Tätowierung, die modische Pest

Um heimisch zu werden in Hannover bin ich anfangs viel mit dem Fahrrad ins Umland gefahren. Als ich einmal über die Felder rollte, sah ich in der Ferne einen Radfahrer hinter mir her fahren. Wann immer der Weg abknickte, sah ich ihn näher kommen und erkannte bald einen stämmigen jungen Mann mit einem stampfenden Fahrstil. Als er mich einholte, kamen wir ins Gespräch. Er plauderte drauf los und erzählte arglos, dass er von einer Grafik-Fortbildung komme. Das Arbeitsamt zahle ihm eine Umschulung zum Tätowierer. Er konnte ja nicht ahnen, dass ich Tattoos für eine moderne Pest halte.

In genau dieser Gegend hatte ich mich mal verfahren. Ich hatte nichts zu essen mitgenommen, wollte mich unterwegs verpflegen, aber auf den Dörfern gibt es keine Geschäfte mehr. Jedenfalls fürchtete ich bald, dem Mann mit dem Hammer zu begegnen. Da sah ich vor mir eine junge Frau mit Hund, und als ich auf ihrer Höhe war, fragte ich sie, ob es im Dorf eine Bäckerei gebe. „Nein“, sagte sie, „wir haben hier gar nichts.“ Sie war ziemlich hübsch, wie ich im Vorbeirollen sah. Aber über ihrem Ausschnitt prangte eine keltische Flechtbandornamentik, quer über das Dekolletee tätowiert. Da dachte ich schon, wer es über sich bringt, ein entzückendes Dekolletee mit einem Verhau aus dreckigblauer Tinte zu verschandeln, muss das Gemüt eines Fleischerhunds haben. Ich drehte mich noch mal um und rief: „Was esst ihr denn?“ Seufzend hob und senkte sich die keltische Hecke: „Wir fahren in den Supermarkt!“

Diesen verschandelten Busen vor Augen, behandelte ich den zukünftigen Tätowierer ein bisschen von oben herab, weshalb er sich befleißigte, mir atemlos mitzuteilen, dass er durchaus ein kulturelles Wesen sei, beispielsweise etwas von einer Kirche seines Heimatortes wusste, die wegen ihrer Deckengemälde sogar (!) bei Wikipedia erwähnt wäre.
(Das Gespräch Im Video etwa bei 3:40 – es startet dort)

Der Ort hieß Leveste, und wir hatten an seinem Rand gehalten mit Blick auf einen Gutshof mit Teich und Enten inmitten alten Baumbestands. Das sei das Anwesen der Knigges, sagte der Fleischerhund, und die alte Baronin lebe immer noch dort. Ihr Vorfahr Adolph Freiherr Knigge (1752 – 1796) ist uns als der Schöpfer von Benimmregeln bekannt, begründet durch sein Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“, erschienen 1788.

Das Buch ist aus der Perspektive des vom Leben enttäuschten Kleinadeligen geschrieben, dem es trotz seiner Einsichten in die menschliche Natur nicht gelang, gesellschaftlich aufzusteigen. So schildert er fast verbittert, dass er einem Grafen ein Gemälde geschenkt habe, um sich der Gunst des Grafen zu versichern. Bei einem späteren Besuch erlebte Knigge, wie der Graf voller Stolz das Bild herum zeigte und vergessen hatte, wie er in den Besitz gekommen war, denn er behauptete, er habe das Gemälde irgendwo spottbillig erstanden. Dass Knigges umfassenden Ratschläge über den Umgang mit sich und den Mitmenschen später reduziert wurden auf Benimmregeln, hat etwas mit der devoten Geisteshaltung Knigges zu tun. Daher konnten Knigges kluge Ratschläge zu den starren Bildern von Etikette umgedeutet werden, zu Vorschriften, wie man sich in der besseren Gesellschaft zu benehmen habe – als unterwürfige Anpassung an die Gegebenheiten.

Eine Weile trug ich ein kleines Buch mit mir herum, das gut in die Hand passt: „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ von Baltasar Gracián (1601 – 1658). Die Originalausgabe: Gracian’s Oraculo manual y arte de prudencia erschien 1633. Arthur Schopenhauer hat das Handorakel im frühen 19. Jahrhundert „treu und sorgfältig übersetzt.“ Dieses Büchlein begleitet mich schon gut 15 Jahre, und vieles daraus habe ich verinnerlicht, denn ich kann Gracians Worte noch heute verknüpfen mit eigenen Erfahrungen. Balthazar Gracián schreibt bündiger und klarer als sein Epigone Knigge. Gracián gibt nicht nur Ratschläge, wie man mit sich selbst umgehen, wie man sich vervollkommnen und wie man seinen Mitmenschen begegnen sollte, er gibt auch Anleitung zur Entfaltung von Macht über sich und andere (hier online zu lesen). Es fehlt ihm aber eine soziale Haltung, die den Eigennutz übersteigende Einsicht, dass der Mensch ein Sozialwesen ist und sich auch als ein solches zu verhalten hat. Das Leben ist für ihn ein Kampf, die Oberhand zu gewinnen.

