Es geht immer noch schlimmer

Ein kaiserlicher Unterbeamter hat sich zum Besuch angesagt. Soeben kam der Anruf. Da poltert auch schon seine Garde die Treppe herauf, steht gleich vor der Tür, – und ich bin nicht rasiert, schlurfe noch im Hausrock umher, denn gerade erst dämmert der Morgen heran. Dem Abgesandten in diesem Zustand unter die Augen zu treten, wäre gewiss eine tödliche Beleidigung. Wie lange kann man einen hohen Herrn warten lassen, bevor er ungeduldig die Tür aufbrechen lässt? Es ist wohl so, dass ein kaiserlicher Unterbeamter stets durch geöffnete Türen schreitet, weil immerzu Lakaien zur Stelle sind, deren hauptsächlicher Lebenszweck darin besteht, ihrem Herrn die Türen aufzureißen. Vermutlich hat der hohe Herr in seinem ganzen Leben noch nicht vor einer geschlossenen Tür gestanden, nicht jedenfalls auf dieser Ebene der Stadt, und wer bin ich, dass ich ihm eine derart unerfreuliche Erfahrung bereiten dürfte? Was mach ich nur, was manche ich nur?

Ob es am besten wäre, dass ich mich auf den Boden lege, längs der Fußleiste in die Ecke drücke, mit dem Gesicht zur Wand? Vielleicht wird man mich im Dämmer übersehen oder für ein Bündel schmutzige Wäsche halten. Des Unterbeamten Lakaien werden die Tür eintreten, ausschwärmen, meine wenigen Räume durchmustern und sagen: „Er ist nicht hier, Exzellenz!“ Doch er wird sich nicht zufrieden geben und befehlen, mich unverzüglich herbeizuschaffen. Dann werden sie genauer suchen, jede Ecke auskratzen und mich entdecken. Da! Es klopft! Man hat sich gar nicht erst mit der Tür aufgehalten, sondern pocht mir sogleich an die Stirn.

„Klopfen hören – man wird Neuheiten erfahren“, behauptet mein Traumlexikon. Selbstverständlich. Zum Morgenkaffee habe ich die Süddeutsche Zeitung gelesen und all die wundersamen Neuheiten herausgeklaubt, die eine ferne Redaktion für mich zusammengetragen hat. Die Redakteure wissen nicht wirklich viel von diesen Dingen, denn auch sie haben die Informationen aus zweiter Hand, aus dem Angebot der Presseagenturen direkt ins Blatt gehoben oder abgeschrieben bei anderen Zeitungen. Manches ist ihnen aus den höheren Regionen der Stadt gesteckt worden von Leuten, die ein Interesse daran haben, die Köpfe des Volks zuzumüllen.

Die Schauspielerin Veronica Ferres schläft gerne mit ihrem Lebensgefährten Carsten Maschmeyer vor dem Fernseher ein. Sie hat diese erstaunliche Vorliebe der Zeitschrift Frau im Spiegel erzählt und die investigative Redaktion der Süddeutschen Zeitung (SZ) hat Wind davon bekommen und hat es abgeschrieben. Ferres: „Das ist uns letztens bei meinem eigenen Film passiert. Das fand ich super.“

Verständlich, absolut nachvollziehbar, ja, nahezu selbstverständlich. Es würde mir genauso gehen, weshalb ich mir niemals einen „eigenen Film“ von Frau Ferres anschauen wollte. Denn aufzuwachen, Veronica Ferres zu sein und ins offene Maul eines schnarchenden Carsten Maschmeyer zu schauen, da lasse ich mir doch lieber von den Vasallen eines kaiserlichen Unterbeamten an die Stirn klopfen.

