Sich wundern und verstehen

Kennst du das? Du wachst du morgens auf und wunderst dich, wer du bist und dass du allerlei Dinge erledigen sollst, bis hin zum Kaffee machen. Und während du alles fast mechanisch erledigst, denkst du, na gut, dann füge ich mich eben in dieses Leben als Mensch des 21. Jahrhunderts. Wenn es blöd kommt, fremdelst du den ganzen Tag als wärst du im falschen Film. Wer gibt dir eigentlich die Gewissheit, dass du gestern nicht jemand anderes warst? Beweisen kannst du es nicht. Du erinnerst dich an deine Biographie? Es könnten auch fremde Erinnerungen sein. Du bist über Nacht einfach hineingeschlüpft, hast dir die fremden Erinnerungen angezogen wie eine Jacke. Am Ende warst du gestern noch die Ex-Geliebte von Horst Seehofer und hast gerade der BILD alles gebeichtet, wie es war mit Seehofer und so. Was hast du dir gedacht, als du ein Verhältnis mit einem verheirateten Politiker begonnen hast? Das war nicht gerade klug, oder? Na ja, wo die Liebe hinfällt. Vorstellen kannst du dir das heute nicht mehr, denn heute bist du im Körper eines Mannes erwacht und ins Bad gewankt. Ja, so geht es zu in der Welt. Alleweil ändert sich was.

Jetzt sitzt du in der Aachener Pontstraße vor dem Laden einer Bäckereikette, die keinen guten Ruf hat, da sich ihr Name dummerweise auf „Goebeln“ reimt. Bist trotzdem mutig hineingegangen, hast dir Kaffee und ein Brötchen aufs Tablett laden lassen, nach Milch musstest du fragen und bekamst die pampige Antwort, die stehe irgendwo auf den Tischen, und jetzt sitzt du draußen in der Sonne, trinkst deinen Kaffee, und was ist? Dein Brötchen fühlt sich auf der Unterseite feucht an. Das ist ein bisschen eklig, und hättest du jetzt Lust, dir die Zimpe der Verkäuferin noch einmal anzuschauen, dann würdest du hineingehen und das Brötchen reklamieren. Doch du hast dich ja auch in deiner früheren Existenz als Geliebte nicht gut um deine Belange gekümmert. Also hoffst du, das Brötchen werde in der Sonne rasch trocknen, am besten, bevor du beim Beißen an die nasse Stelle kommst.

Gegenüber werden die oberen Etagen des Hauses Nr. 117 renoviert. Bist du vielleicht vor 170 Jahren der Bankkaufmann Julius Reuter gewesen? Dann hättest du dort unterm Dach einen Taubenschlag gehabt. Deine Täubchen fliegen für dich nach Brüssel und zurück. Das ist recht weit, und du bist stolz darauf, dass deine Täubchen die Strecke so sicher und rasch bewältigen. Selten verfliegt sich eine oder landet in einem wallonischen Kochtopf. Und deshalb versorgst du deine Täubchen gut, stehst unterm Dach, und durch die offenen Luken blinzelt die Morgensonne herein. Du magst es, die Staubteilchen im Lichtbündel tanzen zu sehen. Es ist, als hätten sie sich im Sonnenlicht zum Hochzeitstanz versammelt. „Hochzeit?“ Das Wort rührt etwas in dir an. Hattest du nicht gegen Morgen noch von einer schönen Hochzeit geträumt? Du wolltest einen bekannten Politiker heiraten, der leider schon eine Frau hatte. Seltsamer Traum.

Egal jetzt, die Börsenkurse müssen nach Brüssel gesandt werden. Du wickelst die Listen zu kleinen Rollen zusammen und steckst sie in Hülsen. Nun kommt, meine Täubchen! Seid meine Boten! Tragt die Depeschen brav nach Brüssel hin. Und während du ein ums andere Täubchen gen Himmel wirfst, denkst du, dass du ihnen bald den Hals umdrehen wirst. Werner von Siemens hat dir geraten, nach London zu gehen und dort ein Telegraphenbüro zu eröffnen. „Julius! Die Telegraphie wird die Welt verändern“, das hat Siemens dir gesagt.

