Tschelick tschelick – Plüschtierchen am Rucksack

Manche Wetten sind einfach zu gewinnen. Wenn eine untersetzte Frau mittleren bis gesetzten Alters in beiger Wetterjacke und mit Rucksack auf dich zukommt, kannst du darauf wetten, dass am Rücksack ein Bärchen oder anderes Plüschtierchen befestigt ist. Es baumelt seitlich an der Klappe und hat da die besondere Funktion, keine zu haben außer der Tatsache, dass es baumelt. Vielleicht ist das seitlich am Rucksack baumelnde Plüschtierchen aber auch ein geheimes Zeichen. Vielleicht bedeutet es: Die Trägerin dieses Zeichens ist Mitglied des deutschlandweiten Vereins der Harmlosen und Unbedarften. Wir tun nix. Wir wollen nur wandern.

Die Frau, die in Hannovers Georgengarten an mir vorbei geht, hat auch so ein Plüschtier am Rucksack. Sie tut wohl etwas. Bei den großen Blumenrabatten gegenüber dem Wilhelm-Busch-Museum bleibt sie stehen, holt eine kleine Digitalkamera hervor und fotografiert die eine oder andere Blume. Das geht scheinbar mühelos.

Wie sie weg ist, wird mir bald zu langweilig da auf meiner Parkbank, und weil die Blumenrabatte mir gegenüber so prächtig ist, beschließe ich, ebenfalls die Kamera hervorzuholen und Blumen zu knipsen. Ich habe das vorher noch nie gemacht, bin vermutlich einer der letzten, der je Blumen geknipst hat. Oder frei nach Karl Valentin: „Es ist schon alles geknipst, nur nicht von allen.“ Jetzt wohl.

Endlich auch ein Blumenknipsbild von mir

Die meisten Leute fotografieren nicht, sie knipsen. Wer auf das Motiv zielt und einfach nur den Auslöser drückt, alles andere aber der Kameratechnik überlässt, der knipst. Vermutlich ist „knipsen“ onomatopoetisch, es ahmt den Laut nach. Es ist der Laut alter Kameramechanik. Digitalkameras oder Smartphones ahmen den Laut der Spiegelreflexkamera nach, nämlich den des Objektivverschlusses. Man hört tschelick. Digitalkameras können tschlicken, obwohl sie gar keinen Objektivverschluss haben. Das vermittelt die Illusion, nicht zu knipsen, sondern zu fotografieren.

Zwei befreundete Fotografen, die ich kannte, wetteiferten darum, wer bei einem Motiv die richtige Blende und Verschlusszeit nennen konnte, ohne den Belichtungsmesser einzusetzen. Natürlich lagen sie meistens überein mit ihrer Einschätzung. Das machte die Berufserfahrung. Solche Spezialistenerfahrung steckt in moderner Kameratechnik.

Solange die Kameratechnik einfach ist, hängt die Qualität einer Fotografie vom Können des Fotografen ab. Einige Menschen machen bessere Fotos als andere, und indem sie mit der zur Verfügung stehenden Technik zu Höchstleistungen finden, professionalisieren sie ihr Tun. Langfristig münden die Erfahrungen aus professionellem Fotografieren in Ansprüche an eine verbesserte Apparatur. Sobald Techniker den Apparat wunschgemäß verbessert haben, enthebt es die Nutzer bestimmter Qualifikationen. Die Qualifikationen sind jetzt Bestandteile des Apparates und steht allen Fotografen zur Verfügung, auch jenen, die vorher über die Kenntnisse, Erfahrung und Fertigkeiten nicht verfügt haben.

Wir kennen das von der Schrift. Früher hat man sie selbst schreiben müssen, und in besonderen Fällen hat man besonders schöne Buchstaben schreiben müssen. Das musste man können. Dieser Text hier vermittelt sich über Druckbuchstaben. Ein Schriftdesigner hat jeden einzelnen Buchstaben entworfen und darauf geachtet, dass die Schrifttypen sich stilistisch vertragen, hübsch aussehen und klar lesbar sind. Ich kann die Tasten drücken wie ich will, schludrig, lässig, konzentriert, verbissen, locker und ungenau, das Ergebnis ist immer gleichförmig.

