Finde deinen ersten Blogeintrag im Internetarchiv!

Kürzlich zeigte arte den dystopischen SF-Film „Rollerball“ aus dem Jahr 1975. Die Welt ist darin beherrscht von wenigen Konzernen. Zur Unterhaltung der Massen dient der brutale Sport „Rollerball“, bei dem die Mannschaften bis aufs Blut gegeneinander kämpfen. Sie gehören den verschiedenen Konzernen, da Nationen abgeschafft sind. Abgeschafft sind auch Bibliotheken. Das kulturelle Erbe der Menschheit ist digital in einer zentralen Datenbank erfasst. Als der Protagonist dort recherchieren will, wann die Herrschaft der Konzerne begonnen hat, erfährt er beiläufig, dass der Zentralcomputer das 12. Jahrhundert nicht mehr auffindet. Da das Gedächtnis der Menschheit nur noch digital existiert, ist ein ganzes Jahrhundert verloren.

Im Jahr 1975 war an das Internet noch nicht zu denken. Von ihm heißt es: „Das Internet vergisst nichts.“ Die stereotype Formel stimmt nur bedingt. Alles, was sich mit Suchmaschinen finden lässt, muss ja irgendwo auf Servern gespeichert sein. Sobald Server abgeschaltet oder zerstört werden, sind auch die dort gespeicherten Seiten verloren. Im vergangenen März brannte in Straßburg ein Rechenzentrums-Verbund mit rund 100.000 Servern. Wie viele Kunden vom Datenverlust betroffen sind, lässt sich noch nicht abschätzen.

Bei meinem Aufruf zur Bloggeschichte taucht die Frage auf, ob denn die frühen Versuche überhaupt noch auffindbar wären, wenn es zu lange her ist und oder der Weblogdienst nicht mehr existiert und die Server abgeschaltet sind. Vorausgesetzt man weiß die damalige Internetadresse noch, gibt es eventuell eine Rettung: Verlorene Internetseiten speichert das schon 1996 gegründete Internetarchiv waybackmachine, ein gemeinnütziges Projekt mit Sitz in San Francisco. Ein Spiegelserver der Daten von San Francisco befindet sich sinnvoller Weise auf einem anderen Kontinent, nämlich in der ägyptischen Bibliotheca Alexandrina. Freilich ist die Speicherung von Blog-Postings lückenhaft. Man braucht etwas Glück. Wer seine alte Internetadresse nicht mehr weiß, kann testweise seine aktuelle in die Maske eingeben und findet seinen Anteil am kulturellen Welterbe der Menschheit. Viel Erfolg!

Weiter zum Projekt Sammlung historischer Bloggeschichten

Gutenberg bei WP umgehen – zwei gute Tipps

Wer nach Möglichkeiten sucht, den unhandlichen WP-Editor mit dem hochtrabenden Namen „Gutenberg“ zu umgehen, findet im Netz fast nur Hinweise auf ein Plugin mit dem Classic-Editor. Dieses Plugin kann aber nur installieren, wer den teuren Businesstarif gebucht hat.
Kürzlich fand ich zwei preiswertere Möglichkeiten. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen geriet ich beim Bearbeiten eines Textes ins gewohnte Backoffice mit dem Classic-Editor-Formular. Ich habe auf den Link im Browserfenster kurzerhand ein Lesezeichen gesetzt und kann damit den alten Editor problemlos aufrufen, nachdem ich einen Entwurf gespeichert habe. Die zweite Möglichkeit habe ich einem Kommentar der Userin Belana Hermine bei Kollegin Miss Tueftelchen gefunden (klick Abbildung).

Viel Vergnügen mit dem Classic-Editor und viel Erfolg!