Im Gartenpavillon hat das Mädchen gerade das Frühstück aufgetragen. Du küsst deine Frau auf die Stirn, setzt dich zu ihr und sagst: “Guten Morgen, meine Liebe. Neuste Nachrichten: In der Schule schildert der Lehrer die Wunder Jesu. ‚Die Blinden macht er sehen, die Lahmen macht er Gehen. Und was macht er mit den Tauben, na Wilhelm?‘ Wilhelm überlegt: ‚Die ließ er fliegen!‘ Die Tauben ließ er fliegen. Hihi! Genauso mache ich es auch.“ Und dann überzeugst du deine Frau, dass es gut ist, nach London zu gehen. Siemens hat dies gesagt! Siemens hat das gesagt! „Die Tauben können wir fliegen lassen wie Jesus, liebe Helma. – Oder ich drehe ihnen den Hals um.“
„Gott sei Dank!“

Gedenktafel in Aachen – (Foto: Iris Reinhardt für Wikipedia)

Unfassbar denkst du, während du leider in die feuchte Stelle des Brötchens beißt, dass die große stolze Nachrichtenagentur Reuters hier im Haus Nr. 117 der Pontstraße ihre Wurzeln in Taubenkot hat. „Damit begann sein Lebenswerk im Dienste des Nachrichtenverkehrs der Welt“, steht auf der Gedenktafel. Es ist eine Lüge. Es ging um Aktienhandel. Dass es Finanzleute waren, die ein Interesse am raschen Austausch von Börsennachrichten hatten, findest du einleuchtend. Wenns um Geldgeschäfte geht, ist Geschwindigkeit Trumpf. Wer als erster weiß, wie die Aktien stehen, kann ordentliche Gewinne machen. Da ist es auch plausibel, dass die Nachrichtenagentur Reuters noch heute 90 Prozent ihres Umsatzes mit Aktienhandel macht. Das Nachrichtengeschäft ist nur Beifang. Beifang wie die großen rauschenden Zeitungen. Letztlich sind auch sie nur Gelddruckmaschinen.

Manchmal ist es ganz erhellend, mit der Welt zu fremdeln, findest du doch auch.

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Gedränge im Oberstübchen

Kennst du das, wenn du den Kopf voller Gedanken hast und alle wollen gleichzeitig raus, keiner will dem anderen den Vortritt lassen, und am Ende purzeln alle durcheinander? Ein Wunder, dass sie diesen hier haben passieren lassen, weil er quasi außer Konkurrenz lief. Metakommunikation ist Kommunikation über die Art und Weise der Kommunikation. Also durfte nur dieser Metagedanke raus, der über das Gedränge an der Pforte zum Schreiben mich zu Schreiben veranlasste. Vielleicht, so hängte sich ein Hintergedanke an, vielleicht kann ich ohne Aufhebens trotzdem schreiben, was da drängt, indem ich vorgebe über etwas ganz anderes zu schreiben, und siehe da, die Gedanken besinnen sich und nehmen geordnet Aufstellung wie einst die Kinder auf dem Pausenhof, um ganz gesittet paarweise in den Klassenraum zu gehen. Ja, das hätte funktionieren können, wenn nicht ein Rüpel in der ersten Reihe heimtückisch den Hacken nach innen gesetzt hätte, wodurch alle hinter ihm ins Stolpern kamen. Und einen gestolperten Text will ich der geehrten Leserschaft nicht zumuten.

