Impulswerkstatt – traumhaftes Schlüsselerlebnis

Nachdem mein Vater gestorben war, schliefen meine jüngere Schwester und ich im verwaisten Ehebett. Abwechselnd durften wir zur Mutter ins Bett. Irgendwann, ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, entschied meine Mutter, dass ich nicht mehr mit im Bett schlafen dürfte. Es war wie die Vertreibung aus dem Paradies der Geborgenheit.
Zu dieser Zeit war das Zimmer meines jüngsten Onkels im Haus meiner Großeltern verwaist, weil er in Bonn Jura studierte und dort eine Studentenbude hatte. In seinem Zimmer sollte ich hinfort schlafen. Ich fühlte mich wie ausgesetzt.

Das Zimmer lag allein auf der ersten Etage und hatte noch einen Vorraum. Die offene Verbindungstür war durch einen Vorhang abgetrennt. Das angrenzende Zimmer stand leer. Ich hatte im Zimmer meines Onkels große Angst, starrte bis zum Einschlafen auf den Vorhang und oft narrte er mich durch eine scheinbare Bewegung. Eines Nachts wurde ich wach mit dem Gedanken, ich hätte keinen Schlüssel, um zu Hause aufzuschließen. Wie im Tran stand ich auf und tappte, nur mit dem Schlafanzug bekleidet, die dunkle Treppe hinunter in den Hausflur. Ich erinnere mich, dass der Hausschlüssel meiner Großeltern von innen steckte, so dass ich aufschließen konnte. Die Landstraße lag ruhig. Das Licht der Gasolin-Tankstelle drüben warf einen trauten Schein. Ich querte die Straße und ging die wenigen Schritte bis zur elterlichen Wohnung. Dort stellte ich mich unters Schlafzimmerfenster und rief. Nach einer Weile kam meine Mutter ans Fenster und fragte entsetzt:
„Hannes, was machst du denn hier?“
„Ich habe doch keinen Schlüssel“, sagte ich und wusste im selben Moment, dass ich keinen Schlüssel brauchte, um nach Hause zu gehen. Da erst kam ich zur Besinnung, spürte die nächtliche Kälte und dass ich barfuß war.

Schlüsselbild als Schreibimpuls – Foto: Myriade

Im Haus meiner Großeltern war große Aufregung. Sie hatten gehört, wie ich aufgeschlossen hatte und gegangen war. Ich war froh, wieder in mein Bett kriechen zu können. Am nächsten Morgen hörte ich, dass ich geschlafwandelt hatte. Noch heute bin ich mir unsicher, ob es wirklich Schlafwandeln gewesen ist. Denn ich habe in dieser Nacht durchaus wahrgenommen, was ich tat.

Mein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt.

Einiges über Zahlen im Straßenbild

Auf einem Stadtmöbel abgelegt lag ein weißes Schild mir roter Umrandung, das normalerweise an einer Hauswand angebracht ist, denn es zeigt an, wo sich auf dem Gehweg ein Hydrant befindet. Wo dieses Schild hingehörte, konnte ich nicht ermitteln, denn ich sah in der Nähe keinen Hydranten.

Recherchen zeigen mir jetzt, dass das Schild einen Abstand zwischen Schild und Armatur nach links (1 m) und zum Gehsteig (4,8 m) anzeigt. Ich hoffe, das Schild wird bald an der richtigen Stelle erneuert, damit keine Komplikationen bei einem Brand auftreten. Dieses Fundstück erinnerte mich daran, dass meine Schriftforschungen Mitte der 1980-er Jahre mit Reflexionen über die Zahl im Straßenbild und die vielfältigen Bedeutungen begann. Tatsächlich fand ich in meiner umfangreichen Kartei auch eine lange vergessene Abteilung ZAHL. Eine Karteikarte davon ist vermutlich die erste, die ich überhaupt anlegte. Sie ist noch in vereinfachter Ausgangsschrift geschrieben.

