Gekritzelt – Verräterische Pumps

Schuss nicht gehört
VW-Werbung im flämischen Radiosender Studio Brussel,
[übersetzt von mir]:
Er: Schatz, ich muss dir was erzählen.
Sie. Ja?
Ich habe einen Volkswagen gekauft.
Sie: Ohh!
Ja, und meine Mutter zieht bei uns ein,
Sie: Ein Volkswagen, das ist sooo schön!

Verlockend
Im Vorabendprogramm des NDR-Fernsehens wurde ein Werbeclip fürs Frühstücksradio gesendet. Eine Moderatorin kommt ins Bild und verkündet freudig: „Natürlich wird auch bei uns morgen früh das Corona-Virus Thema sein.“
Und ich: „Oja, darauf freue ich mich schon.“ (Guter Witz.)

Verräterische Pumps
Ein Familienvater macht eine Kneipentour. In einer Bar lernt er eine schöne Frau kennen. Nach heftigem Flirt beschließen sie, ein wenig mit seinem Auto zu fahren. Auf einem Waldplatz ergreift die Erregung von ihnen Besitz. Doch da stellt der Mann fest, dass er es mit einem Transvestiten zu tun hat. Er wirft ihn aus dem Auto und fährt frustriert nach Hause.
Am nächsten Tag macht die Familie einen Ausflug nach Köln. Die Schwiegermutter sitzt auch im Auto. Nach einem Bremsmanöver sieht der Mann, dass ein roter Damenschuh unter seinem Sitz hervorgerutscht ist. Zum Glück muss eines der Kinder mal. Er hält auf einem Rastplatz, und während alle beschäftigt sind, wirft er den Schuh heimlich in einen Mülleimer. Am Ziel steigen alle freudig aus, nur die Schwiegermutter nicht. Sie kriecht am Boden rum und ruft: „Ich verstehe das nicht! Eben habe ich meine Schuhe ausgezogen und jetzt ist einer weg!“ [Gehört auf Hilversum III]

Drei Tage geht es – Gruselgeschichte in Folgen (3)

Folge 1Folge 2

ie übel ist es, an einer einsamen Landstraße zu stehen, wo sie auf einer Hochebene die Felder durchzieht. Kein Haus, kein Strauch weit und breit, nichts, wo du dich vor dem eiskalten Wind schützen könntest. Du zitterst unter deinem viel zu dünnen Wams. Der Wind fährt hindurch und beißt dir in die Knochen. Da! Ein Klappern! Horch! Es sind deine Zähne. Ein wenig Trost spendet das windschiefe Schild einer Bushaltestelle nahe dem Weg zur Tempelanlage. Aber es ist zweifelhaft, ob sie überhaupt noch von einem Bus angefahren wird. In all der Zeit deiner Anfahrt und während deines Aufenthalts, es müssen wohl viele Stunden gewesen sein, denn inzwischen ist es stockfinster, in all den Stunden ist nicht ein Auto die Landstraße lang gekommen. Außer dem Radfahrer hast du keinen Menschen gesehen. Vielleicht hat man die Buslinie mangels Bedarf längst eingestellt, und wie die Belgier nun mal sind, besonders die phlegmatischen Wallonen, hat sich niemand dafür zuständig gefühlt, das überflüssige Schild abzubauen. Du hast deine letzten Streichhölzer verbraucht beim Versuch, den Aushang zu lesen. Der Wind hat sie dir immer wieder ausgepustet.Wenn die Buslinie noch bestünde, sollte in 15 Minuten ein Bus vorfahren. Du frierst erbärmlich, sehnst dich nach etwas Wärme und Licht. Da beginnt es leise zu regnen. Hier herumzustehen, wird deine Situation nicht verbessern. Du entschließt dich, dem Bus etwas entgegen zu gehen, wenigstens bis zur Bodenwelle, wo die Landstraße abtaucht. Von dort kannst du die Serpentinen überblicken und siehst den Bus schon von weitem herankommen. Die Bewegung wird deinen Kreislauf in Schwung bringen, denkst du. Aber ach, die Bodenwelle ist weiter weg als du gedacht hast. Sicherer wäre gewesen, geduldig an der Haltestelle zu warten. Was, wenn der Bus plötzlich herangebraust käme und du bist nicht rechtzeitig zurück an der Haltestelle?

