Einiges über die Magie der gesprochenen Sprache

Einige der Kritkpunkte Platons an der Schrift (lies hier) scheinen durch das Internet widerlegt zu sein. So schwirrt ein Text nicht gänzlich vaterlos durch die Welt. Sein Autor kann ihn gegen Missbrauch, Fehlinterpretation und Veränderung verteidigen. Auch der Vorwurf, dass ein Text zu sprechen scheine, aber wenn man ihn frage, gebe er keine Antwort, stimmt so nicht mehr. Der Autor eines digitalen Textes ist in der Regel noch anwesend und kann zu seinen Aussagen befragt werden. Auch stehen beispielsweise Bloggerinnen und Blogger für ihre Texte ein. Sie verstecken sich zwar manchmal hinter einem Pseudonym, sind aber real existierende Personen. Hinzu kommt ein Vorzug der Blogtexte, an die vor Erfindung des Internets niemand hätte denken können: Die Schrift im Internet ermöglicht wechselseitige Kommunikation, was bislang nur dem Mündlichen vorbehalten war. Diese neuartige soziale Komponente der Schrift führt zu der Idee, dass die Menschen im Netz sich um digitale Herdfeuer versammeln, wie unsere Vorfahren sich ums Feuer versammelt haben, wenn die stockfinstere Nacht herabsank.

Um den Unterschied zwischen solchen Feuerstellen und dem digitalen Herdfeuer zu verstehen, ist es nötig, sich vorzustellen, was es in der Zeit der Mündlichkeit bedeutete, sich ums Feuer zu versammeln. Wo es keine Schrift gibt, ist einer der Ältesten die Bibliothek. Er bewahrt die Erfahrungen und das Wissen einer Kultur wie auch die geschichtlichen Ereignisse in seinem Gedächtnis. Diese Erinnerungen sind von einem Alten auf ihn gekommen, als er selbst noch jung war. Aber er speichert natürlich auch neue Ereignisse und Erfahrungen. Damit er alles besser behalten kann, wurden der Reim und das Lied erfunden. Bei den Germanen wie in vielen mündlichen Kulturen gab es einen alten Rechtsbrauch. Wenn ein neuer Grenzstein gesetzt wurde, nahm man einen Knaben mit und versetzte ihm an Ort und Stelle eine kräftige Ohrfeige, damit er sich immer an die Stelle erinnerte, wo der Grenzstein gesetzt worden war. Manchmal zog man ihn auch schmerzhaft am Ohr. Unser Wort Zeuge meint eigentlich das am Ohr ziehen.

Stellen wir uns so einen Bewahrer der Erinnerungen vor. Nennen wir ihn Gisli. Denn es ist wichtig, den Personen einen Namen zu geben. Alte Erzählungen, etwa die Sagen der Isländer, fangen beispielsweise so an: „Da war ein Mann, der hieß Gisli …“ Sofort tritt da jemand vor unserem geistigen Auge auf und es kann mit der Erzählung losgehen: Die Sonne sinkt. Gleich fällt uns die Nacht auf den Kopf!

Hast du einmal hingefühlt, wie sie ist, die Nacht? Ist sie nicht wie ein dunkles Wesen, rätselhaft und manchmal beunruhigend? Und ist sie nicht wunderbar, wenn wir uns sicher fühlen? Wenn man zum Beispiel geschützt im Bett liegt und hat einen lieben Menschen in der Nähe? Dann darf sie ruhig kommen, die Nacht. Dann darf sie dich umfangen und hinweg tragen in das Land der Träume. Angst und Geborgenheit, solche Gefühle stecken in dem kleinen Wort „Nacht“. Denn aus jedem unserer Wörter steigen die Gefühle vergangener Zeiten auf, wenn man sie genauer betrachtet. Alle nächtlichen Gefühle der Menschen von den Anfängen bis heute, die hat der kleine Laut „Nacht“ eingesammelt und in sich bewahrt. So ist es mit alten Wörtern.

Wenn Gisli einst seine Geschichten sang, dann war um ihre Hütten herum tiefe Nacht. Die Nacht war stark und mächtig. Sie legte sich auf die Welt nieder, drang in alles hinein und ließ die Welt für viele Stunden nicht mehr los. Der mächtige Wald ringsum lag in tiefer Finsternis und rückte bedrohlich nah an die Hütten der Menschen heran. Da war nirgends ein Licht. Die Nacht war eine unerbittliche Herrscherin. Man musste sie fürchten, man musste sie achten.

