Prima Fernsehen mit Jeremias Coster

Eigentlich sollte ich um drei Uhr im Café Mohren sein, wo ich mit Coster verabredet war. Um zehn vor drei verließ ich das Haus und wusste, ich würde mich verspäten. Für einen Moment keimte Unruhe in mir auf. Dann sagte ich mir, dass ich noch zehn Minuten vor dem Zuspätkommen hätte, und diese Lebenszeit wollte ich keinesfalls mit innerem Hader verbringen. Es könnte mich schließlich just ein Auto überfahren, derweil ich gerade denke: „Ich komme zu spät!“ Dann hätte ich das Jenseits herbeigepfiffen. Da stelle ich mir lieber vor, ich wäre immerzu genau richtig in der Zeit. Also dachte ich andere Gedanken. Seltsam genug dachte ich etwas, wovon später auch Coster sprechen würde, allerdings radikaler und boshafter als ich es gewagt hätte. Beim Supermarkt, dessen Mitarbeiter zeitweilig in T-Shirts gezwängt waren, auf denen stand: „Wir werden Sie begeistern!“, dachte ich: „Mist, ich hab mal wieder ums Verrecken keine Lust, mich auf diese Weise begeistern zu lassen.“

Dr. phil, Dr. ing. Jeremias Coster, dubioser Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, hatte auf der ersten Etage des Cafés einen Tisch am Fenster gewählt. „Hier hat man einen Butzenscheibenblick auf die Welt“, sagte er später, „und das ist manchmal gut für’s Gemüt.“ Vor sich hatte der Gemütsmensch ein Glas Wasser, einen Aachener Printenlikör und Kaffee im Glas. Als die junge Kellnerin an unseren Tisch trat, staunte ich erneut, wie gut sich Coster auf’s Charmieren versteht. Sie hatte nicht einen Blick für mich, sondern sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit. Coster hätte also bester Stimmung sein müssen, war es aber nicht. Caféhausromantik mit Printenlikör, Kaffee und Kellnerin, das alles hatte Coster gleich einem Bollwerk vor sich aufgebaut, um eine grimmige Stimmung abzuhalten, die ihn beständig anzufliegen schien.

An der Kellnerin könne er ablesen, wie das Betriebsklima sei, sagte Coster. Und da der Chef des Cafés hinterm Tresen stünde, wäre ihre Fröhlichkeit auch nicht antrainiert, sondern käme aus dem Herzen. Denn wäre ihr Chef ein Leuteschinder, könnte sie das auf den kurzen Wegen zwischen Tresen und Gast nicht vergessen. Anders wäre es in einem Lokal einer Kette. Dort könnte die Freundlichkeit des Personals auch das Ergebnis eines Mitarbeitertrainings sein. Wo weite Wege lägen zwischen Unternehmensleitung und Personal, wo also der direkte Kontakt zwischen Chef und Untergebenem nicht vorliege, dort wolle er sein Geld nicht mehr hintragen.

Coster nippte an seinem Printenlikör und sagte: „Das ist mein Mittagessen.“ Er habe nämlich nichts mehr im Haus und könne sich „ums Verrecken“ nicht überwinden einzukaufen. „Schon wenn ich in der Tür das Kassenpiepen höre, kriesch isch et ärme Dier, Trithemius. Und sehe ich das Personal …“ Er nippte noch einmal an seinem Mittagessen und fuhr fort: „Weil der Einzelhandel langsam verschwindet, wissen wir nicht, welchen moralisch verkommenen Halunken man das Geld für den Einkauf in den Rachen wirft. Am Ende werden davon irgendwelche Drecksäcke fürstlich entlohnt, die sich nicht zu schade sind, eine Kassiererin fertig zu machen, weil sie angeblich 25 Cent gestohlen hat. Doch eigentlich kann man diese Leute nicht einmal von Herzen verachten, denn letzten Endes sind sie nur die Produkte einer gesellschaftlichen Entwicklung.“