Da! Im Tal unten ein Scheinwerferpaar. Du jubilierst. Die Rettung naht. Zurück zur Haltestelle! Wo ist sie nur? Du läufst und läufst, aber plötzlich überholt dich mit hohem Tempo der Bus. Es wirkt nicht, als wollte er die Geschwindigkeit drosseln und anhalten. Mit einem Mal leuchten die Bremslichter auf. Du hörst das Zischen der Automatiktür. Hier steigt jemand aus? Warum nur, um Gottes Willen? Du rennst um dein Leben. Schon schließt sich zischend die Tür, der Bus fährt an. Du schaffst es gerade noch, mit der Hand ans Heck zu schlagen. Er bremst. Wieder zischt die Tür. Es ist wie himmlischer Harfenklang. Erleichtert stolperst du die Stufen hoch. Hinterm Steuer sitzt ein dicker Mann und schaut dich grimmig an. Du kramst hastig einen Zehneuroschein hervor und legst ihn auf die Schale. Der dicke Busfahrer schiebt ihn zurück und sagt: „Gardez votre argent, monsieur. Nous, les chauffeurs de bus, sommes en grève.“ [Behalten Sie Ihr Geld, mein Herr. Wir Busfahrer streiken.]

Der Bus ist völlig leer. Während du auf einen der hinteren Plätze sinkst und dich wohlig ins Polster kuschelst, fällt dir auf, dass du gar nicht weißt, wohin der Bus fährt. Der hat inzwischen wieder Tempo aufgenommen und rast durch die Nacht, schleudert durch Kurven, rast, holpert brutal über Bodenwellen, als würde er nie mehr anhalten. Der streikende Busfahrer, dieser Teufel auf seinem Kutschbock, lacht plötzlich auf wie irr. Trotzdem kämpfst du mit dem Schlaf. Soll er doch fahren. Er wird dich schon irgendwo hinbringen. Während du im Sitz hin und her geschleudert wirst, murmelst du: „Was zum Teufel soll das?“ Plötzlich sitzt eine Frau ganz nah bei dir und sagt: „Eine gefährliche Frage, mein Lieber. Der letzte, der sie stellte, dem hat ein Außerirdischer den Kopf abgebissen.“
„Nein, nicht den Kopf abbeißen!“

„Ganz ruhig! Du phantasierst“, sagt die schöne Frau lächelnd, schiebt mir den Arm in den Nacken und richtet mich auf, um mir etwas Tee einzuflößen. Wieder staune ich, welche Kraft in ihren zarten Gliedern steckt. Nachdem ich getrunken habe, zerrt sie mir mit den Worten: „Du bist ja ganz geschwitzt!“ das nasse Schlafhemdchen herunter und zieht mir ein trockenes über den Kopf. Als sie die Zudecke zurückschlägt, um das gleiche bei meiner Hose zu unternehmen, wird mir alles klar: „Sie müssen meine Ehefrau sein. Wer sonst würde sich diese Frechheit herausnehmen? Hosendiebstahl sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Erst letztens hat Sarah Lombardi darauf hingewiesen, dass besonders Ehemänner in ständiger Gefahr sind, ihre Hosen zu verlieren. Weiß sie noch von Pietro her.“

Meine Ehefrau lacht. Mit resoluten Handgriffen bekleidet sie mich wieder und ruft über ihre Schulter weg: „Kinder, kommt mal alle her und hört euch an, welchen Quatsch euer Vater im Fieberwahn erzählt!“ Ich sehe eines nach dem anderen folgsam eintreten, vier an der Zahl, und um ihnen die angekündigte Unterhaltung zu bieten, sage ich: „Ittchen Dittchen, Silberquittchen! Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe. Sie ist einmal mehr ein Beweis, dass jenseits des großen Teichs absurd hohe Faxgebühren üblich sind.“
„Hört ihr? Der Mann ist völlig draus!“, sagt meine Frau triumphierend.
Die Kinder lächeln verschämt. Es ist ihnen nicht Recht, dass ihnen der Vater so vorgeführt wird. Sie sind aus anderem Holze als ihre Mutter. Ich sage: „Auch wenn es euch herzlos erscheint, dürft ihr nicht an eurer Mutter zweifeln. Sie ist unter derben Menschen aufgewachsen und hat als Kind wenig Liebe erfahren.“ Dann lasse ich mich wohlig zurücksinken und seufze: „Ach, wie gut, dass ich nicht als Hobbyarchäologe einsam in einer Hütte leben muss, sondern geborgen bin im Kreis einer schönen Familie.“

