Mit der Hand gesetzt (2) – Gut bestückt?

So früh habe ich den Schriftsetzer noch nicht erwartet. Er hätte mich nicht sehen sollen beim Abfassen des Manuskripts. Er sollte nicht wissen, dass ich ihm nur wenige Stunden voraus bin. Immerhin kann ich ihm zwei weitere Seiten hinlegen, so dass er Arbeit hat für den Tag. Ich werde einige Nachtschichten einlegen müssen, um genug Vorsprung zu haben mit meinem Manuskript. Wer hätte je einen Roman unter solchen Bedingungen geschrieben, immer gehetzt von einem Setzer, der stoisch die Lettern aus den Fächern des Setzkastens fingert, um sie von links nach rechts in den Winkelhaken zu reihen. Oja, er ist schnell, erfasst schon im Greifen die Lage der Letter an einer Kerbe, ihrer SIGNATUR. Auf dem Weg zum Winkelhaken dreht er die Signatur nach vorne, flucht manchmal leise, wenn er einen falschen Buchstaben erwischt hat, einen FISCH, der nun zurückfliegt in das richtige Fach, es sei denn er gehörte nicht in den Kasten, würde zu einer ganz anderen Schrift gehören. Die Setzer erkennen das an der abweichenden Signatur. Ein solcher ZWIEBELFISCH landet im Fach für die Quadrate, so heißt das größere Ausschlussmaterial, um später wegsortiert zu werden.

    Traurig, traurig ist der Fall des Dr. Wolfgang Schmieder. In jungen Jahren hatte er sich Hoffnung auf eine Professorenstelle an der Pädagogischen Hochschule gemacht. Qualifiziert war er, qualifizierter wohl als jene „hochgefürsteten Studienräte“, die fett und inkompetent auf den Lehrstühlen saßen. Ihn hatte man übergangen, aus dem einzigen sachfremden Grund, weil er homosexuell war. So jedenfalls die Erklärung, die Dr. Schmieder gefragt und ungefragt gab. Er konnte den Mann benennen, der ihm „einen Knüppel zwischen die Beine geworfen“ hatte, Hans Hase, der Stadtdirektor, ein „bigotter Katholik“ und ausgemachter Homophobiker. Hase saß im Senat der Hochschule und hatte dort seinen Einfluss geltend gemacht, um Schmieders Professur zu verhindern. Stattdessen hatte man ihn auf einen Posten bei der Stadtbibliothek verschoben, für den er völlig überqualifiziert war. Mit den Jahren aber genoss Schmieder seine beschauliche Anstellung. Niemand erwartete etwas von ihm, niemandem fiel auf, wenn er sein Mittagsschläfchen auf der Ottomane in seinem Büro in den Nachmittag ausdehnte. Wer überraschend hineinschaute in Schmieders Büro, fand ihn schlummernd, die Lesebrille hoch auf die Stirn geschoben. Ein Büchlein war seiner Hand entglitten, das Bild des fleißigen Kopfarbeiters, den es bei der anstrengenden Tätigkeit des Lesens übermannt hatte. Den Feierabend erlebte Schmieder frisch und ausgeruht, denn fit musste er sein – für die Abendkurse, die er in seinem Haus gab. Dr. Wolfgang Schmieder bereitete Aspiranten in einem einjährigen wöchentlichen Abendkurs auf die Begabtensonderprüfung an der Pädagogischen Hochschule vor.

    Dort lernte ich ihn kennen. An einem der ersten Abende rief Dr. Schmieder mich an seinen Tisch, besah mich genau und sagte: „Schieben sie doch mal die Haarlocke aus der Stirn! Ich will sehen, ob Sie eine Narbe über der Augenbraue haben.“ Als er meine blanke Stirn inspiziert hatte, rief er enttäuscht aus: „Ach, nein, Sie sind es nicht!“ Er glaubte mich nämlich nackt abgebildet in „einem Heft“ gesehen zu haben, und dieses Aktmodell sähe mir zum Verwechseln ähnlich. Vor der versammelten Gruppe seiner PH-Aspiranten spekulierte Schmieder, ob ich wohl „auch gut bestückt sei“ Darauf würde zumindest meine Brustbehaarung hinweisen, die im offenen Hemdausschnitt zu sehen war. Ich fühlte mich entblößt.

Fortsetzung

Wo Schrift noch Gewicht hat – Zeitreise in die Bleizeit

Ein feuchtkalter lichtloser Freitagmorgen. Um 9 Uhr ist nichts los auf der Limmerstraße. Die meisten Geschäfte haben noch geschlossen. Auf der Straße halten Lieferantenfahrzeuge. Ich stehe vor dem Gitter zum Buchdruckmuseum Hannover-Linden und presse die Schelle. Das Museum ist die private Initiative eines Trägervereins; die Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Deshalb hat das Museum nur am Mittwochnachmittag geöffnet. Aber ich bin mit dem gelernten Schriftsetzer Peter T. verabredet, der die von mir entworfene Kunstpostkarte Nummer sechs aus dem Schwitters-Text „Hannover“ mit mir setzen will. Am Mittwoch hatten mir zwei andere Schriftsetzerkollegen vom Museumsverein beschieden, dass mein Entwurf zu kompliziert sei umzusetzen. „Das geht nicht!“, sagten sie. Da halfen auch nicht die Hinweise, dass ich selbst gelernter Schriftsetzer sei und mein Entwurf der „Scheuche“ nachempfunden ist, die Kurt Schwitters zusammen mit dem Schriftsetzer Paul Vogt gesetzt hat.