Anders gesagt: Um hier Bild und Text in technisch einwandfreier Qualität zu veröffentlichen, muss ich nicht viel können. Es wäre sogar eher hinderlich gewesen, wenn ich Kenntnisse hätte einbringen wollen, denn ich hätte nicht gewusst wie und lange nach Möglichkeiten suchen müssen. Zumindest was die visuelle Kommunikation betrifft, verhalten wir uns alle wie Hochstapler. Um etwas darstellen zu können, brauchen wir ein Heer unsichtbarer Helfer. Hochqualifizierte Dienstboten erlauben uns den Luxus des semiprofessionellen Publizierens. Die hochqualifizierten Dienstboten begleiten uns durch den gesamten Alltag. Wir Nutzer können getrost immer mehr vertrotteln, ohne dass es auffällt. Mental haben wir alle ein Plüschtierchen am Rucksack.

Teestübchen-Technikmuseum: Automaten und Diener

Vor beinah 27 Jahren, am 25. November 1992, stellte die Süddeutsche Zeitung diesen Fahrkartenautomaten vor, der zu Testzwecken am Münchner Hauptbahnhof aufgestellt worden war. (Zum Vergrößern bitte klicken!) Ich notierte mir damals:

„Endlich! Wenn sie jetzt noch einen Automaten aufstellen, der für mich eine Fahrkarte zieht und dann nach Castrop-Rauxel fährt, wo ich sowieso nicht hinwill …“

Aus heutiger Sicht ungewollt komisch wirkt im Begleittext der Satz: „Der Fachmann nennt diese Technik Touch-Screen.“ Wie der zickige Automat zu bedienen war, musste der Fahrgast halt lernen. Damit wurde ein wesentlicher Sachverhalt umgedreht. Vorher bediente ein Schalterbeamter den Fahrgast, jetzt muss der Fahrgast einen Automaten bedienen. Mit der deutschlandweiten Einführung der Automaten wurde der klassische Schalterbeamte abgeschafft. Es entstand ein ulkiger neuer Beruf, der Automatenguide. Automatenguides sind bis heute gefragt, besonders wenn man als Fahrgast in Eile ist. Auf diese Weise kehrt der Mensch in die schöne neue Automatenwelt zurück, wenngleich nur als Dienstbote eines digitalen Herrn.

Nahezu wunderbar finde ich den mit Edding gezeichneten Automatenguide auf diesem Parkscheinautomaten, den ich in Aachen fotografierte (Zum Vergrößern bitte klicken!) Mir gefällt besonders, dass er so hübsch die Klappe aufreißt. Die Buchstaben in der Sprechblase sind vermutlich linksläufig zu lesen. Das große C am Wortende und das gespiegelte a deuten darauf hin. Linkshänder schreiben gern von rechts nach links, denn es ist die ihnen gemäße Schreibrichtung. Bei der üblichen rechtsläufigen Schreibweise verdeckt die Schreibhand stets die vorangegangenen Buchstaben, weshalb Linkshänder gern den Stift von oben ansetzen. In der Sprechblase steht „Cabot.“ Im ripuarischen Dialekt, zu dem Kölsch und Öcher Platt gehören, bedeutet „kapott“ soviel wie defekt, kaputt. Da es für eine Mundart keine allgemein bekannte Orthographie gibt, könnte man die Schreibweise „Cabot“ gelten lassen, da sie schön vollmundig klingt. Automat spuckt keinen Parkschein aus? Danke für den Tipp! Oder wird hier ein Automat aus Protest mit dem Edding zurückgestuft.

Automat, komm sprich mit mir!

