Einladung zu Tisch

Von den zwei Paaren, die wir zum Essen eingeladen hatten, musste eines kopfstehen, sobald der runde Esstisch über eine Schiene an die Wand gefahren und in die Senkrechte gekippt war. Zuvor jedoch klappten die Sicherungsbügel hoch, ähnlich denen einer Achterbahn, und fixierten alle an ihre Plätze. Wir hatten uns dagegen entschieden, selbst unten zu sitzen; wir hätten als die Gastgeber nach oben schauen müssen, was uns nicht angemessen erschien.

Also wiesen wir die Plätze dem General und seiner Gattin zu, worüber die beiden erkennbar unfroh waren, nachdem der Tisch senkrecht an der Wand klemmte. „Hätte ich das gewusst, wäre ich im Hosenanzug gekommen“, sagte Frau General spitz, als ihr das weite aprikotfarbene Abendkleid unter die Nase rutschte. In gruppendynamischer Hinsicht sind Dreierkonstellationen naturgemäß problematisch. Immerzu neigen zwei dazu, sich gegen die dritte Partei zu verbünden. Dies wurde durch die notwendige Sitzordnung begünstigt, denn bei einem senkrecht stehenden runden Tisch muss eine Partei doch immerzu unten sitzen, während zwei Parteien das Privileg haben, dass wenigstens die beiden inneren Partner auf dem Scheitelpunkt sitzen. Ihre Partner sitzen dann schon mehr seitlich, so etwa auf zehn nach zehn Uhr. Da nun in beiden Fällen die Männer ihre Frau rechts sitzen ließen, kam ich auf diese Weise neben die schöne Gattin des Doktors zu sitzen, hatte sie quasi links neben mir, was mir von der hohen Warte aus die Gelegenheit gab, den ganzen Abend über mit ihr zu flirten. Wenn meine Frau und ihr Mann sich einmischten, ignorierten wir sie einvernehmlich.
„Ach, quatsch uns doch nicht von der Seite an, Darling!“, fertigte Frau Doktor ihren Gatten ab und schob mir lasziv lächelnd ein köstliches Kanapee in den Mund.

Frau General war inzwischen verstummt. Sie mühte sich tapfer, den General davon abzuhalten, ihr Kleid mit der Serviette zu verwechseln. Eine groteske Situation, die aber durchaus ihr Apartes hatte. Wir hatten den Koch natürlich angewiesen, weitgehend feste Speisen zu bereiten, die nicht tropfen. Trotzdem hatte der General sich über und über besudelt. Mir war das ein innerer Vorbeimarsch, ihn und den Doktor gedemütigt zu sehen.

Advertisements

Menetekel Hambacher Forst

Nachdem das Oberverwaltungsgericht Münster für den Hambacher Forst einen vorläufigen Rodungsstopp verfügt hat, ist die RWE-Aktie dramatisch eingebrochen. Das zeigt einen Grund für die hartnäckige Borniertheit, mit der RWE die Rodungspläne verfolgt hat. Die Kapitalinteressen der Aktionäre haben Vorrang. Der Börsenhandel kennt keine moralischen Prinzipien, sondern reagiert panisch auf den Machtverlust eines Konzerns. Doch hat RWE die Panik weitgehend selbst geschürt mit Behauptungen, die Rodung sei „zwingend erforderlich“, ein Verzicht würde die Stromerzeugung in den Kraftwerken in Frage stellen und einen „niedrigen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr“ kosten. Wer keine RWE-Aktien besitzt, könnte sich demnach freuen, dass das Kraftwerk Neurath, die zweitgrößte Dreckschleuder Europas, demnächst stillgelegt wäre.

