Besinnungsaufsatz – Meine erste große Liebe

Ich erinnere mich, schon früh in ein Mädchen verliebt gewesen zu sein. Als meine Freunde noch alle Mädchen doof fanden, hatte ich die schönsten Gefühle, wenn ein Mädchen namens Helen in der Nähe war. Allein ihre Stimme reichte, mich zu beglücken. Diese kaum bestimmbaren Gefühle hielten noch an, wenn ich Helen nur kurz gesehen oder gehört hatte und den Freunden bedauernd zu wichtigeren Aktivitäten folgen musste. Folglich wagte ich nicht zuzugeben, dass mich ein Mädchen interessierte.

Das erste Mädchen, in das ich richtig verliebt war, hieß Hilly. Da war ich etwa zwölf Jahre alt. Hilly war bei Nachbarn in den großen Ferien. Damals verdiente das Wort „Große Ferien“ noch seinen Namen. Man tauchte kopfüber in die Augusthitze ein und kam ewig nicht mehr hervor. Ich vermute, dass die Welt zu dieser Zeit stillstand, wie das schier endlose Zwitschern der Feldlerchen über den Stoppelfeldern.

Leider war der Sinn für Mädchen inzwischen auch bei meinen Freunden erwacht. Sie strichen um Hilly herum wie junge Hunde, waren mir jedenfalls dauernd im Weg. Noch immer traute ich mich nicht, mein Interesse an Hilly deutlich zu zeigen. Ich bin nicht sicher, ob es geholfen hätte, wenigsten die Nebenbuhler abzuschrecken. Der hartnäckigste war Adrian von Wallenburg. Adrian war ein Jahr älter als ich und weniger schüchtern. O, könnte ich nur meine Schüchternheit überwinden, dachte ich, dann würde ich jedes Mädchenherz erringen. Abends blätterte ich in den Ausgaben „Das Beste aus Readers Digest“, die zahlreich in einer Vitrine meines jüngsten Onkels standen, in dessen verwaisten Zimmer ich schlief. Da gab es Werbeanzeigen zur Entwicklung von Selbstbewusstsein, immer als Fallbeispiel beschrieben. Aber nie fand sich einen Hinweis, wie etwa der gehemmte John Weismuller seine Schüchternheit überwunden hatte und erfolgreicher Leuteverdummer oder Mädchenschwarm geworden war. Mein Freund Neuhaus hatte derlei Probleme nicht, obwohl er nicht besonders hübsch war. Neuhaus wusste Bescheid. Er hatte zwei ältere Schwestern und hatte uns alle aufgeklärt. Natürlich wusste Neuhaus auch, wie man mit Mädchen redet.

Wir radeln in großer Zahl durch die Felder nach Grevenbroich zum Freibad, meine Freunde und ich, einige Mädchen und natürlich Hilly. Über den Stoppelfeldern flimmert die Hitze. Die Lerchen zwitschern ihre eintöniges Lied in den blauen Himmel. Ich bin glücklich, obwohl ich mich fürchte vor dem Geschrei das immer über dem vollen Freibad hängt. Auch kann ich nicht schwimmen und bin ein wenig wasserscheu, traue mich aber trotzdem, ins Wasser zu köppen, um nicht hinten anzustehen.

Hilly sitzt im Badeanzug auf der Decke und will nicht in Wasser. Warum? „Muschi hat Nasenbluten?“, sagt der Neuhaus wissend und bleckt grinsend seine großen Zähne. Das ist ungehörig, aber scheint außer mir niemanden mehr zu stören. Wieso? Bis vor kurzem ist „Camelia“ noch ein Tabuwort gewesen. Wer es sagte, wurde rot dabei. Die Packungen mit „Damenbinden“ lagerten für Kinderaugen unsichtbar über dem Eingang unseres kleinen Edeka-Ladens.

Ich war sehr verliebt in Hilly aus Geilenkirchen, vermied aber jeden Verdacht, hielt mich deshalb eher abseits und musste mit ansehen, wie Adrian und Neuhaus um ihre Aufmerksamkeit wetteiferten. Als ich ein Jahr später in Neuss die Schriftsetzerlehre begann, gehörte zu meinen Tagträumen, sie werde eines Tages ebenfalls in Neuss auftauchen. Dieser Tagtraum bewahrheitete sich tatsächlich. Als hätte ich sie herbei gewünscht, traf ich Hilly auf der Oberstraße, wo sie die Handelsschule besuchte. Natürlich war ich immer noch viel zu schüchtern, ihr näher zu kommen. Nachdem ich Hilly dreimal vom Bahnhof abgeholt hatte und schweigend neben ihr hergetrottet war, sagte Hilly, ich solle das nicht mehr tun. So endete meine erste große Liebe, bevor sie begonnen hatte.

