Das analoge Ziffernblatt

Vor längerer Zeit schon war mir aufgefallen, dass ich in meiner Wohnung kein elektronisches Gerät mehr mit Sieben-Segment-Anzeige habe. Ein Weile habe ich darauf geachtet, wo sie im öffentlichen Raum noch zusehen ist. Die Preistafeln der Tankstellen in meiner Nähe setzen die Ziffern aus Pixeln zusammen. Nur aus der Ferne erinnern sie an die klassische Sieben-Segment-Anzeige. Als in den 1970-er Jahren die Digitaluhren auf den Markt kamen, waren sie bald so populär, dass die Analoguhren mit Ziffernblatt und Zeigern aus der Mode kamen. Die Digitalanzeige mit Ziffern aus je sieben Segmenten war der letzte Schrei und stand für die revolutionäre Entwicklung der Quarzuhren aus Fernost.

Leider kann ich vorerst nicht über die Sieben-Segment-Anzeige schreiben, denn ich habe meine Aufzeichnungen damals zwar herausgesucht, sie aber beim Aufräumen so nachhaltig verkramt, dass meine Suche bislang erfolglos geblieben ist. Was ich im Augenblick zur Hand habe, sind Notizen zur Analoganzeige, dem Ziffernblatt der Uhr. Da die Analoganzeige mit Ziffernblatt und Zeigern der Digitalanzeige voraus ging, aber nicht völlig verdrängt wurde und heute alternativ gebräuchlich ist, liegt es sowieso näher, zuerst über sie zu schreiben.

Ich erinnere mich noch gut, dass Anfang der 1980-er Jahre die bis dahin den Weltmarkt beherrschende Schweizer Uhrenindustrie in eine Krise geriet. Quarzuhren aus Fernost mit Digitalanzeige überschwemmten den Markt, und man warf der Schweizer Uhrenindustrie vor, sie habe die technische Entwicklung verschlafen. Als Reaktion darauf kam 1983 die Swatch-Uhr auf den Markt. Sie zeichnete sich durch billige Herstellung, Plastikmaterial und poppige Farb-Gestaltung aus., die auch das analoge Ziffernblatt mit einbezog. Die Swatch-Uhr hatte wesentlichen Anteil daran, dass die Analoganzeige nicht in Vergessenheit geriet.

Begünstigt wurde das, weil das Ziffernblatt in die Altagskultur eingeflossen ist, was sich zeigt in bildhaften Vorstellungen, sprachlichen Metaphern und Wendungen: „Es ist fünf vor zwölf!“ für „höchste Zeit.“ Die älteste deutsche Talksendung (seit 1974) heißt „3 nach 9“, wobei zumindest die Assoziation drei nach neun Uhr geweckt wird. Die Geisterstunde ist zwölf Uhr. 00:00 Uhr vermittelt dagegen keine gruselige Vorstellung. Das Ziffernblatt kann der Orientierung dienen, beispielsweise wenn ein blinder Skifahrer von seinem Begleiter Richtungsangaben analog zum Ziffernblatt erhält. Das Ziffernblatt kann Kompass sein, indem man den großen [Update, nein], den kleinen Zeiger auf die Sonne ausrichtet. Wie das geht, ist hier erklärt. Die Besteckablage Zwanzig nach Vier signalisiert, dass der Gast mit dem Essen fertig ist (Nachweis castorpblog)

Wir benutzen noch heute die Richtungsangabe „im Uhrzeigersinn (UZS), gegen den Uhrzeigersinn. Der uns geläufige Uhrzeigersinn ist übrigens ein Relikt der Sonnenuhr, deren Schatten ebenfalls rechtherum läuft. Eventuell spielt hier noch die Vorstellung hinein, dass die Dinge ihren rechten (richtigen) Verlauf nehmen sollen. Ein Beispiel für die Anschaulichkeit des Ziffernblattes ist die Lehre von der richtigen Stellung der Hände am Lenkrad, „zehn Minuten nach zehn“. Auf zehn nach zehn stellt der Juwelier die Uhren seiner Auslage, weil das angeblich einen lachenden Mund symbolisiert und als positiv bejahend angesehen wird. Auf dem alten Vordruck „Gesprächsnotiz“ erlaubt das Ziffernblatt die rasche Kennzeichnung der Uhrzeit. Eingedenk der Tatsache, das sich die Arbeitszeit auf den Nachmittag erstreckt, heißt es nicht 12, 1, 2 usw., sondern 12, 13 bis 18 Uhr. Die Zählung der Nachmittags- und Abendstunden ist von der Digitalanzeige übernommen. Falls ich meine Aufzeichnungen finde, wäre das die kommende Folge.

