Urahn erwacht

In jener Nacht, der volle Mond stand hell am Himmel, erhob sich in mir der Urahn. Er hatte sich zuvor eine Weile unruhig auf seiner Bettstatt hin und hergewälzt, bevor er sich eingestand, dass der Schlaf geflohen war. Zuletzt hatte er auf der Seite gelegen, die Arme angewinkelt wie zum Gebet erhoben, hatte die Finger beider Hände neben seinem Kopf gespreizt, die Fingerspitzen aneinander gelegt und sie rhythmisch gegeneinander gepresst. Er kannte das Gefühl von früher her als würden seine Fingerkuppen gegen eine geschlossene Fläche drücken.

Eine Weile hatte er das getan und in sich hineingehorcht, welche Botschaft aus grauer Vorzeit in ihm aufgestiegen war. Doch da war nur der unruhige Impuls aufzustehen. Dann hockte er da im hellen Licht mit den Ellenbogen auf den Knien und starrte ratlos vor sich hin.

Wenn in Vollmondnächten der Urahn seines Urahns sich erhob, hatte er noch weniger gewusst, warum sein Vorfahr unruhig in ihm erwacht war und ihn drängte, in die taghelle Nacht hinein zu horchen. Nicht einmal dessen uralter Vorfahr wusste etwas von einem tierischen Urahn, der in Vollmondnächten von seiner Natur gedrängt wurde aufzustehen. Eine lange Kette von Urahnen bis in dunkelste Zeit hinab hat nicht geahnt, was der heutige Urururenkel dort auf der Bettkante aus den Befunden der Biologie herleiten konnte. Vielleicht hatte wenigstens ein Urahn des Urahns des Urahns das Tier in sich noch gekannt. Wenn er unter dem vollen Mond unruhig erwachte und seine Hände wie zum Gebet erhoben hatte, die Finger beider Hände neben seinem Kopf gespreizt, die Fingerspitzen aneinander gelegt und sie rhythmisch gegeneinander gepresst hatte, dann hatte er die Flossen seines Urahns gespürt. Es war nicht der Ahn, der in Vollmondnächten auf die Jagd ging, nicht der Ahn, der unter dem vollen Mond fürchten musste, selbst Beute zu werden. Es war der Fisch in mir, dem der Vollmond den Landgang ankündigte.

Tote Taube – Ein winziges Abenteuer

Morgens gilt mein erster Blick aus dem Fenster dem allmählich rekultivierten Beet rund um den Spitzahorn vorm Haus. Was musste ich vor Tagen sehen? Wo schon allerhand Blumen gepflanzt sind, lag eine verendete Taube. Offenbar hatte ein Tier daran genagt, und so hoffte ich, in der Nacht werde es den Kadaver wegschleppen. Das geschah aber nicht, wie ich allmorgendlich feststellte. Obwohl ich auf dem Land aufgewachsen bin und ein Handwerk gelernt habe, bin ich alles andere als handfest. Böse Zungen behaupten, ich wäre zimperlich. Folglich war ich einigermaßen hilf- und ratlos.

Die tote Taube legte sich als Schatten auf mein Gemüt. Wie sie entfernen, ohne ihr zu nahe zu kommen? Am besten wäre es, ich hätte eine Schüppe. Am vergangenen Samstag habe ich mit meinem Unternachbarn eine schöne Hortensie gepflanzt. Ich hatte sie auf dem Markt gekauft, und er hat das Loch gebuddelt mit dem Spaten, den der andere Unternachbar zur Verfügung gestellt hatte. Den Spaten hatte ich aber am Samstag schon zurückgebracht.

Heute morgen nun war nötig, die Blumen zu gießen. Dann würde ich die tote Taube nicht länger ignorieren können. Wer zimperlich ist, sollte sich wenigstens zu helfen wissen. Ich hatte noch eine überflüssige Teleskopstange. An der wollte ich das Kehrblech befestigen, so dass ich die verwesende Taube aus der Distanz aus dem Beet heben könnte. Aber wohin dann damit? In die Biotonne? In den Hausmüll? Eher nicht.

Das Kehrblech befestigte ich mit zwei Kabelbindern und hatte nun eine vielversprechende Konstruktion. Ich füllt die Gießkanne und schritt, mit beiden bewaffnet, zur Tat. Der Kadaver war schon von Insekten umschwirrt. Ich schob das Kehrblech darunter und bekam ihn noch in einem Stück darauf und trug ihn hinüber zum Gebüsch am Fußweg, wo ich ihn entsorgte. Im Ahorn oben gurrte die andere Taube des monogamen Paars ihr eintöniges Klagelied. Ich hoffe, sie findet sich bald ab, jetzt, wo der Kadaver der Partnertaube nicht mehr zu sehen ist, denn das Klagelied klingt wirklich unschön. Teleskopstange und Kehrblech passten genau in unsere große Mülltonne. Hoffentlich macht die Müllabfuhr keinen Ärger.

