Gekritzelt – Schon Mark Twain verleugnete Bielefeld

Galgenhumor
Ein Däne, ein Schwede und ein Norweger haben vor ihrer Hinrichtung jeder noch einen Wunsch frei. Der Däne sagt: „Ich würde gerne noch eine Flasche Bier trinken, bevor ich gehängt werde.“ Der Schwede sagt: „Ich habe im Gefängnis Erziehungswissenschaft studiert. Bevor ich hingerichtet werde, würde ich gerne ein Rede halten über die Besserung des Menschen durch Pädagogik.“ Da sagt der Norweger: „Und ich möchte gerne gehängt werden, bevor der Schwede seine Rede hält.

Breitensport
Sein Handy hat der Fußballfan mir in die Hand gedrückt und sich zu den anderen in Positur gestellt. Leider konnte ich auf dem kleinen Bildschirm nicht sehen, ob ich das Flaschen- und Schalschwingen gut festgehalten habe. Schon vorher hatte ich darüber nachgedacht, was es mit dem ständigen Fotografieren auf sich hat. Es reicht offenbar nicht, Spaß zu haben, es muss auch ein Bildbeweis her, dass man wirklich Spaß hatte. Natürlich legt der Spaß vor der Kamera noch einen Zahn zu. Die eigene Wirklichkeit zu inszenieren, ist der eigentliche Sport der Massen.

Retrofuturismus
Die Tinte des Altertums war nicht wasserfest. Mit einem Schwamm konnte sie vom Papyrus abgewaschen werden. Der römische Dichter Martial (40-104 n. Chr.) schickte seinem vollendeten Buch gleich einen Schwamm mit, damit der Freund den Text auswischen konnte, wenn er nicht gefalle. Manche Autoren bedienten sich beim Löschen missratener Textstellen der Einfachheit halber ihrer Zungen. Bei einem Wettbewerb der Dichter am Hofe des römischen Kaisers Caligula sollen die durchgefallenen Poeten gezwungen worden sein, ihre Ergüsse selbst abzulecken.

Anfang der 1990-er Jahre dachte der Chefredakteur der New York Times über die Zukunft seines Mediums nach. Seine Vision: Zeitungen kämen morgens aus dem Faxgerät. Das Trägermedium wäre eine abwaschbare Folie. Nach dem Lesen würde die Zeitung weggewischt, und die Folie könnte für die nächste Ausgabe wiederverwertet werden. Die Vision der abwaschbaren Zeitung ist nicht Wirklichkeit geworden, das Internet hat sie unnötig gemacht. Da jedoch kein Chefredakteur zu mir nach Hause gekommen wäre, um seine Zeitung abzulecken, ist das nicht wirklich bedauerlich.

Mark Twains ultimative Bielefeldverleugnung
„Himmel, die Deutschen mit ihrer brutalen Sprache! Auf meiner Reise mit Doktor Seyfried gelangte ich in Städte wie Würgsburg, Chemienitz, Gestankfurt und Schrecklinghausen. Es wunderte mich kaum noch, dass er eine Stadt namens Befiehlt erwähnte. Nur das nicht, rief ich! Es mag bei Ihnen Abortmund geben und Dünster und Rostnabrück und Hangover. Aber Befiehlt? Unannehmbar für einen überzeugten Demokraten und Pazifisten. Nein, ihr Deutschen. Die Stadt Befiehlt darf es nicht geben. Wird es nicht geben. Gibt es nicht. Niemals.“

Allzeit nach Bielefeld

kategorie surrealer-AlltagUm 17:28 Uhr, also in 11 Minuten soll der ICE 651 von Köln nach Berlin-Gesundbrunnen in Hannover eintreffen, fährt und fährt, aber auf dem Display zu unseren Köpfen wird als nächster Halt immerzu Bielefeld Hbf angezeigt, ein Umstand, der das Präsens geradezu verlangt. Ich schaue bang aus dem Fenster und würde mich nicht wundern, statt der Vororte von Hannover die Außenbezirke von Bielefeld vorbeiziehen zu sehen, was aber vor gut einer Stunde schon gewesen war. Der Zugbegleiter kommt durch den Gang und schenkt der irritierenden Anzeige keine Beachtung, obwohl mein Zeigefinger zaghaft auf den Bildschirm weist. Wie mag die hartnäckig auf Bielefeld stehende Anzeige zu erklären sein? Gewiss hat man an den Bahnhöfen Transponder, die einen durchfahrenden Zug registrieren und an das computergesteuerte Leitsystem melden, so dass ein falscher Bildschirmhinweis eigentlich ausgeschlossen ist. Was wenn der ICE über eine falsch gestellte Weiche in eine Schleife geraten ist und immerzu auf Bielefeld zurast, vorbei und wieder darauf zu? Man hat ja über Bielefeld schon allerhand Verdächtiges gehört. Demnach ist Bielefeld ein schwerer Ausnahmefehler im galaktischen Betriebssystem. Und eben bei unserem Halt hat die dubiose Stadt den ICE infiziert.

film-als-kunst„Paarung wirkt auf die Partner“ sagt der Gestaltpsychologe Rudolf Arnheim. Ich habe ein Buch von ihm im Koffer. „Film als Kunst“. So eine Filmspule dreht sich ja auch immerzu, immerzu – bis der Film abgespult ist. Das Buch kreist auch. Es ist kürzlich noch in Dänemark gewesen, nachdem mein Schwiegersohn, er ist Filmemacher und Kameramann, es als Urlaubslektüre bei mir ausgeliehen, dann zurück mit nach Aachen genommen hat. Jetzt will ich den Klassiker wieder nach Hannover bringen und zurück in mein Bücheregal stellen.