Gif-Animation: JvdL

In einer solchen Nacht saßen sie in einer Hütte beieinander. Das Feuer knisterte und warf den einzigen Lichtschimmer. Doch jeder spürte jeden. Ihre Gerüche und ihr leises Atmen, das einte sie in dieser dunklen Hütte und gab ihnen Sicherheit. Und dann begann Gisli zu singen. Er öffnete den Mund, und aus seiner Kehle stiegen langsam die vergangenen Jahrhunderte herauf. Gislis heiserer Gesang zog durch den Raum und zog in ihre Herzen. Gislis Gesang von vergangenen Zeiten war ein stetes Schwingen, und allmählich, doch dann immer stärker begannen sie alle in der Hütte mitzuschwingen. Ihre Kehlen formten Gislis Laute nach, wie wir es noch heute beim leisen Lesen tun. Ihre Kehlen formten das Echo, die uralte Echolalie. In Gislis Gesang, da wurden sie eins. Es war eine Stimme, die da sang: ihre Stimme. Und in ihren Stimmen waren die Stimmen all ihrer Vorväter. So war Gislis Gesang. So hatte er ihn vom Ältesten gelernt. Und der Älteste hatte ihn als kleiner Junge von seinem Ältesten gehört. Das war eine lange Reihe von Meistern und Lehrlingen, eine lange Folge von Sängern. Sie zieht sich tief hinab in die Jahrtausende und verliert sich im Dunkel der Zeit. Und ganz tief unten, in der Nacht der Menschheit, am Anfang dieser langen Reihe der Sänger, da kehren wir alle zurück zu den ersten Menschen, zurück ans Feuer der Uralten.

Man kann sich vorstellen, dass die Sprache für die Menschen ohne Schrift etwas Magisches bedeutete. Mit ihr ließen sich vergangene Zeiten heraufbeschwören, die Verbindung zu den Ahnen herstellen, aber vor allem das Gemeinschaftserlebnis stärken.

Das alles ändert sich mit dem Aufkommen der Schrift. Geschriebene Sprache ist in vielerlei Hinsicht unsinnlich. Die Alten werden ab jetzt nicht mehr geachtet. Weil es ja Bibliotheken und Nachschlagewerke gibt, werden sie nicht mehr gebraucht. Wir wollen die mündliche Kultur nicht idealisieren. Schrift hat auch viele Vorteile. Doch klar ist, dass sich die Sprache unter dem Einfluss der Schrift verändert hat. Und nicht nur das Verhältnis der Menschen zu ihrer Sprache verändert sich, auch ihr Denken und Fühlen ist anders. Die Schrift ermöglicht die Trennung von Mensch und seinem Wort, Kommunikation aus der Ferne, sprachlichen Austausch über Zeit und Raum. Dadurch vereinzelt der Mensch. In der Schriftkultur ist jeder Mensch in ein einsames Universum verbannt.

Wir benutzen Schrift nicht nur zum Austausch von Informationen. Manche von uns versuchen sich in Poesie und Literatur, was nichts anderes ist, als der Sprache ihre Magie wieder zu entlocken. Manche tauschen nur einfache Freundlichkeiten aus. Diese Äußerungen wirken auf Außenstehende banal, weil man den Informationsgehalt vermisst. Aber diese schriftlichen Freundlichkeiten haben einen ganz anderen Sinn. Sie sind Streicheleinheiten aus der Ferne.
All das bietet uns das digitale Herdfeuer. Es ist nicht fassbar, aber tut trotzdem gut.

    Wiederveröffentlichung vom Oktober 2015

EDIT:13.04.2020
Das digitale Herdfeuer ist wegen der Corona-Beschränkungen demokratischer Grundrechte aktueller und nötiger und denn je.

„Wo bist du?“ Einiges über Fernkommunikation

Auf der Ecke unten hat mal eine Telefonzelle gestanden. Die Telecom hat sie abgebaut, obwohl sie rege genutzt wurde. Ihre Nutzer waren Zwecktelefonierer, denn eine Telefonzelle suchte man nur auf, wenn es sein musste, zumal es wohl Leute gab, die Telefonzellen sogar ausdrücklich aufgesucht haben, wenn sie mal mussten. Telefonzellen werden bald vergessen und mit ihren angeketteten Telefonbüchern nur noch Exponate im Technikmuseum sein. Smartphonebesitzer werden staunen, dass es mal solche Häuschen gab, in die man sich schamhaft zurückzog, um ein Privatgespräch zu führen. Derzeit lagert die Telekom die ausrangierten Telefonzellen nahe Potsdam. Man kann sie kaufen und im eigenen Garten aufstellen.

