Rosenmontagsblues

Vor acht Jahren verbrachte ich Karneval in München. Er heißt dort Fasching, aber man merkt nicht viel davon. Deshalb war der Lebensgefährte der Bäckereifachverkäuferin am Rosenmontag nach Köln geflogen, um sich in das Karnevalstreiben zu stürzen. Als ich am Dienstagmorgen Brötchen holte, hatte sie schlechte Laune. War er am Ende im Trubel versackt? Ich habe es nicht mehr erfahren, denn am Abend reiste ich zurück nach Hannover. Hier merkt man von Karneval gar nichts. Nur die Bäcker tun Konfetti auf die Berliner. Dass die aber auch immer gleich so ausflippen müssen.

Im Speiseraum eines Pflegeheims sitzt einer grübelnd über seinem Frühstück. Als ich zwei Stunden später vorbeikomme, sitzt er noch immer da. Man möchte singen „Drink doch eine met, stell dich nit esu ahn. Du sitz he de janze Zick eröm …“

Das letzte Mal war ich vor 20 Jahren zum Rosenmontag in Köln, und zwar in einer Kneipe im Severinsviertel, wo Köln am engsten und urigsten ist. Ich hatte mich mit meinem Bruder und seiner Frau getroffen. Man muss schon vor Beginn des Rosenmontagszugs eine Kneipe aufsuchen. Nachher ist jede Kneipe derart voll, dass man nicht mehr hineinkommt. In der Kneipe im Severinsviertel lernte ich einen Mann kennen, der eine Kalenderdruckerei hatte. Er ließ die Nase hängen, was aber nichts mit den Kalendern zu tun hatte, sondern mit seiner Frau. Jedenfalls war er nicht recht bei der Sache, was karnevalistische Fröhlichkeit betrifft. Er taute erst so richtig auf und wurde lebendig, als er mir von seinem Begräbnisverein erzählte.

„Wie kommt man darauf, einen Begräbnisverein zu gründen?“, habe ich gefragt.
„Wir haben uns gesagt, aus dem Alter, dass wir Hochzeiten und Kindstaufen feiern können, sind wir raus. Was jetzt noch kommt, sind Beerdigungen. Darum haben wir den Begräbnisverein gegründet.“
„Und was macht ihr so?“
„Wir besichtigen Friedhöfe, und letztens haben wir ein Krematorium besucht“, hat er gesagt und sein Kölsch gekippt. Und wie er sich so erinnert hat an die ganze Technik in einem Krematorium und dass nach der Leichenverbrennung in der Asche noch die Knochen rumliegen, da konnten ihm auch die Karnevalswagen vor den Kneipenfenstern die Laune nicht mehr verderben.
Ich will mich gar nicht über ihn lustig machen. Vielleicht fühlt man sich erst so richtig lebendig, wenn man das Thema Tod nicht verdrängt. Man kann ja eine Sache am besten genießen, wenn man das Gegenteil vor Augen hat. Wenn du zum Beispiel einen freien Tag hast, dann ist die Freude am größten, wenn du weißt, dass die anderen an deinem freien Tag arbeiten müssen.

Das kölsche Wort „rosen“ bedeutet „rasen“, „herumtollen“, „toben“. Es wird mit langem O gesprochen wie in Toast. Dieses „Rosen“ gab dem Rosenmontag den Namen. Das Verb „rosen“ mit „Rosen“ gleichzusetzen und in Analogie vom Veilchendienstag zu sprechen, ist demnach, was die Sprachwissenschaft Volksetymologie nennt. Das nur, damit hier keiner rösig wird.

Nachrichten aus einem verlorenen Universum

Am Packtisch im Supermarkt räumt neben mir eine alte Frau ihren Einkauf ein. Sie spricht vor sich hin: „Jetzt habe ich das Wichtigste vergessen.“ Sie hat, so scheints, die komplette Regenbogenpresse im Einkaufskorb. „Immerhin haben Sie viele Zeitschriften gekauft.“
„Ach, die bringe ich ins Altenheim. Die freuen sich darüber.“
„Ich habe mich schon oft gefragt, wer diese Zeitschriften liest.“
„Ja, manche gucken nur noch die Bilder.“ Es klingt alles so verloren, dass ich froh bin, mich abwenden zu können. „Gucken nur noch die Bilder.“ Wie schrecklich.