Automat, komm sprich mit mir!

Manchmal sind Wörter besonders faszinierend, bei denen man sich verlesen hat. Lang ist’s her, da hatte ich einen Kollegen mit Sprachfehler. Er war Buchdrucker und bediente die große Rotationsmaschine. Einmal glaubte er, im satirischen Magazin Pardon das Wort „Karwenmänner“ gelesen zu haben, kam in die Setzerei, mit dem Finger auf der aufgeschlagenen Zeitschrift, um sich mit mir über die „Ka-ka-kar-wenmänner“ zu amüsieren. Da stand aber nicht das seltsame „Karwenmänner“, sondern „Kaventsmänner“, was übertragen viel Großes und Dickes meinte. Eigentlich ist Kaventsmann der seemännische Ausdruck für eine Riesenwelle, so hoch und schwer, dass sie ein Schiff überrollen und zum Kentern bringen kann.

Zu dieser Zeit lag meine damalige Liebste im Krankenhaus. Früher gab es in Krankenhäusern strenge Besuchszeiten. Damit ich sie täglich besuchen konnte, erlaubte mir mein Chef einen Teil der Arbeitstunden auf den späten Abend zu verlegen. Ich hatte eigentlich nie viel zu tun. Was an Arbeit anfiel, war am Vormittag zu schaffen. So stand ich abends in einer verlassenen Druckerei einsam zwischen den Setzkastenregalen und langweilte mich. Keine Maschine lief, kein Kollege kam vorbei, um mit mir über Karwenmänner zu lachen, und in dieser lähmenden Stille war nur das eintönige Brummen der Neonlampen über mir. Die Zeit wollte und wollte nicht vorbeigehen. Neben dem Eingang zum Druckereisaal stand ein klobiges schwarzes Telefon. So eines mit Wählscheibe. Man musste eine Eins vorwählen, um eine Leitung nach draußen zu bekommen.

Weil ich keine Uhr hatte, rief ich die Zeitansage an, wählte die Eins, wartete bis das Freizeichen kam und wählte dann 119, um an der Hörermuschel zu lauschen. Eine Frauenstimme sagte: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr, 19 Minuten und 50 Sekunden.“ Aufgelegt, ein paar Schritte gegangen, wieder 119 gewählt: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 0 Sekunden. PIEP. Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 10 Sekunden.“ Die Zeit verging, wie mir schien, dadurch noch langsamer. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn die Dame angefangen hätte, rückwärts zu zählen, mindestens aber nicht über die Minute hinausgehen würde. Natürlich wusste ich, dass da am anderen Ende nicht das Fräulein vom Amt die Uhr ablas. Aber die mechanisierte Stimme bot mir in dieser großen, menschenleeren Druckerei zumindest die Gewähr, nicht von Gott und aller Welt verlassen zu sein. So einfach bin ich gestrickt, dass mir diese kaum verborgene Illusion zum Trost reichen konnte.
Zeitansage anhören

Bei Lidl haben sie seit geraumer Zeit schon automatisierte Ansagen. Eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme sagt:

    „Sehr geehrte Kunden! Wir öffnen Kasse drei für Sie!
    Bitte legen Sie Ihre Ware auf das Kassenband!

    „Sehr geehrte Kunden! Wir schließen Kasse eins!“

„…für Sie!“, ergänze ich bei mir, weils hier geflissentlich weggelassen wurde. Die sehr geehrten Kunden könnten sich sonst veralbert vorkommen. Was man nicht automatisiert hat, ist: „Dankeschön für Ihren Einkauf!“ Es kommt noch immer papageienartig aus Kassierer- oder Kassiererinnenmund. Obwohl, es wäre zu überdenken. Manche vernuscheln die obligatorische Abschiedsformel auch und man versteht nur „Ka-ka-karwenmänner“. Da wäre so eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme vielleicht wirkungsvoller. Allerdings müsste das Personal dann in Playback geschult werden. Und man bräuchte auch eine Männerstimme, denn es wäre strange, wenn der Deutschrusse an Kasse vier plötzlich mit einer wohl modulierten Frauenstimmer reden würde. Es wäre aber auch befremdlich, wenn er den Mund zur Playbackansage bewegen würde, aber die Ansage gar nicht käme, weil der verantwortliche Computer sich aufgehängt hat, bzw. sein Programmierer.

