Der Kahle und der Blinde

Der Blinde war nicht wirklich blind, sondern sah einfach nicht viel. Trotzdem nannte ihn der Kahle einen Blinden. Die beiden waren nach einer Zechtour auf dem Nachhauseweg. Sie standen vor einem Fenster und betrachteten eine Winkekatze.
„Sie winkt uns zu!“, sagte der Kahle.
„Wer winkt uns zu?“
„Na, die Winkekatze Manekineko.“
„Was soll sie anderes tun? Ihre Existenz ist Winken. Stell dir vor, du wirst morgens wach und bist diese Winkekatze.“
„Dagegen hätte ich nichts. Mich würde nämlich interessieren, welches Weltbild man als Winkekatze hat“, sagte der Kahle. „Es wäre vermutlich ziemlich beschränkt, bei diesem ausschnitthaften Blick auf die Welt und der eingeschränkten Bewegungsfreiheit, herumzustehen und immer nur den einen Arm rauf und runter zu bewegen, dass es aussieht wie Winken.“ Weiterlesen

Mysterien meines Vorgartens

Mein Vorgarten ist recht hübsch, nur nicht direkt vor meiner Haustür. Da fliegt schon mal Papier rum, und auch die gelben Säcke der Mülltrennung rund um die Straßenbäume stören ein bisschen. Das ist leicht zu erklären. Weil mein Vorgarten so groß ist, brauchen die Männer von der Stadtreinigung elend lang, bis sie sich zu meiner Haustür durchgekämpft haben. Meistens sind sie dann schon ziemlich kraftlos und räumen nur notdürftig auf. Es ist natürlich meine Schuld, denn warum muss ich auch so einen weitläufigen und verwinkelten Vorgarten haben. Weiterlesen

Das Familiengeheimnis – Die Wahrheit über die Familie Oberberg

Ich verrate das Familiengeheimnis jetzt, ohne Rücksicht auf den Rest meiner weitverzweigten Familie, auch wenn meine Verwandten alles ableugnen, sogar alles als erfunden abtun werden. Das gehört natürlich dazu, ist quasi ein tragendes Element der Lügengebäude, die in meiner Familie errichtet sind. Also: Meine Mutter ist eine geborene Oberberg. Unter den Oberbergs kursiert in der Familie ein Hochstapler- und Schwindler-Gen. Damit meine ich nicht die bei Menschen übliche Flunkerei, sondern schon eine pathologische Sucht, falsche Tatsachen vorzuspiegeln. Mein Onkel Johannes beispielsweise behauptet, in unserer Ahnenreihe habe es einen Oberberg gegeben, der Kämmerer beim Sachsenkönig August gewesen sei. Da auch bei Onkel Johannes das Schwindler-Gen nachweislich wirksam ist, glaube ich die Geschichte nicht. Vermutlich war dieser Oberberg bei August nicht Finanzminister, sondern hat nur die Nachttöpfe geputzt. Weiterlesen

Ehrlichkeit im Geschäftsleben – „Junger Mann“

Heute Morgen in der Bäckerei bedient die ältere Verkäuferin einen jungen Mann. Mich lächelt das Lehrmädchen an. Ich sage meine alltägliche Brötchenbestellung auf und reiche ihr den mitgebrachten Beutel. Sie stopft die beiden Brötchen hinein, verbucht sie an der Kasse und sagt: „1,18 Euro.“ „Sonst bezahle ich 1,03 Euro“, sage ich, der ich den Ehrgeiz habe, die Summe immer abgezählt zu entrichten. Auf diese Weise werde ich mein Kleingeld los. Sie merkt, dass sie mir kein Rosenbrötchen, sondern ein Rosinenbrötchen berechnet hat und fragt eine dritte Kollegin, wie sie den Fehler an der Kasse umbuchen könne.

„Das geht nicht mehr“, sagt die. „Du musst es als Fehlbuchung eingeben und neu buchen, was der junge Mann zu bezahlen hat.“ Gerade will ich mich für den „jungen Mann“ bedanken, sagt das Lehrmädchen: „Den jungen Mann habe ich doch gar nicht bedient.“ Ich muss den ganzen Rückweg über diese noch merkantil unverdorbene Ehrlichkeit lachen. „Ehrlich, adj. – Im Geschäftsleben schwerbehindert.“ (Armbrose Bierce; Des Teufels Wörterbuch)

Gekritzelt – Gras und 1a Studentenfutter

Freundschaftsdienst
Gestern besuchte mich Freund Ludger aus Aachen, den ich über den inzwischen verblichenen Freund kenne, der bei mir Jeremias Coster heißt. Ich hatte ja Costers unzählige Notizbüchlein geerbt. Seine Töchter hatten aber entschieden, sie zu schreddern. Ludger brachte mir Costers Tagebuch mit. Jetzt lese ich im Tagebuch, was höchst befremdlich ist. Die Handschrift erkenne ich aus der Briefpost, die ich von ihm erhalten habe. Das Tagebuch zu lesen ist wie seine Stimme aus der Vergangenheit zu hören.

