Aus dem Off – Von den Socken

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Manche finden, wenn es warm ist, sie sollten die Socken weglassen. Ich kannte mal einen, der ließ die Socken weg in allen Monden ohne R, egal ob’s warm oder kalt war. Er war aber auch ein Naturbursche, sprang allmorgendlich vor dem Frühstück nackt in eine Zisterne mit von Algen schleimig grünem Regenwasser, die er hinterm Haus hatte.

Ich will aber über einen anderen schreiben, den ich heute ohne Socken sah. Er war groß und massig, so um die 50, bildete sich wohl was ein auf seinen kräftigen Bass, weshalb er völlig unnütze Dinge sprach wie ein Hund, der überall Urin verspritzt, um sein Revier zu markieren. Etwas von seinem Bassurin war die Bemerkung, es wäre ja heute unausstehlich schwül.

Sprachs, und trug dazu unpassend einen dunkelgelben Parka um die Schultern. Darunter eine schwarze dreiviertellange Hose. Nur Socken trug er nicht, auch keine Schuhe, sondern pinkfarbene Flip Flops. Seine Füße gehörten zu der Sorte, die bei Wärme dick und schwammig werden. Aber ein dienstbarer Mensch hatte ihm die Hornhaut von den Fersen gehobelt, herunter bis auf die rosafarbene Pelle. Das sah weniger schön aus als er dachte. Da war zu den Fußsohlen hin noch so ein weißlicher Schimmer von Hautschuppen. Und ich dachte, wenn der Mann aus den Flip Flops herausrutscht, wird er mit seinen schwammigen dicken Füßen tiefe Mulden in die Schöpfung treten. Wie gefährlich! Und welch eine Verantwortung für ein paar dünne rosafarbene Flip Flops!

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Aus dem Off – Schicklich Suppe essen

aus dem offIch war mir viele Tage nicht schlüssig, ob es bei Tisch schicklich ist, Brot in die Suppe zu brocken. Jedes mal beim Mittagstisch, wenn ich das tue, beschleicht mich ein ungutes Gefühl und ich gucke mich stiekum nach missbilligenden Blicken um. Auch Herr Leisetöne, den ich im Supermarkt traf, wusste das nicht, obwohl er sonst alles weiß, sogar und mit Überzeugung die Sachen, die er nicht weiß, ja nicht mal wissen kann, beispielsweise wie es zuging auf dem Urkontinent Pangaea. Da kennt er sich bestens aus. Aber Suppe gabs da wohl noch nicht. Und es mussten noch Jahrmillionen vergehen, bevor Brot zur Suppe gereicht wurde. Da war es aber schon ein bisschen hart und wurde vermutlich deshalb getunkt. Vielleicht war Herr Leisetöne auch einfach zu faul nachzudenken, sonst hätte er nicht überrascht gelacht, als ich ihn auf das geflügelte Wort aufmerksam machte: „Der hat mir die Suppe eingebrockt.“ Das weist jedenfalls auf ein hohes Alter der Brot-in-Suppe-Brockerei. Denn bevor eine Sache sprichwörtlich wird, müssen schon ein paar Jährchen verstrichen sein.

Zu Hause fragte ich voller Neugier das große Orakel Internet, fand aber keine echte Antwort. Userin GuteLaune hat im Forum der Frauenzeitschrift Brigitte ein ähnliches Problem. Sie fragt, ob man Brot in die Soße stippen darf. Bei „Wer-weiß-was.de“ meint ein gewisser Stefan: „Dürfen ist so ne Sache! Du darfst halt mit dem Brot keine Straftat begehen. Also niemanden damit verletzen, in dem du es zum Beispiel trocken werden lässt und dann auf deinen Tischnachbarn einschlägst.“

Also keine Straftaten mit Brot. Morden und Brandschatzen mit Brotkanten schickt sich nicht, das wissen wir jetzt. Wenig aber zu meinem Problem. Nebenher las ich, dass es nicht schicklich wäre, in die Suppe zu pusten. Das habe ich eigentlich immer getan, da war ich bislang ganz arglos. Ab jetzt puste ich aber nur noch heimlich. Hab mir schon paarmal den Mund verbrannt seither. Das habe ich mir eingebrockt. Wer keine Sorgen hat, macht sich welche. Wenn du jetzt fragt: Warum macht der sich darüber Gedanken, antworte ich mit einer Sentenz von Egon Friedell: „Kultur ist Reichtum an Problemen.“

Aus dem Off – Robert, Martin, Rudolf, Jakob, Maria, Frau Werner und ich – welch ein Durcheinander!

aus dem off Nicht viele Leute kennen den Schweizer Schriftsteller Robert Walser. Wenn sie Walser hören, denken sie sogleich an Martin, den deutschen Schriftsteller, der seinen mächtigen Schädel an Jakob vererbt hat, das Kuckuckskind, das Martin Walser dem Rudolf Augstein ins Nest gelegt hat, nachdem er im Jahr 1966 mit Rudolf Augsteins Lebensgefährtin, der Übersetzerin Maria Carlsson, herumgemacht hatte. Wem jetzt zu Martin Walser nicht Gescheiteres einfällt als dieser Klatsch aus dem „intellektuellen Hochadel“ (die Zeit), der sollte wenigstens was von Robert Walser lesen, unbedingt – etwa den zauberhaften Roman „Der Gehülfe“ oder den wunderlichen „Jakob von Gunten“, der mit dem schönen Satz beginnt:

„Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften, und wir Knaben vom Institut Benjamenta werden alle etwas sehr Kleines und Untergeordnetes im späteren Leben sein.“ (Robert Walser; Jakob von Gunten, 1909)