Sich wundern und verstehen

Kennst du das? Du wachst du morgens auf und wunderst dich, wer du bist und dass du allerlei Dinge erledigen sollst, bis hin zum Kaffee machen. Und während du alles fast mechanisch erledigst, denkst du, na gut, dann füge ich mich eben in dieses Leben als Mensch des 21. Jahrhunderts. Wenn es blöd kommt, fremdelst du den ganzen Tag als wärst du im falschen Film. Wer gibt dir eigentlich die Gewissheit, dass du gestern nicht jemand anderes warst? Beweisen kannst du es nicht. Du erinnerst dich an deine Biographie? Es könnten auch fremde Erinnerungen sein. Du bist über Nacht einfach hineingeschlüpft, hast dir die fremden Erinnerungen angezogen wie eine Jacke. Am Ende warst du gestern noch die Ex-Geliebte von Horst Seehofer und hast gerade der BILD alles gebeichtet, wie es war mit Seehofer und so. Was hast du dir gedacht, als du ein Verhältnis mit einem verheirateten Politiker begonnen hast? Das war nicht gerade klug, oder? Na ja, wo die Liebe hinfällt. Vorstellen kannst du dir das heute nicht mehr, denn heute bist du im Körper eines Mannes erwacht und ins Bad gewankt. Ja, so geht es zu in der Welt. Alleweil ändert sich was.

Jetzt sitzt du in der Aachener Pontstraße vor dem Laden einer Bäckereikette, die keinen guten Ruf hat, da sich ihr Name dummerweise auf „Goebeln“ reimt. Bist trotzdem mutig hineingegangen, hast dir Kaffee und ein Brötchen aufs Tablett laden lassen, nach Milch musstest du fragen und bekamst die pampige Antwort, die stehe irgendwo auf den Tischen, und jetzt sitzt du draußen in der Sonne, trinkst deinen Kaffee, und was ist? Dein Brötchen fühlt sich auf der Unterseite feucht an. Das ist ein bisschen eklig, und hättest du jetzt Lust, dir die Zimpe der Verkäuferin noch einmal anzuschauen, dann würdest du hineingehen und das Brötchen reklamieren. Doch du hast dich ja auch in deiner früheren Existenz als Geliebte nicht gut um deine Belange gekümmert. Also hoffst du, das Brötchen werde in der Sonne rasch trocknen, am besten, bevor du beim Beißen an die nasse Stelle kommst.

Gegenüber werden die oberen Etagen des Hauses Nr. 117 renoviert. Bist du vielleicht vor 170 Jahren der Bankkaufmann Julius Reuter gewesen? Dann hättest du dort unterm Dach einen Taubenschlag gehabt. Deine Täubchen fliegen für dich nach Brüssel und zurück. Das ist recht weit, und du bist stolz darauf, dass deine Täubchen die Strecke so sicher und rasch bewältigen. Selten verfliegt sich eine oder landet in einem wallonischen Kochtopf. Und deshalb versorgst du deine Täubchen gut, stehst unterm Dach, und durch die offenen Luken blinzelt die Morgensonne herein. Du magst es, die Staubteilchen im Lichtbündel tanzen zu sehen. Es ist, als hätten sie sich im Sonnenlicht zum Hochzeitstanz versammelt. „Hochzeit?“ Das Wort rührt etwas in dir an. Hattest du nicht gegen Morgen noch von einer schönen Hochzeit geträumt? Du wolltest einen bekannten Politiker heiraten, der leider schon eine Frau hatte. Seltsamer Traum.

Egal jetzt, die Börsenkurse müssen nach Brüssel gesandt werden. Du wickelst die Listen zu kleinen Rollen zusammen und steckst sie in Hülsen. Nun kommt, meine Täubchen! Seid meine Boten! Tragt die Depeschen brav nach Brüssel hin. Und während du ein ums andere Täubchen gen Himmel wirfst, denkst du, dass du ihnen bald den Hals umdrehen wirst. Werner von Siemens hat dir geraten, nach London zu gehen und dort ein Telegraphenbüro zu eröffnen. „Julius! Die Telegraphie wird die Welt verändern“, das hat Siemens dir gesagt.

Im Gartenpavillon hat das Mädchen gerade das Frühstück aufgetragen. Du küsst deine Frau auf die Stirn, setzt dich zu ihr und sagst: “Guten Morgen, meine Liebe. Neuste Nachrichten: In der Schule schildert der Lehrer die Wunder Jesu. ‚Die Blinden macht er sehen, die Lahmen macht er Gehen. Und was macht er mit den Tauben, na Wilhelm?‘ Wilhelm überlegt: ‚Die ließ er fliegen!‘ Die Tauben ließ er fliegen. Hihi! Genauso mache ich es auch.“ Und dann überzeugst du deine Frau, dass es gut ist, nach London zu gehen. Siemens hat dies gesagt! Siemens hat das gesagt! „Die Tauben können wir fliegen lassen wie Jesus, liebe Helma. – Oder ich drehe ihnen den Hals um.“
„Gott sei Dank!“

