Gegen Blödheit hilft kein Händewaschen

Vorsicht, dieser Text beginnt flapsig und endet im blutigen Ernst. Es hat mich nämlich unterwegs schreibend aus der Kurve getragen. Eingangs gestehe ich, den Untergang dieses Planeten leichtfertig mit verschuldet, wenn nicht hauptsächlich sogar herbeigeführt zu haben. Vor gut drei Jahren besuchten mich winzige intergalaktische Botschafter und ich habe sie düpiert. Als mir diese Botschaft zuteil wurde: „Hallo Erdbewohner! Wir grüßen euch und bieten euch den intergalaktischen Weltfrieden! Gehet hin und verbreitet die frohe Botschaft!“, habe ich gesagt:

    „Wie bitte? Soll ich etwa damit an die Öffentlichkeit gehen? Die Leute werden sagen, was kümmern uns Friedensangebote von Außerirdischen, deren Raumschiffe wie winzige Fruchtfliegen aussehen?“

Lag es an der latenten Lust am Untergang, die nicht nur in meinem Unterbewusstsein schwelt, sondern unter Erdbewohnern weit verbreitet ist? Friedensangebot ausgeschlagen, und jetzt haben wir den Salat: Winzige außerirdische Invasoren okkupieren die Erde und meucheln die Menschheit. Unsere komplett ahnungslosen Eliten in Medizin, Medien und Politik schwafeln vom Corona-Virus. Alle machen sich zu den Handlangern der Aliens, indem sie Panik verbreiten, so dass die verunsicherten Menschen weltweit wie bekloppt Klopapier kaufen. Warum? Aus Schiss. In Australien, wurde gemeldet, erschien jüngst die Lokalzeitung NT News mit acht leeren Extraseiten zum Zurechtschneiden als Arschwisch. Prächtige Selbsteinschätzung dieser Zeitung, der heimischen Dreckspress zur Nachahmung empfohlen. Hier hört der Spaß auf.

Tagesschau.de vom 27.02.2020 Klick aufs Bild ist Link zur Seite

Lebensbedrohliches wie etwa der Straßenverkehr wird in unserer Kultur von den Presseabteilungen der Autoindustrie bzw. von den Handlangern und Speichelleckern in unseren Redaktionen grundsätzlich als Erfolg gemeldet. Da heißt es nicht etwa, „Leute meidet die Straßen, bleibt lieber zu Hause, um euch und eure Lieben gegen den schrecklichen und rundum tragischen Unfalltod im Straßenverkehr zu bewahren!“ Es werden keine Großveranstaltungen abgesagt. Da tritt kein Minister vor die Kamera und verkündet Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung, sondern es gibt Jubelmeldungen wie hier von Tagesschau.de mit dem Tenor: Kein Grund zur Sorge. „So wenige Verkehrstote wie noch nie!“ Das ist auch der Mutter ein Trost, wenn ihr hoffnungsfrohes Kindlein von einem abbiegenden LKW zerquetscht wurde und auf dem Asphalt in seinem Blute liegt: „Gott sei Dank!“, wird die Mutter ausrufen, „mein Kind ist tot, aber es gibt einen rundum erfreulichen Tiefstand bei Verkehrstoten. Halleluja!“

Wichtigtuerische Medienschranzen, Apologeten des Untergangs „Hallo Frau Will!“ haben nicht den leisten Schimmer, wo die tatsächliche Bedrohung für die Menschheit sitzt, nämlich in der selbstmörderischen Antiquiertheit ihres Denkens. Alljährlich ärgere ich mich über die Verkehrstoten-Erfolgsmeldungen und frage mich, wie schafft es die Autoindustrie nur, sämtliche Redaktionen zu schmieren, dass alle unisono die Statistik der Verkehrstoten bejubeln? Sie müssen nicht geschmiert werden. Das selbstmörderisch antiquierte Denken rumpelt durch derart tiefeingefahrene Karrenspuren, ist quasi ein Selbstläufer des Schon-immer-so-gedacht und Immer-so-gemacht. Verkehrstod ist die selbstverständlich geduldete Gewalt gegen Menschen zum Segen der Aktionäre unserer Autoindustrie. Alljährlich Tausende Opfer, Millionen weltweit! Aber mit Corona machen sie die Leute jeck.