Editorisches Nachwort
Obwohl Äußerungen im Fieberwahn keine kritische Betrachtung verlangen, zwei Bemerkungen: „Dittchen ist ein polnische Münze, etwa im Wert eines Groschens. Mit Ittchen, Dittchen, Silberquittchen hebt ein Abzählvers an. Im Wortlaut:

„Ittchen Dittchen, Silberquittchen, Ittchen, Dittchen, draus.
Meine alte Schwiegermutter mit der krummen Faust.
Sieben Jahr‘ im Himmel geblieben kommt sie wieder raus.
Ist das nicht ein dummes Weib,
dass sie nicht im Himmel bleibt?
Ittchen, Dittchen, Silberquittchen, Ittchen, Dittchen, draus.

„Jenseits des großen Teichs“ bedeutet jenseits des Atlantiks. Es ist eine völlig abgegriffene Metapher für die Vereinigten Staaten von Amerika. Kein Mensch von Kultur und Verstand benutzt sie noch, es sei denn im schlimmsten Fieberwahn. Ich bitte um Entschuldigung.

Vorlage für die phantasierte Tempelanlage ist Varnenum, nähe Aachen Kornelimünster. Ich habe da mal einen Freund und Kollegen gezeichnet, während er auf dem Saxophon blies – zum Tode seiner Katze Molly Mietzke. Näheres im Kommentarkasten.

Die Überschrift bezieht sich auf den redensartlich vorausgesagte Krankheitsverlauf beim grippalen Infekt: „Drei Tage kommt er, drei Tage bleibt er, drei Tage geht er.“

Wenn ich nur geringes Fieber habe, etwa ab 38 Grad, beginne ich zu phantasieren. Das zur Entstehung dieser Gruselgeschichte. Die geschilderte Szene mit der Ehefrau, den Kindern und mir hat sich tatsächlich einmal so ähnlich abgespielt.

Formal reizte mich das Motiv des unzuverlässigen Icherzählers. Gemeinhin ist man als Leser geneigt, einem Icherzähler zu glauben. Dem hier ist nicht zu trauen. Danke für eure Geduld.

 

Drei Tage bleibt es – Gruselgeschichte in Folgen (2)

Teil 1 hier
atsächlich, da war ein Weg, mehr eine aufgewühlte Karrenspur, schwer zu befahren. Der blaue Himmel und die Sonne hatten mich vergessen lassen, wie oft es die Wochen zuvor geregnet hatte. Der Feldweg war völlig aufgeweicht. Ich konnte kaum verhindern, vom schlammigen Mittelstreifen in eine der unergründlich tiefen Pfützen in der Karrenspur zu schliddern, wo der Vorderreifen pratschend, gurgelnd und schmatzend eine trüb-lehmige Bugwelle vor sich her schob. Da auch dieser Weg anstieg, wurde mir das Radfahren zu mühsam. Ich entschloss mich, abzusteigen und zu schieben. Derweil ich mein Rad über den aufgewühlten Weg schob, sah ich einen Steinwurf voraus steinerne Mauern. Der Plan in den Mitteilungen der Archäologischen Gesellschaft hatte mich an den richtigen Ort geführt.

Doch eine freudige Erhebung wollte sich nicht einstellen. Plötzlich fragte ich mich, wieso ich Mitteilungen einer dubiosen archäologischen Gesellschaft bekommen hatte. Und mit dem ersten Zweifel tauchten weitere auf. Warum war ich heute so überstürzt und gegen alle Klugheit aufgebrochen? Warum lebte ich so spartanisch in einer Hütte? Ich hätte es nicht sagen können. Mir fehlten alle länger zurückliegenden Erinnerungen. Was war gewesen, bevor die Krankheit mich niedergerungen hatte? Wer war ich überhaupt? Und warum war ich hierher gekommen?