Gedenktafel in Aachen – (Foto: Iris Reinhardt für Wikipedia)

Unfassbar denkst du, während du leider in die feuchte Stelle des Brötchens beißt, dass die große stolze Nachrichtenagentur Reuters hier im Haus Nr. 117 der Pontstraße ihre Wurzeln in Taubenkot hat. „Damit begann sein Lebenswerk im Dienste des Nachrichtenverkehrs der Welt“, steht auf der Gedenktafel. Es ist eine Lüge. Es ging um Aktienhandel. Dass es Finanzleute waren, die ein Interesse am raschen Austausch von Börsennachrichten hatten, findest du einleuchtend. Wenns um Geldgeschäfte geht, ist Geschwindigkeit Trumpf. Wer als erster weiß, wie die Aktien stehen, kann ordentliche Gewinne machen. Da ist es auch plausibel, dass die Nachrichtenagentur Reuters noch heute 90 Prozent ihres Umsatzes mit Aktienhandel macht. Das Nachrichtengeschäft ist nur Beifang. Beifang wie die großen rauschenden Zeitungen. Letztlich sind auch sie nur Gelddruckmaschinen.

Manchmal ist es ganz erhellend, mit der Welt zu fremdeln, findest du doch auch.

Ich möchte Hintertupfing lesen

Der US-amerikanische SF-Film Soylent Green von 1973 spielt im New York des Jahres 2022, für uns übermorgen. Die Hauptfigur, einen Polizisten, sieht man gelegentlich einen in der Stadt aufgehängten Kasten aufschließen und mit einem sich darin befindlichen Telefonhörer mit seiner Dienststelle telefonieren. Im Jahr 1973 war an Mobilfunk noch nicht zu denken. Das Beispiel habe ich oft vor Augen. Es ist dies Retro-Futurismus, eine Vorstellung von Zukunft, die niemals war.

Es gibt neben dieser filmisch-künstlerischen Umsetzung überkommener Ideen auch Ideen, die sich überholt haben und niemals dargestellt werden. Eine dieser Ideen hege ich seit langem und musste letztens feststellen, dass sie von der technologischen Entwicklung überrollt worden ist. Noch gar nicht in der Welt und schon plattgemacht.

Folgendes: Es geht um die Bahnhofsschilder (auch Stationsschilder), die in Bahnhöfen parallel und entlang der Bahngleise aufgestellt sind. Die Bahn hat sie an den meisten Stationen formal vereinheitlicht in Farbgebung, RAL 5023 Fernblau, und Schrifttype DB Type, für die Bahn entworfen von Erik Spiekermann und Christian Schwartz. Es handelt sich bei der DB Type um eine serifenlose Linearantiqua, in Deutschland auch Grotesk genannt. Ähnliche Schriften werden in ganz Europa auf Hinweisschildern verwendet, waren in Deutschland ursprünglich nach DIN 1451 gestaltet. Es geht, wie man sich denken kann, um Eindeutigkeit, Fernwirkung und gute Lesbarkeit.

Wenn ich Bahn fahre, dann meistens im Fernverkehr, so dass der Zug, in dem ich sitze, nur in größeren Bahnhöfen hält. Während der Zug durch die Landschaft sauste, als hätte er sich von der irdischen Welt in eine andere Dimension entzogen, während manche Reisenden nicht mal hinschauen, bedauere ich die unsoziale Missachtung der Welt da draußen. IC- und ICE-Züge fahren Menschen über die Köpfe der anderen hinweg. Sie entfernen die Menschen voneinander, obwohl sie verbinden. In den verschmähten Ortschaften ist auch menschliches Leben, wird geliebt, gehasst, sich erfreut oder gelitten, und mich hat schon immer interessiert, wie diese Orte heißen. Da aber die Fernzüge derart schnell an den Stationsschildern vorbeirauschen, ist die Entzifferung kaum möglich, obwohl sie doch aufgestellt sind, um Reisende zu informieren. Denn wer in Hintertupfingen lebt, muss nicht am Bahnhof nachschauen, wie sein Heimatort heißt. Lediglich wer versehentlich dort aussteigt, wäre dann die Zielperson des Stationsschildes und könnte ausrufen: „Was? Ich bin in Hintertupfingen?! Hätte ich nie gedacht! Hintertupfingen! So so!“

Hintertupfingen kann nicht lang genug sein – Grafik/Gifanimation: JvdL


Meine Idee also wäre, aus den Stationsschildern Anamorphosen zu machen, sie so zu strecken, dass man sie auch im Vorbeisausen lesen könnte. Billiger wäre freilich, mindestens ein Schild einige hundert Meter vom Gleis weg aufzustellen. Dann wäre es auch zu lesen. Während ich also erneut darüber nachdachte, meldete mein Smartphone eine einkommende Email. Bei der Gelegenheit rief ich Google maps auf und fand dort die ganze Gegend angezeigt, in der ich mich gerade befand.