Staunen wird man auch über eine Erscheinung jugendlicher Folklore, die mit der Telefonzelle verloren gegangen ist: Wir sehen den übermütigen Versuch, 18 Personen in eine Tefonzelle zu pressen, im Jahr 2007 auf dem Aachener Markt, hier von mir mehr schlecht als recht dokumentiert.

Kaum zu glauben, aber selbst gesehen: 18 Jugendliche in einer Telefonzelle, Aachen, August 2007 – Foto: JvdL

Zeitsprung in die Zeit der Smartphones: Einmal sah ich drei junge Männer nebeneinander gehen, und ein jeder hielt sein Mobilfunkgerät ans Ohr. Theoretisch sprachen sie also mit drei anderen Personen, die sich an unterschiedlichen Orten aufhielten. Es hätte aber auch sein können, dass die drei mit drei anderen redeten, die ebenfalls nebeneinander her gingen, und die drei könnten sogar sie selbst gewesen sein, in einer Konferenzschaltung miteinander verbunden. Ich habe das noch nicht ausprobiert, aber vermutlich ergäbe sich eine Dehnung der Gegenwart durch die Zerstörung der Synchronizität. A ruft B und C an und fragt, was als Telefonphrase erst mit dem Mobilfunk entstanden ist: „Wo bist du?!“ B antwortet: „Nieschlagstraße.“ C ergänzt: „Nieschlagstraße.“ A: „Ich auch.“ Und so weiter. Man kann sich so eine gehaltvolle Konferenzschaltung gar nicht ausdenken.

Kommunikationsmedien sind in erster Linie Gefühlsvermittler, und bedeutende Inhalte müssen ihnen abgerungen werden, sind aber trotzdem nur Mittel zum Zweck. Paul Watzlawick unterscheidet zwischen Inhalts- und Beziehungsaspekt der Kommunikation. Diese Begrifflichkeit ist ebenso sinnverstellend wie die Unterscheidung Zwecktelefonierer und Lusttelefonierer. Letztendlich geht es bei menschlichem Sprachhandeln immer um Gefühle, um Lusterzeugung oder Frustvermeidung. Inhalte sind nur Hemd und Hose, mit denen wir unsere bloßen Gefühle bedecken. Fernkommunikation suggeriert Nähe, kann aber den unmittelbaren Kontakt zwischen Menschen nicht ersetzen.

Denn in seinem Kopf ist der Mensch allein, der einzige Bewohner eines ständig wachsenden Universums. In diesem Universum kann er sich verlieren und irrewerden an der Einsamkeit. Es gibt nur ein Gegenmittel, den regelmäßigen Kontakt mit vertrauten Köpfen. Die soziale Gruppe holt den Einzelnen aus seinem Universum zurück auf den gemeinsamen Teppich der physikalischen Realität und erdet ihn durch das Gemeinschaftserlebnis, den Austausch von Gefühlen, Wahrnehmungen und Erfahrungen. Dies geschieht im menschlichen Maß. Es reicht von der sexuellen Verschmelzung, dem Hautkontakt über die Armeslänge bis hin zur Ruf- und Sichtweite. Berührung, Gestik, Mimik und Lautsprache sind die natürlichen Austauschmittel. Die entsprechenden Sozialverbände sind das Paar, die Familie, die Gruppe, der Stamm oder die Dorfgemeinschaft.

Jedes Mittel der Fernkommunikation schwächt den Kontakt zum direkten Sozialverband und führt zur Individualisierung. Wer nur noch von Universum zu Universum funkt, ist sogar ständig vom Gefühl der Einsamkeit bedroht, denn Fernkommunikation ist beschränkt auf die vom Menschen abgelösten Zeichensysteme. In einer Welt, die von der Fernkommunikation bestimmt ist, sind auch die Sozialverbünde geschwächt, weil sie sich die Aufmerksamkeit teilen müssen mit Menschen, die an anderen Orten sind.

Drei junge Männer, die telefonierend nebeneinander ausschreiten, bieten ein surreales, aber trauriges Bild. Ein jeder ist seine eigene Telefonzelle und riecht nach Notdurft.