Man hatte den Grundriss des Tempels längst freigelegt, dessen Fundamente restauriert und bis zu einer Höhe von rund einem Meter aus Bruchsteinen aufgemauert, um eine Ahnung von der Ausdehnung des Tempelbezirks zu geben. Es gab nichts zu vermessen, denn die Arbeit war schon vor Jahren getan worden. Auch hatte man eine Informationstafel errichtet, auf der eine Rekonstruktion des Tempels abgebildet und einige Daten angegeben waren. Ich ließ mein Schlamm bespritztes Rad zur Seite sinken, watete durch den Schlamm zu einer Art Pforte und betrat den heiligen Bezirk. Hier war der Boden trocken, und ich schritt über einen Teppich aus dichtem Gras. Sofort umfing mich ein wundersamer Friede. Das war ein besonderer Platz. Hier waren geheime Kräfte wirksam. Eine Weile stand ich horchend da, spürte der Kraft nach, die durch meinen Körper zu rieseln, dann zu strömen begann. Eine friedliche Stimmung umfing mich. Ich setzte ich mich auf eine der Tempelmauern, nahm mein Notizbuch hervor und versuchte meine Gefühle in Worte zu fassen. Aber so sehr ich mich mühte, es blieb nur ein Stammeln. So überwältigt war ich von der positiven Energie, die dieser Ort verströmte. Mit einem Mal sah ich klar. Ich musste keine Sprachkunst bemühen, keine geistreichen Formulierungen, keine Metaphern finden, um meine Gefühle zu beschreiben. Es genügte, das meiste zu streichen. Das Gute ist einfach. Kraft, Friede, Klarheit, das war es, was dieser Ort verströmte.

Ich sah ganz klar, dass dieser  2500 Jahre alte Tempel nur der letzte einer Reihe von Bauten gewesen war. Und schon vor den ersten Tempeln war dies ein Kultplatz gewesen. Seit Urzeiten waren die Menschen gekommen, um sich mit Energie aufzuladen. Um sie zu begreifen, hatten sie der Kraft einen Namen gegeben. „Varneno“ hatte der letzte Gott geheißen, der diesen Hain bewohnte, Sunuxal hieß die Göttin.

Ich erhob mich und ging beseelt umher. Mein Blick fiel auf mein Fahrrad, dessen Hinterreifen in einer schlammigen Pfütze lag. Da sah ich, wie über dem Reifen kleine schlammige Blasen aufstiegen und zerplatzten. O nein, das war kein gutes Zeichen. Ich hob das Rad aus dem Schlamm und trug es in die Einfriedung. Tatsächlich, der Reifen hatte Luft verloren. Als ich mit den Fingerkuppen über den Mantel fuhr, fühlte ich einen Scherben. Ich zog ihn heraus, wusch ihn in der Pfütze und legte ihn in meine linke Handfläche, um ihn zu betrachten. Es war unzweifelhaft ein Splitter von Feuerstein, ein ziemlich scharfes steinzeitliches Messer. Das zeigten mir die Bearbeitungsspuren an der Schneide.

Wie ich das uralte Artefakt in meiner Hand noch hin und her wendete, verbarg sich plötzlich die Sonne. Als ich aufschaute, war sie gerade hinter einer westlichen Wolkenbank verschwunden. Augenblicklich pfiff ein kalter Wind über die Kuppe und ließ mich erschauern. Aus den Niederungen stieg Nebel auf. Fröstelnd sah ich mich um. Wie spät mochte es wohl sein? Urplötzlich wurde mir die Trostlosigkeit der Landschaft bewusst, mehr noch mein Verlorensein. Was ich da in der Hand hielt, war etwas ganz Böses. Es hatte die Gräuel in sich aufgenommen, die man damit begangen hatte. An diesem heiligen Ort hatten Menschen einst Böses getan. Grausige Rituale traten mir vor Augen. Ich war verwirrt. Wo war nur die Klarheit, die Geborgenheit hin, die ich verspürt hatte? Plötzlich ergriff mich Panik. Ich wollte nur noch weg. Doch wie das mit einem platten Hinterreifen? Wenn ich mich nicht auf den Sattel setzen würde, könnte ich eventuell auf der Felge fahren. Das würde Mantel und Schlauch ruinieren, doch es sollte gehen. An der Straße stieg ich aufs Rad und versuchte es. Da zeigte sich, dass auch der Vorderreifen keine Luft mehr hatte. Das machte ein Lenken unmöglich. Vor allem die steilen Serpentinen konnte ich unmöglich wagen zu fahren. Enttäuscht stieg ich ab und ließ das Rad in die Böschung sinken. Was nun? Ich fror erbärmlich.