Leider hat RWE maßlos übertrieben. Man darf ja weiterhin Braunkohle aus der Erde schaufeln, nur eben nicht die unter dem Stückchen Hambacher Forst, das noch übrig geblieben ist. Die Karte des RWE-Betriebsplans zeigt, dass vorerst nur um einen schmalen Bereich gestritten wird. Zu behaupten, dass die Stromversorgung von diesem Stücklein Wald abhängt, ist absurd. Vermutlich ist das öffentliche Gejammere keine PR-Panne, sondern wohl kalkuliert. Man hat den Wertverlust der RWE-Aktie billigend herbeigeschwafelt. 25 Prozent der Aktien befinden sich in kommunaler Hand, was bedeutet, dass ein Wertverlust die Städte und Kommunen trifft, was wiederum deren Kommunalpolitiker unter Druck setzt. Generell sind RWE und die Politik eng verbandelt, so durch den Lobbyisten Wolfgang Clement (SPD) und den CDU-Landtagsabgeordneten Gregor Golland. Die wirtschaftliche und politische Verquickung sowie die Macht der um Arbeitsplätze kämpfenden Gewerkschaften erschweren den dringend erforderlichen Stopp der Braunkohleförderung und -verstromung.

Das winzige Waldstück der Bürge, um das gestritten wird, hat überdies Symbolcharakter. Ein komplettes Rodungsverbot würde der selbstherrlichen Brutalität ein Ende setzen, mit der RWE über Jahrzehnte die dörfliche Heimat und Kultur von Millionen Menschen vernichtet hat.

Als in den letzten Wochen erstmals über die Vorgänge um den Hambacher Forst berichtet wurde, fragte ich mich, wo in meiner ehemaligen Heimat der genau liegt. Ich müsste bei meinen vielen Trainingsfahrten durch die Region schon mal dort gewesen sein, doch konnte mich nicht an einen nennenswerten Wald erinnern. Erst als in einem Fernsehbericht gezeigt wurde, dass die Braunkohlegegner am Bahnhof Buir ausstiegen, hatte ich den von der Rodung bedrohten Wald vor Augen. Ich hatte ihn nämlich viel weiter nördlich vermutet, auf Erkelenz und Mönchengladbach zu. Buir liegt auf der Strecke Köln – Aachen kurz vor dem „Weltbahnhof Düren.“ In Buir ist mein Großvater mütterlicherseits geboren. Wer den Hambacher Forst bei Google maps sucht, findet ihn nicht, denn was die Bagger noch übrig gelassen haben vom Hambacher Forst, heißt „Bürge“ oder „Bürgewald.“ Nördlich des Waldes befindet sich das riesige Loch, das die Schaufelradbagger in die Erde gegraben haben.

In Görlitz fuhr mich mal ein Taxifahrer, der zu DDR-Zeiten im Braunkohletagebau der Lausitz gearbeitet hatte. Der klagte über die Schließung der Gruben und sagte: „Die Braunkohle hier ist ergiebig, Sie räumen einen Eimer Dreck weg und bekommen zwei Eimer Kohle, anderswo in Deutschland ist es genau umgekehrt.“ Der Abraum des Hambacher Tagebaus wird seit dem Jahr 1978 nordwestlich der Grube aufgeschüttet, und die „zwei Eimer Dreck“ haben sich zu einem beachtlichen Höhenzug ausgewachsen, genannt Sophienhöhe. Sie erhebt sich auf etwa 302 Meter über NN und ist seit 1988 rekultiviert, inzwischen bewaldet und mit Teichen besetzt, ein schönes Naherholungsgebiet, auf dem ich schon mit meiner Freundin Lisette herumgewandert bin.

Am 25. September 1994, es war ein Sonntag, habe ich den Bürgewald noch mit dem Fahrrad durchquert. Damals war der Bürgewald um einiges größer. Es gab es noch keine Baumhäuser oder Protestkamps. Ich erinnere mich, dass ich beim Durchqueren schon müde war und mir die schnurgerade Landstraße durch den Wald ziemlich lang wurde. Hinter dem Waldrand rollte ich auf Etzweiler zu. Dort lief der Weg tot, und ich schaute hinab in ein Loch, für das einem Menschenkind aus dem Flachland die Wahrnehmungskategorien fehlen. Selbst die gigantischen Schaufelradbagger wirkten darin wie Spielzeug. Inzwischen haben diese Bagger Etzweiler längst weggefressen.