Ruchloser Diebstahl in der Heiligen Nacht

„Wenn du liest, musst du fremde Gedanken denken“, sagte Coster, der ehemalige Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen und fuhr fort:
„Wenn du liest, bist du wie ein Kalb hinterm Karren angebunden und musst durch die Spur tappen, durch die der Karren rumpelt.“
„Halt oder Hüh!, um in Ihrem Bild zu bleiben, Coster. Ich bin nicht angebunden, sondern kann jederzeit stehenbleiben, also das Buch sinken lassen und das Stück, das ich dem Karren hinterher getrabt bin, als Denkanstoß nutzen, in eine andere Richtung zu denken, quasi eine eigene Karrenspur anlegen.“

„Ich sag doch, wenn du liest, nicht wenn du aufhörst zu lesen, du Trollo“, sagte Coster ungehalten. „Also wenn du liest und weiterliest, das Buch nicht auf die Knie sinken lässt, wenn du gefesselt bist vom Text, wie man landläufig sagt, was nichts anderes meint als hinterm Karren angebunden zu sein, dann hast du vermutlich längere Gedankenfolgen als du hättest, würdest du nicht lesen.“
„Da haben Sie Recht, Coster, lesend haben wir lange Gedankenfolgen, nämlich die ein Autor …“
„Oder eine Autorin, soviel Zeit muss sein.“
„ … immer schön der Reihe nach aufgeschrieben hat. Unser normales Denken ist kurzatmig:
– Habe ich das Fenster in der Küche zugemacht?
– Die Bürostuhllehne drückt mir links in die Weichteile.
– Ich könnte mal was trinken.
– In meinem rechten kleinen Finger leide ich am Tennisarmsyndrom. Kommt von der ergonomisch geformten neuen Maus. Witz.
– Nachdem ich das Schwittersplakat auf den Tisch tapeziert habe, wirft es Falten.“

„Und weiter?“
„Nichts weiter. Der Karren hat sich festgefahren.“
„Der Grund ist aber auch weich da in deiner Birne.“

„Na, erlauben Sie mal, Coster. Wussten Sie eigentlich, dass Coster im Niederländischen Küster bedeutet? Auf dem Grote Markt der Stadt Haarlem steht das Standbild von Laurens Janszoon Coster, einem Küster der Parochialkirche. Dieser Mann soll angeblich im Jahr 1428 das Drucken mit beweglichen Lettern erfunden und erste Bücher, sogenannte Costeriana, gedruckt haben, sagen die Haarlemer, nur ohne ’soll‘ und ‚angeblich.’“
„Weiß ich doch, Laurens Coster war ein Vorfahre von mir.“

„Hehe, Ihr Vorfahre! Jetzt glaube ich das auch noch. Genau wie die Legende, dass Laurens Janszoon Coster einen verderbten Gesellen namens Johannes Faust in seinem Haus hat wohnen lassen. Dieser finstere Gesell stammte ursprünglich aus Mainz. In der Heiligen Nacht des Jahres 1428, als alle in der Christmette waren, stahl der ruchlose Johannes Faust die Gießinstrumente für die Lettern und floh nach Mainz. Dort tat er sich mit dem arbeitslosen Kalligraphen Peter Schöffer zusammen. Sie gossen mit den gestohlenen Gießinstrumenten ihre ersten Lettern und druckten damit die Bibel.“

„Jetzt bist du wieder bei deinem Thema, Trithemius. Ich sehe förmlich die Stricke hinter deinem Karren lose herunterbaumeln von den Kälbern, die sich verzweifelt losgerissen haben.“

„Selber schuld. Die Klugen bleiben bei der Sache. Mit der Idee, dass Faust die Gießinstrumente in der Heiligen Nacht gestohlen hat, als alle in der Christmette waren, nur er nicht, beginnt bereits die Dämonisierung der Druckkunst. Nur ein Teufelsbündler würde wagen, die Heilige Nacht durch eine Untat zu entweihen. Doch Faust statt Gutenberg verweist auf das jüngere Datum der Legende. Der Diebstahl kann unmöglich bereits 1428 geschehen sein. Erst im Jahr 1455 ließ Faust den Erfinder Gutenberg pfänden und setzte sich so in den Besitz dessen Druckerei. Zum Entstehungszeitpunkt der Legende ist der wahre Erfinder Gutenberg offenbar bereits in Vergessenheit geraten.“

„Einspruch! Es ist ja nicht mal ausgemacht, ob man überhaupt von Gutenberg wusste. Dass er der Erfinder war und nicht Faust, hat die Geschichtswissenschaft erst Anfang des 19. Jahrhunderts herausgefunden.“
„Jedenfalls sehe ich schwarz für Ihren Uropa. Zumal man in Haarlem zum Beweis nichts als ein paar alte Zinnkrüge vorweisen kann.“
„Da wissen Sie mehr als ich“, sagte Coster zweifelnd und verschwand.
[Zum Fall Johannes Fust/Faust – Johannes Gutenberg lies gerne hier)