Als junger Lehrer schämte ich mich meiner Handschrift und betrachtete meine Tafelanschriebe als Zumutung für Schülerinnen und Schüler. Darum lernte ich mit Übungsheften für Grundschüler noch einmal Lateinische Ausgangsschrift (LA), war nicht zufrieden, dann Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) und schrieb sie eine Weile, bis ich Anfang 1990 mit der Isländischen Ausgangsschrift eine bessere fand. Daher lässt sich die Karte zeitlich auf etwa 1985 einordnen.


[Getreu abgetippt] Schriftliche Kommunikation im Straßenbild/Zahlen
Schriftliche Kommunikation im Straßenbild zeigt mitunter auf engem Raum (Bsp. Einer Fahrt von Forst nach Kor[nelimünster]) verschiedene Abstraktionsebenen. Neben den nur kontextabhängigen Informationen situationsabhängige oder vom Vorwissen abhängige Informationen:
1. Vorwissen (Faktor Weltwissen)
– Auf der Brandmauer eines Wohnhauses die große Aufschrift „1920“ = Vorwissen, dass Jahreszahl der Erbauung gemeint ist, „1920“ nicht Alter oder Hausnummer bedeutet
– Straßenschild „… 50 m“ (Niederforstbach 1,5 km) = Vorwissen, daß Entfernung gemeint ist.
– Straßenschild „70 km“ = keine Entfernungsangabe, sondern Geschwindigkeitsbegrenzung.
Kartenrückseite
Gerade die beiden letzten Bsp. zeigen, wie schwierig die richtige Erfassung der Information für einen Menschen mit dem fehlenden Vorwissen ist. Formal weisen sie die gleichen Merkmale auf (Dezimalzahl und Abkürzung einer Entfernungsangabe). Es genügt also nicht zu wissen, daß die Abkürzungen Rechnungseinheiten für Entfernungsvermessung bedeuten und deren Bedeutung zu kennen (m = Meter, km = Kilometer) Man muß auch zusätzlich wissen, daß die zweite Angabe („70 km“) keine Entfernung anzeigt, sondern Geschwindigkeit, also logisch falsch gebildet ist.

Soweit der Inhalt der Karteikarte. „Straßenschild“ müsste „Verkehrsschild“ heißen. Kontext-, bzw. Situationsbezug von Zahlen im Straßenbild sind leider nicht mehr ausgeführt. Es fehlt noch eine Systematik. Vor allem ist der Gedanke noch nicht zu Ende gedacht. Die Zahlen auf dem Hydrantenschild sind nur dem Eingeweihten verständlich, erfordern also Fachwissen, sind vor allem nur sinnvoll im Kontext mit einem Hydranten. Auch Hausnummern sind nur im Kontext der jeweiligen Häuser aussagekräftig. Das unten stehende Gif ist der Versuch, ihre Bedeutung anderweitig aufzuladen.


Was es damit auf sich hat, findet sich hier.

I N D I E B O O K D A Y

I N D I E B O O K D A Y

Der umtriebige Buchkünstler, Verleger und Blogger Ernst Christian Dümmler macht auf den Indiebookday am 20. März aufmerksam. Es ist der Feiertag des unabhängigen Verlegens. Da feiert die Edition Teestübchen Trithemius gerne mit.

Dümmlers Blog

Meine liebe Freundin Eva Schickler schickte mir folgenden Link: https://www.indiebookday.de.

Das fand ich natürlich sehr gut. Ich dachte, prima, da komm ich auch mal unter. Aber nix – eine Challenge: Bücher kaufen, Cover fotografieren, im Blog, auf FB oder Instagram mit dem Hashtag „indiebookday“ posten.

Moment, jetzt kommts mir erst – alle die ein Heft der Edition Blumen besitzen könnten dies eigentlich tun. Nein, nicht eigentlich! Sofort! Unverzüglich! Und wer noch keines hat, dem kann sofort geholfen werden:

Die Seite www.edition-blumen.de aufrufen, z.B. den Beitrag Raumschiff, auf die Mailadresse habenwollen@edition-blumen.de klicken, in die Mail schreiben: „hallo ich bin die/der, ich will das heft haben, über paypal habe ich schon alles überwiesen, schicks mir doch an diese adresse… edition-blumen.de find ich total toll! mit freundlichen grüßen olé“. Dann schick ich das los. Wenn das prächtige und leise glitzernde, shiny Heft angekommen ist, gleich fotografieren, damit die…

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Tag der Druckkunst

Am 15. März 2018 wurden die traditionellen Drucktechniken in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO übernommen. Seither feiern wir am 15. März den Tag der Druckkunst. Wieso das vereinnahmende Wir? Bekanntlich bin ich ein Jünger der Schwarzen Kunst gewesen, habe die, wie Abraham Lincoln befand, „Universität des einfachen Mannes“ besucht und im Alter von 17 Jahren die Gesellenprüfung als Schriftsetzer bestanden. Obwohl das nur wenige von sich sagen können, ist das vereinnahmende Wir berechtigt.