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Im Telephonmuseum

Gastautor noemix schreibt über die Anfänge des Telefons:
Am 7. März 1876 erteilte das US-Patentamt Herrn Alexander Graham Bell ein Patent auf seine Erfindung, den sogenannten Telephonapparat. Seinerzeit wurde Herrn Bells Erfindung aller­dings keine große Zukunft vorhergesagt: das Telephon, so las man in der Presse, werde sich in der Allgemeinheit voraussichtlich nicht durchsetzen, da es ohnehin genügend Botenjungen gebe, um Nachrichten zu übermitteln.

    »In den Anfangszeiten der Fernsprechtechnik war es dem Benutzer eines Telefones nicht möglich, eine bestimmte Telefonverbindung zu einem anderen Anschluss selbst aufzubauen. Um eine Verbindung zu bekommen, musste man die Vermittlungskraft im Fernsprechamt (umgangssprachlich das „Fräulein vom Amt“) mittels Betätigen eines Kurbelindikators „wecken“ (dies war tatsächlich der offizielle Ausdruck für diesen Vorgang). Dem Vermittlungspersonal teilte man sodann mündlich seinen Verbindungswunsch mit, worauf dieses per Handvermittlung die Verbindung aufbaute.« (Wikipedia)

Am 29. April 1913 aber wurde von der Fa. Siemens & Halske in Spandau der Nummernschalter mit Fingerlochscheibe für den Selbstwählbetrieb zum Patent angemeldet: Damit begann das Zeitalter der Selbstwähltelefonie.

Drei Jahre zuvor waren die ersten Astronauten auf dem Mond gelandet, aber bis ins Jahr 1972 gehörte Neulengbach im Wienerwald zu den letzten Sprengeln im österreichischen Post-Telefonnetz, welche auf den Anschluss an den Selbstwählverkehr warten mussten. Bis dahin stand in Neulengbacher Haushalten ein schickes Kurbeltelefon ohne Wählscheibe, wie in Abb. oben – noch Anfangs der 70er-Jahre, nicht gelogen. Wenn man jemanden anrufen wollte, musste man zuerst kurbeln, worauf sich das Fräulein vom Amt meldete. Der sagte man sodann die Nummer an, mit der man telefonieren wollte, und daraufhin stöpselte sie die Verbindung zum gewünschten Teilnehmer durch. Wenn man beim Neulengbacher Postamt vorbeiging, konnte man durchs Fenster das Fräulein vom Amt mit ihren Kopfhörern sehen, wie sie da drinnen emsig am Klappenschrank herumstöpselte. (Kennen Sie die Szene aus den alten Lassie-Schwarz­weiß­filmen?)

Das allerletzte österreichische Fräulein vom Amt war indessen ein Mann, am 14. Dezember 1972 stellte er in Karlstein/Thaya im Waldviertel die letzte Telefonverbindung durch manuelles Stöpseln her.


(Fotos: noemix Archiv – Text: noemix)

Eine Telefonzelle verschwindet

Beim Durchstöbern meiner Bilddateien habe ich einige Fotos wiedergefunden, die ich gemacht habe, als vor dem Haus die Telefonzelle abgebaut wurde. Wie es zuvor war, zeigen die Bilder eins und zwei, dann die Abmontage und den Abtransport und später das Verlegen neuer Bodenplatten. Witziger Weise zeigen die Fotos nebenan ein älteres Kommunikationsmedium, das weiterhin Bestand hat, die Litfaßsäule, benannt nach ihrem Erfinder, dem Berliner Buchdrucker Ernst Litfaß.