Mir fiel ein, was ich jüngst mit Blogfreundin Anna im Sprengelmuseum besprochen habe. Wir standen im Nachbau des Merzbaus von Kurt Schwitters. Der hat als im Raum stehende Skulptur begonnen, genannt „Kathedrale des erotischen Elends (KdeE)“ und ist immer weiter gewachsen, bis die Skulptur begehbar wurde und zwei Etagen des Schwitterschen Hauses durchzog. Am Ende hat Schwitters alles von einem Schreiner kubistisch verkleiden lassen. Ich zeigte Anna zwei dreieckige ELemente, die Spitze auf Spitze montiert sind und sagte: „Dazu muss du einen Schreiner erst mal überreden, damit er nicht sagt: ‚Das mache ich nicht. Zu schwer, und außerdem verstößt es gegen meine Berufsehre!'“ Denn als Schwitters am Merzbau arbeitete, galt der noch nicht als bahnbrechende Kunstinstallation des Dada, die spätere Generationen begeistert. (Fotos: Theobromina, Gif-Animation: Trithemius) Es war Neuland, wie wir Bloggerinnen und Blogger Neuland betreten, wenn wir die Möglichkeiten der sozialen Vernetzung nutzen, um kreativ/künstlerische Gemeinschaftsprojekte zu realisieren – wie eben das Teestübchen-Projekt „Hannover“ oder in diversen Blogparaden in anderen Blogs. Hier zum Mitmachen zu aktivieren, ist nicht einfach, obwohl’s einmalige Chancen sind. Nur weiß heute noch niemand um den Wert dieser neuen Form der sozialen Kunst und mancher zuckt geringschätzig mit den Schultern. Man muss trotzdem verrückt genug sein, derlei zu realisieren. Drum treibt es mich an diesem Morgen in die Setzerei.

Denn Peter T., ein kunstsinniger Mann, der üblicherweise Führungen macht, hatte die Herausforderung angenommen und ist heute eigens meinetwegen ins Museum gekommen – da ist wohl eine Flasche Rotwein fällig. Ich habe geklingelt, das Gitter springt auf, ich gehe durch den Gang über den Hof zum rückwärtigen Gebäude. Das Museum ist eine für Linden typische Hinterhofwerkstatt. Peter kommt aus dem Druckraum, wo es auch eine Setzereigasse gibt. Wir gehen hinüber in die eigentliche Setzerei, einen Raum mit zwei Regalgassen. Zunächst gilt es, die Schrift zu bestimmen. Wir einigen uns auf die Groteskschrift Futura als Grundschrift. Kurt Schwitters, der auch Werbegrafiker war, hat die 1927 von Paul Renner entworfene Schrift gerne benutzt. Sie entspricht dem Zeitgeist der 1920-er Jahre mit revolutionären Ideen in Kunst, Architektur, Design und Typografie. Mit der zeitlos schönen Futura macht man auch heute nichts falsch.

Wir teilen uns die Arbeit auf. Peter wird die Postkartenrückseite setzen, ich mache mich an die Vorderseite. Im Jahr 1974 habe ich mit dem Lehramtsstudium begonnen. Kurz zuvor hatte ich aufgehört, Schriftsetzer zu sein. Doch weiß ich nach 45 Jahren noch immer, wo im Setzkasten die Buchstaben liegen, kenne die nötigen Handgriffe noch. Auch das Setzen klappt zunehmend besser. Nur die Orientierung in der fremden Setzerei braucht eine Weile. Hier nun der komplette Bleisatz in Arbeitsschritten. Wir haben von 9 bist 13 Uhr daran gearbeitet, inklusive Kaffeepause:

Liniensatz der Postkartenrückseite


Postkartenrück komplett mit Legende – gesetzt von Peter T.

Vorderseite Text – gesetzt von JvdL

Schrägsatz und geplante Position der Beinchen, Pantoffeln noch in falscher Schrift

Schrägsatz mit den richtigen Pantoffeln und der Begradigung eines Beinchens.

Vorderseite komplett, mit Papier stabilisiert und ausgebunden, das ist Sicherung durch Kolumnenschnur


Vorder- und Rückseite in einer Form, zugegeben zusammengefrickelt, aber Bleisatzmaterial ist immer rechtwinklig, so dass Schrägsatz nur durch Notbehelfe zu realisieren ist.

Satzform in der Abzugspresse

1. Korrekturabzug der Postkarte zum Umschlagen, Vorder- und Rückseite werden gleichzeitig gedruckt


Abzug in Originalgröße, die schmutzenden Stellen sind entstanden, weil die Farbe noch nicht trocken war.


Ich bin erschöpft vom langen Stehen und überhaupt von der ungewohnten körperlichen Anstrengung, bedanke und verabschiede mich. Die kleine Auflage werden wir am kommenden Mittwoch drucken.