Immer wenn ich nördlich oder östlich von Aachen unterwegs war, stieß ich auf Braunkohletagebau, auf die Gruben Inden, Hambach und Garzweiler und auf die Dörfer, die in Zukunft in den Gruben verschwinden sollten. Hier ein Fahrbericht durch Braunkohleland vom 10. August 1995. Wer ihn liest und die Fahrt nachvollzieht, rollt über Straßen und durch Dörfer, die es gar nicht mehr gibt:
Weiterlesen

Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (6)

Folge 1Folge 2Folge 3Folge 4Folge 5
Der nächste Pächter war ein bedächtiger Mann aus Köln. An der Bar bediente seine Lebensgefährtin, eine zauberische Frau. Ich saß oft bei ihr an der Theke. Und deshalb bedauerte ich besonders, als die beiden nach kurzer Zeit wieder aufgeben mussten. Alles begann damit, dass ich einen Drink spendiert bekam, von dem ich noch nicht wusste, dass ich ihn teuer bezahlen würde, dass er mich genau 250 Deutsche Mark kosten würde, was damals ein ganzer Wochenlohn war. Es war an dem Abend, als mich die zauberische Frau mit ihrer warmen Stimme fragte, ob ich Schwierigkeiten hätte, vielleicht mit meiner kleinen Freundin? Da sagte ich irrigen Glaubens, ich hätte keine Schwierigkeiten, schon allein, um ihr zu imponieren. Plötzlich brachte der Wirt ein junges Paar mit hinter den Tresen, das er als Geschäftsfreunde vorstellte.

Die beiden kannte ich. Sie hatten eine Kneipe in Köln, nahe der Firma, in der ich damals arbeitete. Diese Kneipe besuchten wir an jedem Freitagmittag, wenn wir die Lohntüten bekommen hatten, tranken einige Gläser Kölsch und überzogen die Mittagspause, weil doch die Wirtin so hübsch war. Wir alle hatten ein Sparfach von der Sparkasse dort, in einem Blechkasten seitlich der Theke mit kleinen nummerierten Türchen und einem Sparschlitz unter der Nummer. Da wurden nur Heiermänner eingeworfen. Als mir die Barfrau einen Drink hinstellte und sagte, die Kölner Wirtsleute hätten ihn spendiert, da ahnte ich noch nicht, dass ihre Kneipe eine Woche später geschlossen sein würde. Die beiden hatten sich abgesetzt und unser Erspartes mitgenommen. Das hatten sie nämlich niemals an die Sparkasse abgeführt. Leider ging auch an der Bar in Meuters Saal das Licht aus. Diesmal für immer. Offenbar war unser Diskothekenwirt ebenfalls von seinen Geschäftsfreunden betrogen worden.

Man war auf den Dörfern nicht traurig, als Meuters Saal eines Nachts bis auf die Grundmauern niederbrannte. Der Kanonenofen allerdings stand noch. Als ich ihn sah, war ich noch spät mit Föppes unterwegs, und wir beide waren betrunken. Da ragte der Ofen schwarz und irgendwie albern aus einer dünnen Schneedecke. Wir stiegen die drei Treppenstufen hinauf, machten Fußspuren auf der ehemaligen Tanzfläche und alberten über Meuters Fluch. Dann sagte Föppes, er wolle den Ort exorzieren und versuchte, ein Pentagramm in den Schnee zu pissen, was aber zu seinem Unglück misslang. Später hat er sich mit seinem neuen BMW um einen Chausseebaum gewickelt.