Dokumentation eines längeren Zeitraums: JvdL

Große Nummer in der Unternehmenskommunikation

Gastautor Manfred Voita erinnert an den Fernschreiber.

Alle da? Können alle sehen? Okay. Dann mal los. Das hier ist historische Technik, die gibt es in freier Wildbahn überhaupt nicht mehr. Die bietet Ihnen nur das Technikmuseum. Nicht ganz so nah heran, wenn ich bitten darf. Da in der Ecke? Das ist ein Fernschreiber. Alte Technik erkennen Sie nämlich schon am Namen. Plattenspieler. Tonbandgerät. Fernschreiber. Und jetzt kommen Sie mir nicht mit Einwänden wie Telefon und Grammophon und Pipapo. Noch bei jeder Führung war einer dabei, der alles besser wusste und das auch nicht für sich behalten konnte. Ist der Saal auch noch so klein, einer muss der Kasper sein.

Versunkene und versinkende Kommunikationstechnik… also ich habe noch damit gearbeitet. Und jetzt schauen Sie mich nicht so an, als würde ich gleich auch noch ein Hufeisen schmieden und Holzschuhe zurechtzimmern.

1875 erfunden, rund 100 Jahre später eine große Nummer in der Unternehmenskommunikation und heute aussortiert. Steht gleich neben dem Mikrofilmlesegerät. Telex? Sagt Ihnen auch nichts mehr? Ein modernerer Name für den guten alten Dienst. Die Telexnummer stand in den siebziger Jahren auf jedem Lkw, so, wie… Fax? Sagt Ihnen Fax noch was? Gut, die Faxnummer, die steht ja auch unter der Telefonnummer. Da stand früher die Telexnummer. Größere Betriebe hatten sowas. Das war ein eigenes Netz.

Irgendwo im Betrieb, bei uns war das eine Nische im Erdgeschoß, stand der Fernschreiber. Ein richtiges Möbelstück mit eingelassener Tastatur, Endlospapier wie früher bei den ersten Nadeldruckern. Ach, kennen Sie auch nicht mehr? Und eine Wählscheibe, wie beim richtigen Telefon. Also dem von früher. Das man nicht mehr das Fräulein vom Amt brauchte, das war auch schon alles.

Zwei Betriebsarten: Ich setze mich ran und schreibe meinen Text, der auf einem Lochstreifen erfasst wird. Offline sozusagen. Natürlich schreibe ich nur Großbuchstaben. Oder Kleinbuchstaben. Aber Fernschreiben sind ja immer wichtig, Kleinbuchstaben gehen da ja nicht. Anschlag wie bei der Schreibmaschine.

Text fertig. Die Lochstreifenrolle einlegen, dann die Telexnummer des Partners wählen – und ist die Verbindung hergestellt, geht es ruck zuck. Der Lochstreifen läuft durch, blitzschnell wird der Text übermittelt, der auf der anderen Seite über den Fernschreiber ausgegeben wird. Stellen Sie sich das vor wie eine Nähmaschine mit Netzanschluss. So vom Klang her.

Ist es aber dringend, weil wir eine Auskunft über einen Kunden brauchen, der uns einen Auftrag erteilen will, dann setze ich mich an das Gerät, wähle die Nummer und schreibe „online“. Der Partner, so er denn anwesend ist, liest mit und antwortet direkt. Kurze Fragen, kurze Antworten, hektisch geschrieben, denn die Verbindung ist teuer.

Weiß auch keiner mehr. Früher kostete das Telefonieren Geld, also richtig, pro Minute und tagsüber noch mal mehr als nachts. Der Kostenrechner schaute da schon drauf, wer wann wie lange telefonierte oder gar fernschrieb. Falls es das Wort gab.