Also meine anamorphosischen Stationsschilder sind quasi überflüssig wie die eingangs erwähnten Telefonblechkästen. Aber immerhin ist die Sache jetzt mal dargelegt, als „Produkt“ der Konzept-Art.

Onkel Josef sein Waschbecken, Eselsohren, Strohhalme und Colomans fromme Fliege

Fast vergessen hatte ich, dass ich über private Leihbüchereien schreiben wollte, wie wir eine Anfang der 1960-er Jahre auf dem Dorf hatten. Der Text über private Leihbüchereien im Allgemeinen muss leider noch warten. Heute geht es um etwas anderes. Inzwischen ist mir über Gewährsleute zugetragen worden, dass die Wäscherei Fonk gar keine Wäscherei gewesen ist, sondern ein Nähstübchen. Der Einfachheit halber belasse ich es aber bei der Vorstellung, die private Leihbücherei meiner Kindheit wäre hauptsächlich eine Wäscherei gewesen. Mein Onkel Josef, der Drucker, war da ebenfalls Kunde. Er lieh sich regelmäßig dicke Western aus. Das aktuelle Buch lag immer auf dem Gästeklo, und zwar aufgeschlagen über dem Rand des Waschbeckens, so dass er bei der nächsten Sitzung wusste, wo er weiter lesen könnte. Ein Waschbeckenrand als Lesezeichen ist recht unsicher, denn jederzeit könnte jemand das Waschbecken seinem Zweck gemäß benutzen, das hinderliche Buch einfach zuklappen und weglegen. Sicherer sind da schon Eselsohren. Dazu wird bekanntlich die Seite, bei der das Lesen unterbrochen wurde, an der oberen oder unteren Ecke umgeknickt, was man bei Büchern aus der Wäscherei Fonk unbedenklich tat. Man hatte keine Ehrfurcht vor den Büchern aus der Wäscherei Fonk. Sie waren auf billigem Papier gedruckt und hatten ohnehin viele Lesespuren wie Risse, Kaffeeflecken und verschmierte Stellen zweifelhafter Herkunft.

Nach diesem etwas anrüchigen Anfang sind wir hurtig bei unserem Thema angelangt, den Lesezeichen. Der irische Mönch Coloman († 17. Juli 1012) hatte der Überlieferung nach eine Fliege, die auf dem Codex saß, in dem Coloman las. Immer wenn er eine Lesepause einlegen wollte, befahl er der Fliege, auf der zuletzt gelesenen Zeile sitzen zu bleiben, was die Fliege auch tat. Dieses lebendige Lesezeichen wird ihm leider irgendwann vom Codex weggestorben sein, ohne die Fähigkeit zu vererben, denn ähnliche Dienstleistungen wurden nie mehr von Fliegen berichtet.

Gut 200 Jahre nach Coloman klagt Richard de Bury im Philobiblon, seinem berühmten Buch von der Bücherliebe, über allerlei Verbrechen an den kostbaren handschriftlichen Büchern durch unachtsame Novizen: „Eine Unmenge Strohhalme streut er hin, um sie an verschiedenen Stellen sichtbar einzulegen, damit das Stroh zurückrufen soll, was das Gedächtnis nicht behalten kann.“ (Auszüge aus dem Philobiblon im Teestübchen-Handschriftenseminar)

Gedruckte Bücher brauchen keine Eselsohren, keine dressierte Fliege, kein Stroh, sie haben ein Lesebändchen, allerdings trifft das nur bei wirklichen schönen Büchern zu. Man kann sich fast danach richten: Wenn ein Buch ein Lesebändchen hat, ist es auch ein gutes Buch. Als ob sich die Verleger zusammengesetzt hätten und gesagt: „Wenn wir ein wirklich gutes Buch verlegen, dann wollen wir es mit einem Lesebändchen kennzeichnen. So gesehen ist’s eigentlich irreführend, dass E-Book-Reader für beliebige Bücher ein Lesebändchen simulieren können. Ich hätte ja lieber eine digitale Fliege.