Manchmal sind Wörter besonders faszinierend, bei denen man sich verlesen hat. Lang ist’s her, da hatte ich einen Kollegen mit Sprachfehler. Er war Buchdrucker und bediente die große Rotationsmaschine. Einmal glaubte er, im satirischen Magazin Pardon das Wort „Karwenmänner“ gelesen zu haben, kam in die Setzerei, mit dem Finger auf der aufgeschlagenen Zeitschrift, um sich mit mir über die „Ka-ka-kar-wenmänner“ zu amüsieren. Da stand aber nicht das seltsame „Karwenmänner“, sondern „Kaventsmänner“, was übertragen viel Großes und Dickes meinte. Eigentlich ist Kaventsmann der seemännische Ausdruck für eine Riesenwelle, so hoch und schwer, dass sie ein Schiff überrollen und zum Kentern bringen kann.

Zu dieser Zeit lag meine damalige Liebste im Krankenhaus. Früher gab es in Krankenhäusern strenge Besuchszeiten. Damit ich sie täglich besuchen konnte, erlaubte mir mein Chef einen Teil der Arbeitstunden auf den späten Abend zu verlegen. Ich hatte eigentlich nie viel zu tun. Was an Arbeit anfiel, war am Vormittag zu schaffen. So stand ich abends in einer verlassenen Druckerei einsam zwischen den Setzkastenregalen und langweilte mich. Keine Maschine lief, kein Kollege kam vorbei, um mit mir über Karwenmänner zu lachen, und in dieser lähmenden Stille war nur das eintönige Brummen der Neonlampen über mir. Die Zeit wollte und wollte nicht vorbeigehen. Neben dem Eingang zum Druckereisaal stand ein klobiges schwarzes Telefon. So eines mit Wählscheibe. Man musste eine Eins vorwählen, um eine Leitung nach draußen zu bekommen.

Weil ich keine Uhr hatte, rief ich die Zeitansage an, wählte die Eins, wartete bis das Freizeichen kam und wählte dann 119, um an der Hörermuschel zu lauschen. Eine Frauenstimme sagte: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr, 19 Minuten und 50 Sekunden.“ Aufgelegt, ein paar Schritte gegangen, wieder 119 gewählt: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 0 Sekunden. PIEP. Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 10 Sekunden.“ Die Zeit verging, wie mir schien, dadurch noch langsamer. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn die Dame angefangen hätte, rückwärts zu zählen, mindestens aber nicht über die Minute hinausgehen würde. Natürlich wusste ich, dass da am anderen Ende nicht das Fräulein vom Amt die Uhr ablas. Aber die mechanisierte Stimme bot mir in dieser großen, menschenleeren Druckerei zumindest die Gewähr, nicht von Gott und aller Welt verlassen zu sein. So einfach bin ich gestrickt, dass mir diese kaum verborgene Illusion zum Trost reichen konnte.
Zeitansage anhören

Bei Lidl haben sie seit geraumer Zeit schon automatisierte Ansagen. Eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme sagt:

    „Sehr geehrte Kunden! Wir öffnen Kasse drei für Sie!
    Bitte legen Sie Ihre Ware auf das Kassenband!

    „Sehr geehrte Kunden! Wir schließen Kasse eins!“

„…für Sie!“, ergänze ich bei mir, weils hier geflissentlich weggelassen wurde. Die sehr geehrten Kunden könnten sich sonst veralbert vorkommen. Was man nicht automatisiert hat, ist: „Dankeschön für Ihren Einkauf!“ Es kommt noch immer papageienartig aus Kassierer- oder Kassiererinnenmund. Obwohl, es wäre zu überdenken. Manche vernuscheln die obligatorische Abschiedsformel auch und man versteht nur „Ka-ka-karwenmänner“. Da wäre so eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme vielleicht wirkungsvoller. Allerdings müsste das Personal dann in Playback geschult werden. Und man bräuchte auch eine Männerstimme, denn es wäre strange, wenn der Deutschrusse an Kasse vier plötzlich mit einer wohl modulierten Frauenstimmer reden würde. Es wäre aber auch befremdlich, wenn er den Mund zur Playbackansage bewegen würde, aber die Ansage gar nicht käme, weil der verantwortliche Computer sich aufgehängt hat, bzw. sein Programmierer.

