Entschuldigung, wann kommt hier der Bus?!

Mein Zug rollte in den schäbigen Bahnhof. Der war mehr ein Haltepunkt ohne Überdachung. Am Bahnsteig einige Hinweisschilder. Ich hatte Zeit, sie zu lesen und dachte, dass Hinweisschilder doch eigentlich Ausdruck sozialer Verwahrlosung sind. Was ist so schäbig an Hinweisschildern auf einem menschenleeren Bahnhof? Sie ersetzen den menschlichen Rat, den Arm des Menschen, der einen Weg weist. Da wären Menschen genug, diese Aufgabe zu übernehmen. Einst haben solche Menschen bei der Deutschen Bahn ihren Dienst getan. Ein hilfsbereiter Schalterbeamter mit Dienstmütze gehört so weit in die Vergangenheit, dass die Rechtschreibprüfung meines Schreibprogramms, ihn rot unterkringelt. Man wird die Aufgabe eines Auskunfts- und Schalterbeamten nicht verlockend finden. Denn in der langen Wartezeit zwischen den Zügen, die einen entlegenen Haltepunkt anfahren, würde er nur herumsitzen. Tatenlos herumsitzen kann er auch zu Hause. Ökonomischer ist es, ihn wegzurationalisieren, rechnen jene, die unsere Welt unerfreulich machen.

Unter ökonomischen Gesichtspunkten verbietet sich ebenfalls eine leere Straßenbahn, die stoisch nach Fahrplan fährt, obwohl zu später Stunde kaum jemand einsteigen will. Beides, der hilfsbereite Bahnbeamte, der kaum je gefragt ist und die leere Straßenbahn gehören zu dem, was ich „soziale Redundanz“ (sozialer Überfluss) nennen möchte. Je mehr soziale Redundanz eine Gesellschaft hat, desto liebenswürdiger ist sie.

Es ist wie mit den Archiven, die getreulich die Dokumente der Gegenwart sammeln, sortieren und als kulturelles Erbe aufbewahren, unabhängig davon, ob einmal jemand just dieses oder jenes Dokument einsehen will. Es ist da für alle Fälle, und das ist prima.

Zwei Politiker einer deutschen Regierungspartei sah ich im Fernsehen dicke Krokodilstränen vergießen, dass man die Pendler aus ländlichen Regionen finanziell entlasten müsse, weil sie anders als Städter nicht auf öffentliche Verkehrsmittel ausweichen könnten. Schluchz. Ja. Warum ist das so? Hat die ach so fürsorgliche Bundesregierung nichts davon gewusst? Ist sie vielleicht gestern erst von hinterm Mond eingewandert und sieht jetzt mit Schrecken, dass auf den Dörfern weder Bus noch Bahn fährt? Ja, unsere gewählten Volksvertreter sind so schuldlos und rein wie ein frisch gewischter Kinderpopo. Derweil die Regierung hinterm Mond festsaß, haben korrupte Truchsesse Schmiergeld von der Autoindustrie genommen und die öffentliche Verkehrsinfrastruktur auf dem Land verfallen lassen, damit sich die Landbevölkerung Autos kaufen musste. Aber jetzt wird die fürsorgliche Bundesregierung den Blödsinn unterbinden, wird die Schuldigen ermitteln und bestrafen. „Wer hat dieses geheime Subventionsprogramm für die Autoindustrie aufgelegt? Wer hat gutes Steuergeld für rechtlich unhaltbare Bierzeltideen wie die Ausländermaut und umstrittene Großprojekte wie Stuttgart21 verschleudert?!“ Da werden aber Köpfe rollen. Und dann wird kräftig in die ländliche Verkehrsinfrastruktur investiert, damit das Leben in unserem Land insgesamt wieder liebenswürdig wird.

Die Kapitaleigner und Großaktionäre der Autoindustrie haben zu lange bestimmen dürfen, wie unsere Welt beschaffen ist. Sie haben die Automobile zu den waren Herrschern unseres Planeten gemacht. Einzelheiten zeigt  der Autor und Poetry-Slammer Robert Kayser in einem überaus amüsanten und treffenden Beitrag.
Viel Vergnügen!