Der Berufstourist und die Frau mit den Bandscheiben – Wahrer Bericht von einer Forschungsreise

Hätte er einen Globus und wäre darauf jedes Land, das er bereits besucht hat, rot eingefärbt, dann gäbe es kaum noch andere Farben als Rot, also nur wenig von ihm unberührtes Land. Sein exzessiver Tourismus hat über die umweltschädliche Komponente hinaus eine sozial extrem schädliche Seite, ausufernde Erlebnisberichte, mit denen er jedes Gespräch unterdrückt, ja unmöglich macht. Am Ende der Tischreihe waren gut sechs Personen gezwungen, ihm zuzuhören. Selten wagte jemand anderes, das Wort zu ergreifen. Es gab aber auch kaum Gelegenheit dazu. Man musste brutal in eine Atempause hineingrätschen, was ja immer den Charakter eines Gewaltakts hat. Was derweil im Kopf dieses Berufstouristen vorging, wäre zu erwägen. Gab es eine bewusste Meta-Instanz in seinem Kopf? Dachte er auch nur einen Augenblick darüber nach, wie verheerend seine Agieren für die Gesprächskultur war? Vermutlich nicht. Auf die Frage, ob er in letzter Zeit so etwas wie Flugscham empfunden hatte, sagte er ohne nachzudenken: „Nö.“

Es musste also eine unbewusste Meta-Instanz geben, eine, die ihm Sinnfragen ersparte, ja, sogar brutal unterdrückte, was Zweifel hervorrufen könnte. Seine erzwungenen Zuhörer waren ihm nichts als blanke Gesichtsflächen für seine Projektionen. So erstaunte er beim Händeschütteln zum Abschied mit der Aussage: „Schön, dich nochmal gesehen zu haben.“ Was bedeutete das? Etwa: “Schön noch einmal uneingeladen auf deiner inneren Bühne getanzt zu haben?“ Ein Kollege sagte später, es erstaune ihn das Selbstbewusstsein, mit der der Berufstourist seine banalsten Erlebnisse raumgreifend vortrug. Aber geht es hier nicht weniger um Selbstbewusstsein als um einen psychischen Defekt? Da er doch alles andere ist als sich selbst bewusst. Glaubt der Mann tatsächlich, man reise von überall her heran, um seine Berichte zu hören? Nein. Er denkt nicht darüber nach, ergreift nur die Gelegenheit, seiner inneren Leere zu entkommen. Nicht einmal das käme ihm nah. Warum innere Leere?, würde er denken. Ich bin doch randvoll mit Erlebnissen. Aber die Einsicht fehlt. Es fehlt das geistige Durchdringen. Er ist nur ein Depp mit einem vollgestempelten Reisepass.

Einer wie er müsste schreiben, müsste schreibend eine Schar imaginäre Leserinnen vor Augen haben und könnte sich dann in aller Ruhe ausbreiten. Schon als wir noch Kollegen waren, bin ich nach allen Ferien vor ihm geflohen. Einmal erwischte er mich doch. Als er anhub zu erzählen, sagte ich: „Schreib das bitte für unser Jahrbuch auf!“ Das tat er auch, und es waren wirklich zwei schöne Reiseberichte. Einer ging über die Mönchsrepublik Athos,eine Halbinsel, auf der keine Frauen geduldet sind, auch keine weiblichen Haustiere. Der andere hieß: „Stirb nie in Surigao!“, was ich nicht im Traum vorhatte und tunlichst auch an anderen Orten vermeiden werde.