Damals, als die Welt noch schwarzweiß war, ratterten die Fernschreiber in den Zeitungsredaktionen und in den Reedereien, in den Speditionen und bei der Polizei. Ganz große Sache. Und heute? Kommt einem vor wie Steampunk. Mir ja auch. Und richtig schlimm ist es auch nicht, wenn Sie so ein Ding nie gesehen haben. Mehr als 150.000 hat es davon in Deutschland nicht gegeben. Wir haben fast 1,5 Millionen Millionäre im Land und die kennen Sie ja auch nicht. Also, weitergehen, hier passiert nichts mehr.

So könnte ich mir das vorstellen. Bei Wikipedia gibt es das Bild eines Gerätes, mit dem „wir“ gearbeitet haben: Siemens T100 Telex
Foto: Wikipedia – Text: Manfred Voita

Wider das Versinken der Alltagsdinge

Meine lieben Damen und Herren,
auf der Ecke unten vor dem Teestübchen wurde vor Jahren die Telefonzelle abgebaut. Eine Weile ließen farblich abweichende Bodenplatten ihren Grundriss noch ahnen, doch haben sie sich inzwischen egalisiert, und nichts verrät mehr, dass hier einst eine technische Einrichtung gestanden hat, die Jahrzehnte ein wichtiges Element der Alltagskultur war. Vor dem Pressehaus des Kölner Stadtanzeigers hat mal eine ganze Reihe von Telefonzellen gestanden. Ich erinnere mich an meine erste Wohnungssuche in Köln anfangs der 1970-er Jahre. Freitag gegen Mitternacht erschien die Wochenendausgabe des Stadtanzeigers mit den Wohnungsangeboten. Die Leute stürzten sich darauf, suchten passende Anzeigen und stürmten die Telefonzellen, um die Vermieter anzurufen. Man musste zu zweit auftreten. Während einer die Wohnungsanzeigen durchging, hielt der andere die Telefonzelle besetzt. Die Wohnungssuche in den Städten ist nicht einfacher geworden, aber die erforderlichen Handlungen haben sich mit der Technik verändert.

In der britischen Kultserie „Doctor Who“ reist besagter Doktor seit dem Jahr 1963 mit einer Polizei-Notrufzelle ähnlich unserer Telefonzelle durch Zeit und Raum. Tatsächlich konservieren TV- und Kinofilme die Kenntnis technischer Gerätschaften für Jahrzehnte. Bildhafte Vorstellungen sind konservativ. So sehen und verstehen wir heute noch das Piktogramm mit Telefongehäuse und auf eine Gabel aufgelegtem Telefonhörer, manchmal sogar mit stilisierter Wählscheibe, obwohl Telefone heute ganz anders aussehen. [Grafik: JvdL] Ähnlich gut verstanden wird das Piktogramm, das eine stilisierte Dampflok zeigt, obwohl man Dampfloks nur noch von der Modelleisenbahn oder der Museumsbahn kennt. Doch der visuelle Eindruck vermittelt nicht das Wissen um, und so wird die Kenntnis solcher technischen Einrichtungen irgendwann versunken sein. Im Prolog der Lesenacht war die Rede von der optischen Telegrafie, deren moderne Form im 18. Jahrhundert der französische Techniker Claude Chappe erfunden hat. Diese Vorform der Telegrafie wurde bald vom Morsetelegrafen verdrängt, so dass sie fast völlig in Vergessenheit geriet.

Derzeit verschwindet beispielsweise die 7-Segment-Digitalanzeige aus unserem Alltag. Wir sind quasi täglich Zeugen sich verändernder Kommunikationstechnik. Darum freue ich mich, Ihnen eine neue Rubrik im Teestübchen vorzustellen, das Technikmuseum. In loser Folge will ich über versunkene und versinkende Kommunikationstechnik schreiben, zum Auftakt eben über diese 7-Segment-Anzeige, wie sie in den 1970-er Jahren mit den Digitaluhren und Taschenrechnern in unseren Alltag eingedrungen ist, für drei Jahrzehnte vertrauter Anblick wurde und nun allmählich verschwindet. An Themen soll es nicht fehlen, und ich hoffe in dieser Rubrik, manch Überraschendes und Neues mitteilen zu können.
Herzlich, Ihr