So gibt es also nichts über eine Wiederbegegnung nach 20 Monaten zu lesen, nichts über die Tauben des Bankkaufmanns Julius Reuter im Taubenschlag der Aachener Pontstraße, Hausnummer 117, nichts über die Frage, ob meine Rede „wieder magischer Realismus“ sei. Auch nichts darüber, dass ich im Traum einen mutwillig in alle Einzelteile zerlegten Schrank zusammenbauen musste, was mir schier nicht gelingen wollte. Sogar nach dem Erwachen hatte ich noch ein schlechtes Gewissen, dass ich den Schrank in Einzelteilen zurückgelassen hatte. Aber was geht mich der Schrank an? Meiner wars nicht.

Mallinckrodt

Wieder war aus dem Nichts ein Streit entbrannt. Er war sich keiner Schuld bewusst. Der Grund war ihre finstere Gesinnung, die sie in regelmäßigen Abständen überkam wie ein grässlicher Fluch, gegen den kein Kraut gewachsen war. Ein Glas mit Rotwein hatte sie gegen die Wand geworfen. Wie der Weinflecken sich blutrot über die Tapete verbreitete, überkam ihn ein bodenloser Grimm, schlimmer noch ein heftiger Grell. Da war dieser Wunsch zu wüten. Blitze zuckten vor seinen Augen, ein Wetterleuchten der Explosionen und Entladungen in seinem Kopf. Er kannte sich nicht mehr, hatte derlei noch nie verspürt. Als wäre die Haut der Zivilisation ihm vom Leib gerissen worden und hätte das Tier bloßgelegt, seine finstere Schattenseite. Zu ihrer eigenen Sicherheit packte er sie beim Oberarm und setzte sie vor die Tür. Mit zitternden Fingern legte er eine CD dieser vier durchgeknallten finnischen Cellisten ein, startete „Path“ und drehte die Lautstärke auf, so weit, dass diese gewalttätige Musik sich irr an den Wänden stieß, wo es ihr nicht gelang hinaus zu fliehen auf die nächtliche Straße, und ihm war als würde die Tür, die er hinter ihr zugeknallt hatte, noch immer in ihrem Rahmen schwingen. Diese Musik zu hören, war Teufel mit Belzebub auszutreiben. Wie die vier Musiker im Video einen Kampf ausfechten mit ihren schier übermächtigen Schatten, so kämpfte auch er die Schatten in sich nieder.

Und tatsächlich gelang es ihm, sich zu beruhigen, ja es erheiterte ihn die Erinnerung an ihr verblüfftes Gesicht, als er sie wortlos vor die Tür geschoben hatte. Noch immer lief Path und da kam ihm wieder dieser Unheil verkündende Name in den Sinn: „Mallinckrodt.“ Er wusste nichts damit anzufangen, hatte keine Ahnung, von wo ihm das Wort zugeflogen war. Vorne erinnerte es schwach an das lateinische malus für schlecht, böse, aber das auslautende -rott war zuverlässig die Bezeichnung für Rodung. Noch zur Römerzeit war das Land von dichten, schier undurchdringlichen Wäldern überzogen. Da bot jede Lichtung die Gelegenheit aufzuatmen, den Himmel zu sehen und in die Sonne, ans Licht zu treten. Es muss natürliche Lichtungen gegeben haben in der Welt unserer Vorfahren. Doch für die meisten hat man Brände legen, Bäume fällen und Wurzeln ausgraben müssen, ein hartes und mühsames Unterfangen. Warum sollte eine solche Lichtung als böse verschrien sein? Weil dort Böses geschehen war? Was geschah in Mallinckrodt? Warum kam ihm dieses unheilige Wort in den Sinn, wann immer er Path von Apokalyptica hörte?

 

Hörst du es Rauschen? – Kommunikationsstörungen

Ob der Brief der Großmutter aus der unten gezeigten Zeitungsnotiz bei pünktlicher Zustellung etwas bewirkt hätte, ist fraglich. Möglicherweise hätte er das Leben des Adressaten nicht verändert. Wirklich tragisch ist hingegen der Fall einer Nonne. Sie hatte als junge Frau vergeblich auf einen Brief ihres Freundes gewartet und war aus enttäuschter Liebe ins Kloster gegangen. Der Brief wurde Jahrzehnte später gefunden, als man ein altes Postgebäude abriss. Er war wohl einst zu Boden gefallen und zwischen die Dielen gerutscht.