Sich wundern und verstehen

Kennst du das? Du wachst du morgens auf und wunderst dich, wer du bist und dass du allerlei Dinge erledigen sollst, bis hin zum Kaffee machen. Und während du alles fast mechanisch erledigst, denkst du, na gut, dann füge ich mich eben in dieses Leben als Mensch des 21. Jahrhunderts. Wenn es blöd kommt, fremdelst du den ganzen Tag als wärst du im falschen Film. Wer gibt dir eigentlich die Gewissheit, dass du gestern nicht jemand anderes warst? Beweisen kannst du es nicht. Du erinnerst dich an deine Biographie? Es könnten auch fremde Erinnerungen sein. Du bist über Nacht einfach hineingeschlüpft, hast dir die fremden Erinnerungen angezogen wie eine Jacke. Am Ende warst du gestern noch die Ex-Geliebte von Horst Seehofer und hast gerade der BILD alles gebeichtet, wie es war mit Seehofer und so. Was hast du dir gedacht, als du ein Verhältnis mit einem verheirateten Politiker begonnen hast? Das war nicht gerade klug, oder? Na ja, wo die Liebe hinfällt. Vorstellen kannst du dir das heute nicht mehr, denn heute bist du im Körper eines Mannes erwacht und ins Bad gewankt. Ja, so geht es zu in der Welt. Alleweil ändert sich was.

Jetzt sitzt du in der Aachener Pontstraße vor dem Laden einer Bäckereikette, die keinen guten Ruf hat, da sich ihr Name dummerweise auf „Goebeln“ reimt. Bist trotzdem mutig hineingegangen, hast dir Kaffee und ein Brötchen aufs Tablett laden lassen, nach Milch musstest du fragen und bekamst die pampige Antwort, die stehe irgendwo auf den Tischen, und jetzt sitzt du draußen in der Sonne, trinkst deinen Kaffee, und was ist? Dein Brötchen fühlt sich auf der Unterseite feucht an. Das ist ein bisschen eklig, und hättest du jetzt Lust, dir die Zimpe der Verkäuferin noch einmal anzuschauen, dann würdest du hineingehen und das Brötchen reklamieren. Doch du hast dich ja auch in deiner früheren Existenz als Geliebte nicht gut um deine Belange gekümmert. Also hoffst du, das Brötchen werde in der Sonne rasch trocknen, am besten, bevor du beim Beißen an die nasse Stelle kommst.

Gegenüber werden die oberen Etagen des Hauses Nr. 117 renoviert. Bist du vielleicht vor 170 Jahren der Bankkaufmann Julius Reuter gewesen? Dann hättest du dort unterm Dach einen Taubenschlag gehabt. Deine Täubchen fliegen für dich nach Brüssel und zurück. Das ist recht weit, und du bist stolz darauf, dass deine Täubchen die Strecke so sicher und rasch bewältigen. Selten verfliegt sich eine oder landet in einem wallonischen Kochtopf. Und deshalb versorgst du deine Täubchen gut, stehst unterm Dach, und durch die offenen Luken blinzelt die Morgensonne herein. Du magst es, die Staubteilchen im Lichtbündel tanzen zu sehen. Es ist, als hätten sie sich im Sonnenlicht zum Hochzeitstanz versammelt. „Hochzeit?“ Das Wort rührt etwas in dir an. Hattest du nicht gegen Morgen noch von einer schönen Hochzeit geträumt? Du wolltest einen bekannten Politiker heiraten, der leider schon eine Frau hatte. Seltsamer Traum.

Egal jetzt, die Börsenkurse müssen nach Brüssel gesandt werden. Du wickelst die Listen zu kleinen Rollen zusammen und steckst sie in Hülsen. Nun kommt, meine Täubchen! Seid meine Boten! Tragt die Depeschen brav nach Brüssel hin. Und während du ein ums andere Täubchen gen Himmel wirfst, denkst du, dass du ihnen bald den Hals umdrehen wirst. Werner von Siemens hat dir geraten, nach London zu gehen und dort ein Telegraphenbüro zu eröffnen. „Julius! Die Telegraphie wird die Welt verändern“, das hat Siemens dir gesagt.