Auch wer nur digitale Techniken der Fernkommunikation nutzt, wer per Smartphone Nachrichten über Messenger versendet, wir Blogger*Innen sowieso, wir alle stehen mit einem Bein noch in der Buchkultur, verwenden Schrifttypen, die für den Buchdruck geschaffen wurden, benutzen typographische Ordnungs-Prinzipien wie Blocksatz, Flattersatz, rechts- oder linksbündig, bedienen uns der gängigen Orthographie, die natürlich ein Kind des Buchdrucks ist, denn erst im Buchdruck war es möglich, einen Fehler spurlos zu korrigieren. Daher auch der Anspruch an Texte auf orthographische Richtigkeit.

Mir persönlich hat die Arbeit in der Buchdruckerei den Weg zum Studium geebnet. Im Studium Germanistik und Kunst konnte ich mich weiterhin dem Phänomen der schriftlichen Kommunikation widmen. Zeit meines Lebens habe ich mich für alle möglichen Aspekte der Schrift begeistert, etwa 20 Jahre geforscht und die Befunde in einem hübschen Büchlein niedergelegt, auf das ich bei dieser Gelegenheit erneut aufmerksam mache.

Linoldruck zur Feier der Druckkunst

Kalligraphisches Blatt aus dem Jahr 1990 von JvdL (mit Photoshop bearbeitet)
Papier des Originals chamios, Format 31 cm x 24 cm
Linolplatte verschollen
Der Schriftzug ist ein Zitat von Friedrich Hölderlin (1770-1843): „Am Anfang des Alphabets steht das schreckliche Geheimnis des Altertums“ Hölderlins dunkle Äußerung steht für alphabetmystische Ansichten des 18. und 19. Jahrhunderts. Geschnitten ist der Text nach Vorlagen des englischen Schriftkünstlers Edward Johnston. In der Tradition englischer Kanzleischriften begann Edward Johnston zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Schriftkursen an der Londoner Central School of Crafts and Arts. Der Schriftunterricht von Edward Johnston war der Beginn einer großen Erneuerungsbewegung der europäischen Schriftkunst. Er ist der Schöpfer der englischen „Kunsthandschrift“, die wie die Fraktur als grafisches Element eingesetzt wird, wenn Waren als besonders wertvoll oder als antik ausgezeichnet werden sollen.

Über Gruß und Grüßen

Was für ein hohles Ritual, dachte ich, als die Frau den Raum verließ. Sie wandte uns den Rücken zu und sagte: „Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen!“, sagten alle wie im Chor, ich auch. Was wäre die Alternative? Hätte sie grußlos den Raum verlassen, hätten alle gedacht: Wie unfreundlich. Das Ritual bei der Verabschiedung einander wildfremder Menschen ist Teil unserer Sozialisation. Sich dagegen zu verhalten, bereitet den anderen ein ungutes Gefühl. Wieso? Im Studium besaß ich ein Buch über menschliche Kommunikation. Der Autor, dessen Name mir entfallen ist, nein, es war nicht Paul Watzlawick, entwickelte die Theorie der Streicheleinheiten.