„Sie meinen, der Mensch ist nicht für solche Großstrukturen gemacht?“

„Ganz genau!“, sagte Coster. „Großstrukturen jeglicher Art übersteigen das menschliche Fassungsvermögen. Der Mensch orientiert sich stets an seiner unmittelbaren Umgebung. Und wer fern ist von den ihm anvertrauen Mitarbeitern, ist zu jeder Schandtat bereit, wenn sie nur die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung zufrieden stellt, also die eigene Familie oder den gesellschaftlichen Status befördert. Der richtet sich nämlich nicht nach überindividuellen moralischen Maßstäben. Wer das glaubt, ist erfrischend naiv. Ich bin sicher, die Herrschaften auf den Chefetagen verfügen über beste Manieren, wenn sie sich unter ihresgleichen befinden. Doch gegenüber den Menschen weit unter ihnen zeigen sie diese Manieren nicht. Sie sehen die Leute nicht und das macht sie zu dummen Affen. Vorsorglich entschuldige ich mich bei den Affen.“

Coster drängte zum Aufbruch, lud mich ein und schäkerte beim Bezahlen ausgiebig mit der Kellnerin. Sie sonnte sich erneut und sah nur ihn. Wer zahlt, bestimmt die Blickrichtung, dachte ich, was natürlich nicht stimmte, denn sie war nicht dem Geld, sondern Costers Liebenswürdigkeit erlegen. Im Rausgehen packte er meinen Arm. „Es hilft nur eins, Trithemius“, sagte er gut gelaunt: „Strenge Gesetze! Je größer gesellschaftliche oder wirtschaftliche Strukturen, desto strenger müssen sie gesetzlich überwacht werden. Also, wenn Überwachungskameras, dann auf den Chefetagen. Das wäre prima Fernsehen!“

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Pauline hat Cola getrunken – terug van weggeweest

Etwa im Jahr 1972 habe ich letztmalig in meinem Leben als Schriftsetzer einen Lehrling ausgebildet. Er kam aus dem Eifelort Imgenbroich bei Monschau und hieß wohl Michael Knein. Dieser Junge erzählte mir erstmals von der damals noch unbekannten Rockband Supertramp. Die wäre der ganz heiße Scheiß. Ich war gar nicht amüsiert, dass mir einer aus einem Eifeldorf vom heißesten Scheiß berichten musste, von dem ich bislang nichts, aber auch gar nichts gewusst hatte. Freilich hatte ich damals keine Zeit, denn ich hatte Beruf, Familie, und abends bereitete ich mich auf ein Studium vor.

Inzwischen ist fast ein halbes Jahrhundert vergangen. Nach Supertramp kam neuer heißer Scheiß und obendrauf wieder neuer, und was aktuell angesagt ist in der Popmusik überblicke ich kaum, vor allem, weil sich auch dort die Entwicklung ausgefasert hat. Früher saß ein Interessierter am Strom und erlebte, wie Welle auf Welle vorbeikam. Inzwischen strömt es nicht mehr, entweder weil der kulturelle Fluss zu träge geworden ist, aber hauptsächlich, weil sich alles so verflacht hat, dass, wo vorher Strom war, ein Delta mit ungezählten Verästlungen ist. Da ist es möglich, dass Entwicklungen an einem ungehört vorbei gehen, und es müsste Tausende Michael Kneins geben, die den Fingerzeig geben.

Aus Gründen, die wohl verborgen in den Tiefen meines Gehirns ausgekungelt wurden, habe ich am Ort meiner Kurzreise Supertramp gehört. Es ist eine noch heute frische Musik und lässt mir noch immer einen angenehmen Schauer über den Rücken rieseln.

Mir ist auferlegt worden, nicht über die Stadt meines Aufenthalts zu schreiben, um nicht noch mehr sinnlosen Tourismus zu befördern. Ich werde mich dran halten, denn törichte Reiseberichte, mit denen die Plage Städtetourismus vergrößert wird, gibt’s genug. Immerhin regt mich schon seit langem jede Form von Reisejournalismus auf. Die gutgelaunten Moderatorinnen/Moderatoren ihrer oberflächlichen Reiseberichte im öffentlich-rechtlichen TV, als da heißen „Wunderschön“ oder „Fahr mal hin!“ würde ich gerne mal saftig links und rechts abwatschen, damit sie aufwachen. Freilich, was sollen sie machen? Sie können ja nichts anderes als dumm durch die Weltgeschichte zu streifen und sich überall den heißen Scheiß zeigen zu lassen. Auch auf dem kreuzblöden Traumschiff des ZDF hat man leider den Schuss noch immer nicht gehört. Ich fänds gut, das würde mal mitsamt Operettenkapitän Florian S. absaufen. Alle würden aus dem Wasser gefischt, aber kein Hafen der Welt wollte die Geretteten, die gedankenlosen Mitverursacher des Klimawandels, aufnehmen. Zur Abwechslung könnte man die Kapitäne von extrem umweltschädlichen Kreuzfahrschiffen mal verhaften und für zehn Jahre aus dem Verkehr ziehen („Kriminelle“ Matteo Salvini). Und Philipp Amthor riefe zur Spendenaktion für die Herrschaften auf. Das wäre ein Spaß, der mir die Hitzewellen erträglich machen würde.