In Duisburg besteigt eine voluminöse Dame den ICE und nimmt schnaufend den Sitz hinter mir ein, wozu sie ihre Nachbarin erst hochscheuchen muss, um auf ihren reservierten Fensterplatz zu gelangen. Dann schimpft sie los, weil es ihr nicht gelingt, den Sitz nach hinten zu kippen: „Ich kann unmöglich so sitzen – mit meiner Hüfte, den Bandscheiben und meinem Rücken.“ Ich bin schon genervt. „Die Bandscheiben habe ich ja von meiner Mutter bekommen.“ Gewiss als Weihnachtsgeschenk, ach nein, sie sind ererbt. Bald unterbreitet sie der wildfremden Frau neben sich die gesundheitlichen Probleme ihrer 84-jährigen Mutter. Ich schätze mich glücklich, daran partizipieren zu dürfen. Als sie zwischendurch mitteilt, ihr Mann habe sich nach 38 Ehejahren von ihr scheiden lassen, frage ich mich, warum so spät? Ihre ausführlichen Einlassungen über Art und Konsistenz von Brötchen und welchen Belag sie zu gewissen Tageszeitungen bevorzuge und vehement ablehne, wären für mich ein Grund, eine Stinkbombe zu zünden und mich aus dem Staub zu machen. Leider habe ich keine bei mir und weiß auch nicht, ob ich woanders einen freien Fensterplatz finde. Also muss ich mich fügen. Derweil telefoniert sie ungerührt mit ihrer Schwiegertochter, wo sie zu Besuch gewesen war, obwohl der Wagon ein ausgewiesener Ruhebereich ist. Es geht um Enkelin Carolina. „Hat Carolina noch lange geweint, als ich weg war?“
„Nein, es ging gleich in fröhliches Lachen über, als du um die Ecke warst.“

An der unreflektierten Selbstbezüglichkeit und der viel zu höflichen Duldung wird diese Welt zugrunde gehen.

Vom Ächzen, Knirschen und Knarzen der Dinge

In alter Zeit, als ich noch jung und elastisch war, da knackte es in meinen Knien, wann immer ich mich hinhockte. Es ist bis heute quasi das einzige unorthodoxe Geräusch, das ich mache. Alles Knirschen, Ächzen, Knarren, Klappern, Knicken, Knacken und was die deutsche Onomatopoesie sonst noch an unerfreulichen Schallwörtern bereithält, all das kommt nicht von meinen morschen Knochen her, wie böse Zungen behaupten, sondern von perfiden mich umgebenden Dingen. Da ist beispielsweise mein Bürostuhl, von dem ich glaube, dass ihn Costers Geist auseinander geraggelt hat.

Jedenfalls habe ich Coster einmal dabei erwischt. Seither kann dieser Stuhl einfach nicht still sein. Soeben habe ich das Teil mühsam auf die Seite gelegt und alle Schrauben, die ich sehen konnte, mit einem Inbusschlüssel nachgezogen. Der Schweiß rann mir von der Stirn, als ich mit dem schweren Sitzmöbel hantierte, leider vergeblich. Nun wird mir bewusst, dass mich sein Ächzen schon längere Zeit gestört hat. Da ich aber ein Mann bin, der Störendes gut ausblenden kann, ist mir das eklige Ächzen meines Bürostuhls kaum ins Bewusstsein gerückt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es mir unbewusst als heftige Dissonanz in die Texte geraten ist. Wenn meinen Texten in letzter Zeit das lieblich Perlende gefehlt hat oder wenn die Sprache nicht floss, sondern holperte, da ächzte mein Bürostuhl hinein. Seine Rollen holperten quietschend, ächzend und knackend über das durch Missklang ausgetrocknete Flussbett der Sprache, und ich kann froh sein, dass es mir manchmal gelang, auf die seitliche Grasnarbe auszuweichen und den Text einigermaßen nach Hause zu bringen.