Perspektivwechsel

Ich habe weiß Gott einen schönen Weg zur Arbeit gehabt. Meistens bin ich mit dem Fahrrad gefahren, und ich fuhr in Gegenrichtung. Während sich Autoschlangen stadtwärts wälzten, fuhr ich abseits der Hauptverkehrsstraßen hinaus aufs Land, nicht irgendwohin, sondern ins schöne Münsterländchen, benannt nach der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster. Im Ortsteil Niederforstbach durchfuhr ich ein Neubaugebiet, und dann schoss ich eine kurze Rampe hinab auf die Vennbahntrasse, ein altes Bahngleis, das nun Fahrradweg ist. Der schwingt im weiten Bogen auf ein Tal zu. Schon bald rollte ich über einen Viadukt, dessen mächtige Pfeilerbögen aus den Bruchsteinen der Nordeifel gemauert sind. Unten schlängelte sich der Rollefbach durch die Wiesen. Unvorstellbar, dass dieses Rinnsal so ein tiefes Tal geformt hat. Stünde man im Bach und würde hinaufblicken, könnte man auf die Idee kommen, den Radfahrer um seinen Weg zu beneiden, dass es doch herrlich sein müsste, hoch oben über den Viadukt zu rollen.
[Vennbahn-Viadukt – Foto: JvdL – größer: Klicken]

Die Wahrheit ist, das bisschen Herrlichkeit geht durch das Alltägliche rasch verloren. Man flucht höchstens, wenn es an den Rinnen in der betonierten Fahrbahn rumpelt. Du bist irgendwo ganz oben, aber so richtig wertschätzen könntest du es nur, wenn du unten stündest. Ob es eine menschliche Eigenart ist, nicht wirklich schätzen zu können, wenn man oben ist? Es schadet jedenfalls nicht, die Perspektive zu wechseln.

Aber da unten wartete niemand und schaute zu mir hoch. Da hatten sich rotbunte Kühe unter den überhängenden Büschen versammelt, um Schatten zu finden. Die flachen Bachufer hatten sie mit ihren Hufen zertrampelt. Perspektivwechsel schön und gut. Aber da unten möchte ich nicht als permanent schwangere Hochleistungsmilchkuh mit nassen Hufen im Schlamm stehen. Ähem, übers Thema hinausgeschossen. Es rollte einfach zu gut.

Aber um Kühe und ihre Perspektive geht es. Wir müssen leider einige hundert Meter zurück. Ich bin spät dran. Wo die Vennbahntrasse, vom Bahnhof Brand kommend, die Münsterstraße quert, eine Schlaufe, die ich aus Zeitgründen nicht fahre, just dort treibt ein Bauer seine gut 50 Kühe über die Straße, so dass wir warten müssen. Links und rechts der Vennbahntrasse hat er Wiesen. Die linke Wiese ist abgegrast. Darum treibt er die Herde auf die rechte Wiese. Die Kühe traben gleichmütig durchs offene Gatter, da plötzlich regt sich Aufregung in der Herde. Einige Kühe haben sich verlaufen, streben auf gleicher Höhe mit der Herde vorwärts auf der parallelen Wiese. Eine um die andere Kuh der Herde bemerkt den Irrtum ihre Artgenossinnen, bleibt stehen und blökt hinüber. Ich verstehe kein Muhen, aber sie rufen wohl: „Hallo, liebe Freundinnen! Ihr seid auf der falschen Seite!“ Blöken es ausdauernd hinüber, bis die Irrläufer sich besinnen und umkehren.

Das Erlebnis fiel mir ein, als ich die Meldung über die lautstarke Wiedersehensfeier von Kühen in der Zeitung las. Landläufig geht die Rede von dummen Kühen, womit der Mensch sich vom Leib hält, das Leid wahrzunehmen, das dem Nutzvieh bedenkenlos angetan wird. Aber Kühe, die ihre Artgenossinnen rufen, die sich verlaufen haben, oder ein lautstarkes Wiedersehen feiern, erinnern daran, dass auch im Umgang mit Tieren ein Perspektivwechsel fällig ist.

In meinem Spitzahorn sieht es unaufgeräumt aus

kategorie-mensch-und-naturNatürlich ist der Baum vor meinem Fenster zur Straße hin nicht mein Baum. Ich sehe nur in seine Krone, wenn ich auf der Couch liege. Da zähle ich grad noch 37 seiner goldfarbenen Blätter, eine kleine Herbstlaubkolonie, die sanft im Wind schaukelt. Etwas höher im fast nackten Gezweig hat sich ein einzelnes kleines Blatt gehalten. Wenn die Großen einmal schwingen, zittert das aufgeregte Ding mindestens fünfmal, als ob es nicht abwarten könnte, endlich davonzusegeln. Wollen Blätter abgerissen werden im Herbst? Gibt es ein Trachten und Sehnen im Herbstlaub, loszukommen, hinweg zu segeln, einen Ruheplatz am Boden zu finden und Humus für den Baum zu werden? Oder steuert der Baum den Kreislauf; will er im Herbst das lästige Zeug loswerden und entzieht ihm die Feuchtigkeit, um sich zu erleichtern? Wo das Laub bereits gefallen ist, zeigt sich in der Baumkrone ein gar schreckliches Durcheinander der geflügelten Samen. Sie sitzen an Rispen. Da ich in allem gerne geordnete Strukturen sehe, missfällt mir das kleinteilige Gewirr und ich hätte Lust, die Samen auszukämmen, gleich Schuppen aus den Haaren. Da ich dazu zu klein bin und keinen so großen Kamm habe, bleibt mir nichts abzuwarten, bis auch die Samen sich lösen und zu Boden propellern. Bedingt durch die aerodynamische Form ihres Flügels versetzen sie sich in Rotation. Das sichert eine breite Streuung der Samen, was aber meinem Spitzahorn nicht hilft. Außerhalb seiner Einfassung fällt alles auf Asphalt. Seine Blätter werden auch kaum Zeit haben, Humus zu werden, bevor die Männer mit den Laubbläsern kommen und den natürlichen Kreislauf unterbrechen. Zumindest am Boden wird nämlich aufgeräumt.