Sinnentleerte Dinge des Alltags – Das Ticken

Seitdem Weckerchen Holger endgültig den Geist aufgegeben hat [Teestübchen berichtete], hängt im Schlafzimmer eine Wanduhr. Die habe ich quasi versehentlich gekauft, weil sie im Laden keine Weckerchen hatten, ich aber eine Uhr wollte. Bevor ich mich bette, nehme ich die Uhr von der Wand und lege sie in den Schrank auf die Handtücher. Dort liegt sie gut und lässt nichts mehr von sich hören. Wenn sie an der Wand hängt und tickt, kann ich nicht einschlafen. Vielleicht liegt es an der sekündlich mitgeteilten Sinnlosigkeit ihres Tickens. Das Ticken von Uhren mit mechanischem Uhrwerk kam von der Unruh, einem im Gehäuse hin- und her schwingenden Rädchen, das mit einer feinen Spiralfeder gekoppelt ist. Moderne Uhren mit Quarzantrieb und Batterie haben keine Unruh, würden also auch nicht ticken. Das Ticken wird künstlich erzeugt, vermutlich in Kinderarbeit. Jedes Mal, wenn der Sekundenzeiger vorrückt, muss ein chinesisches Kindlein die Trommel schlagen, tock, tock, tock, wie stumpfsinnig. Bei mir kann es sich nachts wenigstens ausruhen.

Ich würde gerne eine nicht tockende Uhr kaufen. Hersteller sollten sich trauen. Wo kämen wir denn hin, wollten wir all die nutzlos gewordenen Eigenschaften mechanischer Maschinen mit in die Zukunft schleppen? Meine Computertastatur würde mich alle 90 Anschläge mit einer Klingel darin erinnern, dass bei der mechanischen Schreibmaschine jetzt die Zeile geschaltet und der Wagen nach rechts geschoben werden muss. Der ICE müsste pfeifen und fauchen wie eine Dampflok, und das Auto würde auf die Straße kötteln wie ein Pferd. Letzteres wäre aber gut. Würden sich Würste aus dem Auspuff drehen, hätte man vor Augen, welche Dreckschleudern Autos sind.

Über die Verfügbarkeit des Vergangenen

Erneut sandte mein Jugendfreund Fritz [Name geändert] eine Botschaft aus der Heimat, einen Kalender des Nettesheimer Apothekers mit Schwarzweißfotos aus Nettesheim. Das Blatt vom Juni hat es mir angetan. Auf dem Foto steht der Friseur meiner Jugend im weißen Friseurkittel unter dem Schild „Damen Salon“ (inverse Schreibschrift auf dunklem Grund) und schaut zum rechten Bildrand, wo ein Mann mit Hut und Anzug zu sehen ist, aber nur angeschnitten im Dreiviertelprofil von hinten. Der Mann steht mit gerecktem Kinn und hält den Rücken durchgedrückt. Vermutlich ist er ein Kunde, der sich der ernsten Sache eines Friseurbesuchs nicht nur bewusst ist, sondern sich dafür auch angemessen gekleidet hat.

Der junge Toni Pesch mit 50-er-Jahre-Haartolle dagegen steht entspannt, hat die Hände oberhalb der Hüften in Handwaschgeste ineinander gelegt. Seine Miene ist seinem Gegenüber  offen zugewandt und erwartungsvoll. Oben am linken Bildrand ist ein weiteres „Salon-Schild zu sehen, aber angeschnitten. Man ahnt, dass das die Tür zum Herren-Salon ist. Zwischen den beiden hell gestrichenen Türen, die durch jeweils zwei senkrechte Fensterelemente mit Milchglasscheiben durchbrochen sind, hängt ein langer rahmenloser Spiegel, worin sich Toni Peschs Rücken und Hinterkopf spiegeln. Auf der Höhe seiner Schulterblätter befindet sich ein kleiner Spiegel-Aufkleber, das Brustbild eines lachenden Mannes, der eine Flasche hoch hält. Der Aufkleber ist nach unten begrenzt durch ein geschwungenes Spruchband. Rechts hinter Toni Pesch hängt an der Wand eine gerahmte Urkunde, vermutlich ein Meisterbrief. Unter dem Meisterbrief ist noch ein gerippter Heizkörper zu sehen mit einem Absperrventil über dem senkrechten Zuleitungsrohr. Das Foto wirkt nicht gestellt, aber wurde offenbar vom einem professionellen Fotografen arrangiert und fotografiert. Die für den Kalender hinzugefügte Bildunterschrift lautet: „Toni Pesch – unser Butzheimer Friseur in den Anfängen der 1950er Jahre“

Im Mitmachprojekt: „Die Läden meiner Kindheit“ habe ich mich an Toni Peschs Friseurladen erinnert (klick Grafik). So jung und schlank wie auf dem Foto hatte ich ihn beim Schreiben nicht vor mir. Das Foto erweitert also auf befremdliche Weise meine Erinnerung in eine Vergangenheit, die gar nicht mein eigenes Erinnern ist.

Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Die Erinnerung malt mit goldenem Pinsel“ Wie ist es, wenn goldene Erinnerungsbilder durch Bilddokumente übermalt werden, wie es dem heutigen Menschen widerfährt, der durch Fotografien und Videos jede Lebensphase dokumentiert sieht, entweder von wohlmeinenden Eltern oder durch Selfies? Dabei interessiert nicht die Frage, was besser oder schlechter ist, die Bilderarmut der Vergangenheit oder die Bilderflut in Zeiten von Digitalfotografie und Smartphone. Zu fragen wäre nach den Konsequenzen, wie sich menschliche Erinnerung anders organisiert, wenn medientechnische Hilfsmittel sie im überwältigenden Maß stützen.

Platon lässt Sokrates im Phaidros an der Schrift kritisieren: „Denn sie wird Vergessenheit in den Seelen derer schaffen, die sie lernen, durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, – aus Vertrauen auf die Schrift werden sie von außen durch fremde Gebilde, nicht von innen aus Eigenem sich erinnern lassen.“

Technikmuseum – Die Karteikarte

Das deutsche Verb „verzetteln“ ist vorwiegend negativ konnotiert und bedeutet den Überblick / die Übersicht verlieren; mehrere Sachen anfangen und dabei durcheinander geraten. Verzetteln ist aber auch ein Verfahren, Wissen zusammenzutragen und zu ordnen. Der deutsche Schriftsteller Jean Paul gilt als Vater der Zettelkastentechnik, hat in seinem Leben 12.000 Seiten an Exzerpten zusammengetragen. Allein sein Register dazu hat 2000 Seiten mit Schlagworten.

Bitte festhalten! Wir machen einen Zeitsprung ins Jahr 1979. Ich will einen Ritter zeichnen (Bild rechts) und brauche Anschauungs- material. Nachdem ich erfolglos meine Büchersammlung inspiziert habe, suchen wir die alte Aachener Stadtbibliothek auf. Wir dürfen auf der ersten Etage nur einen Katalograum betreten. In der Kartei suche ich nach Büchern, von denen ich hoffe, dass sie Abbildungen von Rittern enthalten und fülle fünf Bestellzettel aus. Ein städtischer Angestellter in Livree nimmt die Bestellzettel an und bescheidet, dass die Bücher in zwei Stunden bereitliegen werden.

Schlagwortkatalog einer Universitätsbibliothek – Foto: Dr. Marcus Gossler (Wikipedia) (Größer klicken)

Bis Mitte der 1980-Jahre war die Literaturrecherche in der Aachener Universitätsbibliothek noch genauso zeitraubend organisiert. Man füllte Bestellzettel aus und wartete, dass die Bücher aus dem Depot per Aufzug nach oben kamen. Meist bekam man nur einen Teil der gewünschten Bücher. Manche Bücher waren vorhanden, konnten aber nicht gefunden werden, weil sie verstellt waren. Dann gabs Nullzettel. Ein Jahr versuchte ich Wilhelm Wattenbach, Das Schriftwesen im Mittelalter auszuleihen. Aus den Nullzetteln hätte ich mir ein Büchlein binden können: „Das Bibliothekswesen Ende des 20. Jahrhunderts.“

Weil er die Karteikarten versehentlich vor- und rückseitig beschrieben hatte, habe er ein geplantes Buch nie geschrieben, berichtet der Linguist Harald Weinrich – leider zu spät. Da war mir schon derselbe Fehler unterlaufen. Es ist mühsam, die Übersicht über ausgelegte Karteikarten zu behalten, wenn auch Wichtiges auf Rückseiten steht.

Ausgelagertes Gedächtnis – Kartei zum Thema Schrift – Foto: JvdL (zum Vergrößern klicken)

Die Karteikarte, meist im Format 105 * 148 mm, etwa 180 Gramm/qm Karton, liniert oder blanko – Das obige Foto zeigt meine Kartei zum Thema „Schrift und Verwandtes.“ Ich habe sie von Mitte der 1980-er Jahre bis in die 1990-er Jahre hinein angelegt. Zu diesem Zweck habe ich jede freie Minute in den großen Aachener Bibliotheken, der TH-Bibliothek, der Diozösanbibliothek und der Stadtbibliothek, verbracht. Mein Ziel war, ein interdisziplinäres Werk über Schrift zu verfassen, weil ich festgestellt hatte, dass die verschiedenen Fachdisziplinen, die sich mit Schrift beschäftigen, wenig voneinander wissen. Viele Jahre ruhte die Arbeit, weil ich anderweitig zu eingespannt war. Ab 2005 habe ich angefangen, einiges niederzuschreiben, unter Berücksichtigung aktueller Entwicklungen. Erste Ergebnisse sind Blogbeiträge in der Rubrik Sprache, Schrift Medien und mein Werk „Buchkultur im Abendrot“, übrigens ein lohnendes Weihnachtsgeschenk.