„Mit der Ruhe.“ In der Bahn sind mir Menschen aufgefallen, die, kaum gibt sich die Gelegenheit, die banalste Dinge aus ihrem Leben erzählen. So der Mann, der sich in Ermangelung eigener Kinder an seiner Nichte Pauline erfreut. Einmal hatte er die Aufsicht über Pauline und sie verlangte nach Cola. Da hat er ihr ganz arglos Coca Cola gekauft. Die Mutter später war entsetzt: „Pauline kriegt bei uns nie Cola!“ Ich hoffe, das korrekt zusammengefasst zu haben, denn mir war zu warm, diese Geschichte mitzuschreiben. Zudem wäre ich bei der Aufzeichnung der komplexen Verästlungen dieser mauskleinen Kleinstgeschichte vermutlich kaum mitgekommen. Ich kann leider kein Steno.

Kuriose Rituale (4) – Sitzbank stiften

Blogkollegin KaetheMargarethe erinnerte in einem Kommentar zu den Riesenschecks an „Theaterstühle, verziert mit Plaketten, auf denen der Spendername in Messing graviert, Bänke an Wanderwegen mit eingebrannten Gebernamen.“ Einen Sitz oder eine Bank zu stiften und mit Messingplakette zu versehen, ist auch eine kuriose Weise, sich selbst zu feiern, ist quasi ein geheimes Ritual, obwohl sich im Netz auch hierzu Fotos finden. Hier das Beispiel einer Eigentumsplakette aus Hannover mit Foto und Gedicht von mir:

Dahinter sitzt immer ein dummer Kopf

„Ein Ausmaß von Geschwätzigkeit, offenbar in der Hoffnung verfasst, erst gar nicht gelesen zu werden“, hat Wolf Schneider, Stilpapst des Journalismus, vor Jahren in Blogs gefunden. Der selbsternannte Internetexperte Andrew Keen tönte in einem Buch vom „Zeitalter der schreibenden Affen“, Bernd Graff, leitender Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung und 2010 mitverantwortlich für den Internetauftritt der SZ, sah das Internet „in der Hand von Idiotae“, eine erstaunliche Selbstauskunft. Natürlich meinte er nicht sich, sondern jene „halbgebildeten Laien“, die „aus Idealismus“ oder „weil sie sonst keine Beschäftigung haben – eine Rolle in der allgemeinen Informationsbildung übernehmen wollen“, und Gregor Dotzauer dünkelt im Tagesspiegel unter dem Titel „Graswurzelverwilderung“ von der bloggenden „Gewaltwillkür (…) pseudonymer Existenzen“, die aus purer Selbstherrlichkeit einen „Kulturkampf“ angezettelt hätten.