Plötzlich, plötzlich – über die Illusion der Gegenwart

Wiliam Blake; „Europe a Prophecy“ (1794)

William Blake; „Europe a Prophecy“ (1794)

Ich liebe den Zustand des Dämmerns, bevor ich einschlafe. Dann gehen mir völlig selbstständig mich selbst überraschende Gedanken durch den Kopf. Plötzlich sehe ich Jeremias Coster in meinem Bürostuhl sitzen, wie immer liebenswürdig lächelnd. Obwohl mein Bürostuhl noch neu ist, gelingt es Coster, ihm quietschende Geräusche zu entlocken, indem er hin- und herwippt.
Ich mahne: „Das ist kein Schaukelstuhl!“
„Habe ich auch nicht behauptet“, sagt Coster und fährt fort: „Ich hätte Lust, dir etwas mitzuteilen oder mit dir zu besprechen, was ich herausgefunden habe.“
„Da bin ich gespannt. Aber es ist auch ein bisschen gruselig. Sie sind meines Wissens tot, Coster. Ich habe Ihre Asche mit eigenen Händen verstreut. Jahre ist’s her. Und jetzt sitzen Sie da und strapazieren meinen Bürostuhl.“ Weiterlesen

Im Papierkorb legen – Prima Sprachberatung mit Huhn

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WordPress-Screenshot – Gif-Animation: Trithemius

Jedesmal, wenn ich eigentlich nur einen meiner Kommentare korrigieren will, muss ich das redaktionseigene Huhn aufscheuchen, damit es tut, was Hühner am besten können, nämlich legen – und wo? „Im Papierkorb“ natürlich. „Natürlich, natürlich, was hat denn das Huhn mit deinen Tippfehlern zu tun?“, fragt mein besseres Ich und mahnt, es wäre darauf zu achten, dass die unliebsame Textpassage nicht zu groß ist, denn ein solch faules Ei würde das Korrekturhuhn vermutlich zerreißen. Ich weiß nicht, ob jeder deutschsprachige WordPress-Blog-Editor „Im Papierkorb legen“ befiehlt. Es hätte doch längst auffallen müssen. Ich jedenfalls hätte nichts gegen eine kleine grammatische Korrektur, damit ich mein Korrekturhuhn endlich zur Ruhe legen kann. Wohin? In den Papierkorb natürlich.

Wortlos geträumte Klarsicht

Gegen morgen träumte ich etwas Gutes, von dem ich sicher war, es beim Erwachen noch zu wissen. Aber ich weiß den Traum kaum noch. Immerzu entzieht er sich, lehnt dann feixend an der nächsten Hausecke, doch komme ich hin, ist er schon wieder vorausgeeilt. Daher kann ich ihn nur aus der Ferne schildern:

Es war ein goldener Oktobertag mit blauem Himmel und einer wärmenden Sonne. Ich stand am oberen Ende einer leicht abfallenden Straße, die auf der linken Seite mit Jugenstil-Stadthäusern gesäumt war. Ein verwunschener Hofgang war mir aufgefallen. Ich hatte ihn Tage zuvor fotografiert, also wirklich, nicht im Traum, obwohl der natürlich auch auf gewisse Weise wirklich ist. In meinen Traum jedenfalls wurde mir klar, dass ich aufhören müsste, den Wörtern zu vertrauen. Demgemäß sprach oder dachte ich nichts, sondern schaute nur. Und je länger ich schweigend schaute, um so deutlicher trat mir die wahre Natur der Dinge vor Augen, derart, dass sich die Wörter winselnd zwischen mich und meine Wahrnehmung zu drängen versuchten. Aber ich beachtete sie nicht, weil ich den klaren Blick nicht wieder verlieren wollte.
hofgang
Derweil ich das schreibe, sehe ich ein, dass es ohne Wörter nicht geht, denn hätte ich wohl ohne Schilderung mitteilen können, was das Foto besagt, dass es nämlich eigentlich zu einem wortlosen Traum gehört und sich in viel größerer Klarheit in meinem Kopf befand? Die Wörter haben leider alles vernebelt.