Manche werden fragen, ob von mir je ein lieblich perlendes Sprachflüsslein zu lesen gewesen sei. Sie könnten sich jedenfalls gar nicht erinnern, würden es folglich nicht vermissen. Ich antworte vorsorglich, dass des Menschen Erinnerung sehr sehr trügerisch ist. Da ist ja nicht nur der schwer ächzende Bürostuhl, da sind auch noch die Dielen, die nicht still sein können, im ganzen Haus nicht, denn ich höre auch die von oben, wenn meine Obernachbarin umhergeht, und sie, ich muss sie gar nicht fragen, denn sie scheut das Gespräch mit mir, sie wird quietschende Dielen von ihren Obernachbarn hören und so weiter und so weiter, das ganze Haus hinauf ächzen Dielen, bis in die obere Etage und noch weiter. So türmt sich das Ächzen der Dinge auf und auf bis ins Universum und gibt einer tief im Weltall horchenden intelligenten Spezies große Rätsel auf. Man hat die Laute längst katalogisiert und kategorisiert. Außerirdische Linguisten glauben, eine Sprache zu erkennen, wie einst der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher glaubte, die ägyptischen Hieroglyphen entschlüsselt zu haben. Aber es war alles falsch, plausibel und doch ganz falsch, wie 150 Jahre später der Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion am polyglotten Stein von Rosetta erkannte.

Man muss ja die außerirdischen Linguisten nicht gleich häuten und verbrennen, man kann sie immerhin noch als religiöse Lehrer verwenden, aber ich versichere und rufe es ins All hinaus, dass menschliche Sprachäußerungen in der Regel nicht vom boshaften Ächzen von Bürostühlen und Dielen begleitet werden. Da die hässlichen Töne aber unleugbar vorhanden sind, wäre eher eine kulturphilosophische Frage aufzuwerfen. Wäre diese Welt ganz anders, würde sie nicht krächzen, ächzen, quietschen, knarren? Was wäre, würde alles in ihr flutschen wie ein in Vaseline getauchter Finger?

Simulation am Reck

Wenn ich mich unter Alkoholeinfluss komplexen Dingen widmen will, hänge ich wie ein nasser Sack an einer Reckstange und versuche Klimmzüge. Am Folgetag muss ich mich schelten, nicht die kleinste Aufwärtsbewegung geschafft zu haben. So ist es mir gestern in der Küche von Filipe d’Accord ergangen, als ich das Problem der Simulationshypothese angesprochen habe, wobei mir nicht mal der Begriff eingefallen ist. Obwohl Filipe im Hauptberuf Quantenphysiker ist und sich wie der kluge Herr Putzig bemühte, aus meinem Zappeln am Reck etwas Sinnvolles zu erkennen, kamen wir nicht weit.

Neuer Versuch: Die Simulationshypothese ist ein Denkmodell des Philosophen Nick Bostrom. Es geht darin um die Idee, die Welt, die wir als Wirklichkeit wahrnehmen, sei eine Simulation. Soweit nichts Neues. Man kennt Ähnliches aus den Matrix-Filmen. Schon im Jahr 1964 veröffentlichte der US-Autor Daniel Francis Galouye den SF-Roman „Simulacron-3“, von Rainer Werner Fassbinder 1973 als „Welt am Draht“ verfilmt. Simulacron-3 handelt von einem Computersystem, genannt TEAG („Test AG“), in dem zu Marktforschungszwecken eine ganze Stadt mit 10.000 Bewusstseinseinheiten simuliert ist, die sich als reale Bewohner dieser Stadt erleben. Die Hauptfigur, ein Informatiker, arbeitet an diesem Simulationscomputer. Ungereimtheiten im Ablauf seiner Welt bringen ihn zur Erkenntnis, dass er seinerseits nur eine Bewusstseinseinheit in einem größeren Simulationscomputer ist. Derlei Ungereimtheiten entsprechen den Erfahrungen, die ich hier, hier und hier als selbst erlebte „Störungen im galaktischen Betriebssystem“ aufgeschrieben habe.

Über Nick Bostroms Simulationshypothese las ich bei Telepolis, dort „Simulationstheorie“ genannt. Im Artikel „Kann die Simulationstheorie zur Apokalypse führen?“ wird die Frage erörtert, ob es ratsam sei, unsere Realität anzuzweifeln. Der junge Philosoph Preston Greene von der NTU Singapore habe in der New York Times die Meinung vertreten, den Simulationscharakter unserer Welt zu entlarven, sei entweder langweilig oder „extrem riskant.“ Riskant deshalb, weil die Betreiber der Simulation sich genötigt fühlen könnten, die Simulation abzuschalten, falls wir Bewusstseinseinheiten an ihr zu zweifeln begönnen.