Inzwischen hat sich die Kritik auf die „pseudonymen Existenzen“ des Mikroblogging wie Facebook, Instagram und Twitter verlagert. Medial sind Blogs in der Bedeutungslosigkeit versunken. Als wechselseitiges Medium haben Blogs nur eine beschränkte Reichweite und sind keine ernsthafte Konkurrenz für den bezahlten Journalismus. Der „Kulturkampf“ tobt woanders. Der YouTuber Rezo hatte der CDU mit seinem Zerstörungsvideo den Kampf angesagt, und allen voran sprang FAZ-Innenpolitikchef Jasper von Altenbockum übers hingehaltene Stöckchen. Mit dem gleichen törichten Furor (Teestübchen berichtete) wie einst Graff und Dotzauer drehte er seine Zeitung zur Klatsche und schlug zunächst auf die Rezipienten des Videos ein („Jeder Klick ein Armutszeugnis“), dann auf den jungen Mann, denn Rezo kann vor allem eines vorweisen: Reichweite. Von den inzwischen 15,1 Millionen Aufrufen seines Videos kann ein FAZ-Redakteur nur träumen. Die verkaufte Auflage der FAZ liegt bei 230.000 Exemplaren. Selbst bei großzügiger Schätzung der Mehrfachnutzung eines Exemplars wird die Millionengrenze kaum erreicht. Etwa 60 Prozent der Leserinnen/Leser interessieren sich laut Bundesverband deutscher Zeitungsverleger (BDZV) für Innenpolitik, wobei von Altenbockum nicht einmal davon ausgehen kann, dass sie seinen von Polemik triefenden Sermon überhaupt lesen mögen. Auf Twitter entspann sich kürzlich ein „Beef“ zwischen von Altenbockum und Rezo. Inzwischen hat der Medienjournalist Stefan Niggemeier von Altenbockums irrwitzigen „Kulturkampf“ dokumentiert und seine Falschbehauptungen sowie die schwachbrüstige Argumentation zerpflückt.

Jasper von Altenbockum, mentally sitting behind the linotype setting machine (symbol image) Gestaltung: JvdL

Man fragt sich, wie einer Ressortleiter Innenpolitik bei der FAZ wird. Ein scharfer Verstand scheint nicht die Voraussetzung zu sein, wohl eher emsiges Networking, mit den richtigen Leuten, Golf zu spielen, und die Fähigkeit, sich ohne Scham an die Mächtigen ranzuwanzen. Wer wie von Altenbockum vor dem Aufkommen des Internets als Journalist ausgebildet wurde, sitzt geistig am liebsten hinter der Linotype-Setzmaschine, beweint das Schwinden der eigenen Bedeutung und schimpft auf jene ruchlosen Okkupanten, die ihm die Luftoberhoheit über die Köpfe streitig machen.

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1991 hat der Medienphilosoph Vilém Flusser das Ende der Schriftkultur vorausgesagt. Obwohl das Internet noch in den Anfängen steckte, von YouTube, Instagram, Snapchat und den alles bestimmenden Algorithmen noch nichts zu sehen war, prophezeite Flusser, die Schrift werde von Bild und Zahl in die Zange genommen und an Bedeutung verlieren. Letztlich hat die Auseinandersetzung um das Rezo-Video nicht nur die gesellschaftspolitische Dimension, sondern zeigt auch das Ragnarök der Schriftkultur. Nur die tragischen Helden im nicht zu gewinnenden Kampf hätte man sich nicht unbedingt vorgestellt als geifernde alte Männer vom Schlage Jasper von Altenbockum.

Annegret Kramp-Karrenbauers Zensurgelüste – Und willst du nicht mein Bruder sein …

… so schlag ich dir den Schädel ein. Zuerst hatte die vom CDU-Zerstörungsvideo überraschte CDU-Führung ihren scharfen Kritiker Rezo zum Gespräch eingeladen, offenbar in der Hoffnung, man könnte Rezo auf die eigene Seite ziehen, nicht unbedingt mit Argumenten, sondern indem man ihm die Nähe zur Macht gewährt, was ja bei unseren sogenannten Hauptstadtjournalisten so gut funktioniert, dass viele zu regierungsamtlichen Papageien mutieren. Als Rezo nicht reagierte, kam Annegret Kamp-Karrenbauer mit der Anregung hervor, über Zensur des Internets nachzudenken.

Wer sich nicht vereinnahmen sprich korrumpieren lässt, dem möchte man das Maul verbieten. Hier zeigt sich, dass zumindest die CDU-Spitze nicht weit weg ist von demokratiefeindlichen Ideen, – wie Heinz-Christian Strache (FPÖ), sich willfährige Medien zu kaufen, oder wie Viktor Orbán und Recep Tayyip Erdoğan, die Meinungsfreiheit ganz abzuschaffen, damit man nach Belieben schalten und walten kann. So fand dann selbst der brave ARD-Journalist Frank Plasberg, Annegret Kamp-Karrenbauers Liebäugeln mit Internetzensur sei „zwanzig Minuten vor Orbán.“ Die Frau macht mir Angst, und das nicht zum ersten Mal.