Weder Gracians Machtmittel noch Knigges Umgangsformen helfen, die Gesellschaft klug zu gestalten. Herrschaften mit strategischen Fähigkeiten und vorzüglichen Manieren verdienen am schändlichen Unterschichtsfernsehen, verhindern echte Bildung, bringen Menschen um Hoffnung, Brot und Arbeit, führen Kriege, befehlen Folter und Mord, plündern bedenkenlos unsere Gesellschaften aus. Die Liste ihrer Schandtaten ist endlos. Und täglich offenbart sich aufs Neue, wie verkommen die Geisteshaltung ist hinter den geleckten Fassaden unserer Eliten.

Für mich gehört Tätowiert sein zur Prollkultur und ist Sklavenart, also nichts für stolze Freie. Indem die Menschen unserer Zeit sich zunehmend machtlos und unterworfen erleben, lassen sie sich mit Tätowierung als die Sklaven markieren, die sie sind. Da passt es, dass die Arbeitsagentur Umschulungen zum Tätowierer bezahlt. Der Bedarf steigt.

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Hobbybastelei in Zeiten der Dürre

Als Kind habe ich viel gebastelt. Es gab im Hof eine „Serch“ genannte, rechteckig gemauerte Zisterne unter dem Vordach der leeren Ställe. Einst war wohl die Regenrinne zum Serch geführt worden, weil aber kein Vieh mehr in den Ställen stand, das getränkt werden musste, war die Zuleitung unterbrochen. Der Serch lag trocken und enthielt verstaubtes Gerümpel, das man sah, wenn die Abdeckung aus dicken Bohlen angehoben wurde. Diese Abdeckung war mein stabiler Basteltisch. Wenn es im Sommer zu regnen begann, wenn ein ergiebiger Landregen niederging, stand ich geschützt unterm Vordach, genoss das Prasseln des Regens und schnitzte mir aus einem Stück Holz ein Schiffchen. Denn ich wusste, da kommt gleich eine Flut die Straße hinunter, der die Gosse vor unserem Haus in einen reißenden Sturzbach verwandeln würde, worin ich mein Schiffchen wassern könnte, das dann ruderlos taumelnd mitgerissen wurde, und ich würde nebenher laufen, um es unten an der Straßeneinmündung zu retten, im spannenden Moment, bevor der Sturzbach dort in den Gully gurgelte.

Einmal in langweiligen ewig langen Ferien hat es viele Tage nicht geregnet. Ich verlor die Lust am Schiffchenschnitzen. Irgendwo fand ich einen alten Ziegelstein, von dem schon ein Stück abgebrochen war, so dass er aussah wie ein Indianerkopf im Profil. Ich legte den Ziegel auf meinen Basteltisch und bearbeitete ihn mit Hammer und Meißel, um der Rothaut mehr Kontur zu geben. Bald hörte man die Straße rauf und runter das Hämmern und Klingen von Meißeln, denn andere Jungs wollten auch einen Indianer haben, und Ziegelsteine gab es offenbar genug.

Kürzlich hat im Städtchen Haßloch, eine Zahnarztgattin zu malen begonnen und ganz hübsche Ergebnisse erzielt. Eine Boutique in der Nachbarschaft hat sogar mit drei prächtigen Blumenbildern ihr Schaufenster dekoriert, so dass sich der Wunsch zu malen im Kreis der betuchten Kundinnen verbreitete. Es wurde eifrig in Öl gespachtelt und gepinselt, dass die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) nicht umhin konnte, eine neue Lust am Malen zu registrieren. Die GfK hat vor langer Zeit schon Haßloch zum Testmarkt erhoben. Hier werden Produkte vor ihrer Markteinführung getestet. Denn was die 19.000 Haßlocher mögen, mögen alle anderen Deutschen auch. Folglich bietet ein Discounter derzeit bespannte und grundierte Leinwände in verschiedenen Größen und diverse Farben an, offenbar mit wenig Erfolg. Kaum einer der Lidl-Kunden weiß etwas damit anzufangen, zumal die Blumen in Deutschland längst vertrocknet sind, und wer will schon Gestrüpp malen? Vielleicht käme ein Set mit Ziegelstein, Hammer, Meißel und Schutzbrille besser an?

Forschungsreise zu den Franken – Epilog

Ich weiß nicht, ob hauschnau überhaupt ein allgemein bekanntes Wort ist. Es gehörte jedenfalls zum Idiolekt meiner Mutter und meint, ratzfatz über etwas hinweggegangen zu sein, aber schlimmer als ratzfatz, nämlich lieblos. Heute Morgen unter der Dusche fiel mir jedenfalls auf, ich wäre hauschnau mit dem Schluss meiner Reisedokumentation verfahren. Wie die Kutschpferde schneller werden, wenn sie den heimischen Stall wittern, drängten sich die Wörter, im letzten Absatz zu Schlussworten zu werden, und ehe ich „Ruhig, Brauner!“ rufen konnte, riss die Kutsche mich fort wie Kafkas machtlosen Landarzt, kam ins Rasen, bekam vorm Haus gerade noch die Kurve auf zwei Rädern, dass der Kies aufstob, ratzfatz war ausgespannt und alles in seiner Box, die „ENDE-Vignette darunter geknallt, und nachdem überall nach dem Rechten gesehen war, die Pferde ihre Mäuler im Futtersack hatten, sank ich ins Bett.

Ach, wie hingebungsvoll habe ich die Vignette damals gezeichnet und gemalt, als noch viel Zeit in meiner Welt war. Ich gestaltete ENDE, aber dachte nicht ans Ende, hatte noch ewig Zeit vorm Bauch. Diese Sorglosigkeit hat mich verlassen. Ich bin erschöpft von der schriftlichen Tour, die viel mehr Denken als Tastendrücken war, und das Gehirn ist bekanntlich der größte Energieverbraucher.