Unterstützt von meinen Söhnen bin ich jetzt dabei, die Kartei zu digitalisieren, zuerst jede Karte zu scannen, dann zu verschlagworten und in einen digitalen Zettelkasten einzuordnen. Ich bin sicher, noch manches zu finden, worüber sich zu schreiben lohnt. Ob Vor- oder Rückseite ist dabei unerheblich, und die zeitraubende Suche entfällt. Die Karteikarte hat dann ausgedient.

Das analoge Ziffernblatt

Vor längerer Zeit schon war mir aufgefallen, dass ich in meiner Wohnung kein elektronisches Gerät mehr mit Sieben-Segment-Anzeige habe. Ein Weile habe ich darauf geachtet, wo sie im öffentlichen Raum noch zusehen ist. Die Preistafeln der Tankstellen in meiner Nähe setzen die Ziffern aus Pixeln zusammen. Nur aus der Ferne erinnern sie an die klassische Sieben-Segment-Anzeige. Als in den 1970-er Jahren die Digitaluhren auf den Markt kamen, waren sie bald so populär, dass die Analoguhren mit Ziffernblatt und Zeigern aus der Mode kamen. Die Digitalanzeige mit Ziffern aus je sieben Segmenten war der letzte Schrei und stand für die revolutionäre Entwicklung der Quarzuhren aus Fernost.

Leider kann ich vorerst nicht über die Sieben-Segment-Anzeige schreiben, denn ich habe meine Aufzeichnungen damals zwar herausgesucht, sie aber beim Aufräumen so nachhaltig verkramt, dass meine Suche bislang erfolglos geblieben ist. Was ich im Augenblick zur Hand habe, sind Notizen zur Analoganzeige, dem Ziffernblatt der Uhr. Da die Analoganzeige mit Ziffernblatt und Zeigern der Digitalanzeige voraus ging, aber nicht völlig verdrängt wurde und heute alternativ gebräuchlich ist, liegt es sowieso näher, zuerst über sie zu schreiben.

Ich erinnere mich noch gut, dass Anfang der 1980-er Jahre die bis dahin den Weltmarkt beherrschende Schweizer Uhrenindustrie in eine Krise geriet. Quarzuhren aus Fernost mit Digitalanzeige überschwemmten den Markt, und man warf der Schweizer Uhrenindustrie vor, sie habe die technische Entwicklung verschlafen. Als Reaktion darauf kam 1983 die Swatch-Uhr auf den Markt. Sie zeichnete sich durch billige Herstellung, Plastikmaterial und poppige Farb-Gestaltung aus., die auch das analoge Ziffernblatt mit einbezog. Die Swatch-Uhr hatte wesentlichen Anteil daran, dass die Analoganzeige nicht in Vergessenheit geriet.

Begünstigt wurde das, weil das Ziffernblatt in die Altagskultur eingeflossen ist, was sich zeigt in bildhaften Vorstellungen, sprachlichen Metaphern und Wendungen: „Es ist fünf vor zwölf!“ für „höchste Zeit.“ Die älteste deutsche Talksendung (seit 1974) heißt „3 nach 9“, wobei zumindest die Assoziation drei nach neun Uhr geweckt wird. Die Geisterstunde ist zwölf Uhr. 00:00 Uhr vermittelt dagegen keine gruselige Vorstellung. Das Ziffernblatt kann der Orientierung dienen, beispielsweise wenn ein blinder Skifahrer von seinem Begleiter Richtungsangaben analog zum Ziffernblatt erhält. Das Ziffernblatt kann Kompass sein, indem man den großen [Update, nein], den kleinen Zeiger auf die Sonne ausrichtet. Wie das geht, ist hier erklärt. Die Besteckablage Zwanzig nach Vier signalisiert, dass der Gast mit dem Essen fertig ist (Nachweis castorpblog)