Nur unwesentlich klügere Politiker, oft aus den Reihen der SPD, schwafeln gern davon, man habe ein Kommunikationsproblem. Den Bürgern müsse die Politik nur besser erklärt werden. Das ist schlichtweg falsch. Wer die Regierungspolitik kritisiert, hat kein Kommunikationsproblem. Ein Kommunikationsproblem läge vor, wenn die Bürger Bohnen in den Ohren hätten oder nur Esperanto verstehen würden. Doch viele verstehen die Sprache der Mächtigen nur zu gut, bemerken längst den falschen Zungenschlag, wenn groß von frommen Absichten getönt wird, aber insgeheim die exakt gegenteilige Politik gemacht wird. Nicht von ungefähr gibt es die Metapher von „Sonntagsreden.“ Wer aber trotz aller Skandale, trotz gesellschaftlich schädlicher Lobbypolitik treu und brav weiter CDU wählt, hat ein Intelligenzproblem. Diese Wählerschaft, soweit sie nicht zu den Begünstigten der CDU-Politik zählt, ist milde ausgedrückt schlicht denkfaul, mag sich lieber von den Mainstream-Medien erklären lassen, wie sie zu denken hat und ist einfach zu bequem, liebgewonnene, aber schädliche Verhaltensweisen zu ändern.

Die Statistiken zeigen, dass just die jungen Wählerinnen und Wähler den Sonntagsreden nicht mehr glauben. Sie sind nicht sozialisiert in der Zeit der Einkanalmedien, in der Journalisten als Torwächter fungierten und nur die ihnen passenden Informationen durchgelassen haben, um auf diese Weise die Welt zu erklären. FAZ-Politikchef Jasper von Altenbockum mag sich noch immer nicht damit abfinden, dass die Zeit vorbei ist, wie sein verbaler Rundumschlag als Reaktion auf das Rezo-Video zeigt. Kaum ein anderer Journalist ist ihm darin gefolgt. Man möchte sagen: „Merkst du selbst, Jasper.“ Aber merkt er nicht. Deshalb ist er als Torwächter in einer veränderten Medienwelt ungeeignet und kann sich mit Frau Annegret die Hand geben.

Armutszeugnis – Wie FAZ und CDU auf Rezos Zerstörungsvideo reagieren

Der FAZ sterben die Abonnenten weg. Ihre verkaufte Auflage hat sich seit den 1990-er Jahren halbiert und beträgt noch etwa 230.000 Exemplare. Seit Mitte der 1980-er Jahre gibt die FAZ über bundesweite Zeitungsprojekte mit Schulen viel Geld aus, um junge Leserinnen und Leser zu gewinnen, damit sie die gelichteten Reihen der konservativen Greise auffüllen. In Reaktion auf das Rezo-CDU-Zerstörungsvideo reißt FAZ-Politikchef Jasper von Altenbockum das zarte Ergebnis jahrzehntelanger Mühe mit dem Hintern wieder ein. Man spürt noch beim Lesen seiner Polemiken den blindwütigen Tastenanschlag.

Denn: Seine Freunde von der Atlantikbrücke waren nicht amüsiert, das weltweite kriegerische Gebaren der USA kritisiert zu sehen und haben den armen Jasper vor ihren Karren gespannt. Altenbockum geifert, tritt um sich, schwingt die rechtspopulistische Totschlagkeule, spart aber Rezos Kritik an den USA aus, die Kritik an ihren Drohnenkriegen und wie sie Deutschland über Ramstein in die Ermordung von Zivilisten hineinzieht, darf das und die Problematik der US-Atomwaffen auf deutschem Grund nicht erwähnen, denn das sollte besser nicht länger öffentlich diskutiert werden. Stattdessen nimmt sich von Altenbockum erst mal die Kritiker der devoten Politik unserer Bundesregierungen vor. Seine Polemik „Jeder Like ein Armutszeugnis“ zielt gegen die 9 Millionen Betrachter des Videos, die Rezo in rund 150.000 Kommentaren fast rundweg beipflichten (Stand 25.05). Zudem widerlegt er Rezos Befund von der weiteren Spreizung der Schere zwischen Reich und Arm mit – falschen Fakten, wie der Bild-Blog zeigt.

