Lehrer Schulz wäre begeistert

Etwa ab meinem 12. Lebensjahr wohnten wir im Dachgeschoss der Schule. Unter uns in der großen Lehrerwohnung wohnte ganz alleine Lehrer Schulz, ein junger Mann aus dem Ruhrgebiet, den es auf unser Dorf verschlagen hatte. Lehrer Schulz war ein freundlicher Mann, der bald beim Abendessen unser Kostgänger wurde. Ich mochte ihn gern bei uns am Tisch. Manchmal kam er später noch einmal zu uns herauf und spielte eine Partie Skat mit meinem älteren Bruder und seinem Freund Oberlacks Kurti. Manchmal am Wochenende lockte er meine Mutter zu sich herunter, und wenn sie wieder hochkam, hatte sie rote Wangen und einen sitzen. Sonst war Lehrer Schulz einsam. In seinem Wohnzimmer lehnte ein Cello. Ich konnte in meinem Dachzimmer hören, wenn Lehrer Schulz dem Cello von seiner Einsamkeit klagte.

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Höre ich den klagenden Laut des Cellos, so ist mir, als hätten hundert Spezialisten des Wehklagens dem Erfinder des Cellos von ihrer Sehnsucht geklagt. Aus diesem Ozean von Wehmut schlugen die Wellen von unten in meine Dachstube. Ich weiß nicht, ob ich schon Sehnsucht kannte. Mir scheint, mich befiel nur ein diffuses Gefühl von Unwohlsein, wenn Lehrer Schulz Cello spielte. Ähnliches spürte ich später, wenn in einer Metzgerei Knochen gesägt wurden. Glücklicherweise fand Lehrer Schulz irgendwann eine Freundin, verlobte sich, heiratete und zog nach Essen. Aus der Zeit seiner Einsamkeit ist mir das Cello als wehklagendes Instrument in Erinnerung.

Das änderte sich, als Mitte der 1960-er Jahre im Zuge der neodadaistischen Fluxus-Bewegung die barbusige Cellistin Charlotte Moorman auftrat, wobei für mich als Jugendlichen das Cellospiel eher uninteressant war. Dann war Jahrzehnte Frieden zwischen dem Cello und mir. Zum Jahrtausendwechsel begeisterte ich mich für das Cellospiel der finnischen Musikgruppe Apocalyptica, aus eher destruktiven Gründen.

Kürzlich fand ich auf Youtube die Cellistin Ghislaine Valdivia bei der Interpretation von „Kashmir“, einem Song der englischen Rockband Led Zeppelin von 1975. Lehrer Schulz wäre auch begeistert.

Teestübchen Musiktipp

Und hier das Original. Ehre wem Ehre gebührt.

Mallinckrodt

Wieder war aus dem Nichts ein Streit entbrannt. Er war sich keiner Schuld bewusst. Der Grund war ihre finstere Gesinnung, die sie in regelmäßigen Abständen überkam wie ein grässlicher Fluch, gegen den kein Kraut gewachsen war. Ein Glas mit Rotwein hatte sie gegen die Wand geworfen. Wie der Weinflecken sich blutrot über die Tapete verbreitete, überkam ihn ein bodenloser Grimm, schlimmer noch ein heftiger Grell. Da war dieser Wunsch zu wüten. Blitze zuckten vor seinen Augen, ein Wetterleuchten der Explosionen und Entladungen in seinem Kopf. Er kannte sich nicht mehr, hatte derlei noch nie verspürt. Als wäre die Haut der Zivilisation ihm vom Leib gerissen worden und hätte das Tier bloßgelegt, seine finstere Schattenseite. Zu ihrer eigenen Sicherheit packte er sie beim Oberarm und setzte sie vor die Tür. Mit zitternden Fingern legte er eine CD dieser vier durchgeknallten finnischen Cellisten ein, startete „Path“ und drehte die Lautstärke auf, so weit, dass diese gewalttätige Musik sich irr an den Wänden stieß, wo es ihr nicht gelang hinaus zu fliehen auf die nächtliche Straße, und ihm war als würde die Tür, die er hinter ihr zugeknallt hatte, noch immer in ihrem Rahmen schwingen. Diese Musik zu hören, war Teufel mit Belzebub auszutreiben. Wie die vier Musiker im Video einen Kampf ausfechten mit ihren schier übermächtigen Schatten, so kämpfte auch er die Schatten in sich nieder.

Und tatsächlich gelang es ihm, sich zu beruhigen, ja es erheiterte ihn die Erinnerung an ihr verblüfftes Gesicht, als er sie wortlos vor die Tür geschoben hatte. Noch immer lief Path und da kam ihm wieder dieser Unheil verkündende Name in den Sinn: „Mallinckrodt.“ Er wusste nichts damit anzufangen, hatte keine Ahnung, von wo ihm das Wort zugeflogen war. Vorne erinnerte es schwach an das lateinische malus für schlecht, böse, aber das auslautende -rott war zuverlässig die Bezeichnung für Rodung. Noch zur Römerzeit war das Land von dichten, schier undurchdringlichen Wäldern überzogen. Da bot jede Lichtung die Gelegenheit aufzuatmen, den Himmel zu sehen und in die Sonne, ans Licht zu treten. Es muss natürliche Lichtungen gegeben haben in der Welt unserer Vorfahren. Doch für die meisten hat man Brände legen, Bäume fällen und Wurzeln ausgraben müssen, ein hartes und mühsames Unterfangen. Warum sollte eine solche Lichtung als böse verschrien sein? Weil dort Böses geschehen war? Was geschah in Mallinckrodt? Warum kam ihm dieses unheilige Wort in den Sinn, wann immer er Path von Apokalyptica hörte?