Wie war es in Nürnberg? Ich bekam einen Einblick in fremde Lebenswelten, vorrangig in die von Christian Dümmler CD und Anna socopuk. Erlebte die beiden in ihrem Wirkungskreis in ihrer Heimatstadt Nürnberg und war selbst für kurze Zeit Akteur in ihrem jeweiligen Mikrokosmos, lernte Teilbereiche ihrer Stadt kennen und mich darin zu orientieren. Ganz wunderbar finde ich übrigens, dass es von der ersten Begegnung zwischen Christian und mir zwei Texte gibt, aus unserer jeweiligen Perspektive.

Jede, jeder hat schon vor einem fremden Haus gestanden und sich gefragt: Wie mag es drinnen aussehen, was geschieht dort? Welchen Mikrokosmos beherbergt das Gebäude und ist die normale Lebenswelt welcher Menschen mit welchen Sozialbezügen? Mir geht es vor einer unbekannten Arztpraxis so, besonders aber beim Bahnfahren, wenn ich durchs Zugfenster plötzlich Menschen in ihrem Schrebergarten oder vor ihrer Haustür stehen sehe und ahne, da ist alltägliches Leben, von dem ich nur ein Vorbeiwischen mitbekomme. Aber auch das ist nur ein winziger Teilbereich der Welt. Ein Bild von einer anderen Reise:

Bahngleise zu Universen – Foto: JvdL

Unplanmäßiger Halt vor Bad Oeynhausen. Da reckt sich eine kümmerliche Pflanze aus dem Schotter und zittert im Westwind. Vermutlich werde ich sie niemals wieder sehen, weiß nicht einmal ihren biologischen Namen, und doch tritt sie plötzlich in meine Wahrnehmung ein, und ihre Botschaft ist: Ich bin da, ich war es schon gestern und werde es auch morgen sein. Mal werde ich von der Sonne gedörrt, mal vom Wind gezaust, mal vom Regen niedergedrückt, mal droht mich ein vorbeirauschender Zug hinweg zu reißen, doch ich treibe meine Wurzeln tiefer und trotze all den widrigen Bedingungen am Gleisbett. Ich war ein Samenkorn, als du fünf Jahre weniger auf dem Buckel hattest, und ich werde dich vielleicht überleben. Jedenfalls interessiere ich mich nicht für dein Machen und Tun, denn das hier ist mein Universum. – Es macht mich wehmütig, dass die Pflanze mir eigentlich gar keine Botschaft sendet, sondern ich sie nur herauslese aus ihrer Existenz. So viele Leben nebeneinander, so viele Universen.

Das Meiste von der Vielfalt des Lebens bleibt uns für immer verborgen. Einblick zu bekommen ist ein Geschenk und eine Erweiterung der eigenen Perspektive.

In meiner Dokumentation treten Menschen auf, die sich mit entfremdeter Arbeit eher krumm und schief durchs Leben quälen müssen. Ich fühle mich fast als deren Ausbeuter, wenn ich sage, dass auch sie mir die Perspektive erweitert haben. Während ich mit Christian im Biergarten saß, bewunderte ich die Kellnerin, die mehrfach ein Riesentablett mit Speisen vorbeitrug, dieses lange Brett mit einer Hand stemmte und dabei fast schwerelos schien. Das ist vielleicht besser, als jeden Morgen im Bahnhof toten Fisch zu rollen, endlos Butterbrote zu schmieren oder ein „U-Bahn-Kapitän“ zu sein, dem durch die fahrerlose U-Bahn auf „infame Weise“ seine „völlige Überflüssigkeit“ mitgeteilt wird, wie Matthias Egersdörfer im Video schimpft.

Was wird? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Schöne, das Gelungene nicht einfach wiederholt werden kann. Aber Ähnliches sollte möglich sein, wenn man es nicht durch Erwartungen überfrachtet. Als ehemaliger Handwerker muss ich zum Feierabend immer ein Ergebnis vorweisen können. Ein erstes Ergebnis ist diese Dokumentation. An ihr erfreuen mich die vielen Gedanken und Statements im Subtext der Kommentare. Aber gewaltig stört mich die Ortlosigkeit der digitalen Schrift. Ich habe seit 2005 schon viele Reisedokumentationen geschrieben, manche wie hier, manche ein wenig phantastischer auf anderen Plattformen. Die hätte ich Lust zusammenzutragen, um ein Buch daraus zu machen, das über versinkende Blogplattformen und auch meine Endlichkeit hinausragt. Ich habe Christian schon gefragt, ob er etwas Neues von mir layouten will. Er hat zugesagt. Was sonst noch wird, ist bislang nicht ausformuliert. Guten Tag und danke fürs Mitkommen.

zurück auf Los

 