Wer in den letzten Jahren aufmerksam das politische Geschehen verfolgt hat, hat auch all die im VIdeo angesprochenen bedenklichen Sachverhalte gewusst, weil sie verstreut schon in den Medien berichtet wurden. Dankenswert ist Rezos Fleißarbeit, dass er das Bekannte, aber wieder Vergessene oder Verdrängte zusammengetragen und zugespitzt auf den Punkt gebracht hat.

Die CDU reagierte bislang hilflos. Eilfertig hatte sich CDU-Jungstar Philipp Amthor (26) im Konrad-Adenauer-Haus daran gemacht, ein Gegenvideo zu drehen, aber es blieb bei der vollmundigen Verkündigung. Die CDU gab das Video nicht frei. Amthor, verwöhnt durch mediale Aufmerksamkeit, weil jeder diesen altklugen Jungen in der Talkshow haben wollte, überschätzte wohl seine Sympathiewerte in der jungen Generation. Er würde als YouTuber nicht mithalten können. „Rezo, ich will Politik von dir!“ war auf einem Demonstrationsplakat zu lesen. Über Amthor heißt es in der Community: “Lebe dein Leben so, dass Philipp Amthor Angst vor dir hat.“ Vielleicht war man in der CDU klug genug, den jungen Mann nicht zu verheizen. Oder es trifft zu, was der Postillion gemeldet hat: „Mussten leider feststellen, dass Rezo in jedem Punkt recht hat“: CDU erklärt, warum sie kein Konter-Video veröffentlicht.“
Danke für den Lacher!

TV-Kritik: ESC – Nichts! Und darüber buntlackiert

Die Sängerin Madonna habe ihren Auftritt beim ESC „vergeigt“, „gepatzt“ habe sie, „die Töne nicht getroffen“, war allenthalben zu lesen. Das Viasko deutete sich schon an, wie sie die Showtreppe herunter kam, als müsste sie ihre Gehhilfe erst mal auf jeder Stufe abstellen. Die allseitige Häme trifft sie vermutlich, weil die 60-jährige Frau versucht hat, einen Zustand von vor 25 Jahren darzustellen. Dabei konnte sie nur ihr eigenes schlechtes Double sein. Ich hatte mich zuvor gefragt, womit sie wohl den unfassbaren Bombast des ESC versuchen würde zu toppen, Tatsächlich! Eine Augenklappe hatte niemand ihrer Möchtegern-Kolleginnen und Kollegen beim ESC, diesem TV-Show gewordenen Glitzerfummel einer Dragqueen. Stattdessen war wohl das lautstark jubelnde Saalpublikum auf beiden Augen geblendet. Und blind im Ohr war man auch. Selten solch eine schwülstige und lackierte Hohlheit gesehen bzw. gehört. Bei mancher Darbietung entrang sich mir der Seufzer: „Lieber Gott, lass es bald vorbei sein!“ Und ich bin noch nicht mal katholisch.

Da passte es, dass mit dem Segen des NDR eine Frau Barbara Schöneberger die Punkte der deutschen Jury verkünden durfte, diese blond gewordene Durchschnittlichkeit, der man auf keinem Kanal entkommen kann. Ich fürchte, wenn dieser Planet mal an seiner eigenen Blöd- und Verlogenheit zugrunde gehen sollte, wird Barbara Schöneberger den Weltuntergang moderieren und die apokalyptischen Reiter zu Tode quatschen, jedenfalls wenn der NDR Regie führt.

Mit folgenden Worten wird NDR-Musikredakteur und ESC-Stimme aus dem Off, Peter Urban, zitiert: „Unsere Kandidatinnen haben jeweils großartig gesungen. Das ist Fakt. Ich bin einfach sprachlos und verstehe es gar nicht. Dass man von Jurys wenig Punkte bekommt, okay. Aber nichts vom Publikum…, das kann ich nicht fassen. Mir fehlen so ein bisschen die Worte.“
Das sind doch der Worte schon ein bisschen zuviel.