„Wir heiraten am 12. Februar 2021“

Bei einem Gespräch über Palindrome sagte ich kürzlich, dass es auch Palindrome bei Kalenderdaten gebe und dass sie beliebt seien als Hochzeitstermine. Aus dem Stand hatte ich aber kein Palindromdatum nennen können. Sich nach Palindromdaten zu richten, mag man als sprachmagische Spielerei abtun. Derlei Ideen hegt aber nicht nur das dumme Volk, sondern hegte auch der Literaturwissenschaftler Paul Raabe, der damals scheidende Bibliothekar der Herzog August Bibliothek, den die ZEIT am 21. Februar 1992 porträtierte:

    „Und dem Kenner manieristischer Zahlen-Magie mag es ein Trost sein, daß er Herzog Augusts Bibliothek an einem ganz seltenen Tag verläßt, einem 29. Februar, dessen Zahlen sich, zauberkräftig, von vorn wie von hinten lesen lassen: 29-2-92.“

Der 29-2-92 ist in seiner bei der Jahreszahl verkürzten Schreibweise kein echtes Palindrom. Wie die Liste zeigt, gab es im Jahr 1992 nur ein echtes Palindromdatum, den 29-9-1992. Das Datum hatte ich ermittelt mit einem von mir geschriebenen Programm in GW Basic von Microsoft. Programbeschreibung: Eingangs wird man aufgefordert, den zu durchsuchenden Kalenderbereich einzugeben. Auf dem Bildschirm erscheint: „ab welcher Jahreszahl suchen?“ Das Programm durchsuchte dann vom gewählten Jahr aufwärts alle Kalenderdaten nach Palindromen und zeigt die Palindrome auf dem Bildschirm an.

Leider gibt es in Windows keinen Basic-Interpreter mehr, so dass sich das Palindromsuchprogramm nicht auf die 2000-er Jahre anwenden lässt. Aber es gibt Hoffnung. Im Netz werden Basic-Emulatoren angeboten. Nachdem ich einen Emulator installiert habe, werde ich das Listing zuerst abtippen müssen und dabei vielleicht wieder verstehen, wie das vor gut 30 Jahren geschriebene Programm aufgebaut ist. Denn es ist beim Programmieren wie bei allen Kenntnissen. Nicht geübt, geht’s verloren. Sollte das Programm funktionieren, kann ich alle Palindrome ab dem Jahr 2000 bis suchen lassen. Was hat es mit der Überschrift auf sich? Wie ich ohne Programm festgestellt habe, scheint der 12-02-2021 das kommende Palindromdatum zu sein, vorausgesetzt, der Monat wird aufgenullt.

Technikmuseum – Eine Welt aus sieben Strichen

Seit längerem wollte ich über die Sieben-Segment-Schrift schreiben, die Schrift der Digitalanzeigen. Mir war nämlich aufgefallen, dass sie allmählich aus dem Alltag verschwindet. Zu Hause habe ich kein Gerät mehr, auf dem sie zu sehen ist, und auch im Straßenbild wird sie immer seltener. Die Preistafeln an Tankstellen wiesen lange Zeit die Sieben-Segment-Schrift auf. Als in den 1980-er Jahren Uhren mit Digitalanzeige aufkamen, wurde die Sieben-Segment-Schrift populär, und es galt als chic, eine derartige Uhr zu haben, obwohl die digital dargestellte Uhrzeit weniger anschaulich ist als die analoge. Noch heute muss ich mir die digitale Zeitangabe in die analoge übersetzen, um mir einen Termin sicher zu veranschaulichen.

Digitalanzeige im Kassenraum der Bundesbankfiliale Hannover

Auch die Anzeige von digitalen Aufrufsystemen, etwa wie im Bild im Kassenraum der Bundesbankfiliale Hannover (Foto: JvdL – Vergrößern klicken!) hat sie noch. Die formale Besonderheit der Sieben-Segment-Schrift: Mit ihren sieben Segmenten lassen sie alle Zahlen von null bis neun darstellen. Sie stammt aus der Zeit der 8-Bit-Prozessoren, je Bit ein Segment, und das achte Bit gibt die Position der einzelnen Zahl innerhalb einer Zahlenreihe an.