Zerknalltreibling, Zerknalltreibling

Zounds! Ohne erkennbaren Anlass ging mir nach dem Aufwachen das Wort „Zerknalltreibling“ durch den Kopf. Zerknalltreibling, was is’n das? Na, das deutsche Wort, mit dem der Allgemeine Deutsche Sprachverein im Nationalsozialimus das Fremdwort „Automobil“ ersetzen wollte. „Ts, Ts“, findet der gemeine Zerknalltreiblingsbesitzer, „glücklicherweise ist der Allgemeine Deutsche Sprachverein längst Geschichte, die gerechte Strafe für den perfiden Anschlag auf mein heiliges Automobil.“ Zu früh gefreut, den Verein gibts noch, nur im Tarnmäntelchen. Er heißt heute: Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS).

Über die Aufgaben und Ziele schreibt die GfdS auf ihrer Homepage: „Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) ist eine politisch unabhängige Vereinigung zur Pflege und Erforschung der deutschen Sprache. Seit ihrer Gründung im Jahre 1947 sieht sie es als ihre Aufgabe an, in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für die deutsche Sprache zu vertiefen und ihre Funktion im globalen Rahmen sichtbar zu machen. (…)“

Anders als der Verein behauptet, wurde er nicht im Jahr 1947, sondern bereits 1885 als Allgemeiner Deutscher Sprachverein gegründet, unter Vorsitz des Braunschweiger Museumsdirektors Hermann Riegel. Ziel war die Reinigung der deutschen Sprache von Fremdwörtern. Der Kölner Germanist Fritz Tschirch schreibt, mit Riegels Vorsitz sei dem Sprachverein der „Fluch des Dilettantismus in die Wiege gelegt“, dem sich der Verein nie mehr zu entziehen vermocht habe. Das Publikationsorgan des Vereins war die „Muttersprache“. Freudig begrüßte die „Muttersprache“ im April 1933 die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Bis 1939 trieb der Allgemeine Deutsche Sprachverein exzessive Fremdwortjagd. Neben den skurrilen Eindeutschungsvorschlägen zu Automobil (Zerknalltreibling) oder Elektrizität (Bern); (E-Lok = Bernzieh) gebar der Verein auch ein wunderbar selbstentlarvendes: aus Profil sollte Gebüge werden. Ja, das kann man sich fein vorstellen, wie im 3. Reich die Menschen mit Profil durch die hundsföttisch Gebogenen verdrängt wurden. Dem Verein nutzte alle Kriecherei nichts. Mit dem von Hitler per Erlass verfügten Verbot der Fraktur und der Umstellung auf Lateinschrift kam 1940 auch das Aus für die Fremdwortjagd. Das Vereinsblatt „Muttersprache“ war schon im Jahr zuvor verboten worden. Der Verein war den Nazis mit seiner provinziellen Deutschtümelei peinlich geworden.

Im Jahr 1947 konstituierten sich die alten Herrschaften wieder, unter dem neuen Namen „Gesellschaft für deutsche Sprache“. Das Vereinsblatt heißt noch immer „Muttersprache“ und rügt weiterhin den Fremdwortgebrauch. Deshalb gilt nach wie vor Adornos Befund: „Fremdwörter sind die Juden der Sprache.“

Wie die Kleingärtner alljährlich ihre dicksten Kohlköpfe herzeigen, so präsentiert die GfdS traditionell „Wörter und Unwörter des Jahres“ und eine Hitparade der Vornamen. Finanziert wird die Spielerei zu 80 Prozent aus öffentlichen Mitteln. Immer wieder mischte sich die GfdS auch in die Diskussionen um Orthographiereformen, und man gestattet ihr sogar, Vertreter in den Rat für deutsche Rechtschreibung zu entsenden. Ebensogut könnte man den Kleingärtnern erlauben, den Regenwald zu jäten.

Womit wir bei der aktuellen Klimadiskussion angekommen sind. Zerknalltreiblinge stehen die meiste Zeit rum und blockieren unverschämt den öffentlichen Raum. Wenn sie bewegt werden, lärmen sie, verpesten unsere Atemluft, heizen das Klima auf und  gefährden Mensch und Tier. In 50 Jahren werden sie hoffentlich ganz aus dem öffentlichen Leben verschwunden sein. Aber was ist mit den großen fetten Zerknalltreiblingen, deren Schöpfer und Besitzer den Knall schon verinnerlicht haben? Hier wäre ein kollektiver Zerknall ganz hübsch. Ich würde es so gern noch erleben.