Forschungsreise zu den Franken (7) – Grau fahren

Anna bringt mich noch zur U-Bahn. Ob ich wieder mit einer fahrerlosen U-Bahn davon rausche, beachte ich nicht. Es wird jedenfalls keine Bahn gewesen sein, die die Nürnberger von der Münchener Verkehrsgesellschaft (MVG) ausgeliehen haben. Denn bevor die abfährt, ruft ein U-Bahn-Kapitän: „Zurückbleiben!“ Man kann in Münchens U-Bahn kaum verhindern, einmal auf der Schwelle von diesem Befehl erwischt zu werden. Dorfbewohnern und Deppen sagt man ja nach, sie wären ein bisschen zurückgeblieben. Doch muss die MVG die Münchner ständig zum Zurückbleiben auffordern? Das grenzt an Gehirnwäsche, ist aber offenbar nötig, denn einmal am Tag muss jeder Münchner, jede Münchnerin sich zum Marienplatz begeben und sinnlos am prächtigen Rathaus vorbeilaufen, weshalb da ein unfassbares Gerenne ist. So habe ich es jedenfalls vor fünf Jahren und mehr erlebt, als es noch eine Frau an meiner Seite gab, die mich sicher durch die Fährnisse einer fremden Großstadt geleitet hat. Heute könnte ich höchstens eine sterile Smartphone-App haben. Von der fahrerlosen Nürnberger U-Bahn, ihren Vorzügen und Nachteilen hatte ich jedenfalls schon durch Matthias Egersdörfer gehört:

An der Hotelrezeption knubbelt sich eine vielköpfige Reisegruppe. Ich muss warten, bevor ich bitten kann, meinen Koffer herauszugeben. Eine genervte und überforderte Angestellte verlangt meinen Rückgabe-Beleg zu sehen. „Den habe ich von Ihrer Kollegin nicht bekommen“, behaupte ich. „Dann kann ich Ihnen doch nicht einfach einen Koffer geben!“ Inzwischen hat sie den Raum aufgeschlossen und ich sehe meinen Koffer. „Da ist er, ich kann Ihnen sogar sagen, was drin ist!“ „O nein,“, sagt sie, „Ich werde nicht einfach einen fremden Koffer aufmachen.“ Die kleine Angestellte von heute früh kommt dazu und erinnert sich an mich. Sie hätte mir doch einen Beleg gegeben. Da zücke ich meinen vermeintlichen Fahrschein, alle atmen erleichtert auf, und ich bekomme meinen Koffer noch rechtzeitig.

Am Abend kickt die Frau ihre unbequemen Pumps von ihren müden Füßen, lässt sich aufstöhnend aufs Sofa fallen und erzählt ihrem Liebsten, was wieder los war im Hotel. „Und im schlimmsten Trubel wollte einer seinen Koffer ohne Legitimation abholen. Behauptete, man hätte ihm keine gegeben, fand das Kärtchen dann aber doch in seiner Brusttasche. Und was soll ich dir sagen, der Depp hatte den Kofferbeleg zweimal in der U-Bahn vom Automaten abstempeln lassen!“

Schon um 6 Uhr in der Früh war ich im Bahnhof gewesen und hatte gefrühstückt. Während ich meine Lebensgeister mit einem Kaffee weckte, beobachtete ich die Angestellten bei der Bäckerei und angrenzenden Imbissen. Ich sah wie Fischgerichte abgepackt und Imbisse auf den Kundenansturm vorbereitet wurden. Alle beachteten ein gemäßes Tempo, denn es würde wieder heiß und anstrengend werden heute. Eine junge Frau in Bäckerei-Uniform schmiert stoisch Brote, Berge davon. Ich Müßiggänger profitiere von ihrer Arbeitsleistung und bedauere sie für ihre Tätigkeit tagein tagaus. Irgendwann wird die Frau darüber alt geworden sein, das letzte Brot schmieren und sich fragen, wieso ihr dieses öde Butterbrotleben bestimmt war und ob sie nicht etwas Besseres aus ihrem Leben hätte machen können, denn schließlich war sie auch mal ein hoffnungsfrohes Kindlein gewesen, damals als man ihr Lesen und Schreiben beibrachte.

Manche aber gehen auf in ihrem Beruf und erfüllen ihn mit ihrer ganzen Existenz, so der junge Zugschaffner im ICE. Nachdem er meinen Fahrschein geknipst hat, fragt er nach der Bahncard. Ich habe nur eine provisorische Bahncard 25, gemeinsam mit dem Fahrschein erstanden. Er stutzt und sagt: „Kann ich den Fahrschein nochmal sehen? Da stand doch Bahncard 50.“ Und ja, die freundliche Frau im hannoverschen Reisezentrum hat sich zu meinen Gunsten vertan. Er schaut mich böse an. Ich sage: „Aber das ist nicht meine Schuld. Wie Sie sehen können, habe ich Bahncard und Fahrschein gleichzeitig gekauft.“ Da guckt er noch böser, und ich denke, jetzt zieht er den Elektroschocker, denn neben mir sitzt keine blonde Schönheit, sondern nur ein nach Zigarettenqualm stinkender Blödmann. Zum Glück überzeugt den Schaffner mein Argument, und er wendet sich ab. Immer nur Ärger mit den Unterbetreuern.

Vor mir an der Rückenlehne ein quadratischer Aufkleber mit Scann-Kode, darüber die Aufforderung: „Bitte beurteilen Sie die heutige Fahrt!“ Wer sein Smartphone tatsächlich an den Scann-Kode hält, um die Fahrt zu beurteilen, nein, dessen Kopf möchte ich lieber nicht haben, und wenn ich hundert mal schon grau auf dem Kopf bin. Ich bin so froh, dass mich die Bahn nach Nürnberg und zurückbefördert hat, denn müsste ich zu Fuß laufen, hätte ich all die schönen Begegnungen und Erfahrungen erfinden müssen. Und wer kann das schon?