Über das Denken am Herdfeuer

Hier sitze ich gern. Doch in der Dunkelheit habe ich es noch nie getan. Und Mondlicht gibt es kaum, der Mond ist nur eine dünne Sichel. Die hohen Bäume hier, die meisten sind Buchen, wie du vielleicht im Dunkeln ahnst. Ein Herrscher hat sie pflanzen lassen. Vorher war der Berg kahl. Man hat nichts gewusst, damit anzufangen, bis der Fürst kam und einen Park hinpflanzen ließ. Die Alten haben hier nach Flint gegraben, du weißt schon Feuerstein. Sie schlugen scharf Splitter davon ab für Messer und Pfeilspitzen. Zu ihrer Zeit oder später hat es vermutlich überall Wald gegeben. Die kleinen Rodungen, die es gab, lagen weit verstreut.

Selten bekamst du einen Menschen von einer anderen Rodung zu Gesicht. Sie waren dir fremd, hatten ihre eigene Geschichte und hatten ihre eigenen Gesetze. Doch bei solchen Begegnungen mit Fremden habt ihr über deren Kleidung und Haartracht gestaunt, mehr noch über deren Waffen. War die Begegnung nur kurz, war sie bald schon vergessen. Sonst dachtet ihr wenig nach. Warum auch? Alles war doch selbstverständlich seit Menschengedenken schon so gewesen.
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Das Murmeln der Mönche und Mitreden wollen

Wir sehen eine aktuelle Anzeige des Medienkonzerns Madsack für seine beiden Hannoveraner Zeitungen, Neue Presse und Hannoversche Allgemeine (größer: klicken) mit der Headline: „Weil mich jedes Wort mitreden lässt.“ Was ist die Botschaft?

mitredenDie Werbefuzzis des Madsack-Verlags meinen vielleicht, dass inhaltlich mitreden kann, wer ihre Zeitungen Wort für Wort liest. Sie meinen vermutlich nicht die Erkenntnis, dass die Stimmritze des Menschen sich beim leisen Lesen mitbewegt, dass wir also unwillkürlich nachsprechen, was wir lesen.
Das tonlose Lesen ist eine noch relativ junge Kunst. Die frühmittelalterlichen Bibliotheken waren von einem ständigen Murmeln erfüllt. Die unübersichtlichen Zeilen mit ihrem Buchstabeneinerlei, zwangen die lesenden Mönche zum lauten Buchstabieren, worauf der Philosoph Ivan Illich hingewiesen hat, wobei er die wunderbare Metapher prägte: „Murmler im Weinberg des Textes“.

Illich hat auch als erster darauf aufmerksam gemacht, dass der Übergang vom lauten zum leisen Lesen ein geistesgeschichtlicher Umbruch war. Er wurde erst möglich, nachdem im 7. Jahrhundert die Worttrennung eingeführt worden war, damit irische Bauern (idiotae) leichter Latein lernen konnten, wenn sie zu Mönchen ausgebildet wurden, um hinfort auf Europas Festland zu missionieren. Erst die Einteilung der Zeilen in Wörter, und in der Folge die Wortbilderkennung erlaubt das schnelle und leise Lesen. “Der Murmler im Weinberg des Textes” nimmt noch eine unterwürfige Haltung vor seinem Text ein. Denn er lässt die heiligen Texte ertönen, wodurch Schriftzeichen wieder zum gesprochenen Wort werden. Der leise Leser hingegen kann sich vom Text distanzieren, indem er ihm die Vertonung verweigert. Ein Text muss jedoch tönen, damit er seine volle Kraft entwickeln kann. Darum die Vorlesung an der Universität und die Autorenlesung. Ein Notarvertrag muss ebenfalls laut vorgelesen werden, um gültig zu werden.

Heutiger Schriftgebrauch hat sich weit vom Laut entfernt. Weil wir vermeintlich leise Leser sind, neigen wir auch zum leisen Schreiben, sind also versucht, Papierdeutsch zu schreiben, das heißt Sprache, die nicht tönt. Papierdeutsch wird vom Leser unbewusst abgelehnt. Deshalb sollte man beim Schreiben immer prüfen, ob der Text gut klingt, ob man ihn also gut vorlesen kann.

Ein anderer Aspekt ist das Mitreden. Der griechische Philosoph Platon hat im Phaidros schon früh eine Kritik an der Schrift formuliert, die gewiss heute noch gilt. Er lässt Sokrates vier Einwände gegen die Schrift vorbringen. In Kurzform:

1. Die Schrift schwäche das Gedächtnis.
2. Sie scheine zu sprechen, antworte jedoch nicht.
3. Sie richtet sich nicht an einen ausgewählten Adressatenkreis, sondern „schweife unter denen umher, die sie verstehen und unter denen, die sie nicht verstehen, weil sie gar nicht für sie gedacht ist.“
4. Der Autor stehe nicht mit seiner Person für die Rede ein.