Entsprechend schlicht ist die Form aus vier vertikalen und 3 horizontalen Strichen. Mit diesem geringen Formrepertoire lassen sich alle Zahlen schreiben. Stellt man bestimmte Zahlen auf den Kopf, sind Buchstaben zu erkennen, etwa:

Daraus ließe sich schreiben: 38317 = LIEBE, 38537 = LESBE, 31907018 = BIOLOGIE, 513 = EIS, BISSIG EGEL BOESE GELEGE EBBE EGGE GIEBEL und viele mehr. Selbstverständlich sind Palindromwörter wie EBBE auch Palindromzahlen = 3883.


Ein Witz mit umgedrehten Ziffern, in den 1980-er Jahren im Frühstücksradio gehört: „Es ist 8 Uhr 48, oder für die Mantafahrer unter uns: Brezel, Stuhl, Brezel.“

Über eine peinliche Marketingpanne von Pernod mit der Sieben-Segment-Schrift lies hier
https://trittenheim.wordpress.com/2017/11/06/gekritzelt-aufforderung-zum-sprachspiel/
und hier: https://trittenheim.wordpress.com/2017/11/13/gekritzelt-finaler-jahreslauf-und-die-letzte-frage/

Technikmuseum – Männlein, acht Bildpunkte breit

Lang ist’s her. In den 1980-er Jahren begann ich zu programmieren für den Atari-XL-Computer in Atari-Basic. Unter anderem programmierte ich zwei Spiele, die als sogenannte „Listing des Monats“ in monatlich erscheinenden Computerzeitschriften abgedruckt wurden und mir jeweils ein Honorar von 1000 DM einbrachten. Der Atari XL hatte einen 8-Bit-Prozessor. Das heißt, es werden 8 Bit gleichzeitig verarbeitet. 8 Bit ergeben ein Byte. Für einen 8-Bit-Prozessor eine Spielfigur zu gestalten, ist technisch relativ einfach, grafisch aber schwierig, weil die Auflösung gering ist. Es stehen in der Breite nur maximal acht Bildpunkte zur Verfügung. Anbei das Beispiel einer Spielfigur vom Entwurf in einer Matrix bis zur Bildschirmdarstellung:


Legende: Jede Reihe ist ein Byte, eine Folge aus 8 Bit mit den Zuständen 0 (weiß) oder 1 (schwarz) Zur Darstellung eines Zeichens oder Bildes wird jedem Bit ein Dezimalwert zugewiesen. Er berechnet sich durch Addition, je nachdem, welche Bildpunkte schwarz erscheinen sollen. Beispielsweise zeigt die Gesamtsumme von 128+64+32+16+8+4+2+1 = 256 einem schwarzen Streifen über die gesamte Breite des Bytes.

Technikmuseum – Abgesang auf den Bleistift

Es gab Zeiten, da habe ich Bleistifte gehortet. Am liebsten hatte ich die dunkelgrünen mit goldenem Aufdruck, deren Härtegrad invers in einem Feld mit runden Ecken steht. Ich besitze noch eine Blechdose mit Bleistiften aller Härtegrade von 9H bis 9B. Ein Bleistift enthält keine Mine aus Blei, obwohl man schon in der Antike mit Blei geschrieben hat. Bezeichnungen von Schreibutensilien konservieren oft ältere Technikzustände, wie etwa die Schreibfeder – (ehemals Gänsefeder), das niederländische vel (Fell) für Briefpapier (ehemals Pergament/Haut) [Finde mehr!]. Ein Bleistift hat demgemäß überhaupt kein Blei, sondern eine Mine aus einem gebrannten Graphit- und Tongemisch. Je mehr Ton die Mine enthält, desto härter ist der Bleistift. Einst hat die NASA für eine Million Dollar einen Kugelschreiber entwickeln lassen, der auch in der Schwerelosigkeit funktioniert. Russische Astronauten nehmen statt Kugelschreiber den Bleistift.