Frohe Weihnachten im Teestübchen

Heuer hat mich in der Vorweihnachtszeit erstmals nicht der Trübsinn erfasst. Für diesen Trübsinn war ein Ereignis meiner Kindheit verantwortlich. Da freute ich mich nämlich auf Weihnachten, und ganz unerwartet ist mein Vater gestorben. Er wurde nur 49 Jahre alt. Viel weiß ich nicht von ihm, denn an Wochentagen kam er erst von der Arbeit im fernen Düsseldorf, wenn ich schon schlief. In seiner knappen Freizeit musste er eine Modelleisenbahn für meinen älteren Bruder und mich gebaut haben, was ich erst später realisierte, denn ich glaubte noch, das Christkind hätte die gebracht.

Wenn mein Bruder abwesend war, durfte ich die kostbare Anlage nicht bedienen, allenfalls einige Waggons mit dem Finger auf den Schienen vor und zurückschieben. Dann aber kam Pater Arnold, ein Mönch aus dem nahen Kloster, der schon mal in der Gemeinde aushalf. Eigentlich besuchte er uns, um meiner Mutter seelsorgerischen Beistand zu leisten, doch nachdem er seinen langen roten Schal vom Hals gewickelt hatte, galt sein Interesse unserer Modellbahn. Und ganz destruktiv war er vorrangig an Zugunglücken interessiert. Er stachelte meinen älteren Bruder immer wieder an: „Friedrich, lass uns nochmal Zusammenstoß spielen!“ Zu meinem Entsetzen wurden zwei Loks auf eine Schienenstrecke gestellt, die dann mit Karacho gegeneinander fuhren und aus dem Gleis kippten. Noch heute mag ich keine Zerstörungsorgien, wie sie Hollywood so gerne darstellt.

Ist schon etwas länger her, als ich entdeckte, dass die Technik des Graphics Interchange Formats (GIF) erlaubt, aus Einzelbildern Trickfilme zu gestalten. Da reizte es mich, für mein damaliges Teppichhaus-Blog eine digitale Modellbahn auf die Schienen zu bringen. Vorlage war diese uralte Zeichnung von mir.

Ich weiß, dass bei der Fülle der Daten mein damaliger Rechner fast in die Knie ging. Heute läuft die Animation bei mir ohne zu ruckeln und ich hoffe, bei Ihnen und euch auch. Im Trickfilm passiert nicht viel, vor allem gibt es keinen fatalen Gegenzug auf Kollisionskurs. Es gab eine Version, bei der zum Schluss frohe Weihnachten gewünscht wird. Die finde ich aber nicht mehr. Drum hier mündlich/schriftlich: Allen treuen Besucherinnen und Besuchern wünsche ich ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest sowie Glück und Gesundheit fürs neue Jahr,
Ihr und euer

Erkundung der Vergangenheit (1) – Das Jahr im Keller

Einen absolut seltsamen Tag habe ich mir heute bereitet. Es begann schon gestern Abend, als ich am Retro-Projekt arbeitete und dabei von der Wucht der Zeitempfindung fast atemlos wurde. Ja, da gibt es Wellen von Einsicht in die Gewalt der Zeit, die können dich erschlagen. Plötzlich nämlich tauchen ziemlich deutliche Erinnerungen auf, du willst dich erheben und vollends hineingehen, da aber siehst du mit Beklemmung, dass du etwas Unmögliches und daher Schädliches tun willst. Anders als die Gegenwart ist die Vergangenheit ja völlig determiniert. Wenn du also Zweifel an der Existenz des freien Willens zerstreuen willst, dann so, indem du dir die Vergangenheit vergegenwärtigst. Das Unerbittliche, Unverrückbare der Vergangenheit lehrt dich, die Freiheit gegenwärtiger Entscheidungen zu schätzen.

[Tagebuchnotiz, geschrieben 1997.] Das oben genannte „Retro-Projekt“ war der Versuch, mein Tagebuch in frühere Jahre auszuweiten, 30 Jahre zurück in eine Zeit, aus der es nur wenige Dokumente gibt. Ich hatte eine DIN-A4-Chinakladde für das Jahr 1967 angelegt, das spärlich vorhandene Fotomaterial und Dokumente – wie meinen Gesellenbrief, den Jugendherbergsausweis usw. fotokopiert und hatte in der Stadtbibliothek im Bildband der Harenberg-Chronik 1967 nach Bildern und Ereignissen gesucht, zu denen ich einen Bezug hatte. Dieses Material klebte ich in die Kladde 1967, ergänzt durch handschriftliche Erinnerungen. Die Kladde lagert noch in meinem Keller in unausgepackten Umzugskartons. Und es scheut mich seit Jahren, danach zu suchen. Aus dem gleichen Jahr stammt das Foto hier. Im Bild mein Freund Fritz [Name geändert], ein mir unbekanntes Mädchen und ich [von rechts], sitzend vor der JH Brüggen, auf der Rückfahrt unserer Radtour zur Insel Texel.
[Das hier ist Beitrag Nummer 1000 im Teestübchen Trithemius, wie WordPress mir mitteilt]