Gerade Punkt 3 bringt nach Platon Scheinweise hervor, Leute also, die glauben aus der Schrift etwas verstanden zu haben und deshalb überall mitreden, auch bei Dingen, die sie nicht verstehen oder sich nur sinnlich erfahren lassen. Leider sind wir fast alle in der letzteren Situation. Außer den Alltagsbeobachtungen können wir nur in Erfahrung bringen, was irgendwo geschrieben steht. Das macht den jungen Mann aus der Zeitungswerbung zur Karikatur. In seiner Zeitung steht, „was schlau macht.“ Der amerikanische Journalist und Schriftsteller Ambrose Bierce höhnte schon Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem sarkastischen Wörterbuch: The Devil’s Dictionary

„Erfrischend: Einen Menschen treffen, der alles glaubt, was in den Zeitungen steht.“

Schrecklich, wenn so ein Schlauberger auch noch überall mitreden will.

Fortsetzung folgt: „Über die Kraft des Mündlichen“

Einiges über lange Wörter und die Innere Sprachpolizei

Ich möchte endlich mal einen richtig langen Text schreiben dürfen mit lauter breiten Wörtern wie Gesundheitswiederherstellungsmittel und Gesundheitswiederherstellungsmittelzusammenmischungsverhältniskundiger, ohne dass gleich so ein neumalkluger Sprachpolizist mit dem Zollstock kommt und sagt: „Ihr Text ist mindestens fünf Zentimeter zu breit für den Bürgersteig. Schreiben Sie doch statt Gesundheitswiederherstellungsmittel Arznei, Medizin oder von mir aus Medikament, obwohl Medikament hinsichtlich seiner Länge mit seinen zehn Buchstaben schon hart an der vom Ordnungsamt erlaubten Grenze ist. Aber hören Sie mal, Herr Trittenheim, Gesundheitswiederherstellungsmittelzusammenmischungsverhältniskundiger geht gar nicht. Jetzt stellen Sie sich das Wortungetüm doch mal für eine Zeitungsanzeige korrekt gegendert vor:

Rathausapotheke sucht freundliche Gesundheitswiederherstellungsmittelzusammenmischungsverhältniskundige bzw einen ähnlich freundlichen Gesundheitswiederherstellungsmittelzusammenmischungsverhältniskundigen

oder noch schlimmer als Kompositum mit Auszubildende.“

„Hallo, Herr Sprachpolizist, ist Ihnen jetzt vielleicht das Polizeipferd durchgegangen? Gehört mir etwa die Rathausapotheke? Ich hatte überhaupt nicht vor, eine Anzeige aufzugeben und diese Wörter zu gendern, sehe mich aber jetzt vor die Situation gestellt, dass die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser durch Ihre blöden Beispiele schon überbeansprucht wurde und einige möglicherweise einen Angstzustand bei sich entdeckt haben, nämlich die Hippopotomonstrosesquippedaliophobie, womit in Fachkreisen die Angst vor langen Wörtern bezeichnet wird.“

„Was heißt denn hier Fachkreise? Diese Fachkreise sollten wissen, dass der gemeine Leser, die durchschnittliche Leserin lange Wörter überhaupt nicht liest. Wenn ich hier mal rumfrage, wer sich das Buchstabieren der langen Wörter einfach geschenkt hat, werden einige rot. Diese Damen- und Herrschaften könnten nicht mal zu ihrer Entschuldigung sagen, sie wären Hippopotomonstrosesquippedaliophobikerinnen bzw. Hippopotomonstrosesquippedaliophobiker, weil sie das Wort nämlich überhaupt nicht gelesen, sondern nur überflogen haben.“