Die Kaffeekanne erinnerte mich
In meinem Viertel ist es üblich, Gegenstände, Kleidung oder Bücher zum Verschenken vors Haus zu stellen. So fand ich die Kaffeekanne, die mir am Montag eine komplizierte Woche vorausgesagt hat. Die Geschichte, wie ich die Kanne gefunden habe, erinnerte mich an einen kuriosen Vorfall im Frühsommer dieses Jahres. Ich hatte gerade mit Hausnachbarn die Rekultivierung der Baumscheibe vorm Haus begonnen. Wir hatten schon einige Blumen gepflanzt, da war eines Morgens ein Zettel an den Baumstamm des Ahorns geheftet mit dem Foto eines Kindersitzes. Dabei stand in etwa folgendes: Man war von auswärts nach Linden gekommen, um Freunde zu besuchen. Da war einiges in deren Wohnung zu transportieren. Den Kindersitz habe man auf dem Bürgersteig abgestellt, um etwas aus dem Auto ausladen zu können. Als man zurückkam, war der Sitz weg. Man habe nichts von der in Linden üblichen Sitte gewusst, dass vorm Haus abgestellte Gegenstände zum Verschenken gedacht seien und erbitte sich den teuren Sitz zurück. Ich habe den Aushang nach einigen Tagen abgenommen, weil ich nicht wollte, dass Leute durchs frisch angelegte Beet steigen, um ihn zu lesen. Leider habe ich ihn nicht aufbewahrt.

Studentenfutter
Im Juli 2018 habe ich über eine kommentierte Bibliographie geschrieben, die ich wieder gefunden hatte. Bei der Neubearbeitung der „Buchkultur im Abendrot“ habe ich das einfache Literaturverzeichnis durch die Bibliographie ersetzt. Käufern meines Buches hatte ich angeboten, sich die Bibliographie hier als PDF runterzuladen. Inzwischen, Stand 06. November 2019, ist das 326 mal geschehen. Das wundert mich, denn so viele Bücher habe ich gar nicht verkauft. Wer lädt also die Bibliographie herunter und wozu? Mein Sohn, dem ich das erzählte, meinte, „das sind Studis.“ Das erklärt mir nichts. Was machen die damit? Fraglich ist auch, wie diese Leute die Bibliographie finden. Ich habe erfolglos diverse Suchphrasen ausprobiert.

Drogen vom Briefträger
Als ich noch gekifft habe, erbot sich Coster, mir in Holland Gras zu besorgen. Dann schickte er das Gras mit der Post. Ich trat eines Morgens vor meine Wohnung in der ersten Etage, da schlug mir der intensive Grasgeruch entgegen. Das ganze Treppenhaus roch danach. In meinem Briefkasten dann ein einfacher Briefumschlag mit dem dubiosen Inhalt. Coster hatte ganz arglos den hübsch gestalteten Aufkleber mit seiner Absenderadresse auf die illegale Postsendung gepappt.

Manekineko
Eine Geschichte zu schreiben: „Mein Leben als japanische Winkekatze“, sollte Glück bringen.
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Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Text und Bild

Frau Nettesheim
Sie lassen nach, Trithemius.

Trithemius

Was meinen Sie, Verehrteste?

Frau Nettesheim
Ihren Text über die Kaffeekanne.

Trithemius

Der ist doch hübsch geraten, obwohl ich in Zeitnot war.

Frau Nettesheim

Früher hätten Sie sich die Zeit genommen, hätten ein solches Objekt vor einen neutralen Hintergrund gesetzt, optimal ausgeleuchtet und fotografiert, um es im Beitrag zu zeigen.

Trithemius

Heute aber muss es reichen, wenn ich die Attribute „weiß“, „formschön“ und „tadellos“ verwende. Ich möchte bei der Inflation der Bilder nicht mitmachen. Wenn ich nur noch selten fotografiere, bekommen meine Bilder ihre Wertigkeit zurück, und das obwohl ich nur eine einfache Kamera besitze.

Frau Nettesheim

Die Dinge sprachlich zu überhöhen, wo Sie in Wahrheit einfach zu faul sind, konnten Sie immer schon gut.

Trithemius

Darum geht es mir auch, also nicht um die von Ihnen boshaft aufs Tapet gebrachte Faulheit, sondern um Sprache. Ich bin Autor und kein Fotograf.

Frau Nettesheim
Früher haben Sie multimedial gearbeitet, ja, verschiedene Medien einzusetzen, als besonderes Element des Bloggens hervorgehoben.

Trithemius

Das Besondere am Blog ist nach wie vor die wechselseitige Kommunikation. Ist ja nicht so, dass ich auf Bilder verzichte. Aber ich muss immer an Vilém Flusser denken, wenn ich in einem Blog elend lange Bildstrecken ohne Text sehe, die dann 45 sprachlose Likes bekommen haben.

Frau Nettesheim

Sie meinen Flussers Prophezeiung, dass die Schrift von Bild und Zahl in die Zange genommen werden wird.

Trithemius

Was er schon 1990 vorausgesagt hat, obwohl vom Internet kaum einer wusste.

Frau Nettesheim

Wieso eigentlich Zahl?

Trithemius

Die Algorithmen.

Frau Nettesheim

Beim Tsunami an Bildern im Internet passt auch ein abgewandelter Spruch von Karl Valentin. „Es ist schon alles fotografiert worden. Nur noch nicht von allen.“

Trithemius

Hehe. Ist glaub ich von mir.

Frau Nettesheim

Eitler Patron.