In der Kommunikationswissenschaft zählen derlei Probleme zum Rauschen, den möglichen Störungen der Kommunikation auf dem Übertragungsweg zwischen Sender und Empfänger. Mehrere Kommunikationskanäle beseitigen das Problem nicht, weil jedes Kommunikationsmedium von möglichen Störungen begleitet wird. In der Summe nimmt das Rauschen sogar zu. Das bedeutet, dass man eine briefliche Nachricht zwar auf einem zweiten Kommunikationsweg absichern kann. Aber auch die E-Mail: „Ich habe dir einen Brief geschickt.“ könnte auf vertrackte Weise verlorengehen. Im Zug wurde ich einmal ungewollt Zeuge eines Gesprächs. Ein junger Homosexueller schilderte einer Freundin  Probleme mit seinem Freund. Er hatte ihm abends eine WhatsApp-Liebesnachricht geschickt, aber den ganzen Abend über keine Antwort bekommen. Ihn beunruhigte die Tatsache, dass sein Geliebter aber ständig online gewesen war, zu sehen an einem grünen Punkt. Jetzt verdächtigte er seinen Freund, dass er mit einem anderen gechattet hatte und ihm folglich untreu wäre. Die Sache bereitete ihm enorme Liebesqualen.

Ähnliche Online-Statusmeldungen gibt es auch bei Facebook. Als ich mich dabei erwischte, dass ich in eine ausbleibende Antwort trotz Online-Statusmeldung ebenfalls etwas hinein interpretierte, habe ich mich bei Facebook wieder abgemeldet. Derlei wollte ich nicht erleben, getreu dem Sprichwort „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“

Heute las ich bei Heise online, etwas über Stilles Tracking, mit dem eifersüchtige Partner die Bewegungen des andere verfolgen können. Selbst beim Stillen Tracking kann es Rauscheffekte geben. Wo Misstrauen herrscht, bieten all die Möglichkeiten des heimlichen Stalkings keine Sicherheit, sondern vergrößern die eigene Unruhe.

Als ich erst kurz in Hannover war, bin ich neugierig mit dem Fahrrad umher gefahren, um zu sehen, was Hannover und sein Umland zu bieten hatte. Was mir gefiel, habe ich gefilmt. Einmal hörte ich in der Nähe des Mittellandkanals eine Band proben. Ich suchte den Probenraum und filmte die Band [im Video bei 4:21]. Weil ich das Video bei YouTube veröffentlichen wollte, fragte ich nach einer Kontaktmöglichkeit. Das ging bei der Band nur über Myspace. Also meldete ich mich dort an. Man kann dort den Beziehungsstatus angeben. Ich hatte zwar eine Beziehung, wohnte aber getrennt, weshalb ich acht- und arglos „Single“ anklickte. Einige Wochen darauf konfrontierte mich die Freundin damit. Sie habe das „zufällig“ gefunden und verdächtigte mich jetzt, ich hätte Myspace benutzt, um mit anderen Frauen zu flirten.

Ein klassischer Fall von Rauschen, und das Vertrackte ist, man kann sich gegen derlei Unterstellungen nicht verteidigen. Da ich völlig unschuldig war, jetzt grundlos verdächtigt wurde und sie sich nicht vom Gegenteil überzeugen ließ, habe ich die Beziehung beendet. Zum Glück, denn Rauschen ist in der menschlichen Kommunikation allgegenwärtig, besonders in der Fernkommunikation und kann sich, wo kein Vertrauen herrscht, verheerend auswirken.

Und was ist jetzt mit dem verdammten Bus?