„Ehrlich gesagt habe ich mal einen Text verfasst, worin Hippopotomonstrosesquippedaliophobie
vorkommt. Den würde ich mich auch nicht trauen bei einer Lesung vorzutragen, weil ich das Wort dann komplett lesen müsste. Da hätte ich Angst, mich zu verhaspeln oder die Leute wären schon eingeschlafen, wenn ich grad erst bei Hippopotomonstroses angekommen wäre. Dann hätte ich das elend komplizierte „quippedaliophobie“ ganz umsonst gelernt. Dabei ist der Text ganz interessant. Er handelt von einer alten Dame, die von der Vorstellung gepeinigt wird, in der Nacht würden kleine Männchen aus dem Fernseher steigen und ihre schönen Sachen gegen blödere Sachen austauschen. Mein Freund Filipe d’Accord, also der Musiker, mit dem ich letzten Samstag aufgetreten bin, der hat die Frau als Zivildienstleistender betreut. Einmal hat er zu ihr gesagt: „Da haben Sie aber einen schönen Blumenstrauß!“ Die alte Dame hat abgewunken, der wäre vorher noch viel schöner gewesen. Aber dann wären die aus dem Fernseher gekommen und hätten den Strauß gegen einen blöderen ausgetauscht.

Interessant ist ja, dass in den menschlichen Phobien nichts korrekt gegendert wird. Korrekt müsste es heißen, dass aus dem Fernseher Männchen und Fräuchen klettern, die alle schönen Sachen gegen blöde austauschen. Aber in einem solchen Fall höchster Gemeinheit will Frau eben nicht unbedingt mitgenannt werden.

Übrigens habe ich bei meiner Lesung am Samstag gemerkt, wie plötzlich im gesamten Auditorium die Aufmerksamkeit wegsackte, und das bei einer Textstelle, die überhaupt nicht langweilig, sondern im Gegenteil sehr lustig war und wo gelacht wurde. Da war ich für einen Moment irritiert, konnte das unkonzentrierte Volk aber durch meine geschickte Wortwahl und Beschreibung verrückter Vorgänge wieder einfangen. Da dachte ich nebenher, dass es nichts mit dem Lesen im Blog zu tun hat, wenn lange Texte nicht angenommen werden. Es ist nur so, dass die Aufmerksamkeit der Leute früher viel besser war. Aber dann kamen die aus dem Privatfernsehen und haben deren gute Aufmerksamkeit gegen eine Form von Aufmerksamkeit auf die blöden Werbepausen ausgetauscht, so dass die Leute sich mitten in meinem schönsten Text plötzlich fragen, wo eigentlich die Erdnüsse sind oder merken, sie müssen mal unbedingt Pipi machen.

Naja, besser sie gehen rechtzeitig, bevor ich einen lustigen Text lese, und es läuft vor Lachen alles in die Hose. Aber wenn das Malheur sowieso schon passiert ist, darf ich vielleicht endlich mal einen echt langen Text schreiben.

Hier stand vorher ein viel besserer Text. Kleine Fräuchen sind aus dem Internet gestiegen und haben ihn gegen einen schlechteren ausgetauscht. Wer/wie war das?!!!

Herr und Frau Tschechow beehren sich einzuladen

Über die Schreibweise der Familiennamen

Johannes Gutenberg gilt allgemein als Erfinder des Buchdrucks. Erstmals urkundlich erwähnt ist er vermutlich in den Matrikelbüchern der Universität Erfurt zu seiner Immatrikulation im Sommersemester 1418 als Johannes de Alta Villa (Eltville). 50 Jahre später, im Jahr 1468 stirbt Gutenberg. Sein Tod ist unter dem Namen Henne Gensfleisch verzeichnet. Ihn trotz abweichender Namen jeweils in den Akten des 15. Jahrhunderts aufgespürt zu haben, ist eine Glanzleistung der Gutenbergforschung, einem Zweig der Geschichtswissenschaft.

Der englische Gelehrte Dr. Crown schrieb in den verschiedenen Büchern, die er in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts herausgab, seinen Namen verschieden als Cron, Croon, Croun, Crone, Croone, Croune. Auch Lawrence von Arabien mochte seinem Verleger nicht den Gefallen tun, seinen Namen einheitlich zu schreiben: „Ich schreibe meine Namen beliebig, um zu zeigen, welcher Unsinn alle Systeme sind.” (nach Ignace Gelb)

Die Schreibweise der Familiennamen unterliegt nicht allgemeinen Orthographieregeln, sondern folgt nach gutem altem Recht der willkürlichen Schreibpraxis der Familientradition. Feste Regeln hätten eine weit geringere Zahl verschiedener Familiennamen zugelassen als wir heute haben. Die abweichenden Schreibweisen entspringen dem berechtigten Wunsch der Familien, sich voneinander abzugrenzen und keinen Jedermannsnamen zu tragen.
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