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Als Referendar in einem Aachener Mädchengymnasium fand ich in der Kunstetage einen sorgsam geordneten Schrank mit Materialien. Einmal nahm ich aus dem Materialschrank einen Bleistift und legte ihn nach Benutzung einfach in den Schrank zurück. Danach platzte die penible Kunstlehrerin und Chefin der Abteilung in meinen Unterricht und verlangte, dass ich den Bleistift in der richtigen Abfolge an seinen Platz legte.

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Zu Bleistiften gehört ein guter Spitzer. Es gab welche, die man an der Tischkante festschrauben konnte. Bleistift hineinstecken und kurbeln. Das war eine Lust, deretwegen mancher meiner Bleistifte zum Stummel wurde. Für derlei Stummel gab es wiederum Halter. Mit einem Stummelhalter konnte man auch abgespitzte Bleistifte gut fassen und bis zu ihrem Ende benutzen. Zur Not lässt sich ein Bleistiftstummel in die leere Hälfte eines Kugelschreibers klemmen. Um nicht ständig spitzen zu müssen, sollte man den Bleift regelmäßig über seine sechseckige Kante drehen.
[Im Bild: Bloggen mit Bleistift – etwa 2007 für das Teppichhaus Trithemius – größer: Klicken]

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In den letzten Jahren benutze ich einen Druckbleistift, dessen Minen austauschbar sind. Da müssen für die Hülle keine Bäume mehr gefällt werden (Pinie, Zeder, Ahorn, Linde). Wir brauchen die ja für Klopapier.

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Ein Meskalin-Esser hat während des Rauschs stets wundersame Visionen. Sie gipfeln in einem Satz, in dem alle Weisheit der Welt beschlossen scheint. Doch so sehr er sich den Satz einprägen will, ist der Rauschzustand verflogen, hat er den Satz vergessen. Da beschließt er, den Satz aufzuschreiben. legt Papier und Bleistift zurecht und bietet seine ganze Willenskraft auf, um im berauschten Zustand den wunderbaren Satz aufzuschreiben. Wie er aus dem Meskalinrausch erwacht, sucht er den Zettel hervor, worauf mit krakeligen Zügen der Satz aufgeschrieben steht, der alle Weisheit der Welt in sich beschließt. Dort steht:

    „Die Banane ist gelb!“

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Im Februar 1994, als gerade das Internet aufkam, schickte der Verleger Bill Henderson an die Los Angeles Times das Manifest eines „Lead Pencil Clubs.“ Der von dem gegründete „Bleistiftclub“ sah sich als ein antitechnisches Gegengewicht zu der aufbrandenden Begeisterung an elektronischer Kommunikation:

    „Wir empfangen keine E-Mail und wir verschicken keine. Wir unterhalten uns von Angesicht zu Angesicht. Wenn direkter Kontakt zwischen Menschen nicht möglich ist, werden wir Briefe von Hand schreiben, denn die Handschrift ist ein Ausdruck unserer Persönlichkeit.“

Der Bleistiftclub sollte „ein Schlagloch auf dem Informations-Superhighway sein.“ (Futurezone.at) Naturgemäß findet sich zum Lead Pencil Club nicht viel im Internet, aber den Nachweis dieser Buchveröffentlichung: Sogar der technikfeindliche Bill Hendersen hat inzwischen eine Internetseite. Der Lead Pencil Club ist nicht mehr erwähnt. Eventuell wurden seine Mitglieder abtrünnig, nachdem auch Hendersen vor der Macht der digitalen Medien kapituliert hatte.

Der Bleistift eignet sich nicht nur zum Notieren, Schreiben und Skizzieren, sondern ist auch ein ideales Zeichengerät [Zeichnung und Gif-Animation für das Teppichhaus Trithemius aus dem Jahr 2012 von mir].

