Einiges über Arschlöcher – eine vorsichtige Annäherung

kategorie alltagsethnologie

Zum Einstieg eine Anekdote: Ich war am Bahnhof gewesen, um eine Fahrkarte nach Aachen zu kaufen. Als ich mein Fahrrad aufschloss, freute ich mich, dass ich noch rechtzeitig zum Finale einer Etappe der Vuelta nach Hause kommen würde. „Vorausgesetzt“, dachte es da laut in mir, „vorausgesetzt auf der Fahrradstraße bringt dich kein unachtsamer Fußgänger zu Fall.“ Ich war also vorgewarnt, was ich durchaus fürsorglich von meinem besseren Ich fand, denn mir war schon aufgefallen, dass viele Leute nach dem abrupten Wetterumschwung wie schlafwandlerisch unterwegs waren. Auf besagter Fahrradstraße lief mir ein unachtsam die Fahrbahn querender junger Mann vors Rad. Ich konnte gerade noch bremsen, kam just vor ihm zum Stehen und sagte: „Vorsicht, Mann!“ Da fragte er ganz keck: „Ist das hier ein Fahrradweg?“ „Ja“, sagte ich und deutete auf die Fahrspur. „Nicht um diese Zeit!“, behauptete er fälschlich, und verschwand ohne sich nochmal umzusehen die Treppe runter zur U-Bahn. Mir blieb nichts, als ihm „Arschloch“ hinterher zu denken.
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Ist kreuzworträtseln intelligentes Verhalten?

kategorie alltagsethnologieFreund Merzmensch berichtet in seinem Kunstwissenschafts-Blog über den Fall einer Zahnärztin im Ruhestand, die im Neuen Museum Nürnberg das Bild „Reading-work-piece“ des Fluxuskünstlers Arthur Köpcke (1928-1977) beschädigt hat. Das Bild zeigt den Ausschnitt eines Kreuzworträtsels, an dessen oberen Bildrand Köpke die Aufforderung „Insert Words“ („Setze Wörter ein“) platziert hat. Die 91-jährige Rentnerin fühlte sich aufgefordert und füllte das Kreuzworträtsel mit Kugelschreiber aus. Das brachte der alten Dame zu ihrer Überraschung eine Strafanzeige ein. Merzmensch erörtert die Frage, ob die Frau nicht ganz im Sinne des Fluxus gehandelt habe, denn Fluxus sei angelegt auf eine künstlerische Beteiligung, Interaktion, Aneignung und Verschmelzung von Kunst und Leben. Mich interessiert ein anderer Aspekt. Offenbar hat ein Kreuzworträtsel in unserer Kultur eine hohe appellative Kraft. Seine schiere Existenz in Zeitung oder Zeitschrift ruft „Füll mich aus!“ Man muss es nicht ausdrücklich daran schreiben wie Arthur Köpcke. Das fällt besonders auf an Kreuzworträtseln in Lesezirkelheften, wie sie in Wartezimmern herumliegen. Immer hat da schon jemand seine Chiffren hinterlassen. „Wer sein Allgemeinwissen auf die Probe stellen oder erweitern will, für den sind Kreuzworträtsel eine spannende Herausforderung.“, wirbt Focus online für sein digitales Kreuzworträtsel.

Mensch und Kreuzworträtsel ist wie dressiertes Hündchen und Stöckchen. Die Verbreiter von Kreuzworträtseln halten das Stöckchen „Probe dein Allgemeinwissen!“ hin, und der Rätselfreund hupft rüber. Viel von der Lust, ein Kreuzworträtsel zu lösen, hängt sicher mit der intellektuellen Herausforderung durch ein Rätsel zusammen, aber richten wir die Aufmerksamkeit auf die Fragen der Kreuzworträtsels. Was der Focus euphemistisch „Allgemeinwissen“ nennt, ist in Wahrheit Kreuzworträtselwissen und weist systembedingt wiederkehrende Begriffe auf, so dass es sogar Kreuzworträtsellexika mit einer übersichtlichen Zahl von Einträgen geben kann.

Statt Kreuzworträtsel hier ein Bild von sinnlosen Symbolen, die ich mal erfunden habe  - Grafik: Trithemius

Statt Kreuzworträtsel hier ein Bild von sinnlosen Symbolen, die ich mal erfunden habe – Grafik: Trithemius

Abfragbares und aus seinem Kontext herausgelöstes Wissen finden wir alphabetisch geordnet im Lexikon, ebenso im digitalen Lexikon, nur dass der haptische Vorgang des Suchens durch digitale Suchassistenten erledigt wird. Niemand wird einem Lexikon, sei es analog oder digital, Intelligenz zugestehen. Ebenso wenig kann die Fähigkeit, abfragbares Wissen zu reproduzieren als intelligentes Verhalten gelten. Man kann sich allenfalls was auf ein gutes Gedächtnis einbilden. Wer beim Lösen von Kreuzworträtseln reüssiert, etwa bei den Deutschen Meisterschaften im Kreuzworträtseln, benötigt nur, was Adorno als Erscheinungsform der „Halbbildung“ charakterisiert und der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann sogar als Unbildung kennzeichnet. Abfragbares Wissen zu memorieren, ist leider nur das Wühlen in geistigen Schubladen, ohne dass mit den Fundgegenständen etwas Sinnvolles verknüpft würde. Es ist vor allem kein selbstständiges Denken, sondern hindert sogar am Denken, indem es Zeit und Ressourcen frisst. Kreuzworträtseln lebt von der Illusion, es wäre eine geistige Tätigkeit und ist sicher deshalb so beliebt, weil es die allgemeine Denkfaulheit legitimiert. Sie wird auch nicht besser, wenn man sie wie die „Kreuzworträtseldame“ (Merzmensch) zur Kunst erklärt.