Ein einfacher Guten-Morgen-Gruß wäre demnach eine Streicheleinheit. Wer sie gibt, erwartet eine angemessene Gegenleistung. Angemessen bedeutet nicht übertrieben und nicht zu wenig. Angenommen man begegnet einem flüchtig bekannten Kollegen regelmäßig auf dem Flur. Da wäre ein „Guten Morgen“ angemessen. Die Antwort: „Guten Morgen, wie geht es Ihnen?“, würde als aufdringlich empfunden, denn man hat nur eine Streicheleinheit bekommen und gibt zwei zurück. Etwas anderes wäre es, wenn die morgendliche Begegnung eine Weile ausgeblieben wäre. Dann dürfte eine schlichte Ergänzung folgen: „Guten Morgen, lange nicht mehr gesehen.“

Wenn man voneinander den Namen wüsste, wäre „Guten Morgen, Herr/Frau Sowieso“ angemessen. Au, Mist, der Name fällt einem nicht ein. Man antwortet schlicht: „Hallo“ und hat ein ungutes Gefühl, denn man hat zwei Streicheleinheiten bekommen, aber nur eine halbe zurückgegeben. Weitere Grußsituationen lassen sich jetzt herleiten. Warum gibt es diese sozialen Zwänge und warum unterwerfen wir uns?

Affen stärken den Zusammenhalt ihrer Gruppe, indem sie einander kraulen. Dies wird schier unmöglich, wenn die Gruppe zu groß ist. Hier meine persönliche Sprachentwicklungstheorie: Einander wahr zu nehmen und diese Wahrnehmung durch einen Laut kund zu tun, ist eine Sorte Fernkraulen. Das entspannt die Situation und zeigt an: „Du bist eine/einer von uns.“

Das war’s vorläufig. Ich sage Tschüs und schönes Wochenende!

Ein konspiratives Treffen

Unser erstes konspiratives Treffen in Steffen Gauklers großer Wohnung war nicht der Mühe wert. Wir wollten eine subversive Zeitung machen, aber kamen nicht vorwärts. Gaukler hatte einen Drucker eingeladen, einen Altkommunisten wohl, der kürzlich ein derartiges Heft herausgebracht hatte. Weil John, unser programmatischer Kopf, noch immer nicht eingetroffen war, blätterte ich das Heft durch, konnte aber nicht viel damit anfangen, da ich meine Lesebrille nicht bei mir hatte. Die Texte im Heft waren durchgängig in Acht-Punkt-Schrift gesetzt und auch das Layout war Kleinklein. Die Schrifttype erinnerte mich an ein derartiges Heft mit einem Text des Anarchisten Michail Alexandrowitsch Bakunin, das mir vor langer Zeit ein gewisser Günther, Student der Freien Grafik an der Kölner Werkkunstschule, zugesteckt hatte. Es war im Duplexverfahren gedruckt gewesen mit einem Verlauf im Text von Rot zu Schwarz. Das hier hatte zum Glück keine Verläufe, war aber für mich trotzdem unlesbar.

Zeitweise saß Julia neben mir, wieder einmal mit sich und der Welt im Hader. Die Beziehung zu mir sei ja irgendwas zwischen verheerend und verzehrend gewesen. Ich bezweifelte das. Sie war schon immer bereit gewesen, für ein gelungenes Wort die Realität zu verzerren. Aus dem Nichts war damals ein Dissens entstanden, und nichts, was ich versucht hatte, war geeignet gewesen zu verhindern, dass das Zerwürfnis sich verschlimmerte. Eine Lawine von Hader und Selbsthader ging zu Tal und riss mit, was im Weg stand. Julia seufzte. Sie schien genug zu haben vom Warten, denn mit einem Mal stand sie auf und war verschwunden. „Sich Polnisch verabschieden“ nennt man das wohl.

Auch Philipp verabschiedete sich, wollte sich wohl irgendwas vom Kiosk holen. Im Rausgehen sagte er beiläufig, er habe gerade den alternativen Nobelpreis in Pataphysik bekommen, aber da wäre nichts dran, den bekomme schließlich jeder zum Geburtstag. Ich widersprach: „Das Institut hat über 1200 Mitglieder, also haben im Schnitt täglich drei Leute Geburtstag. Der alternative Nobelpreis wird aber nur einmal im Jahr verliehen.“

Gaukler kam hinzu und verkündete, John habe angerufen. Er werde in 45 Minuten sicher eintreffen.
„Wie sicher?“, fragte ich.
„Nun, sein Problem ist das neue Bett mit der vorzüglichen Matratze. Da liegt er so fein, dass er sich morgens kaum zum Aufstehen überreden kann.“
„Früher scheiterte die Revolution an Bahnsteigkarten, heute an zu bequemen Betten. War er schon auf, als er anrief?“
„Er sagte ja, aber kontrollieren konnte ich das natürlich nicht.“
„Scheiß Schnurlose!“, sagte der alte Drucker.
Zu Philipp sagte Gaukler: „Denk daran, dass dieses Haus 110 Kellergeschosse hat und der Kiosk ganz unten ist.“
„Du wohnst auf der 111ten Etage, du Trollo!“, sagte Philipp.