Robert Walser klingt wie Kafka, nur freundicher. Ich habe das Buch antiquarisch gekauft. Gelegentlich, ich muss bester Laune sein, besuche ich das Antiquariat an der Limmerstraße und halte nach besonderen Büchern Ausschau. Vor Tagen war ich wieder gehobener Laune, und zwar wegen der schönen Frau Werner. Sie sitzt beim angrenzenden Edekamarkt an der Kasse und ist mir herzlich zugetan. Eine Weile hatte ich mir eine Sorte pennälerhafte Verliebtheit gestattet. Ich war geneigt gewesen, sie zu einem Kaffee einzuladen, um sie näher kennen zu lernen. Doch eines Tages wirkte sie etwas durch den Wind, hatte trotz sommerlicher Temperaturen ein dünnes Tuch locker um den Hals gelegt, das aber nicht verdeckte, sondern geradezu hervorhob, was mich abschreckte. Da war nämlich ein mächtiger Knutschfleck in ihrer Halsbeuge. Aus einer sehr vergangenen Zeit weiß ich, was ein solcher Knutschfleck bedeutet. Ab dann gestattete ich mir die Verliebtheit nicht mehr und bin, wenn ich sie jetzt im Supermarkt antreffe, richtig erleichtert, dass die zarte Flirterei, die sich zwischen uns ergeben hat, keine Erweiterung erfahren muss. Heiter trat ich also vor die Tür und ging hinüber zum Antiquariat. Bei schönstem Sonnenschein hatte der Antiquar fünf Bücherkisten nach draußen gestellt, freundlich auf Tische platziert, so dass ich bequem in den Kisten stöbern konnte. Und siehe da: von einem Buchrücken lachte mich der Name Robert Walser an.

Ersatzbeleg im Buch: Vier Euro für die Hosentasche des Antiquars

Ersatzbeleg im Buch: Vier Euro für die Hosentasche des Antiquars

Es war ein schönes Inseltaschenbuch. 4 Euro hatte der Antiquar mit Bleistift auf den Schmutztitel gekritzelt. Er gab mir das Wechselgeld aus der Hosentasche, weil er im Laden nicht mal eine Kasse hat. Ich frage mich, wie er das mit der Steuer macht. Umsatz hat er genug. Aber überhaupt keine Kontrolle. Du lieber Herr Gesangsverein, wenn da mal ein Steuerprüfer kommt… Welch ein seltsamer Buchhandel das doch ist. Die ganze Ordnung ist durchbrochen. Aus der Hosentasche des Antiquars bekommt kein Verlag einen Cent, kein Autor kann frohlocken, keine Steuer wird abgeführt – alles dient nur meinem Vergnügen und dem des Antiquars. Aber damit der „intellektuelle Hochadel“ weiterhin enthemmt durcheinandervögeln kann – wie in den wilden 60ern Siegfried Unseld, Rudolf Augstein und Martin Walser in der Sylter Sommerfrische, dürfen wir die Bücher nicht nur antiquarisch kaufen. Freilich ist Robert Walser längst tot.

Aus dem Off – Die zierliche Frau im Supermarkt

aus dem offAm Ende der Kassenschlange stand zu meiner Freude die überaus zierliche Frau, die ich auf der Limmerstraße schon mehrfach von weitem gesehen und wegen ihrer Zierlichkeit bewundert hatte. Ich stellte mich direkt hinter sie, war ihr so nah wie man es als Fremder schicklicher Weise nur in einer Kassenschlange sein darf (oder natürlich in einem Aufzug, aber davon war weit und breit keiner zu sehen.) Die zierliche Frau war ein wenig angetruschelt, will sagen, dass ihre Kleidung nicht ganz zusammen passte. Sie stand in schwarzen Stiefelettchen, dann zwei Stückchen nacktes Bein gerade bis zu den Fesseln, dann schwarze Leggins, darüber ein Jeansrock, der das Persönchen eng umschlang, obenrum ein Bolero-Jäckchen. Alles an ihr war die zarteste und zierlichste Ausführung der Gattung Frau, nur ihre Nase nicht, die ich im Profil sah. Sie gehörte einer größeren, gröberen Frau. Vielleicht war die Nase aber auch einfach noch ein Stückchen weiter gewachsen, als alles andere seine optimal zierliche Größe erreicht hatte, hatte quasi den genetischen Schlusspfiff überhört und war über die Jahre kaum merklich immer noch ein wenig gewachsen – wie die Hutbänder elsässischer Frauen über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg immer breiter geworden waren.

Jahrhunderte will ich der zierlichen Frau nicht andichten, wiewohl sie gewiss schon einige Jahrzehnte durchs Leben gestiefelt ist. Ich schätzte sie auf Anfang 50, was ihr vielleicht Unrecht tut und nur dem Wunschdenken entsprang, weil sie dann meinem Beuteschema entspricht. Das ist nämlich so: Nachdem ich mich nicht mehr mit für mich zu jungen Frauen abgeben will, wünsche ich einer jeden Frau, die mir gefällt, immer noch ein paar Jahr mehr an den Hals. Um ihren schlanken Hals schlang sich freilich was Besseres, nämlich ein feines Goldkettchen. Ihre Stimme, mit der sie nach blauen und gelben Säcken fragte, war angenehm hell, und würde ich sie am Telefon hören, würde ich mir eine zierliche junge Frau vorstellen. Aber nicht so zierlich wie sie war, denn um sich dieses Wunder artiger Proportion vorstellen zu können, muss man sie wenigstens einmal gesehen haben. Leider nahm sie überhaupt keine Notiz von mir. Sie ging, ohne sich nur einmal umzusehen. So bleibt mir nichts als ihr hinterher zu schreiben.