Als ich nach draußen kam, befand sich die öffentliche Ordnung in Auflösung. In einem Klima von Angst und Gewalt rannte alles durcheinander. Den Grund konnte ich nicht sehen. Da war eine Gruppe, der ich mich anschloss. Eine junge Frau warnte: „Der Bus kann in fünf Minuten wieder hier sein!“ Wie ich noch rätselte, was es mit dem bedrohlichen Bus auf sich haben könnte, hörte ich ein anschwellendes Motorengeräusch. Es kam über eine Nebenstraße heran, so rasch, dass kaum Zeit blieb zu reagieren. Das Brummen zu hören und den Bus auftauchen zu sehen, war eins.

Die gesamte Gruppe stob davon. Wir hatten vor einem freistehenden Klinkerbau aus den frühen 1970-ern gestanden. Die anderen rannten nach rechts, ich rannte nach links ums Haus herum. Hinter mir hörte ich den bedrohlichen Bus bremsen, vor mir war ein Erdhügel vom Kelleraushub, wie man ihn oft bei Neubauten findet. Er war mit Unkraut überwuchert, aber ob er mir ein Versteck bieten könnte, erlebte ich nicht mehr, denn als ich voller Angst auf den Hügel zu rannte und hinter mir die Pressluft der sich öffnenden Bustür zischte, zuckte ich zusammen und rutschte aus dem Traum. Augenblicklich klingelte die Briefträgerin mich wach.

Später schaute ich in meinen Briefkasten. Die leere Blechkammer gähnte mich an. Die Postbotin hatte also meinen Traum unwiederbringlich abgeschnitten, obwohl sie nicht einmal Post für mich gehabt hatte. Was bleibt, ist das Beispiel einer außersinnlichen Wahrnehmung, eine Störung in der Abfolge der Ereignisse, wie sie Lichtenberg beschreibt, aber bei mir ganz ohne Kaffee. Deshalb vermute ich etwas anderes als Lichtenberg: Das galaktische Betriebssystem rumpelt.

[Zitat abgeschrieben von mir aus: Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher]

Vogelbach-Schlosschädiggeschädigigigge oder VG

Guten Tag, glauben Sie an Orthographie?

„Ein Orthograph und eine Gouache sind eine naheliegende Wahl, denn der Unterschied zwischen einem Orthographen und einer Gouache besteht darin, dass erstere eine starre Struktur und nicht nur ein Kleingedrucktes ist. Sie sind nützlich, wenn Sie den Buchstaben oder die Phrase in einem einzigen Kontext anzeigen möchten, aber auch, wenn Sie verschiedene Versionen derselben Phrase in separaten Versionen anzeigen (das deutsche Rechtschreibsystem), oder wenn Sie nicht nur einen einzelnen Buchstaben in Ihren Dokumenten, sondern mehrere Versionen wünschen, wie die berühmte Abbildung oben.

Doch damit nicht genug. Vor kurzem stieß ich auf eines dieser Bücher von Gerhard Schloss, in dem er über Orthographie und Gouache spricht. Er spricht von einigen aufwändigeren und komplexeren Versionen, die als Vogelbach-Schlosschädiggeschädigigigge oder VG bekannt sind. Ich denke, es geht nur darum, was auf dem Cover steht, aber wenn nicht, gibt es hier mehr Informationen zu diesem Thema. Das Buch enthält eine interessante Beschreibung ihrer Funktionsweise: http://www.gutenbergbücher.de/index.php?book_id=1355. Aber es gibt einen Haken! Es ist für Leser geschrieben, die neu in diesem Fach sind, und es gibt nur zwei Seiten: eine der englischen Übersetzungen, die in englischsprachigen Lehrbüchern verwendet werden soll. Der andere ist der …“

Bevor jemand denkt, jetzt ist er völlig übergeschnappt, einige Bemerkungen zur Entstehung dieses Textes, der bedauerlicher Weise, andere werden sagen „zum Glück“ mitten im Satz abbricht. Es trug sich zu am besagten Abend mit Freund Merzmensch im Biergarten der Ständigen Vertretung. Auf der Suche nach einem profanen Ort betrat ich das weiträumige Lokal und fand mich bald wieder in einem surrealen Gang, schmal, aber hoch und so lang, dass ich glaubte, ganz leicht die Erdkrümmung wahrzunehmen. Über viele Schritte fürchtete ich, mich verirrt zu haben.