Im Gartenpavillon hat das Mädchen gerade das Frühstück aufgetragen. Du küsst deine Frau auf die Stirn, setzt dich zu ihr und sagst: “Guten Morgen, meine Liebe. Neuste Nachrichten: In der Schule schildert der Lehrer die Wunder Jesu. ‚Die Blinden macht er sehen, die Lahmen macht er Gehen. Und was macht er mit den Tauben, na Wilhelm?‘ Wilhelm überlegt: ‚Die ließ er fliegen!‘ Die Tauben ließ er fliegen. Hihi! Genauso mache ich es auch.“ Und dann überzeugst du deine Frau, dass es gut ist, nach London zu gehen. Siemens hat dies gesagt! Siemens hat das gesagt! „Die Tauben können wir fliegen lassen wie Jesus, liebe Helma. – Oder ich drehe ihnen den Hals um.“
„Gott sei Dank!“

Gedenktafel in Aachen – (Foto: Iris Reinhardt für Wikipedia)

Unfassbar denkst du, während du leider in die feuchte Stelle des Brötchens beißt, dass die große stolze Nachrichtenagentur Reuters hier im Haus Nr. 117 der Pontstraße ihre Wurzeln in Taubenkot hat. „Damit begann sein Lebenswerk im Dienste des Nachrichtenverkehrs der Welt“, steht auf der Gedenktafel. Es ist eine Lüge. Es ging um Aktienhandel. Dass es Finanzleute waren, die ein Interesse am raschen Austausch von Börsennachrichten hatten, findest du einleuchtend. Wenns um Geldgeschäfte geht, ist Geschwindigkeit Trumpf. Wer als erster weiß, wie die Aktien stehen, kann ordentliche Gewinne machen. Da ist es auch plausibel, dass die Nachrichtenagentur Reuters noch heute 90 Prozent ihres Umsatzes mit Aktienhandel macht. Das Nachrichtengeschäft ist nur Beifang. Beifang wie die großen rauschenden Zeitungen. Letztlich sind auch sie nur Gelddruckmaschinen.

Manchmal ist es ganz erhellend, mit der Welt zu fremdeln, findest du doch auch.

Ich möchte Hintertupfing lesen

Der US-amerikanische SF-Film Soylent Green von 1973 spielt im New York des Jahres 2022, für uns übermorgen. Die Hauptfigur, einen Polizisten, sieht man gelegentlich einen in der Stadt aufgehängten Kasten aufschließen und mit einem sich darin befindlichen Telefonhörer mit seiner Dienststelle telefonieren. Im Jahr 1973 war an Mobilfunk noch nicht zu denken. Das Beispiel habe ich oft vor Augen. Es ist dies Retro-Futurismus, eine Vorstellung von Zukunft, die niemals war.

Es gibt neben dieser filmisch-künstlerischen Umsetzung überkommener Ideen auch Ideen, die sich überholt haben und niemals dargestellt werden. Eine dieser Ideen hege ich seit langem und musste letztens feststellen, dass sie von der technologischen Entwicklung überrollt worden ist. Noch gar nicht in der Welt und schon plattgemacht.

Folgendes: Es geht um die Bahnhofsschilder (auch Stationsschilder), die in Bahnhöfen parallel und entlang der Bahngleise aufgestellt sind. Die Bahn hat sie an den meisten Stationen formal vereinheitlicht in Farbgebung, RAL 5023 Fernblau, und Schrifttype DB Type, für die Bahn entworfen von Erik Spiekermann und Christian Schwartz. Es handelt sich bei der DB Type um eine serifenlose Linearantiqua, in Deutschland auch Grotesk genannt. Ähnliche Schriften werden in ganz Europa auf Hinweisschildern verwendet, waren in Deutschland ursprünglich nach DIN 1451 gestaltet. Es geht, wie man sich denken kann, um Eindeutigkeit, Fernwirkung und gute Lesbarkeit.