Allzeit nach Bielefeld - (Foto JvdL)

Allzeit nach Bielefeld – (Foto JvdL)

Meine Mitreisenden haben bislang nichts gemerkt, heben nicht mal die Köpfe, als ich mit meinen Smartphone das Beweisfoto schieße, obwohl das blöde Gerät wieder ein unnötiges Objektiv-Verschlussgeräusch simuliert, das die Ruhe im Wagen 34 durchbricht. Ich erwarte, dass alle mich anschauen und sich fragen, was es hier und jetzt zu knipsen gibt. Aber nein, sie sind wie in Trance. Ja, merkt ihr denn nicht, dass der ICE 651 um Bielefeld kreist? In 11 Minuten soll der Zug in Hannover eintreffen. Er fährt und fährt. Mein Blick irrt erneut hoch zum Bildschirm. „17:17 Uhr – Nächster Halt Bielefeld.“ Was für ein Debakel!

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Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 1)

Am Mittwoch, dem 16. September 2015, um 12:30 Uhr steige ich im Hauptbahnhof Hannover in den ICE 650 nach Köln Hbf und besetze im Wagen 34 den Fensterplatz 55. Neben mich setzt sich eine ältere Dame in roter Jacke. Beim Eintreffen grüßt sie. Sie will sich offenbar unterhalten, aber ich will die Zugfahrt genießen, einfach aus dem Fenster schauen und herrlich gedankenleer sein. Erst als wir durch Unna rollen, würde ich gern etwas sagen, weil ich gedacht habe, dass an der realen Existenz von Unna noch eher zu zweifeln wäre als an der Existenz von Bielefeld (siehe Bielefeldverschwörung).
Gruß aus Bielefeld Kopie
Die Bielefeldverschwörung im Bild – von mir gestaltete Ansichtskarte, mit der ich hoffe, Ehrenbürger von Bielefeld zu werden, obwohl ich von Bielefeldern schon böse beschimpft wurde. Das Klo habe ich hinzugefügt, weil mir jemand glaubhaft versichert hat, er sei schon auf dem Bielefelder Bahnhofsklo gewesen (größer: klicken)

Mit Unna kann ich überhaupt nichts in Verbindung bringen …
„So wahr sich Karnickel nach dem Goldenen Schnitt vermehren.“
Die Dame schreckt von ihrem Buch auf:
„Was erzählen Sie denn da? Woher sollen Karnickel den Goldenen Schnitt kennen? Den kenne ich ja nicht einmal.“
„5 zu 8 wie 8 zu 13 wie 13 zu 21 und so weiter. Minor zu Major wie Major zum Ganzen. Das ist der Goldene Schnitt in ganzen Zahlen und 5,8,13,21,34,55 und so weiter sind gleichzeitig die Fibonacci-Zahlen. Und wissen Sie, woran Fibonacci die Zahlenreihe entdeckt hat?“
„Nein, woher denn?“
„An der Fortpflanzungsrate der Kaninchen.“
„Ach so.“
Ich sehe, dass es ihr lieber wäre, ich hätte nichts gesagt, denke: „Du mich auch!“ und schaue wieder aus dem Fenster. Da folgt schon bald Schwerte an der Ruhr. Das Städtchen habe ich schon mehrfach mit dem Fahrrad durchquert, muss aber immer an den Germanistik-Professor an der RWTH Aachen Hans Schwerte denken, der eigentlich Hans Ernst Schneider hat geheißen, als er in der Naziära SS-Hauptsturmführer gewesen war und in der verbrecherischen Organisation Ahnenerbe Laboratoriumseinrichtungen für Menschenversuche organisiert hatte. In den Nachkriegswirren tauchte Schneider unter, seine Frau ließ ihn für tot erklären und heiratete ihn kurz darauf wieder. Da nannte er sich Hans Schwerte. Er habilitierte 1958 über Faust und das Faustische und brachte es bis zum Rektor der RWTH Aachen. Kollegen von mir haben bei dem faustischen Mann studiert und waren immer voll des Lobes. Im Jahr 1994, Schwerte war inzwischen längst im Ruhestand und stolzer Träger des Bundesverdienstkreuzes, da tauchten Reporter des niederländischen Fernsehens bei ihm auf, die seine wahre Identität enthüllt hatten. Danach wurde bekannt, dass es innerhalb der Hochschule eine ganze Reihe von Mitwissern gegeben hatte. Man munkelte auch von Erpressung, dass nämlich bestimmte Lehrstühle an gewisse Personen unter Schwertes Einfluss nur vergeben worden waren, damit er nicht aufflog.

Ach, wir schauen mal aus dem Fenster. Inzwischen sind wir nämlich schon in Wuppertal, der für mich gruseligsten Stadt Deutschlands. Eines noch, bevor ich morgen weiter berichte: In Aachen werde ich bei Freunden übernachten. Dort erfahre ich im Verlaufe eines feuchtfröhlichen Abends, dass just dieser Professor Hans Schwerte in der großen Dachetage des Hauses sein Liebesnest gehabt hatte.
Teil 2