Etwa zur Zeit der Buchveröffentlichung des Lead Pecil Clubs besuchte ich Schülerinnen /Schüler der Jahrgangsstufe 11 an ihrem Praktikumsplatz, eine davon in einer großen Werbeagentur. Der Besitzer führte mich herum und sagte stolz: „Sie finden im ganzen Haus keinen einzigen Bleistift mehr:“

Irrfahrten um den Pudding

„Planlos läuft er durch die Stadt,
weil er keinen Falk-Plan hat.“

Als Kind der 1950-er Jahre bevorzuge ich noch immer das Haptische. Zwar schätze ich die digitalen Medien, nutze sie aber sparsam, besonders was das Smartphone betrifft. In den letzten Tagen war ich bemüht, einen Fahrradweg in den Norden Hannovers zu finden, der möglichst den Autoverkehr meidet und viel durchs Grüne führt. Da ist Google maps gewiss hilfreich, auch die Navigationsapplikation. Doch letztlich komme ich nicht damit zurecht. Wenn die Sonne scheint, mag ich kein Display anschauen und hauptsächlich bin ich ungeschickt in der Handhabung.

Nachdem ein junger Freund sich so ziemlich als letzter ein Smartphone angeschafft hatte, schrieb er in einem Blogtext auf einem leider gelöschten Twoday-Blog, dass sein Ohrläppchen ständig Aktionen zu veranlassen schien. Diese Erfahrung kann ich nachvollziehen. Ich will nur die Fahrtroute auf dem Display anschauen, da fotografiert das Smartphone meinen Fuß. Bilder meiner Füße gibt es zuhauf. Und auf absichtsvoll fotografierten Motiven stört mein Zeigefinger. Ich bin für Smartphones ungeeignet, leide an Smartphone-Legasthenie.

Zurück zu Google maps und zum integrierten Routenplaner. Ich fahre und will mich zwischendurch vergewissern, doch mein Smartphone lässt die Kartenansicht verschwinden, macht am hellen Tag „Assistenzlicht“ oder ruft einfach irgendwen an. Da lobe ich mir eine gedruckte Karte. Ich habe noch eine ganze Schublade voll davon. Die Handhabung ist allerdings auch nicht einfach. Während einer Wanderung mit Kommilitonen in der Nordeifel nahm mir einer meine Karte Naturpark Nordeifel 1:50.000 aus der Hand und sagte, vor seinem Sportstudium sei er Ausbilder bei der Polizei gewesen, und von seiner Ausbilderzeit wisse er, wie man Karten zweckmäßig faltet. Das wolle er mir zeigen. Jedenfalls riss meine schöne Karte durch seine Ausbilder-Kunst an den Falzbrüchen ein und bekam Flecken von seinen Drecksfingern ab. Wo die Karte riss, hätte sie geschlitzt sein sollen, was die Idee des Falkplans ist. Man soll einen Falkplan blättern können wie ein Buch. Diese Idee des Erfinders Gerhard Falk wurde 1948 patentiert. Allerdings kenne ich niemanden, der das je geschafft hat. Gemeinhin ist ein Falkplan nach der ersten Nutzung unbrauchbar. Er lässt sich nicht mehr in geplanter Weise zurückfalten. Am besten zerknüllt man ihn gleich und kauft sich einen neuen Plan, nicht von Falk versteht sich. Google maps und all die digitalen Karten sind gewiss von Leuten entwickelt worden, die ein Falkplan-Trauma überwinden mussten.

Fahrradwegweiser Region Hannover – Foto: JvdL – größer: Bitte Klicken

Am besten sind noch immer innere Landkarten. Man legt sie mit Hilfe von Wegweisern und durch Versuch und Irrtum an. Als ich neu in Hannover war, bin ich sehr viel umhergefahren, um Stadt und ihr Umland innerlich zu kartographieren. Leider habe ich inzwischen vieles wieder vergessen oder ich ahne, wie ein Weg sich entwickelt, irre mich aber. Lange Zeit mag ich das nicht wahrhaben und versuche, die Wirklichkeit meiner Vorstellung anzupassen. Das Ergebnis sind Irrfahrten um den Pudding.