Wir benutzen noch heute die Richtungsangabe „im Uhrzeigersinn (UZS), gegen den Uhrzeigersinn. Der uns geläufige Uhrzeigersinn ist übrigens ein Relikt der Sonnenuhr, deren Schatten ebenfalls rechtherum läuft. Eventuell spielt hier noch die Vorstellung hinein, dass die Dinge ihren rechten (richtigen) Verlauf nehmen sollen. Ein Beispiel für die Anschaulichkeit des Ziffernblattes ist die Lehre von der richtigen Stellung der Hände am Lenkrad, „zehn Minuten nach zehn“. Auf zehn nach zehn stellt der Juwelier die Uhren seiner Auslage, weil das angeblich einen lachenden Mund symbolisiert und als positiv bejahend angesehen wird. Auf dem alten Vordruck „Gesprächsnotiz“ erlaubt das Ziffernblatt die rasche Kennzeichnung der Uhrzeit. Eingedenk der Tatsache, das sich die Arbeitszeit auf den Nachmittag erstreckt, heißt es nicht 12, 1, 2 usw., sondern 12, 13 bis 18 Uhr. Die Zählung der Nachmittags- und Abendstunden ist von der Digitalanzeige übernommen. Falls ich meine Aufzeichnungen finde, wäre das die kommende Folge.

Im Telephonmuseum

Gastautor noemix schreibt über die Anfänge des Telefons:
Am 7. März 1876 erteilte das US-Patentamt Herrn Alexander Graham Bell ein Patent auf seine Erfindung, den sogenannten Telephonapparat. Seinerzeit wurde Herrn Bells Erfindung aller­dings keine große Zukunft vorhergesagt: das Telephon, so las man in der Presse, werde sich in der Allgemeinheit voraussichtlich nicht durchsetzen, da es ohnehin genügend Botenjungen gebe, um Nachrichten zu übermitteln.

    »In den Anfangszeiten der Fernsprechtechnik war es dem Benutzer eines Telefones nicht möglich, eine bestimmte Telefonverbindung zu einem anderen Anschluss selbst aufzubauen. Um eine Verbindung zu bekommen, musste man die Vermittlungskraft im Fernsprechamt (umgangssprachlich das „Fräulein vom Amt“) mittels Betätigen eines Kurbelindikators „wecken“ (dies war tatsächlich der offizielle Ausdruck für diesen Vorgang). Dem Vermittlungspersonal teilte man sodann mündlich seinen Verbindungswunsch mit, worauf dieses per Handvermittlung die Verbindung aufbaute.« (Wikipedia)

Am 29. April 1913 aber wurde von der Fa. Siemens & Halske in Spandau der Nummernschalter mit Fingerlochscheibe für den Selbstwählbetrieb zum Patent angemeldet: Damit begann das Zeitalter der Selbstwähltelefonie.

Drei Jahre zuvor waren die ersten Astronauten auf dem Mond gelandet, aber bis ins Jahr 1972 gehörte Neulengbach im Wienerwald zu den letzten Sprengeln im österreichischen Post-Telefonnetz, welche auf den Anschluss an den Selbstwählverkehr warten mussten. Bis dahin stand in Neulengbacher Haushalten ein schickes Kurbeltelefon ohne Wählscheibe, wie in Abb. oben – noch Anfangs der 70er-Jahre, nicht gelogen. Wenn man jemanden anrufen wollte, musste man zuerst kurbeln, worauf sich das Fräulein vom Amt meldete. Der sagte man sodann die Nummer an, mit der man telefonieren wollte, und daraufhin stöpselte sie die Verbindung zum gewünschten Teilnehmer durch. Wenn man beim Neulengbacher Postamt vorbeiging, konnte man durchs Fenster das Fräulein vom Amt mit ihren Kopfhörern sehen, wie sie da drinnen emsig am Klappenschrank herumstöpselte. (Kennen Sie die Szene aus den alten Lassie-Schwarz­weiß­filmen?)

Das allerletzte österreichische Fräulein vom Amt war indessen ein Mann, am 14. Dezember 1972 stellte er in Karlstein/Thaya im Waldviertel die letzte Telefonverbindung durch manuelles Stöpseln her.


(Fotos: noemix Archiv – Text: noemix)

Eine Telefonzelle verschwindet

Beim Durchstöbern meiner Bilddateien habe ich einige Fotos wiedergefunden, die ich gemacht habe, als vor dem Haus die Telefonzelle abgebaut wurde. Wie es zuvor war, zeigen die Bilder eins und zwei, dann die Abmontage und den Abtransport und später das Verlegen neuer Bodenplatten. Witziger Weise zeigen die Fotos nebenan ein älteres Kommunikationsmedium, das weiterhin Bestand hat, die Litfaßsäule, benannt nach ihrem Erfinder, dem Berliner Buchdrucker Ernst Litfaß.

Dokumentation eines längeren Zeitraums: JvdL