Editorische Notiz: Die Geschichte beruht auf wahren Gegebenheiten, ist aber kein Tatsachenbericht. Ich habe mir literarische Freiheiten erlaubt, einiges erfunden, manches zusammengezogen, verdichtet und überhöht, damit es eine runde Geschichte wird. Eine frühe, leicht abweichende Fassung von „Meuters Fluch“ habe ich erstmals im Jahr 2014 veröffentlicht im E-Book „Das Verzeichnis – vier unheimliche Geschichten.“ Die Urfassung habe ich jedoch schon 1981 geschrieben. Inzwischen hat sich der Text durch Bearbeitungen stark verändert; so musste ich wegen der Veröffentlichung in Folgen einbauen, was in den Kommentaren von Ann und dem Kollegen castorpblog kundig Cliffhanger genannt wird. Trotz Cliffhanger ist die Veröffentlichung einer längeren Erzählung im Blog ziemlich sperrig und war für mich ein Experiment, was an den Zugriffszahlen gemessen weitgehend gelungen ist. Ich danke für aufmerksames Lesen, Liken und Kommentieren und hoffe, es war vergnüglich. (Fotos der Titelgrafiken und Ende-Grafik: JvdL)

Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (5)

Folge 1Folge 2Folge 3Folge 4

Als zwei windige Vögel im Sälchen des Dreckigen Löffels eine Diskothek eröffneten, hätte die Sache eigentlich gut gehen können. Auf den Dörfern war das Freizeitangebot dürftig. Auch Bissers Kino hatte inzwischen geschlossen. Entsprechend groß war der Zulauf in der neuen Diskothek. An Meuters provisorischen Kinosaal erinnerte nur ein schwarzer Kanonenofen seitlich der Tanzfläche. Die Betreiber hatten gewusst, was die jugendliche Kundschaft wollte – der Saal war in erster Linie dunkel, was auch durch einen bodenlangen Wandbehang aus dickem, dunkelblauem Stoff begünstigt wurde. Natürlich blitzte über der Tanzfläche eine Diskokugel, und auch von der Bar am Kopfende des Saals, auf Höhe von Meuters alter Bühne, strahlte verlockendes Licht. In den Tischnischen aber war es schummrig, was allerlei intime Kontakte ermöglichte. Die Sache war also in jeder Hinsicht zukunftsträchtig.

Es traf uns wie ein Schlag, dass die Diskothek trotzdem wieder schloss. Man hatte die Betreiber verhaftet. Ich weiß nicht, ob man schon von einer Razzia sprechen kann, wenn der Dorfpolizist sich Verstärkung vom Kollegen aus dem Nachbarbezirk holt und mit ihm den Saal beim Dreckigen Löffel durchsucht. Jedenfalls fanden sie hinter der Wanddrapierung einen Raum, in dem die beiden Diskothekenbetreiber an die 4000 Eier versteckt hielten, die sie in einer nahe gelegenen Hühnerfarm geklaut hatten. „Wozu klauen die 4000 Eier?!“, fragten wir uns. Und warum verstecken sie die Eier ausgerechnet in unserer schönen Diskothek? „Meuters Fluch!“, das sagte mein Freund Föppes, und er hatte es woanders gehört.

Einige Monate später eröffnete die Diskothek wieder. Der neue Pächter wollte „den Bauerntölpeln Kultur vermitteln“, sagte er. Das tat er an den Werktagen, wenn die Diskothek nur dünn besucht war. Dann sprang er auf die Tanzfläche, posierte in wechselnder Garderobe, zupfte an seiner Bügelfalte und rief etwa: „Diese schöne, bügelfreie Hose aus Trevira erhalten Sie im Modehaus X in Y für nur 59 Mark!“ Einige Male hielten meine Freunde und ich an solchen „Kulturabenden“ unsere Redaktionssitzung in der Diskothek ab, denn wir hatten inzwischen eine Zeitung gegründet, die Volkspost, die wir in den Kneipen und beim Friseur verkauften. Wir verabredeten mit dem Hosenmann einen Diskussionsabend. Thema: Generationskonflikte. Es kam aber nur die Jugend, so dass die junge Generation mit sich selbst diskutieren musste. Will heißen, wir fühlten uns für kurze Zeit wohl in Meuters Saal.