Der Ehrgeiz, eine innere Landkarte anzulegen ist aber besser als völlige Missachtung der Wegführung. Ein Aachener Freund und Radsportkollege achtete fast nie auf den Weg, sondern verließ sich völlig auf mich. Einmal bei einer Radtourenfahrt fuhren wir mit zwei Radsportlern aus Köln. Die ausgeschilderte Strecke führte uns nach Belgien zum sogenannten Vennkreuz hinauf. Gerade hatte ich den beiden Kölnern erzählt, dass wir bei unseren Trainingstouren meistens den Berg hinab kämen, den wir gerade hoch fuhren, strafte mich mein Freund lügen. Er rief: „Jules, sind wir hier schon einmal gefahren?!“

Im letzten Jahr fuhr ich in den Aachener Süden, um eine alte Wirkungsstätte und liebe Kolleginnen/Kollegen zu besuchen. Obwohl ich die Strecke und ihre Teilabschnitte genau kannte, wunderte ich mich über deren Länge. Meine Innere Landkarte entrollte sich vor meinen Augen. Im Maßstab 1:1 passt sie vermutlich nicht in meinen Kopf.

Tschelick tschelick – Plüschtierchen am Rucksack

Manche Wetten sind einfach zu gewinnen. Wenn eine untersetzte Frau mittleren bis gesetzten Alters in beiger Wetterjacke und mit Rucksack auf dich zukommt, kannst du darauf wetten, dass am Rücksack ein Bärchen oder anderes Plüschtierchen befestigt ist. Es baumelt seitlich an der Klappe und hat da die besondere Funktion, keine zu haben außer der Tatsache, dass es baumelt. Vielleicht ist das seitlich am Rucksack baumelnde Plüschtierchen aber auch ein geheimes Zeichen. Vielleicht bedeutet es: Die Trägerin dieses Zeichens ist Mitglied des deutschlandweiten Vereins der Harmlosen und Unbedarften. Wir tun nix. Wir wollen nur wandern.

Die Frau, die in Hannovers Georgengarten an mir vorbei geht, hat auch so ein Plüschtier am Rucksack. Sie tut wohl etwas. Bei den großen Blumenrabatten gegenüber dem Wilhelm-Busch-Museum bleibt sie stehen, holt eine kleine Digitalkamera hervor und fotografiert die eine oder andere Blume. Das geht scheinbar mühelos.

Wie sie weg ist, wird mir bald zu langweilig da auf meiner Parkbank, und weil die Blumenrabatte mir gegenüber so prächtig ist, beschließe ich, ebenfalls die Kamera hervorzuholen und Blumen zu knipsen. Ich habe das vorher noch nie gemacht, bin vermutlich einer der letzten, der je Blumen geknipst hat. Oder frei nach Karl Valentin: „Es ist schon alles geknipst, nur nicht von allen.“ Jetzt wohl.

Endlich auch ein Blumenknipsbild von mir

Die meisten Leute fotografieren nicht, sie knipsen. Wer auf das Motiv zielt und einfach nur den Auslöser drückt, alles andere aber der Kameratechnik überlässt, der knipst. Vermutlich ist „knipsen“ onomatopoetisch, es ahmt den Laut nach. Es ist der Laut alter Kameramechanik. Digitalkameras oder Smartphones ahmen den Laut der Spiegelreflexkamera nach, nämlich den des Objektivverschlusses. Man hört tschelick. Digitalkameras können tschlicken, obwohl sie gar keinen Objektivverschluss haben. Das vermittelt die Illusion, nicht zu knipsen, sondern zu fotografieren.

Zwei befreundete Fotografen, die ich kannte, wetteiferten darum, wer bei einem Motiv die richtige Blende und Verschlusszeit nennen konnte, ohne den Belichtungsmesser einzusetzen. Natürlich lagen sie meistens überein mit ihrer Einschätzung. Das machte die Berufserfahrung. Solche Spezialistenerfahrung steckt in moderner Kameratechnik.

Solange die Kameratechnik einfach ist, hängt die Qualität einer Fotografie vom Können des Fotografen ab. Einige Menschen machen bessere Fotos als andere, und indem sie mit der zur Verfügung stehenden Technik zu Höchstleistungen finden, professionalisieren sie ihr Tun. Langfristig münden die Erfahrungen aus professionellem Fotografieren in Ansprüche an eine verbesserte Apparatur. Sobald Techniker den Apparat wunschgemäß verbessert haben, enthebt es die Nutzer bestimmter Qualifikationen. Die Qualifikationen sind jetzt Bestandteile des Apparates und steht allen Fotografen zur Verfügung, auch jenen, die vorher über die Kenntnisse, Erfahrung und Fertigkeiten nicht verfügt haben.