Folge 3

Drei Tage kommt es – eine Gruselgeschichte in Folgen

eun Tage war ich krank und elend gewesen, hatte die meiste Zeit im Bett verbracht. Die Stube in meiner Hütte war nicht warm zu kriegen, auch wenn ich es schaffte, den gusseisernen Kanonenofen zu füttern und die Scheite in ihm lustig aufflackerten. Aus dem Novembernebel kroch unentwegt die nasse Kälte herein. Das Schlimmste war das nächtliche Fieberdelirium gewesen, dieser Traum, der nicht vorankam, sondern mich immer und immer das Gleiche erleben ließ. Auch hatte ich bei all dem Traumgeschehen das beständige Unbehagen, dass mir jemand über die Schulter schaute. Ein Ding der Unmöglichkeit, sagte ich mir in halbwachen Phasen, denn hinter und unter mir war mein Kopfkissen auf der Matratze. Einmal schaute ich sogar unter mein Bett, weil mein nächtlicher Hintermann derart präsent gewesen war. Glücklicherweise wich der Traum, und am zehnten Tag erwachte ich erstarkt und guten Mutes. Schon kämpfte sich auch die Sonne durch den Nebel und weckte meinen Tatendrang. Ich packte meine Sachen ein und radelte los, um endlich den jüngst freigelegten gallo-romanischen Tempel zu besuchen, zu vermessen und zu zeichnen. Dass der Tempel so spät erst entdeckt worden war, lag an der menschenleeren Gegend, in der man ihn gefunden hatte. Als hätten nachfolgende Generationen den Ort gemieden, war weit und breit keine menschliche Siedlung. Auch die Landwirtschaft war wenig ergiebig. Auf meinem Weg hinauf auf den kahlen Höhenrücken sah ich Brachen und Ödland, und wo doch eine Pflugschar den Boden für Saatgut bereitet hatte, wucherte mehr Unkraut als Feldfrucht. Je näher ich dem Tempel kam, desto mehr Brennnesseln, Brombeergestrüpp und Disteln sah ich.

Die Straße war von der auf der Talsohle fast im rechten Winkel abgezweigt und führte steil hinan, so dass ich gezwungen war, aus dem Sattel zu gehen und im Wiegetritt hochzustampfen. Erst weiter oben hatten ihre Erbauer ein Einsehen gehabt und ließen die Straße in großen Bögen mäandern. Aber längst hatte ich zuviel Kraft gelassen und kam kaum voran. Trotz der Kälte schwitzte ich mein Unterhemd klatschnass. Als säße überdies ein fauler Fettwanst mir im Nacken, flüsterte es: „Gib auf! Zu schwer! Wozu sich quälen?“ Sogar komplizierte Fremdwörter kramte der faule Hund hervor und raunte: „Du bist noch Rekonvaleszent.“ Namentlich die Haarnadelkurven waren so steil, dass ich fürchtete, die Kette zu zerreißen, so sehr ächzte sie über die Ritzel des größten Zahnkranzes. Den hatte ich mir für den Notfall aufsparen wollen, doch dieser Notfall war längst eingetreten. Von oben sauste mir ein Radfahrer entgegen.  Als er mich sah, riss er den Arm hoch und rief irgendwas, wovon nur das letzte Wort an mein Ohr wehte: „…,Monsieur!“ Oder hatte er „ … Mon Dieu!“ gerufen?