Dass nun aber der Zweifel an der Realität unserer Welt geeignet wäre, dessen Betreiber zum Abschalten zu bewegen, ist für mich ein Zeichen von Hybris, um nicht zu sagen Größenwahn. Warum sollte er das tun? Weil er Angst hat, dass die eigenen Geschöpfe an ihm zweifeln? Sinnvoll ist die Sorge schon mal gar nicht, weil die Fähigkeit zu zweifeln, jedem gegeben ist. Es ist lebensnotwendig, zweifeln zu können. Wir müssen beispielsweise die Tragfähigkeit einer Behelfsbrücke anzweifeln, um uns nicht in tödliche Gefahr zu begeben. Zweifel ist nicht begrenzbar. Er muss sich auf alle Erscheinungen richten können, auch auf Grundfragen der menschlichen Existenz. Wären wir also solche Bewusstseinseinheiten in einer simulierten Welt, dann wäre der Zweifel systeminhärent und würde den Rahmen der Simulation nicht sprengen. Der Zweifel am galaktischen Betriebssystem und alle Versuche, ihn physikalisch zu untermauern, wären nur Zeichen dafür, dass sich das Simulationssystem, mithin die Sensorik seiner Bewusstseinseinheiten weiterentwickelt.

Das wäre meine Übung am Reck gewesen. „Wäre, wäre, Fahrradkette!“

Tote Taube – Ein winziges Abenteuer

Morgens gilt mein erster Blick aus dem Fenster dem allmählich rekultivierten Beet rund um den Spitzahorn vorm Haus. Was musste ich vor Tagen sehen? Wo schon allerhand Blumen gepflanzt sind, lag eine verendete Taube. Offenbar hatte ein Tier daran genagt, und so hoffte ich, in der Nacht werde es den Kadaver wegschleppen. Das geschah aber nicht, wie ich allmorgendlich feststellte. Obwohl ich auf dem Land aufgewachsen bin und ein Handwerk gelernt habe, bin ich alles andere als handfest. Böse Zungen behaupten, ich wäre zimperlich. Folglich war ich einigermaßen hilf- und ratlos.

Die tote Taube legte sich als Schatten auf mein Gemüt. Wie sie entfernen, ohne ihr zu nahe zu kommen? Am besten wäre es, ich hätte eine Schüppe. Am vergangenen Samstag habe ich mit meinem Unternachbarn eine schöne Hortensie gepflanzt. Ich hatte sie auf dem Markt gekauft, und er hat das Loch gebuddelt mit dem Spaten, den der andere Unternachbar zur Verfügung gestellt hatte. Den Spaten hatte ich aber am Samstag schon zurückgebracht.

Heute morgen nun war nötig, die Blumen zu gießen. Dann würde ich die tote Taube nicht länger ignorieren können. Wer zimperlich ist, sollte sich wenigstens zu helfen wissen. Ich hatte noch eine überflüssige Teleskopstange. An der wollte ich das Kehrblech befestigen, so dass ich die verwesende Taube aus der Distanz aus dem Beet heben könnte. Aber wohin dann damit? In die Biotonne? In den Hausmüll? Eher nicht.

Das Kehrblech befestigte ich mit zwei Kabelbindern und hatte nun eine vielversprechende Konstruktion. Ich füllt die Gießkanne und schritt, mit beiden bewaffnet, zur Tat. Der Kadaver war schon von Insekten umschwirrt. Ich schob das Kehrblech darunter und bekam ihn noch in einem Stück darauf und trug ihn hinüber zum Gebüsch am Fußweg, wo ich ihn entsorgte. Im Ahorn oben gurrte die andere Taube des monogamen Paars ihr eintöniges Klagelied. Ich hoffe, sie findet sich bald ab, jetzt, wo der Kadaver der Partnertaube nicht mehr zu sehen ist, denn das Klagelied klingt wirklich unschön. Teleskopstange und Kehrblech passten genau in unsere große Mülltonne. Hoffentlich macht die Müllabfuhr keinen Ärger.