Epilog

Forschungsreise zu den Franken (6) – Kicks voor niks

„Du solltest auf jeden Fall die Gelegenheit nutzen und eine fahrerlose U-Bahn abwarten (…) Dann kannst du vorn rausgucken – am besten ist der Effekt, wenn man die Hände an die Scheibe legt und so das Licht der Wageninnenbeleuchtung abschirmt!“, hatte mir Anna in der Mail mit der Wegbeschreibung geschrieben, und ich hatte gedacht, o no, liebe Anna! Ich bin doch schon froh, wenn ich in der fremden Stadt in die richtige U-Bahn steige. Ist sowieso alles neu für mich, da brauche ich nicht zusätzlich,  was die holländischen Kabarettisten Van Kooten / de Bie „Kicks voor niks“ (Schöne Erfahrung kostenlos) nennen.

Und jetzt stehen Anna und ich nebeneinander vorne in der fahrerlosen U-Bahn und Anna holt sich diesen Kick, genau wie sie ihn beschrieben hatte. Während wir hineinrasen, schaut sie in die Finsternis des Tunnels hinaus, und ich höre mich nörgeln: „Der müsste beleuchtet sein.“ Ebenfalls mit dem Gesicht an die Scheibe zu gehen, mag ich noch nicht. Auf dem Bahnsteig eben, derweil wir auf die U-Bahn warteten, hatte mir Anna erzählt, dass die Nürnberger Verkehrsbetriebe sich zeitweise U-Bahnen aus München ausgeliehen hatten. Und in Münchner U-Bahnen ruft der Fahrer vor dem Türeschließen immer „Zurückbleiben!“ Ich erwäge bei mir, wie die wohl hergefahren sind. Hat man eine Tunnelröhre von München nach Nürnberg gegraben? Heute nach einem Eintrag von Christian (CD) über unsere Begegnung weiß ich, dass sich da vermutlich ein gigantischer Transportwurm von Stadt zu Stadt durchgebuddelt hat.

Dieser WordPress-Algorithmus, der Anna und mich zusammengebracht hat, woher konnte er wissen, dass mich ebenfalls Gleissysteme faszinieren, diese ausgeklügelten Netzwerke, die analogen Vorformen des Internets? Zum Glück weiß ich nicht, dass ich Grau fahre. Die beiden U-Bahnfahrten, die mit dem ICE, alle fahre ich unwissentlich Grau, was juristisch trotzdem als strafbare Beförderungserschleichung gilt. Im Jahr 1998 bin ich mit einer Kollegin in Frankfurt bei der FAZ gewesen. In Unkenntnis des Frankfurter Tarifsystems wurden wir mit den falschen Fahrkarten erwischt, gestellt von grimmigen Schwarzen Sheriffs. Ich glaube, wenn die Kollegin nicht hübsch und blond gewesen wäre, hätten die uns glatt erschossen.

Hier geht nun alles gut, und ich habe Zeit zu erwägen, dass Anna im Blog zwar zuweilen ätherisch auf mich gewirkt hat, aber deutlich handfester dem Leben zugewandt ist als ich gedacht hatte. Ach, und wie froh ich bin, dass sie mich abgeholt hat und ich mir den Weg zu ihrer Ausstellung nicht suchen muss, als uns oben an der U-Bahn-Treppe die aufkommende Hitze entgegenschlägt.

Der Ausstellungsraum ist hell und schön kühl. Ich sehe erstaunliche Ergebnisse einer einjährigen Papier-Holz-Glas-Metall-Fortbildung, ausgeführt mit einer bemerkenswerten Konsequenz und einem klaren Konzept. Viele Exponate faszinieren mich. Da ist das Papiermodell einer Villa im Bauhausstil, wie man sie glatt bauen könnte und ihre Bewohner glücklich machen. Eine bizarr geformte Pralinenschachtel, aus der sie mich eine Praline kosten lässt, damit ich durch die synästhetische Erfahrung das Konzept der Formgebung verstehe. Es gibt auch ein prächtiges Werk- oder Skizzenbuch, das ich hinsichtlich Gestaltung und Ausführung für das Herzstück der Ausstellung halte, weil man darin sehen kann, dass allen Werkstücken und Bildern gründliche Überlegung und Planung vorausging. Das Buch ist wie die Quelle des schöpferischen Reichtums, der hier zu sehen ist. Anna muss gute, sehr gute Dozenten gehabt haben. Aber der beste Lehrer scheitert, wenn seine Angebote nicht begeistert aufgenommen, verständig entwickelt und beharrlich umgesetzt werden.

Als ihr Mann kurz dazu kommt und sich wundert, dass wir bei unserem Rundgang noch nicht weit gekommen sind, sage ich, dass ich gedacht hatte „ein Jahr?“, aber nicht, was Anna in diesem einen Jahr alles geschaffen habe. Ihr Mann bringt mir freundlicherweise einen Kaffee und wundert sich gewiss, dass er uns plaudernd findet, als würden wir uns schon Jahre gut kennen. Wir kommen auch nur langsam voran bei der Betrachtung, weil ich mich immer mal wieder setzen muss, wobei sie mir zwei Texte vorliest, einen hochsensiblen übers Aktzeichnen und im Vorgriff auf unser Treffen einen über mich, der mich rührt. Und ab und zu will ich auch was erzählen und werde mit einem herzlichen Lachen belohnt.