Wenn ich Bahn fahre, dann meistens im Fernverkehr, so dass der Zug, in dem ich sitze, nur in größeren Bahnhöfen hält. Während der Zug durch die Landschaft sauste, als hätte er sich von der irdischen Welt in eine andere Dimension entzogen, während manche Reisenden nicht mal hinschauen, bedauere ich die unsoziale Missachtung der Welt da draußen. IC- und ICE-Züge fahren Menschen über die Köpfe der anderen hinweg. Sie entfernen die Menschen voneinander, obwohl sie verbinden. In den verschmähten Ortschaften ist auch menschliches Leben, wird geliebt, gehasst, sich erfreut oder gelitten, und mich hat schon immer interessiert, wie diese Orte heißen. Da aber die Fernzüge derart schnell an den Stationsschildern vorbeirauschen, ist die Entzifferung kaum möglich, obwohl sie doch aufgestellt sind, um Reisende zu informieren. Denn wer in Hintertupfingen lebt, muss nicht am Bahnhof nachschauen, wie sein Heimatort heißt. Lediglich wer versehentlich dort aussteigt, wäre dann die Zielperson des Stationsschildes und könnte ausrufen: „Was? Ich bin in Hintertupfingen?! Hätte ich nie gedacht! Hintertupfingen! So so!“

Hintertupfingen kann nicht lang genug sein – Grafik/Gifanimation: JvdL


Meine Idee also wäre, aus den Stationsschildern Anamorphosen zu machen, sie so zu strecken, dass man sie auch im Vorbeisausen lesen könnte. Billiger wäre freilich, mindestens ein Schild einige hundert Meter vom Gleis weg aufzustellen. Dann wäre es auch zu lesen. Während ich also erneut darüber nachdachte, meldete mein Smartphone eine einkommende Email. Bei der Gelegenheit rief ich Google maps auf und fand dort die ganze Gegend angezeigt, in der ich mich gerade befand.

Also meine anamorphosischen Stationsschilder sind quasi überflüssig wie die eingangs erwähnten Telefonblechkästen. Aber immerhin ist die Sache jetzt mal dargelegt, als „Produkt“ der Konzept-Art.

Onkel Josef sein Waschbecken, Eselsohren, Strohhalme und Colomans fromme Fliege

Fast vergessen hatte ich, dass ich über private Leihbüchereien schreiben wollte, wie wir eine Anfang der 1960-er Jahre auf dem Dorf hatten. Der Text über private Leihbüchereien im Allgemeinen muss leider noch warten. Heute geht es um etwas anderes. Inzwischen ist mir über Gewährsleute zugetragen worden, dass die Wäscherei Fonk gar keine Wäscherei gewesen ist, sondern ein Nähstübchen. Der Einfachheit halber belasse ich es aber bei der Vorstellung, die private Leihbücherei meiner Kindheit wäre hauptsächlich eine Wäscherei gewesen. Mein Onkel Josef, der Drucker, war da ebenfalls Kunde. Er lieh sich regelmäßig dicke Western aus. Das aktuelle Buch lag immer auf dem Gästeklo, und zwar aufgeschlagen über dem Rand des Waschbeckens, so dass er bei der nächsten Sitzung wusste, wo er weiter lesen könnte. Ein Waschbeckenrand als Lesezeichen ist recht unsicher, denn jederzeit könnte jemand das Waschbecken seinem Zweck gemäß benutzen, das hinderliche Buch einfach zuklappen und weglegen. Sicherer sind da schon Eselsohren. Dazu wird bekanntlich die Seite, bei der das Lesen unterbrochen wurde, an der oberen oder unteren Ecke umgeknickt, was man bei Büchern aus der Wäscherei Fonk unbedenklich tat. Man hatte keine Ehrfurcht vor den Büchern aus der Wäscherei Fonk. Sie waren auf billigem Papier gedruckt und hatten ohnehin viele Lesespuren wie Risse, Kaffeeflecken und verschmierte Stellen zweifelhafter Herkunft.