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Schwerer Hirnriss im Menschenverstand dank Corona

Brav melden unsere Medien jährlich die Zahl der Verkehrstoten und finden’s gut. So frohlockte der Tagesspiegel im Jahr 2009: „Berlins Straßen sind die sichersten Deutschlands – Jedes Jahr ein neuer Rekord: Die Zahl der Verkehrstoten sinkt seit Jahren. 2009 registrierte die Polizei nur 48 Tote, so wenig wie nie zuvor seit dem Krieg. Zum Vergleich: 1999 waren es 103 Tote, 2008 noch 59.“
Wir spüren die Macht der Autoindustrie. Jährlich werden in ganz Deutschland etwa 3000 Menschen im Straßenverkehr getötet, aber immer finden die Medien einen freudigen Anlass: Für das Jahr 2019 jauchzt die Zeitschrift Auto Motor Sport: „Neuer Tiefststand erwartet – Im November 2019 sind in Deutschland 218 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen ums Leben gekommen, 18 Personen weniger als im November 2018. Für das Gesamtjahr gehen die Statistiker von einem neuen Tiefststand aus.“

Um etwa 3000 Verkehrstote jährlich zu toppen, müssten wir mindestens eine Kompanie Selbstmordattentäter ins Land holen. Aber warum ausländische Arbeitskräfte für eine Sache anwerben, die wir selber viel besser können, zumal ein paar verstreute Sprengsätze zwar saftige Kollateralschäden anrichten, aber nicht geeignet sind, eine Dunstglocke aus Abgasen über die Städte zu stülpen. Bei ausgedehnten Wanderungen oder Radtouren durch den Wald bekomme ich häufig Kopfschmerzen. Da sind einfach nicht genug Abgase in der Luft, weshalb Selbstmordattentäter für mich keine Alternative sind. ADAC-Mitglieder sind zuverlässiger. Das ist noch gute deutsche Wertarbeit. Und so gesehen, bin ich doch ziemlich froh, dass die Autoindustrie weiterhin kein Tempolimit auf deutschen Autobahnen erlaubt.

Gerade hat der Europäische Verkehrssicherheitsrat alarmierende Zahlen veröffentlicht. Zwischen 2010 und 2018 sind europaweit im Straßenverkehr 70.000 Fußgänger und Radfahrer getötet worden, 24 Mitmenschen pro Tag. Dazu sendet die ARD keinen Brennpunkt, Maybrit Illner lädt keine durchgeknallten Experten, auch sonst leiden unsere Qualitätsmedien unter selektiver Wahrnehmung. Woran liegts? Das Corona Virus hat nicht nur fünf (5!) deutsche Mitbürger erkranken lassen, darüber hinaus verursacht es ein einziges Chaos in den Redaktionsoberstübchen, und zu den von ihm verursachten Krankheitssymptomen müssen unbedingt schwerer Hirnriss und fortgeschrittene Hysterie gezählt werden.

In einem Land, in dem die Autoindustrie den Ton angibt, wird die Meldung von mehr als 70.000 Verkehrstoten rasch beiseite gewischt oder aber witzig euphemistisch umschrieben. Die Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs waren und seien sie „bei Unfällen gestorben, an denen ein Motorfahrzeug beteiligt war.“ (Tagesspiegel) Dass Menschen einfach so bei Unfällen sterben, gibt es ja, vom Zusehen etwa – vor lauter Aufregung. Wenn „Motorfahrzeuge“ beteiligt waren, dann wurden die 70.000 Fußgänger und Radfahrer wieder mal von diesen saugefährlichen Rasenmähern gekillt.