Von den Glasarbeiten sagt Anna, dass sie da nach der Ausstellung weiter machen will. Ein Exponat fällt mir besonders auf. Eine kräftige Platte aus schön gefärbtem und verlaufenem Glas hatte beim Erhitzen in ihrer Mitte eine Blase ausgebildet. Sie ist geplatzt und erstarrt zu filigranen, phantastischen Formen mit nur unscharf berechenbaren Randzonen. Die Gebilde zeigen sich transparent und zart wie eine verwunschene Feenwelt, umgeben von einem festen gläsernen Rahmen. Ohne es zu wissen hat Anna ein Sinnbild ihrer Selbst geschaffen, was mir aber erst zu Hause einfällt. Die verletzliche Innenwelt, die sich oft in ihrem Blog zeigt, geschützt und gehalten von einem schönen Außen.

Drei Stunden bin ich dort gewesen, ich muss los. Mein Resümee: Glücklich, wer die Chance bekommt, sich derart zu entfalten und sie nutzt, eine neue Wertschätzung seiner Selbst zu entwickeln und zu schauen, was noch ist neben dem alltäglichen fremdbestimmten Getriebensein. Die neoliberale Ideologie, die den Menschen nach seiner ökonomischen Verwertbarkeit betrachtet, hat ja leider alle Lebensbereiche durchdrungen und lässt freier menschlicher Entfaltung kaum noch Raum. Es wundert nicht, dass die Menschen trotz all der Gimmicks, die man ihnen aufschwatzt, trotz der besinnungslosen Events, trotz medialem „Zentrifugalbrummball“ ( Stanislav Lem), trotz der Zerstreuung auf allen Kanälen nicht glücklich sind. Die Ökonomisierung des Menschen zwingt ihn, ein flaches Leben zu führen und auch noch gut zu heißen, weils ja nicht besser wird, wenn man sich und sein Tun ständig in Frage stellt, ohne etwas grundlegend ändern zu können.

Anna hat ihr Sabbatjahr optimal genutzt, hat einen Weg gefunden, ihre Talente zu heben, zu entwickeln und zu wertschätzen. Das ist verantwortliche Selbstsorge, die nach einem antiken Lebenskonzept allein berechtigt zu einem guten Leben. Ich hoffe, sie kann vieles davon in den Alltag retten.

Fortsetzung

Forschungsreise zu den Franken (5) – Anna und ich

Genau acht Jahre sind vergangen, seit ich mit dem Fahrrad von Hannover zu meiner alten Heimatstadt Aachen gefahren bin. Eine Woche dauerte diese Lesereise quer durch halb Deutschland, fünf Wochen habe ich an der Reisedokumentation geschrieben. Ähnlich geht es zu im August 2018, unterwegs war ich gerade mal zwei Tage, aber heute schreibe ich die 5. Folge. Es wird noch eine 6. und eventuell 7. Folge geben, denn ich verzeichne wie damals in „Pataphysikalische Geheimpapiere“ die Ergebnisse einer ethnologischen Forschungsreise (gibt es leider nur noch als E-Book. Die Druckversion ist vergriffen).

Das kann ich übrigens nur erzählend und indem ich meinen „assoziativen Eskapaden Raum“ gebe (socopuk) . Ich wohne ja in meinen Texten. Sie sind mir wie ein Haus, das ich errichte aus den Baustoffen, die die Welt mir gerade bietet und dem Passenden, das ich im Lager habe. Eine Weile lebe ich dann in diesem Haus, verbessere hier noch was, verschönere da und freue mich über Besuch. Bis ich mich sattgesehen habe an meinen vier Wänden, weiterziehen muss und ein neues Haus errichten.

Es ist 8:40 Uhr. Von der bequemen Sitzreihe in der Lobby des Hotels, die der Fensterfront zugewandt ist, habe ich die Straße im Blick. Anna socopuk wird um 9:00 Uhr kommen, um mich abzuholen, also ist noch Zeit genug. Ich habe bereits ausgecheckt, musste dazu nur die rote RFID-Karte abgeben. Meinen Koffer will ich noch dalassen, und ich frage nach dem Free-City-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr, das man mir eigentlich schon bei der Anmeldung hätte geben müssen, da es im Zimmerpreis enthalten ist. Die junge Frau am Tresen schließt meinen Koffer weg und gibt mir einen schmalen Abschnitt, von dem ich glaube, dass er mein Ticket ist. Achtlos versenke ich den Streifen in der Brusttasche meines Shirts. Ich bin nicht bei der Sache. In der Nacht habe ich unruhig geschlafen, vermutlich vom Kellerbier. Weil ich mehrfach erwachte, bekam ich mit, dass man schon früh die Klimaanlage ausschaltete, wodurch es viel zu warm im Zimmer wurde. Man muss nicht Kachelmann heißen, um zu verstehen, dass ein Haus die tagsüber in den Außenwänden gespeicherte Hitze nachts an die Umgebung abgibt, auch nach innen in die zuvor klimatisierten Räume.

