwischen nüchterner Betrachtung und magischer Weltsicht haben wir zum Glück hinter uns. Doch bahnt man sich zum Beispiel im Finstern den Weg über einen alten Bahndamm und da raschelt etwas im Gebüsch, dann gerät man leicht ins Zittern, denn der kritische Verstand ist nur ein dünner Mantel.

So friedlich wie das Dorf da liegt, morgen vor 80 Jahren hätte man nicht da sein wollen. Vor allem hätte ich nicht sehen wollen, wer von den Leuten, die ich kannte, in der Progromnacht im Wahnwitz die jüdische Synagoge angezündet hat. Wir könnten sie von hier aus brennen sehen. Als ich Kind war, stand die Ruine noch. Unheimlich mit ihren schwarz verbrannten Fensterhöhlen. Es wurde nie darüber gesprochen, wer in dieser schrecklichen Nacht beteiligt gewesen ist. Auch über die ermordeten jüdischen Familien wurde nicht gesprochen. Die Dorfgemeinschaft hat sich starr gemacht gegen die Verbrechen aus ihrer Mitte. So gut hat man dicht gehalten, dass wir gar nichts wussten, auch nicht, als wir unsere Dorfzeitung „Volkspost“ gemacht haben. Man kann erst jetzt darüber sprechen, weil die Akteure verröchelt sind.

Kürzlich, pass auf, dass du dir nicht den Fuß vertrittst, hier ist ne Senke, also kürzlich hat mich mein Jugendfreund Fritz besucht, mit dem ich die Volkspost gemacht habe. Er hat mitgebracht, was sein Vater getreulich gesammelt und aufbewahrt hat, auch meine Abspaltung von der Volkspost, „Dampfdruck.“ Ich blätterte in unseren alten Heften und sagte zu Fritz: „O, Gott, ich habe ja damals nur Quatsch geschrieben.“ Und er als guter Freund: „Du warst der einzige von uns, der das konnte.“ „Aber mehr auch nicht“, habe ich gesagt, „da war mehr Wollen als Können.“ Ich war der einzige von fünf Freunden, der nicht zum Gymnasium ging, sondern eine handwerkliche Lehre machte. Wenn wir zusammen unterwegs waren und trafen unseren alten Lehrer, hat er sich immer danach erkundigt, wie es bei denen in der Schule läuft. Mich hat der nie was gefragt. Das fand ich verletzend. Als ich dann 10 Jahre später Lehrer war, lud er mich zum Essen ein, von wegen „Herr Kollege“ und so. Ich habe dankend abgelehnt und gedacht: „Blos mich jett, jetzt brauche ich das auch nicht mehr!“

Folge 4

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Nachtwanderung (2) – Nordwärts zwischen Pappelreihen

Da grummelt der Coster nur, er wär ja eigentlich längst tot und so und hätte das hier überhaupt nicht nötig als Geist. Der Weg bessert sich, wenn dir das ein Trost ist. Guckt mal, selbst in der Dunkelheit kann man noch erkennen, dass der Bahndamm ursprünglich mit zwei parallelen Reihen Pappeln bepflanzt war. Inzwischen sind die Pappeln mächtig gewachsen und umringt von anderen Pflanzen, der freie Raum wurde von Streunern erobert, die sich selbst eingeladen haben. Birke, Holunder, Brombeere und wie sie alle heißen bilden mit alten und jungen Pappeln die Lebensgemeinschaft vom Strategischen Bahndamm.

Ob die alten Pappeln sich je so richtig wohl gefühlt haben? Man hat sie ja einfach hier ausgesetzt, ohne sie zu fragen, ob sie einen Bahndamm bekrönen wollen, wo der Wind noch heftiger geht als über den Äckern. In jedem Fall sind ihre Nachkommen dem Leben auf dem Bahndamm schon besser angepasst, und am wohlsten fühlen sich die Abkömmlinge der Abkömmlinge des rasch wachsenden Kleinzeugs. Der Bahndamm sollte ja einmal eine Kommunikationslinie für den Austausch von Kriegsgütern werden. Jetzt ist er eine Kommunikationslinie für die Weitergabe von genetischen Informationen.

Hättest mir ruhig glauben können, dass unser Weg über den Strategischen Bahndamm bald besser wird. Das ist natürlich aus menschlicher Sicht geurteilt oder aus Sicht deiner Füße, die ja für holprigen Pfad und Brombeerranken nicht gemacht sind. Was wohl die Brombeere daran findet, aller Welt den Weg mit Dornen zu verlegen. Das ist doch keine Art. So mühsam der Weg am Anfang war, so leicht kommen wir jetzt voran. Ich will dich auch nicht mehr mit philosophischen Erwägungen quälen, die ja auch irgendwie Dornenranken und Fallgruben sind. Man findet kaum heraus aus Fragen höherer Ordnung, egal wie man sich müht. Irgendwann ist es praktischer, sich mit irgendeiner Interpretation der Welt zufrieden zu geben, denn man will ja vorankommen und sich nicht dauernd in Grundfragen des Daseins verheddern. Dort vorne lichtet sich das Dickicht ein wenig. Da führt eine Brücke über den Gillbach. Du hörst ihn plätschern. Der Gillbach fließt immer kräftig dahin. Er entwässert das Tal, aber das meiste Wasser bekommt er von RWE, was die als Grundwasser aus dem Tagebau Niederaußem abpumpen. Von hier aus ist unser Pfad zwischen den Pappeln deutlich zu ertasten. Jetzt kommen wir rascher voran.