Nächtlicher Besucher

Der, mit dem ich die Kammer teilte, der Kamerad war nicht da. Überhaupt, so schien mir, den fehlenden Geräuschen nach zu urteilen, war ich allein auf der obersten Etage unterm Dach. Ausgeflogen war das ganze Volk, geflohen vor der Hitze. Die hatte sich dagegen im stillen Haus festgesetzt und mich mürbe gemacht. Ohne Licht zu machen warf ich mich nackt aufs klamme Bett. Die Tür zum Balkon stand weit offen in Erwartung des Gewitters, das Abkühlung bringen sollte. Bevor ich mich hinlegte, hatte ich fern am Himmel schon Wetterleuchten und zuckende Blitze gesehen.

Ein heftiges Krachen ließ mich erwachen. Das Gewitter war jetzt genau über mir. Ich fröstelte im Sturmwind, der durch die Balkontür hereinfegte und von innen an der Zimmertür rappelte. Noch im Halbschlaf kroch ich unter die Decke. Und plötzlich war mir, als würde der Herr des Sturms persönlich in der Balkontür stehen. Er war eine einzige Sturmböe, ganz aus Luft gemacht. Und stand einfach da, schien niemanden zu sehen. Mein Bett war direkt beim Fenster und das Bett in Blickrichtung verwaist. Vielleicht war er gar nicht meinetwegen gekommen, sondern suchte den Kameraden. Was wusste ich schon über ihn? Ein Schnauben ging wie eine Stoßwelle durch die ganze Kammer, dann trat der Sturm zurück und war weg. Der erlösende Gewitterregen ging nieder.

Augenblicklich schlief ich wieder ein.

Gedränge im Oberstübchen

Kennst du das, wenn du den Kopf voller Gedanken hast und alle wollen gleichzeitig raus, keiner will dem anderen den Vortritt lassen, und am Ende purzeln alle durcheinander? Ein Wunder, dass sie diesen hier haben passieren lassen, weil er quasi außer Konkurrenz lief. Metakommunikation ist Kommunikation über die Art und Weise der Kommunikation. Also durfte nur dieser Metagedanke raus, der über das Gedränge an der Pforte zum Schreiben mich zu Schreiben veranlasste. Vielleicht, so hängte sich ein Hintergedanke an, vielleicht kann ich ohne Aufhebens trotzdem schreiben, was da drängt, indem ich vorgebe über etwas ganz anderes zu schreiben, und siehe da, die Gedanken besinnen sich und nehmen geordnet Aufstellung wie einst die Kinder auf dem Pausenhof, um ganz gesittet paarweise in den Klassenraum zu gehen. Ja, das hätte funktionieren können, wenn nicht ein Rüpel in der ersten Reihe heimtückisch den Hacken nach innen gesetzt hätte, wodurch alle hinter ihm ins Stolpern kamen. Und einen gestolperten Text will ich der geehrten Leserschaft nicht zumuten.

So gibt es also nichts über eine Wiederbegegnung nach 20 Monaten zu lesen, nichts über die Tauben des Bankkaufmanns Julius Reuter im Taubenschlag der Aachener Pontstraße, Hausnummer 117, nichts über die Frage, ob meine Rede „wieder magischer Realismus“ sei. Auch nichts darüber, dass ich im Traum einen mutwillig in alle Einzelteile zerlegten Schrank zusammenbauen musste, was mir schier nicht gelingen wollte. Sogar nach dem Erwachen hatte ich noch ein schlechtes Gewissen, dass ich den Schrank in Einzelteilen zurückgelassen hatte. Aber was geht mich der Schrank an? Meiner wars nicht.