Doch am noch jungen Morgen ist die Temperatur angenehm. Draußen die Passanten finden das wohl auch. Ich halte Ausschau nach einer großgewachsenen jungen Frau mit rosafarbenem Shirt. „DAS rosa Shirt“, werde sie tragen, hatte Anna geschrieben, mehr weiß ich nicht. Wir kennen uns noch nicht lange und auch nicht besonders gut. Nachdem eine „socopuk“ ihr Like unter einige meiner Texte gesetzt hatte, habe ich mir ihr Blog angeschaut. Es zeichnet sich durch sparsame Formgebung aus. Es gibt weder Farbe noch Bilder. Mir gefällt das. Ich mag keinen Farbrausch, keine Flut schön geknipster Bilder, keine protzige oder geschmäcklerische Typografie, dass man denkt, hier wird mit den Kanonen der Form nach den Spatzen des Inhalts geschossen. Das Motto fiel mir auf: „Buchstaben in der richtigen Reihenfolge“ changiert zwischen Understatement, Anspruch und … stürzt mich jedenfalls in philosophische Abgründe bei der Frage, was denn die „richtige Reihenfolge“ ist.

In ihren Texten erkundet eine junge, sprachgewandte Frau ihre Befindlichkeit. Unter den meist kurzen Einträgen tauchen immer wieder die Tags: „Migräne, Depression, Herausforderung, Kunst, Zukunft“ auf. Spätestens bei der eigenwilligen Kategorisierung: „Gewellt, gestreift, gepunktet“ ahne ich, dass es sich bei dem Blog um ein fast hermetisches Selbstfindungsprojekt handelt, das ich hinsichtlich seiner metaphorischen und zuweilen poetischen Stärke auch als literarisches Kunstprojekt ansehen möchte. Bei der Kommentierung bemühe ich mich um Zurückhaltung. Es scheint sich da etwas Filigranes zu entwickeln, und ich will es keinesfalls durch ein unbedachtes Wort zerstören. Gelegentlich, eher selten kommentiert socopuk auch bei mir, beteiligt sich aber an Schreib- und Gestaltungsprojekten im Teestübchen mit immer mich überraschenden und erfreuenden Ergebnissen. So hat mich auch die Einladung zu ihrer Kunstausstellung „Ein Jahr“ überrascht.

Und jetzt sitze ich in der Hotel-Lobby und bin gespannt. Socopuks Texte haben mir kaum Hinweise auf ihr analoges Dasein gegeben. Viel mehr als ihre Schreibhand und ihre Handschrift kenne ich nicht. Dass sie Anna heißt, so alt ist wie mein jüngster Sohn und ich in der Ausstellung ihren Mann kennenlernen werde, weiß ich auch. Zwei Minuten vor 9 Uhr steht sie plötzlich auf der anderen Straßenseite und beobachtet den Hoteleingang. Ich hatte eine blonde Frau erwartet: Anna ist brünett, was ja auch viel besser zu ihrem Vornamen passt. Schon als ich mich erhebe und auf den Ausgang zugehe, ist sie mir vertraut. Offenbar hat der „seltsame Algorithmus“ (socopuk), der uns bei wordpress zusammengeführt hat, eine gute Wahl getroffen. Wir begrüßen uns, reden ein paar Worte und gehen zur U-Bahnstation.

Fortsetzung

Forschungsreise zu den Franken (4) – Siesta im Hotel, Radiowellen und Biergarten

Mein Hotel erhebt sich in der Eilgutstraße. Mir war bei der Online-Buchung des Zimmers sofort klar gewesen, dass die „Eilgutstraße“ in Bahnhofsnähe liegen muss. Da brauchte ich nicht mal Google zu befragen, denn „Eilgut“ verweist auf Güterverkehr und stammt aus der Zeit der Eilzüge. Bahnhofsnähe ist für den Fremden wichtig, denn vom Bahnhof aus lässt sich eine Stadt am besten erschließen. Die 50 Meter zwischen Hotel und Bahnhof erweisen sich als Segen, denn ich kann mich dort versorgen, ohne lange durch die Hitze laufen zu müssen. Eine Weile hatte ich für ein pädagogisches Institut gearbeitet, das bundesweite Zeitungsprojekte mit Schulen organisiert, und hatte damals in vielen Hotels übernachtet. Aber siehe da, während ich fünf Jahre mit meiner Wiederherstellung beschäftigt war, hat sich die Welt einfach weitergedreht, und die Entwicklung ist auch im Hotelwesen vorangeschritten.

Als mein ältester Sohn gerade mal stehen konnte, gab es für sein Alter ein „activity-center“, ein Board aus Plastik, auf dem allerlei Elemente angebracht waren, deren Bedienung das Kleinkind einüben konnte. Es gab eine Wählscheibe, einen Knopf zum Drücken, der eine Kugel in einem transparenten Röhrchen nach oben schoss und eine Klingel anschlug, einen Drehschalter und vieles mehr. Im Kunstunterricht habe ich einmal „activity-center für Außerirdische“ bauen lassen. Frage: Welche Bedienelemente muss ein Außerirdischer kennen, damit er sich in unserer Welt erfolgreich bewegen kann? Klar ist, dass er keine Wählscheibe mehr kennen muss. Aber er muss beispielsweise wissen, wozu die Plastikkarten gut sind, die wir haben. Im Hotel bekomme ich eine, mit der ich den Aufzug in Gang setzen kann. Sie öffnet auch die Tür meines Zimmers. In der Karte ist ein Funkchip. Wenn ich sie berührungsfrei vor einen Funkempfänger (Transponder) halte, denn leuchtet mit leisem Klick eine grüne Diode auf, und der Weg ist frei. Das Klicken ist unnötig, ist quasi die Kugel im Röhrchen, die gegen die Glocke schlägt, weil der Mensch es gerne hat, wenn mehrere Sinne angesprochen sind. Die Karte zeigt also auch, wann ich mein Zimmer betrete und verlasse, wann ich den Aufzug benutze und zeigt meine Wege an. Transponder sind überall, bei allen Ein- und Ausgängen von Geschäften und öffentlichen Gebäuden. Das System steckt ebenfalls in Kleidungsetiketten und heißt radio-frequency identification (RFID). RFID funktioniert normalerweise, ohne Signal zu geben, denn der Mensch nimmt Funkwellen nicht wahr. Die Brüder auf dem Foto, das ich aus dem SPIEGEL ausgeschnitten habe, sind Trickbetrüger. Man braucht ein Gerät, das Funksignale aufnimmt, speichert und interpretiert.