Nach diesem etwas anrüchigen Anfang sind wir hurtig bei unserem Thema angelangt, den Lesezeichen. Der irische Mönch Coloman († 17. Juli 1012) hatte der Überlieferung nach eine Fliege, die auf dem Codex saß, in dem Coloman las. Immer wenn er eine Lesepause einlegen wollte, befahl er der Fliege, auf der zuletzt gelesenen Zeile sitzen zu bleiben, was die Fliege auch tat. Dieses lebendige Lesezeichen wird ihm leider irgendwann vom Codex weggestorben sein, ohne die Fähigkeit zu vererben, denn ähnliche Dienstleistungen wurden nie mehr von Fliegen berichtet.

Gut 200 Jahre nach Coloman klagt Richard de Bury im Philobiblon, seinem berühmten Buch von der Bücherliebe, über allerlei Verbrechen an den kostbaren handschriftlichen Büchern durch unachtsame Novizen: „Eine Unmenge Strohhalme streut er hin, um sie an verschiedenen Stellen sichtbar einzulegen, damit das Stroh zurückrufen soll, was das Gedächtnis nicht behalten kann.“ (Auszüge aus dem Philobiblon im Teestübchen-Handschriftenseminar)

Gedruckte Bücher brauchen keine Eselsohren, keine dressierte Fliege, kein Stroh, sie haben ein Lesebändchen, allerdings trifft das nur bei wirklichen schönen Büchern zu. Man kann sich fast danach richten: Wenn ein Buch ein Lesebändchen hat, ist es auch ein gutes Buch. Als ob sich die Verleger zusammengesetzt hätten und gesagt: „Wenn wir ein wirklich gutes Buch verlegen, dann wollen wir es mit einem Lesebändchen kennzeichnen. So gesehen ist’s eigentlich irreführend, dass E-Book-Reader für beliebige Bücher ein Lesebändchen simulieren können. Ich hätte ja lieber eine digitale Fliege.

Sinnentleerte Dinge des Alltags – Das Ticken

Seitdem Weckerchen Holger endgültig den Geist aufgegeben hat [Teestübchen berichtete], hängt im Schlafzimmer eine Wanduhr. Die habe ich quasi versehentlich gekauft, weil sie im Laden keine Weckerchen hatten, ich aber eine Uhr wollte. Bevor ich mich bette, nehme ich die Uhr von der Wand und lege sie in den Schrank auf die Handtücher. Dort liegt sie gut und lässt nichts mehr von sich hören. Wenn sie an der Wand hängt und tickt, kann ich nicht einschlafen. Vielleicht liegt es an der sekündlich mitgeteilten Sinnlosigkeit ihres Tickens. Das Ticken von Uhren mit mechanischem Uhrwerk kam von der Unruh, einem im Gehäuse hin- und her schwingenden Rädchen, das mit einer feinen Spiralfeder gekoppelt ist. Moderne Uhren mit Quarzantrieb und Batterie haben keine Unruh, würden also auch nicht ticken. Das Ticken wird künstlich erzeugt, vermutlich in Kinderarbeit. Jedes Mal, wenn der Sekundenzeiger vorrückt, muss ein chinesisches Kindlein die Trommel schlagen, tock, tock, tock, wie stumpfsinnig. Bei mir kann es sich nachts wenigstens ausruhen.

Ich würde gerne eine nicht tockende Uhr kaufen. Hersteller sollten sich trauen. Wo kämen wir denn hin, wollten wir all die nutzlos gewordenen Eigenschaften mechanischer Maschinen mit in die Zukunft schleppen? Meine Computertastatur würde mich alle 90 Anschläge mit einer Klingel darin erinnern, dass bei der mechanischen Schreibmaschine jetzt die Zeile geschaltet und der Wagen nach rechts geschoben werden muss. Der ICE müsste pfeifen und fauchen wie eine Dampflok, und das Auto würde auf die Straße kötteln wie ein Pferd. Letzteres wäre aber gut. Würden sich Würste aus dem Auspuff drehen, hätte man vor Augen, welche Dreckschleudern Autos sind.