Dann wurde der Hosenmann zusammengeschlagen. Angeblich hatte er seine Schulden nicht bezahlt. Man munkelte, die Schläger seien aus dem angrenzenden Dreckigen Löffel gekommen, wo inzwischen eine Rockerbande verkehrte, die unsere Gegend terrorisierte. Ich habe eine Brandnarbe am rechten Unterarm. Die holte ich mir an der Theke des Dreckigen Löffels. Da wollte ich Geld für den Zigarettenautomaten wechseln und legte abwartend meinen Arm auf die Theke. Neben mir saß einer der Rocker auf dem Schemel. Während der Wirt das Wechselgeld hervorkramte, schob der blöde Rocker seinen Unterarm dicht an meinen und ließ seine brennende Kippe dazwischen fallen. Er hatte wohl damit gerechnet, dass ich gleich zurückzucken würde. Das tat ich aber nicht, sondern nutzte die Gelegenheit, mir Respekt zu verschaffen, und wartete, bis er seinen Arm wegzog. Ich habe noch immer einen hellen, kreisrunden Fleck auf dem Unterarm, meine bleibende Erinnerung an Meuters Fluch. Aber das ist nur eine kleine Sache. Mein guter Freund Föppes, dieser sonnige Mensch, musste sein Leben lassen.

Fortsetzung

Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (4)

Der Traum: Ich saß in meiner Wohnung mit zwei Männern um den runden Tisch. Wir spielten Skat. Da klingelte es an der Wohnungstür. Ich stand auf, ging hin, wollte die Tür öffnen und bekam sie nur einen Spaltbreit auf. Sie wurde von der anderen Seite festgehalten. Durch den Spalt sah ich im Dämmer des Treppenhauses meine Großmutter Katharina. Sie trug nur ein dünnes weißes Nachtgewand, kauerte zusammengesunken vor mir, hielt die Türkante umklammert und schaute verschämt zu Boden. Da sagte ich: „Geh nach Hause, Katrinchen!“ In diesem Augenblick sprang in einem Garagenhof der Diesel des Taxifahrers an, der wie immer zur Frühschicht wollte. Davon erwachte ich. Am gleichen Morgen rief meine Mutter an und sagte, dass gegen vier Uhr in der Nacht meine Großmutter gestorben war.

Einige Elemente des Traums konnte ich mir erklären, andere nicht. Meine Großmutter war nach einem Schlaganfall bettlägerig gewesen und hatte viele Monate zum Sterben gebraucht. Das erklärte, warum sie nur ein schütteres Nachthemd trug. Sie war immer eine stolze Frau gewesen und hatte stets penibel auf ihr Äußeres geachtet. Deshalb muss es ihr peinlich gewesen sein, in diesem Zustand an meiner Tür zu klingeln. Wieso aber hatte ich beim Skatspielen gesessen, als sie mich heimsuchte? Ich spielte nie Skat und kannte auch an meinem neuen Heimatort keine Skatspieler. Das allerdings konnte meine Großmutter nicht wissen, denn wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen. Sie wusste wohl, dass ich Lehrer geworden war. Und hatte nicht auch der Junglehrer Skat gespielt, der damals Kostgänger bei uns gewesen war?

Eigentlich kann ich seit meiner Jugend an nichts glauben, das sich nicht beweisen lässt. Ich leugne nicht, dass es unerklärliche und vielleicht auch übersinnliche Phänomene gibt. Vielleicht gibt es tatsächlich so etwas wie eine Zwischenwelt, in der sich die Toten eine Weile aufhalten, bevor sie gänzlich davongehen. Vielleicht können sie über gewisse Medien mit den Lebenden in Kontakt treten. Allein, der Wahrtraum vom Tod meiner Großmutter lässt mich vermuten, dass die in der Zwischenwelt nicht klüger sind und nicht mehr wissen als sie zu Lebzeiten gewusst haben. Und sollte ein medial veranlagter Mensch einen achtlosen Fluch fallen lassen und nicht spezifizieren, wo er zu gelten hat, dann führen seine Kontaktpersonen im Zwischenreich den Fluch dort aus, wo er ausgesprochen wurde. Bitte, das ist spekulativ, und ich selbst kann mal daran glauben, mal nicht, da ich leider ein notorischer Zweifler bin.