Die linke Wand dieses Gangs ist bis hoch hinauf mit Porträts bekannter Personen aus der alten Bundesrepublik tapeziert. Unter vielen anderen sah mich Josef Beuys an, und wenn sein Porträt bedeutete, dass er auch schon einmal hier gewesen war und den Ort gesucht und gefunden hatte, war ich getröstet, dass auch ich ihn finden würde und mir keine Irrfahrt durch den NordLB-Glaspalast drohte, der ja wohl einen ganzen Häuserblock einnimmt. Wegen dieses Toilettengangs musste ich lange unterwegs gewesen sein.

Als ich zurückkehre, hatte Vladimir in „Buchkultur im Abendrot“ geblättert, das ich ihm geschenkt habe, die Abbildung oben gefunden, das KI-Programm „Talk to Transformer“ auf seinem Smartphone aufgerufen und eingegeben: „Guten Tag, glauben Sie an Orthographie?“, worauf das Programm blitzschnell den obigen Text verfasst hat, leider auf Englisch. Er hat ihn vom ebenfalls auf KI beruhenden Übersetzungsprogramm DeepL übersetzen lassen.

Wir erheiterten uns über das verrückte Wort „Vogelbach-Schlosschädiggeschädigigigge.“ Bei „oder VG“ schwingt eine subtile Komik mit, dass man vermuten könnte, die KI-Software hätte einen Witz gemacht. Die Behauptung, im [fiktiven] Buch von einem Gerhard Schloss gebe es „nur zwei Seiten“, ist ziemlich ulkig. Der tote Link zu einem nicht existierenden Buch erinnert an Texte des Magischen Realismus. Rätselhaft ist auch das „Ich“ im Text. Wo kommt es her? Wer ist dieses Ich? Und warum schreibt „ich“ nicht weiter? Hat Gerhard Schloss seine Finger im Spiel? Ein neuer „Fall Karl Waldmann?“

Es lässt sich in diesen KI-Text einiges hinein interpretieren. Trotzdem steht dahinter kein planender Geist, keine Identität. Weil wir wissen, dass Sprechen und Schreiben menschliches Handeln ist, ist Sprachproduktion ohne einen bewusst handelnden Verursacher schwer vorstellbar. Die KI-Software scheint erkannt zu haben, dass der Satz „Glauben Sie an Orthographie?“ witzige Zusammenhänge herstellt zwischen Glauben, wie er an der Tür verkauft wird, und dem blinden Glauben an die amtlich geregelte Rechtschreibung. Deshalb produziert sie ihrerseits einen absurdistischen Zusammenhang, hier Orthographie und Gouache. Die Verbalphrase „scheint erkannt zu haben“ verleitet wiederum, an einen verstehenden, planenden Geist zu denken.

Ein Gegenbild wäre die mechanische Registrierkasse. Wir nehmen nicht an, dass sie mit den Summen, die sie registriert, zusammenzählt und als Ergebnis ausdruckt, irgend etwas anfangen kann. Sie muss nicht wissen, was sie tut, um zu können, was sie kann. Vergleichbar registriert die KI-Software bestimmte Inhalte eines eingegebenen Textes, sucht nach Ähnlichkeiten mit Millionen anderen Texten und produziert etwas Neues ohne Sinn und Verstand. Wäre es anders, müssten wir uns ernsthafte Sorgen machen. Wie es sich mir darstellt, ist die Beschäftigung mit KI-Textproduktion vorrangig intelligente Spielerei. In engen Sachbereichen, beispielsweise Sport- Wetter- oder Börsenbericht, aber auch bei juristischen Schriftsätzen kann sie menschliche Verfasser ersetzen.