Marga, eine Arztehefrau und Hobbyfotografin, breitete ihre weiten schwarzen Röcke aus und setzte sich neben mich auf die Couch. Sie steckte mir ein Dutzend Folien zu, von denen man selbstklebende Sticker abziehen konnte.
„Mach was draus!“, sagte sie.
„Spätkapitalistischer Tinnef!“, sagte der Drucker verächtlich, „daraus wird nie was.“
Ich fand das auch, zumal ich das Layout machen sollte. Wie gesagt, unser erstes konspiratives Treffen war nicht der Mühe wert.

An nichts denken müssen

Gestern habe ich in der Sonne gesessen. Ich fand eine Bank am Rand des Van-Alten-Gartens. Eine kleine kompakte Frau im kurzen Höschen joggt vorbei. Offenbar war sie so gut trainiert, dass auch die Kälte im Schatten ihr nichts machte. Sie verharrte unten an der Straße, dann sprintete sie am Park entlang das kurze Stück der Kirchstraße bis zur Pfarrei. Von dort joggte sie zurück. An der alten Stelle drehte sie und verschnaufte, um wieder los zu laufen, zuerst mit Trippelschritten, ab der Hälfte der Strecke im Sprint. Das wiederholte sie, wobei sie die erste Phase modifizierte, mal kurze Trippelschritte, mal steifbeinig die Füße hebend wie eine Marionette. Das wirkte albern, aber war ihr wohl egal.

Ich erinnerte mich, als Radsportler auch manchmal im Intervall trainiert zu haben, beispielsweise auf großen Parkplätzen, weil sich dort kurze Strecken bemessen ließen. Dass dies vorbei ist und nicht wieder zu erlangen, machte mich schwermütig. Ich erhob mich und schulterte den Rucksack mit dem Einkauf.

Den ganzen Tag hatte ich mich schon seltsam gefühlt. Heute weiß ich warum. Die Tiernatur in mir ahnte den Wetterumschwung, ahnte den aufkommenden Schneefall, wiewohl der Himmel noch bläute. Das Eichhörnchen begann umtriebig nach vergrabenen Nüssen zu suchen. Die Vögel in der Nachbarschaft flogen unruhig heran und hofften, etwas möge für sie abfallen. Die Tiernatur hatte mich zum Einkauf veranlasst, um Vorräte zu ergänzen. Nur Salz hatte ich vergessen, trotz Einkaufzettel.

Ich spürte den anstehenden Wetterumschwung, verstand aber die Botschaft meiner Tiernatur nicht. War ich zu sehr in Gedanken? Hätte ich einfach mal an nichts denken sollen? Das ist schwerer als das Wort „einfach“ vermuten lässt. Der fabelhafte Robert Walser schreibt:

    Für einen Intelligenten bedeutet es eine sehr feine Freude,
    es fertigzubringen, an nichts zu denken.

In einem Radio-Spot der Belgische Eisenbahn preist eine Frau das Reisen mit der Bahn:

    „O het is zalig, om aan niks te mutte denke,
    daar kan ik lekker ontspannen.“
    [O es ist wunderbar, an nichts denken zu müssen.
    Da kann ich mich schön entspannen.]