Im asiatischen Imbiss im Bahnhof bekomme ich beim Vorabbezahlen auch so ein Teil und muss es wieder abgeben, als ich mein Essen in Empfang nehme. Obwohl der Chip hauchdünn ist, ist das Gehäuse dick und klobig, damit man es nicht versehentlich einsteckt. Vermutlich registriert es die Zeit zwischen Bezahlvorgang und Auslieferung des Tellers an den Kunden, erlaubt also die Kontrolle, ob Koch und Bedienung sich ordentlich sputen.

Genug von der Funkpest, die uns nochmal übel aufstoßen wird. Der Außerirdische hat jedenfalls die Schnauze voll, denn er ahnt, dass man ihn gezielt in die Luft sprengen könnte, wenn er ahnungslos an einer Sprengfalle vorbeigeht und sein RFID-Chip ihn heimlich verrät. Natürlich lassen sich auch unliebsame Menschen auf diese Weise bequem beseitigen.

Unsere Siesta ist vorbei. Christian radelt vor, und wir bummeln durch die Abendhitze zu einem belebten Biergarten in der Innenstadt, dem Kulturgarten im K4. Man muss unterscheiden zwischen den bayerischen Volksstämmen. Ich bin in Franken, aber die Biergartenkultur scheint mir vergleichbar mit der Münchner. Wo in München ich gern gesessen hätte, will Christian wissen, denn er hat eine Weile in München gelebt und studiert. Bei mehreren Maß Kellerbier erzählt er mir von diversen Künstlerfreunden, und ich registriere, dass er ein großes Netzwerk hegt und sich als Kommunikator zwischen all diesen Menschen versteht. Man sieht es in seinem Blog, wo er immer wieder befreundete Künstler vorstellt. CD ist auch mit dem fränkischen Kabarettisten Matthias Egersdörfer befreundet, hat mir eben noch eine DVD von ihm geschenkt, worüber ich mich sehr gefreut habe, denn wenn ich schlechte Laune habe oder traurig bin, höre und sehe ich mir bei Youtube Egersdörfers absurd-komischen Geschichten an und kann  zum zweiten, dritten, vierten und fünften Mal darüber lachen.

Ob wir linksrheinischen ripuarischen Franken mit den östlichen Franken in Bayern verwandt sind, ist umstritten. In jedem Fall mag ich den zuweilen derben fränkischen Humor. Wäre er eine Wurst, ich würde mir eine Scheibe davon abschneiden. Von fränkischer Wurst erzählt Christian auch und dass sie sich durch eine in Europa fast einmalige Würzung auszeichnet. Nur in einem vergessenen Pyrenäental (oder war es bei den Sarden?) gäbe es etwas Vergleichbares. Ich verstehe, dass Fränkische Würste quasi die Ungarn unter den Würsten sind, denn Ungarisch ist ja auch einmalig in Europa, verwandt nur mit dem Finnischen und eventuell über acht Ecken mit dem Baskischen, aber eigentlich nicht. Einen ungarischen Künstler kennt Christian auch gut, aber wir reden nochmal über Christians Praktikanten, und er sagt, dass ein fähiger dabei war, so ein „verlorener Junge.“ Dessen Arbeit hätte ich mir aber nicht angesehen. Das tut mir herzlich leid, denn von meinen Schülern waren mir jene immer besonders lieb, die das Schicksal nicht verwöhnt hat. Obwohl selbst die mit dem goldenen Löffel Geborenen ein unglückliches Dasein haben können. Zumindest ist es schwer, sich zu entfalten und wer zu werden, wenn man es nur einfach hat im Leben. Der Mensch wächst an seinen Widerständen.

Der schöne Tag und Abend neigt sich. Ich will morgen fit sein, denn ich werde Anna socopuk treffen. Auf Umwegen und ein wenig beduselt vom Kellerbier bummeln wir zum Hotel zurück.

Als ich gestern einen Kommentar von Ann beantwortete, wurde mir klar, dass die Nachwelt allein Christian Dümmler das Buch „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ verdankt. Er hatte mir nämlich im letzten Herbst überraschend vorgeschlagen, dass er ein Buch für mich layouten wolle. Zuerst wollte ich ihm das Manuskript eines E-Books geben. Aber dann sah ich die Chance und stellte eine ganz neue Auswahl zusammen. Text und Cover sind von mir, aber den Inhalt hat Christian gestaltet, und heraus kam eine ripuarisch-fränkische Cooperation. Kürzlich überraschte er mich mit einem Heftchen, das eine Auswahl der kosmischen Geschichten aus dem Buch enthält, herausgegeben in seiner „Edition Blumen“. Buch wie Heftchen sehr zu empfehlen.


Fortsetzung