Wir kennen das von der Schrift. Früher hat man sie selbst schreiben müssen, und in besonderen Fällen hat man besonders schöne Buchstaben schreiben müssen. Das musste man können. Dieser Text hier vermittelt sich über Druckbuchstaben. Ein Schriftdesigner hat jeden einzelnen Buchstaben entworfen und darauf geachtet, dass die Schrifttypen sich stilistisch vertragen, hübsch aussehen und klar lesbar sind. Ich kann die Tasten drücken wie ich will, schludrig, lässig, konzentriert, verbissen, locker und ungenau, das Ergebnis ist immer gleichförmig.

Anders gesagt: Um hier Bild und Text in technisch einwandfreier Qualität zu veröffentlichen, muss ich nicht viel können. Es wäre sogar eher hinderlich gewesen, wenn ich Kenntnisse hätte einbringen wollen, denn ich hätte nicht gewusst wie und lange nach Möglichkeiten suchen müssen. Zumindest was die visuelle Kommunikation betrifft, verhalten wir uns alle wie Hochstapler. Um etwas darstellen zu können, brauchen wir ein Heer unsichtbarer Helfer. Hochqualifizierte Dienstboten erlauben uns den Luxus des semiprofessionellen Publizierens. Die hochqualifizierten Dienstboten begleiten uns durch den gesamten Alltag. Wir Nutzer können getrost immer mehr vertrotteln, ohne dass es auffällt. Mental haben wir alle ein Plüschtierchen am Rucksack.

Teestübchen-Technikmuseum: Automaten und Diener

Vor beinah 27 Jahren, am 25. November 1992, stellte die Süddeutsche Zeitung diesen Fahrkartenautomaten vor, der zu Testzwecken am Münchner Hauptbahnhof aufgestellt worden war. (Zum Vergrößern bitte klicken!) Ich notierte mir damals:

„Endlich! Wenn sie jetzt noch einen Automaten aufstellen, der für mich eine Fahrkarte zieht und dann nach Castrop-Rauxel fährt, wo ich sowieso nicht hinwill …“

Aus heutiger Sicht ungewollt komisch wirkt im Begleittext der Satz: „Der Fachmann nennt diese Technik Touch-Screen.“ Wie der zickige Automat zu bedienen war, musste der Fahrgast halt lernen. Damit wurde ein wesentlicher Sachverhalt umgedreht. Vorher bediente ein Schalterbeamter den Fahrgast, jetzt muss der Fahrgast einen Automaten bedienen. Mit der deutschlandweiten Einführung der Automaten wurde der klassische Schalterbeamte abgeschafft. Es entstand ein ulkiger neuer Beruf, der Automatenguide. Automatenguides sind bis heute gefragt, besonders wenn man als Fahrgast in Eile ist. Auf diese Weise kehrt der Mensch in die schöne neue Automatenwelt zurück, wenngleich nur als Dienstbote eines digitalen Herrn.

Nahezu wunderbar finde ich den mit Edding gezeichneten Automatenguide auf diesem Parkscheinautomaten, den ich in Aachen fotografierte (Zum Vergrößern bitte klicken!) Mir gefällt besonders, dass er so hübsch die Klappe aufreißt. Die Buchstaben in der Sprechblase sind vermutlich linksläufig zu lesen. Das große C am Wortende und das gespiegelte a deuten darauf hin. Linkshänder schreiben gern von rechts nach links, denn es ist die ihnen gemäße Schreibrichtung. Bei der üblichen rechtsläufigen Schreibweise verdeckt die Schreibhand stets die vorangegangenen Buchstaben, weshalb Linkshänder gern den Stift von oben ansetzen. In der Sprechblase steht „Cabot.“ Im ripuarischen Dialekt, zu dem Kölsch und Öcher Platt gehören, bedeutet „kapott“ soviel wie defekt, kaputt. Da es für eine Mundart keine allgemein bekannte Orthographie gibt, könnte man die Schreibweise „Cabot“ gelten lassen, da sie schön vollmundig klingt. Automat spuckt keinen Parkschein aus? Danke für den Tipp! Oder wird hier ein Automat aus Protest mit dem Edding zurückgestuft.