Post von Hans

An einem heißen Sommertag im Juli 2013 besuchte ich den Altstadtflohmarkt Hannover am Hohen Ufer der Leine und schob mich unter einer brennenden Sonne durch die Menschenmassen zwischen den Buden. Ich suchte einen Stand mit antiquarischen Ansichtskarten, weil ich mich am archäologischen Literaturprojekt „Inspiring Voyeurism“ beteiligen wollte, einem Mitmachprojekt aus Blog.de-Zeiten, zu dem Freund Merzmensch aufgerufen hatte. Die Idee: antiquarische Ansichtskarten regen zu Untersuchungen und Spekulationen an.

Wer? … hat die Karte, Wann, von Wo, an Wen verschickt?
Warum? … Was bedeutet der Text der Karte?

Da bietet ein Händler Ansichtskarten feil, eng gestapelt in zwei Kartons. Die Sonne im Nacken blättere ich mit schwitzigen Fingern in den Karten. Soweit sie rückseitig keine Aufschriften haben, sind sie uninteressant. Obwohl meine Suche in der Hitze ungeduldig ist, finde ich zehn Karten. Der Trödler kommt heran, blättert meine Auswahl durch und will elf Euro. Da wären schließlich ein paar besondere bei. „Was? höchstens fünf Euro!“ „Acht Euro, um Ihnen entgegen zu kommen.“ Ich schaue in meine Geldbörse und sage: „Ich habe sieben Euro klein. Mehr können Sie nicht haben!“ Er gibt mir die Karten. Später setze ich mich in den Schatten und betrachte meine Beute. Einige der Karten sind ein Glücksgriff für meinen Projektbeitrag. Er sollte bald im Blog des Hannover Cünstler Kollektivs (HaCK) erscheinen. Leider ist das Blog mit der Plattform im digitalen Orkus versunken und auch nur rudimentär im Internet Archiv gespeichert. Das leider unvollständige Manuskript ist mir mehrmals schon in meinem Festplattenarchiv wieder begegnet. Es heißt: Der liebe Hans.

Hans hat im Abstand von drei Jahren zwei Ansichtskarten an seine Eltern geschickt, die erste 1954 aus Bonn, die zweite 1957 aus Berlin. Ich habe die Karten hintereinander gestapelt gefunden, ein Glücksgriff. Denn so erzählen die Karten eine längere Geschichte aus dem Leben von uns unbekannten Personen. Wäre es nicht so heiß gewesen am Stand des Trödlers, hätte ich gern weitere Karten von Hans gesucht. Aber so ist auch schön:

Die erste Karte zeigt im Vordergrund den Rhein, am jenseitigen Ufer das Bundeshaus in Bonn, eine Aufnahme aus den frühen 1950-er Jahren. Über dem schlichten Gebäude ist eine Fahne gehisst. Sonst könnte es auch ein simples Bürohaus sein. Trotzdem handelt es sich um das Parlament, und es scheint Hans wichtig gewesen zu sein, den Eltern diesen Eindruck zu vermitteln, mehr noch, er schreibt:

Liebe Eltern!
Herzliche Grüße aus dem Bundeshaus in Bonn
sendet Euch Euer Hans

Hans ist also im Bundeshaus gewesen und hat nicht etwa im Rhein gestanden, wie das Foto nahelegt. Vermutlich konnten Besucher die Ansichtskarte im Foyer des Bundeshauses erwerben. Abgeschickt ist die Karte laut Poststempel in Bonn, am 20. Oktober 1954.
Was war am 20. Oktober 1954 im Bundestag?

„Einstimmig beschloss der Bundestag, dass Bürger Ost-Berlins, die im Westteil der Stadt einen Arbeitsplatz hatten und diesen verloren, ein Anrecht auf Arbeitslosenunterstützung haben sollten. Die SPD warf in einer Bundestagsdebatte über Probleme der Jugend der Regierungskoalition vor, mangelndes Interesse an der Jugend zu haben.“

(Nachweis von hier.) Es ist unwahrscheinlich, dass Hans als Jugendlicher von Hannover aus einen Ausflug nach Bonn gemacht hat, um sich den Vorwurf der SPD anzuhören. Seine gut entwickelte, selbstbewusste Handschrift weist ihn als jungen Mann aus. Der exzentrische Schnörkel beim großen H zeigt einen infantilen Hang zur Eitelkeit. Vielleicht ist Hans in Bonn, um Jura zu studieren, mit dem Ziel, später in einer Bundesbehörde Karriere zu machen. Schließlich hat der Vater es in Niedersachsen schon zum Oberregierungsrat gebracht, wie die Adresse ausweist, und erwartet, dass sein einziger Sohn etwas aus sich macht. Die Anschrift weist eine Auffälligkeit aus:

Herrn
Oberreg.Rat O. Bxxxxxxxx
Hannover

Obwohl der Kartengruß an die Eltern gerichtet ist, taucht die Mutter in der Anschrift gar nicht auf, getreu der damaligen Konvention, dass die Ehefrau im Hintergrund zu stehen hat und nur über den Berufsstand des Mannes etwas gilt. Dass Hans dieser Konvention auch im Familiären folgt, weist ihn als hochgradig konservativ aus. Vermutlich ist er ein angepasster gelackter Schnösel und wie schon sein Vater Mitglied der Burschenschaft der Norddeutschen und Niedersachsen zu Bonn, einer schlagenden Verbindung. Man kann sich sein Elternhaus vorstellen. In der schummrigen Eingangsdiele der Stadtvilla im Jugendstil riecht es nach Bohnerwachs. Die Dielen sind spiegelig gewienert, die Wände mit dunkler Eiche vertäfelt. Die Eingangstür hat farbiges Glas, durch das Tageslicht nur milde hereinsickert. Über die Treppe zum Obergeschoss erstreckt sich ein weinroter Läufer, der in den Stufenecken mit goldglänzenden Messingstangen justiert ist. Auf einer Anrichte liegt ein gehäkeltes Spitzendeckchen. Darauf steht ein schwarzes Telefon. In einer Schale liegt die Post vom Tage, damit der Hausherr sie sogleich beim Heimkommen inspizieren kann … Sie ruft: „Ach, Hans hat geschrieben!“ Er: „Wurde auch Zeit.“

Drei Jahre später. Der Vater ist inzwischen pensioniert. In der Anschrift fehlt sein alter Titel, was nicht bedeutet, dass die Mutter jetzt genannt würde. Es heißt schlicht:

Herrn Otto Bxxxxxxxx und Frau

Zumindest das große überragende F von Frau zeigt, dass ihre Stellung sich entwickelt hat. Klar, er ist Pensionär und hat seine Reputation eingebüßt. Der Schnörkel, den Sohn Hans beim großen H macht, ist jetzt noch ausgeprägter. Hans hat die ihm gemäße Form gefunden, auch wenn es aus heutiger Sicht eine lächerliche Form ist. Das Gespräch zwischen ihm und den Eltern ist jedoch verstummt. Er hatte vor, einiges zu schreiben, hat sehr weit oben angefangen, sogar die Trennlinie überschritten. Dem herzlichen Auftakt:

Liebe Eltern!

Folgt nur ein lakonisches …

„Herzliche Grüße aus Berlin
Euer Hans“

Die Absicht war da, aber es ist ihm nicht mehr eingefallen. Trotz raumgreifender Schrift bleibt die Karte im unteren Drittel leer. Was steht da nicht? Warum schreibt er überhaupt? Hofft er auf finanzielle Unterstützung? Ist er dem Berliner Nachtleben verfallen, wie das Kartenmotiv nahelegt? Oder gab es ein Zerwürfnis? Die Tinte ist grün, weist auf einen gehobenen Berufsstand. Sachbearbeiter schreiben Rot, leitende Herrschaften Grün. Was ist passiert im Leben von Hans? Weitere Nachricht haben wir nicht. Gerade ist er vor uns aufgetaucht, nahm Gestalt an, die Eltern ebenso. Schon zerfließen die drei im Nebel der Zeit.

Danke, lieber Merzmensch, für das inspirierende archäologische Literaturprojekt!

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Teestübchen Briefaktion (6) – Annas Karten

Um 5 Uhr bin ich wach. Es ist noch dunkel. Weil Sonntag ist, kann ich das Fenster öffnen. Selbst auf dem nahen Westschnellweg wird jetzt noch nichts los sein. Es ist still, und ich wundere mich. Um fünf Uhr darf man doch schon Vogelgesang erwarten? Als ich noch in Aachen in unserem Haus lebte, hatten meine Kinder sogar eine Vogeluhr. Auf ihr konnte man ablesen, wie spät es ist. Unsere heimische Singvogelwelt verteilt sich mit dem Aufwachen auf einen Zeitraum von etwa zwei Stunden. Wenn im Mai der Buchfink tschilpt, ist es fünf Uhr. Weil mich eine selbstauferlegte Pflicht rief und ich eigentlich aufstehen wollte, fand ich nicht mehr richtig in den Schlaf, sondern wühlte Halbschlafgedanken ins Kissen, ob etwa die welschen Feinschmecker unsere schöne Vogeluhr weggeputzt haben. In diesem Kontext kriegt das Wort „Feinschmecker“ etwas von schmatzenden Idioten. Andererseits, welche Rechte hat ein Singvogel dem Huhn voraus? Darf das Huhn sich am Bratspieß drehen, weil es nicht schön genug singt? Letztlich muss ich darüber eingeschlafen sein, und der Text, den ich mir bis ins Kleinste überlegt hatte, war um 8 Uhr im Kopfkissen nicht aufzufinden.