Ich muss etwa 17 Jahre gewesen sein, als ich zum ersten Mal von Meuters Fluch hörte. Im Land war die Diskothekenzeit ausgebrochen, und bald eröffnete auch eine Diskothek in Meuters ehemaligen Kinosaal beim „Dreckigen Löffel“. Der Saal hatte seit Meuters Verschwinden leer gestanden, und was in dieser Zeit dort geschehen ist, weiß ich nicht. Allein der lange Leerstand hätte den nachfolgenden Nutzern eine Warnung sein können.

Nichts von dem, was in Meuters altem Kinosaal geschah, hatte erkennbar übersinnlichen Charakter. Alles kann durch Unachtsamkeit, Nachlässigkeit, Torheit, Gier und Verderbtheit der handelnden Personen erklärt werden. Nur die Häufung der Ereignisse berechtigt, von Meuters Fluch zu sprechen.

Fortsetzung

Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (3)

Die hartnäckige Bosheit, mit der die Bissers den Kinomann verfolgten, strahlte bald auf die Wirtschaft aus. Nach und nach blieben die Gäste weg, was Bissers wiederum anstachelte, Meuters Verjagung voranzutreiben. Trotzdem hielt Kinomann Meuter eine Weile durch, bevor er sein geliebtes Kino bei Bissers aufgab und umzog in einen anderen Saal. Der gehörte zum „Dreckigen Löffel“, einer verkommenen Kneipe im Nachbarort. Ich erinnerte mich noch gut, wie wir an einem Sonntagnachmittag zum ersten Mal hinpilgerten, um „Kalle Blomquist, sein schwerster Fall“ zu sehen. Meuter hatte den Schuppen notdürftig mit Stoffbahnen ausgekleidet, die wackligen Sitzreihen blau lackiert, sprang wohlgemut auf die Bühne vor eine improvisierte Leinwand und hielt seinen Vortrag, ganz in der Gewissheit, dass jetzt eine neue Kinoära angebrochen war. Wir ertrugen seine Vorrede geduldig, denn wir waren es leid, uns in Bissers Kino von der biestigen Alten anschnauzen zu lassen, zu erdulden, dass sie mitten in der Vorstellung das Licht anmachen ließ, um Unruheherde ausfindig zu machen und den Rausschmiss anzudrohen. Und war es wieder ruhig, dann flammte das Licht erneut auf, weil sie in der Loge ein küssendes Paar entdeckt hatte. Derlei Unzucht ahndete sie durch sofortige Vertreibung aus dem Kino, die sie wie ein Racheengel überwachte.
Weiterlesen

Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (2)

Mit zwölf schlief ich im Bett eines Toten. In dem Dachzimmer, das ich mir mit meinem älteren Bruder teilte, hatte zuvor der alte Vater von Hauptlehrer Schmutz geschlafen. Es lag ganz am Ende eines Speichers, der noch eine Treppe hinauf auf den Giebelboden hatte. In dieses Speicherzimmer abgeschoben, war der Alte dann irgendwann glücklich verröchelt. Das Bett hatte Hauptlehrer Schmutz bei seinem Auszug nicht mitgenommen und die Matratzen auch nicht. Sie waren dreiteilig, und es scheute mich, sie zu sehen, wenn das Laken abgezogen war. Das Zimmer hatte nur ein winziges Fenster in einer Dachgaube, durch das manchmal die Abendsonne schien. Meist lag es im Halbdunkeln. Abends lag ich im Bett, achtete darauf, dass der Lichtkegel der Taschenlampe auf der Türklinke blieb und hoffte inständig, dass mein Bruder zu Bett kommen würde.
Weiterlesen