Ich habe den Verdacht, dass hier zwei verschiedene Weisen, nicht zu denken gemeint sind. Walser meint die gedankenlose Selbstbesinnung, während die Spoorwegen das simple Reisen auf Schienen preisen. Man muss sich keine Gedanken machen über die Fahrtstrecke. Das ist Element einer Welt der Betreuungsangebote, zu denen Routenplaner, Fahrplan-App und Informationsmedien gehören. So verstandenes Bahnreisen ist wie Zeitungslesen. Wie der Zugreisende sich keine Gedanken über die Fahrtstrecke machen muss, die Stationen seiner Reise nicht zu bestimmen und nicht auf den Weg zu achten hat, braucht auch der Zeitungsleser nur den gedanklichen Spuren zu folgen, die Journalisten zu Zeilen angeordnet haben gleich den Gleisen der Bahn. Als Bahnreisender hat man nur den Blick nach links und rechts aus dem Fenster, sieht also nicht genau, wohin die Reise geht. Man muss vertrauen, dass die Gleise nicht in den Abgrund führen. Ebenso wie Leser*Innen eines Zeitungsartikels vertrauen müssen, dass man sie nicht aufs Glatteis der Desinformation führt.

Doch bei den Zeitungen hat sich eine Schreibweise durchgesetzt, die des Meinungsjournalismus. Als würden Bahnbedienstete mutwillig darüber entscheiden, auf welchem Gleis zu welchem Ziel die Bahnreisenden geleitet werden. Da sagt ein Bahnoberer: „Jetzt fahren wir mal alle Leute in den Schwarzwald!“ und aus allen Richtungen dampfen Züge heran nach, sagen wir mal, Freudenstadt. In Freudenstadt heißt es „Endstation. Bitte alle aussteigen!“ Dann stehen die Leute in hellen Scharen auf den Bahnsteigen und wundern sich. „Was sollen wir denn hier in Freudenstadt?“ Und es hagelt Bußgelder, weil die Mindestabstände nicht eingehalten werden. Tja, das ist die Konsequenz von “ aan niks te mutte denke.“

Nichts gegen Freudenstadt.

Heinrich Schampus

Gegen Morgen unterhielt ich mich mit dem ersten Vorsitzenden des im Jahr 1908 gegründeten Kohlscheider Kotletten- und Schnäuzervereins, Heinrich Schampus. Der Koteletten- und Schnäuzerpräsident sagte, dass würfelförmige Häuser schwer im Kommen wären. Ich müsste nur geduldig hinschauen, dann würde ich sie kommen sehen. Ein Glücksfall wäre freilich, ein Haus mit der Punktzahl sechs zu sehen. Und zwei Sechser nebeneinander, das wäre Pasch, dann dürfte ich nochmal.
„Nochmal was?“
Schampus grinste wissend und empfahl sich.

Bitte halten Sie fünf Minuten meine Ferse!

„Et jitt sunn – un et jitt andere – un dat sin de mietste“, säät kölsch Hännesje (Es gibt solche – und es gibt andere – und das sind die meisten, sagt das kölsche Hännesje), und: „Jede Jeck is anders.“ Natürlich ist auch jeder Jeck anders jeck. Das Substantiv Jeck und das Adjektiv jeck sollen auf den biblischen Jacobus zurückgehen, das ist der hebräische Rufname für „Fersenhalter“, was den nachgeborenen Zwillingsbruder meint. Der Begriff Jeck für Mitmensch entspricht der rheinischen Toleranz und der Einsicht in die eigene Unvollkommenheit. Fersenhalter sind wir alle, die Nachgekommenen von unvollkommenen Leuten, und die Ähnlichkeit mit diesen Ahnen haben wir uns nicht ausgesucht.
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Nachts im Institut für Pataphysik

Dieses Gebäude erhebt sich auf dem Aachener Königshügel. Als ich noch in Aachen lebte, entdeckte ich es bei einem Bummel und fotografierte es. Das eindrucksvolle Gebäude beherbergte einst das Institut für Nachrichtengeräte der RWTH Aachen. Da es leer stand, habe ich darin das Institut für Pataphysik angesiedelt und eine Lesenacht darin veranstaltet. Es ist auch Schauplatz einer Groteske, die ich vor Jahren geschrieben und schon im Teestübchen veröffentlicht habe.
Kürzlich sind mir Bilder einer webcam zugespielt worden. Um welche Nacht es sich handelt, wer da mit der Taschenlampe herumschleicht und warum, weiß ich nicht. Aber das Material wollte ich der geneigten Teestübchen-Community nicht vorenthalten.