So ist mir leider entfallen, was Singvögel und die Vogeluhr mit den Einsendungen von Anna socopuk zu tun haben. Als vor einigen Wochen eine collagierte Ansichtskarte in meinem Briefkasten lehnte, war mir klar, dass es die erste von mehreren sein sollte. Die Collage zeigt im Untergrund zwei Streifen aus kariertem Papier, worauf mit Siena einige Antiquabuchstaben kalligrafiert sind. Darüber klebt ein blauer Zettel mit meiner Anschrift in Schreibmaschinenschrift, darüber mit Überlappungen am unteren Rand ein Ausschnitt der fotografischen Abbildung einer Schreibmaschine. Zu sehen ist der sorgfältig ausgeschnittene Bügel, der den Anschlag des nächsten Buchstabenhebels anzeigt. Der Wagen scheint bis hinter den letzten Buchstaben von Hannover vorgerückt zu sein. Zum linken Bildrand erstreckt sich eine Abbildung von Bleilettern in einem Steckkasten, ausgeschnitten in Form einer länglichen Blase, am oberen Bildrand der Ausschnitt einer Schulter mit einigen aufliegenden Fingern, verkehrt herum aufgeklebt. Die gesamte Collage wirkt wie ein Bilderrätsel, dessen Thema eindeutig Sprache, Schrift und Schreiben ist.

Ein Absender schien zu fehlen. Aber ich erkannte die Handschrift sofort und vergewisserte mich noch beim Video, das Anna socopuk im Rahmen des Handschriftseminars erstellt und veröffentlicht hat. Tag für Tag trudelten weitere Karten ein. Nur die letzte von sechs brauchte etwas länger, so dass wir uns per Mail sorgten, sie könnte verlorengegangen sein. Ist sie aber nicht, und so konnte ich das Bild vervollständigen. In einer Mail schrieb Anna auch: „Außerdem fand ich es eine witzige Vorstellung, dass du von Anfang an meine Adresse & das Rückporto hast, aber es nicht weißt.“ Ein Zettelchen mit ihrer Adresse und der Briefmarke war nämlich unter der oben erwähnten Schreibmaschine versteckt. Puh, manche Frauen lieben es rätselhaft.

Wenn alle Karten richtig zusammengelegt sind (beim Scannen sind leider einige etwas verrutscht, weil ich die Karten nicht zusammenkleben wollte), erklärt sich einiges. Zu sehen ist das beschnittene Foto einer Frau im Halbprofil von hinten, der ein Scankode auf die Schulter tätowiert wird. Die auf der Schulter aufliegenden Finger gehören dem Tätowierer. Das blasenförmige Element der ersten Karte ist eine Sprechblase. Alle Karten tragen blaue Zettel mit meiner Adresse, jedesmal in einer anderen Schrifttype. Unten rechts trägt der Zettel meine Druckschrift (von einem Gestaltungsbeispiel), mit einem ins Bild ragenden roten Fineliner nachgeschrieben. Zentral ist ein Zitat von vermutlich Gerhard Roth zu lesen, der Name klebt jedenfalls gestürzt neben dem sorgfältig ausgeschnittenen Foto einer lesenden Frau. Diese Frau sitzt auf einer fett umrandeten Adresse. Das Zitat ist scheints von einer seltsam geformten Schreibfeder geschrieben, deren Halter in eigenwillige grafische Formen ausläuft. Ich hoffe, alle wesentlichen Bildelemente beachtet zu haben. Vielleicht verbirgt sich noch irgendwo eine Anspielung, aber ich sehe sie nicht.

Auf den Rückseiten schreibt Anna von und mit ihrer Glasfeder. Wie hübsch! Noch nie zuvor hat mir jemand mit einer Glasfeder geschrieben! Weiterhin reflektiert sie über die Vorzüge der Handschrift. Rechts unten verrät eine Bleistiftnotiz, dass ihre Anschrift und das Rückporto auf der ersten Karte unter der Schreibmaschine versteckt sind. Alles in allem bin ich sehr angetan von dieser aufwändigen sechsteiligen Einsendung. Sie ist komplex, sorgsam bedacht, entschieden konzeptionell und grafisch ansprechend ausgeführt.

Liebe Anna, herzlichen Dank für diese beeindruckene Einsendung, wert an einem Sonntag präsentiert zu werden!