Endlich wuchtete ich mich hinter der letzten Serpentine auf den Höhenrücken, ließ mich erleichtert auspustend in den Sattel sinken, kam zu Atem und radelte entspannt vorwärts. Vor mir erstreckte sich die Straße schnurgerade aus und verlor sich in der Ferne. Ich konnte das leere Tal überschauen, aus dem ich hoch gekommen war. Meine Stimmung hob sich. Wie ich auf der Karte in den Mitteilungen der archäologischen Gesellschaft gesehen hatte, musste irgendwo vor mir nach links ein Feldweg abzweigen, und der würde mich geradewegs zum höchsten Punkt der Gegend führen, wo Archäologen den Tempel ausgegraben hatten, nachdem er per Luftbildanalyse entdeckt worden war.

Fortsetzung

Ausgeschwemmt aus der Besenkammer des Geistes

Schlafforscher haben Testpersonen ins MRT gelegt, um zu erhellen, was im Gehirn eines Schläfers geschieht, und fanden, dass im Schlaf Gehirnflüssigkeit, auch Liquor genannt, in pulsierenden Wellen durch Teile des Gehirns schwemmt und dem Gehirn eine Wäsche verpasst. Daran sind drei Sachverhalte erstaunlich, dass erstens die armen Probanden überhaupt einschlafen konnten, bei dem enormen Lärm der kreisenden Magnete im MRT, zweitens die Schlafforscher nicht auf die Idee kamen, die Liquorwäsche wäre genau durch den widernatürlichen Schlaf im MRT erst hervorgerufen worden.

Beim dritten Aspekt wollen wir einfach gutwillig annehmen, dass die nächtliche Hirnwäsche mit Liquor eine systeminhärente Funktion ist, die allnächtlich auftritt, wenn man ganz normal im gemütlichen Bett liegt und nicht in der beängstigenden MRT-Röhre. Da diese Liquorwellen dem Vernehmen nach nur innerhalb weniger Sekunden durchs Gehirn fluten, könnte durchaus geschehen, dass unzugängliche Ecken nicht gesäubert werden, gleich den finsteren Besenkammern, die zwar Reinigungsutensilien aufbewahren, aber selber höchst selten gereinigt werden. Was dort lagert, kann sich Jahrzehnte ablagern, bis mal ein guter Geist einen Eimer Wasser hineingießt und gründlich den Boden schrubbt.

Aus einer solchen Ecke hat meine nächtliche Gehirnwäsche heute morgen den Liedvers herausgeschwemmt: „Oder darf ich es wagen, zu Ihnen Schwiegervater sagen.“ Ich ahnte noch die Melodie, sang es sogar in der Küche und auf dem Weg zum Bäcker, aber kam nicht auf den Zusammenhang. Woher auch? Der war ja längst weggeputzt – mit bestem Liquor. Vor dem Internet wäre ich darüber schier verzweifelt, hätte vielleicht jemanden fragen können, hätte Passanten auf der Straße laut angesungen: „Darf ich es wagen, zu Ihnen Schwiegervater sagen?“, bis mich einer erlöst hätte und gesagt: „Salvatore Adamo 1964; Gestatten Sie Monsieur?“, also wenn man nicht auf der Stelle zwangsverheirat oder vorher in die Geschlossene abtransportiert hätte.

Nebenher: Wozu Forscher ihre Mitmenschen ins MRT packen müssen, das ahnt der Dichter einfach so: Alphabetmärchen.

Kurze Geschichte einer langen Regenfahrt

Heute vor genau 26 Jahren, es war ein Sonntag, startete ich bei einer sogenannten Radtourenfahrt (RTF). Radtouristikfahrten sind durch Richtungspfeile ausgewiesene Strecken über 45, 75, 115 Kilometer und mehr mit Kontrollposten unterwegs, wo man Verpflegung bekommt und sich eine Streckenkarte abstempeln lassen kann. RTF werden von lokalen Radsportvereinen ausgerichtet. Man zahlt eine Startgebühr, bekommt eine Startnummer angeheftet und fährt los. Viele Radsportler sind in Vereinsgruppen am Start, manche treffen sich zufällig und fahren zusammen, wenn sie etwa gleich gut trainiert sind, manche fahren alleine, denn es gibt unter Radsportlern ungesellige Typen. Am Ende der Radsportsaison wird eine Bezirksabschlussfahrt ausgerichtet. Von der am 3. Oktober 1993 handelt folgender Bericht, den ich am nächsten Tag für mein Tagebuch verfasst habe.
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