Drüben ragt der Kirchturm von Nettesheim in den hochbewölkten Nachthimmel. Wir sehen ihn gleich noch etwas besser, wenn das Gehöft mit seinen mächtigen Kastanien unseren Ausblick nicht mehr verstellt. Es ist verständlich, dass die Bauern sich einst um einen Kirchturm geschart haben. Sie hatten wenig Zeit, sich den Weltenbau selbst zu erklären und ihre Werte allein zu bestimmen. Da ist der Anschluss an eine Religion ganz praktisch. Aber man darf sie nicht fanatisch als die einzig Richtige ansehen.

Folge 3 [21:25 Uhr]

Digitale Nachtwanderung (1) – Auf zum Strategischen Bahndamm

Unglaublich, wie viel Laub auf den Straßen liegt. Ich habe gelesen, dass die Erde sich schneller dreht, wenn das ganze Laub von den Bäumen heruntergesegelt ist und am Boden pappt. Dann liegt es näher an der Erdachse, und die Rotation beschleunigt sich um ein paar Nanosekunden, hat man an der Bonner Universität errechnet. Glaubst du das? Wenn das so ist, müsste sich die Erde viel schneller gedreht haben, bevor Flugzeuge erfunden wurden. Derzeit sind geschätzt täglich 10 Millionen Menschen in der Luft, ganz zu schweigen von den Flugzeugen. Wenn der Mensch abhebt, dreht die Erde sich langsamer. Also dauert eine Sekunde heute länger als noch vor 100 Jahren. Die Zeiten ändern sich, also die Zeit ändert sich. Wir glauben nur, dass sie immer gleich abläuft, weil wir keinen Vergleich haben.

Wir stehen übrigens am kleinen Bahnhof Eckum. Hier bist du garantiert noch nicht gewesen. Ich schon. Unweit von hier bin ich aufgewachsen. Der Bahnhof Eckum liegt an der Bahnlinie Köln-Roermond. Die Leute hier sagen „Rörmond.“ Dass die holländische Stadt eigentlich „Rurmond“ heißt, weil die Rur dort in die Maas mündet, dass also niederländisch oe wie u gesprochen wird, interessiert den Fahrgast nicht, denn er reist nur bis Grevenbroich, und steigt er in Gegenrichtung ein, will er sowieso nach Köln. Während er auf dem zugigen Bahnhof steht und der Zug aus Köln noch nicht kommen will, wandert sein Blick nordwärts, wo ein Bahndamm im rechten Winkel von der Bahnlinie wegstrebt und sich in der Ferne verliert. Das ist der Strategische Bahndamm.

Er ist hier mächtig hoch und über und über mit Gehölz bewachsen. Oben ragen Pappeln und Birken heraus. Gleise haben auf dem Strategischen Bahndamm nie gelegen. Die Bahnlinie, mit deren Bau man 1904 begann, ist unfertig geblieben. Der Bahndamm reicht von tief in der Eifel bis Neuss und führt nah am westlichen Ortsrand von Nettesheim/Butzheim vorbei. Als Kind habe ich dort gespielt. Im November und Anfang Dezember hatte der Bahndamm etwas Magisches, ragt grau gegen den stürmischen Westhimmel und trotzt den ewigen Böen, die über die gepflügten Felder herankommen und den Regen zerstäuben. Und hatten wir uns durch die Brombeerranken einen Weg hinauf gebahnt, dann pfiff der Wind durch die kahlen Finger der Sträucher und fuhr uns in die Glieder. Regen, du kennst es noch? Wenn es nass vom Himmel tropft.

Du wibbelst so unruhig. Wir wollen noch ein Weilchen warten, bis alle da sind. Die Taschenlampe lass besser aus, damit man nicht bemerkt, dass wir auf den Bahndamm klettern. Muss ja keiner wissen, wo wir lang wandern. Und wenn welche fragen, ob man uns gesehen hätte – die Leute hier auf den Dörfern quatschen gern. Tut mir leid, der Strategische Bahndamm ist bei Eckum ziemlich hoch, hier sollte ja die Bahnstrecke Köln – Roermond überbrückt werden. Die Brücke fehlt aber. Wir müssen seitlich raufklettern. Da ist der Strategische Bahndamm unwegsam. Guckt mal rum, wer alles mitkommt, denn es wäre blöd, wenn ihr eine helfende Hand braucht oder euch in die Hacken tretet und kennt euch nicht mal. Mir gefällt übrigens gar nicht, dass der Coster schon wieder dabei ist. Das gibt nur Ärger. Man munkelt, der hat sich in Maastricht unbeliebt gemacht und Maastricht liegt ja in der Nachbarschaft von Roermond. „Stimmts, Coster?!“

[Folge 2 gegen 20:50 Uhr]