intergalaktische flaschenpost

Fluch der verschrobenen landessprache mit ihren wahnwitzigen ausnahmeregeln! Was heißt regeln? nein, es geht ja alles weitgehend regellos zu in ihr. Trotzdem habe ich sie inzwischen gelernt, bin ja notgedrungen lange genug hier, und kann meinen bericht in ihr verfassen, und zwar indem ich mit einem finger auf einem tastenbord tippe. Der verrückten landessitte, bestimmte wörter mit großen buchstaben zu schreiben, die sich erzeugen lassen, indem man mit einer taste zu ihnen umschaltet, werde ich mich jedoch entziehen. Denn mein bericht ist doch eher nicht für die augen der heimischen spezies gedacht, wenngleich mir nur deren winziger wortschatz zur verfügung steht. Weshalb ich auch freiweg meinen unwillen loswerden kann. Fluch über dich, du miser galaktischer kontrolleur, du sohn eines stinkenden raketenwurms, der du mich in diesem raumsektor vor die tür gesetzt hast, nur weil ich versehentlich den falschen beförderungsschein gelöst hatte. Möge das große loch dich verschlingen. Woher hätte ich wissen sollen, du uniformierter clown, dass ich für mein angestrebtes reiseziel ein anthrazitfarbenes interzonenticket benötige, mein rosafarbenes aber nur bis zu diesem gelumpe von einem planeten erde reicht, wo man mich gezwungen hat auszusteigen. Dazu mir „intergalaktische beförderungserschleichung“ vorzuwerfen, ist der gipfel der impotenz, äh, impertinenz. Ich könnte .. 3wesän@rw axgwu0 … und sage äeaxgkwxjwb!!!

natürlich gibt es auch auf diesem planeten eine nebenstelle der galaktischen registratur. Ich musste, um sie aufzusuchen, auf dem bauch in einen sich trichterförmig verjüngenden dachsbau kriechen, wobei ich platzangst bekam und mich erbrach, weshalb ich dann völlig derrangiert vor den zuständigen unterbeamten trat. Dieser kerl interessierte sich jedoch kaum für mein problem, sagte jedoch, dass es auf diesem planeten jeder zu reichtum bringen könne und zwar durch tellerwaschen.
„VOM TELLERWÄSCHER ZUM MILLIONÄR“
„Nur teller?“, habe ich gefragt.
„No, sir, tassen und anderes essbesteck natürlich auch.“
„Wie soll das gehen“, fragte ich. Genau wisse er das auch nicht, aber er könne sich das wohl so vorstellen. Angenommen, da wäre ein berg von geschirr und besteck. dann bekäme ich für jedes teil, das ich abwasche, den doppelten betrag von x, also 1+2+4+8+16 usw. Wenn die letzten löffel abzuwaschen sind, würde mir jeder löffel, den ich noch aus dem spülwasser fische, bereits mehr millionen bringen, als ich überhaupt für die passage zu meinem heimatplaneten bräuchte. Bei 27 teilen hätte ich bereits über 67 millionen.

„Das ist die theorie“, sagte er.
„Und die praxis?“
„Die muss von ihnen kommen. spülen sie, spülen sie, dann können sie eine interstellare fahrkarte für die spiralnebelzone 2 bald locker bezahlen.“

[Wie ich mir versüßte, dass ich heute Nachmittag endlich den Berg schmutziges Geschirr abgewaschen habe.]

Kinobesuch mit Tina – eine Groteske


Im Ruhebereich des ICE beschweren sich Fahrgäste über ein nerviges Ticken. Die Zugbegleiterin macht sich auf die Suche – und findet mich, baut sich vor mir auf und sagt: „Mein Herr, Sie ticken! Ist das eine Bombe?“ „Nein“, sage ich, „die Sache verhält sich so: Allabendlich packe ich meine Wanduhr in die Sockenschublade, um bei Nacht das sinnlose Ticken nicht hören zu müssen. Offenbar ist das blöde Ticken auf meine Socken übergegangen. Die Socken haben ein unerfreuliches Tickgedächtnis. Hören Sie selbst!“ Ich halte ihr den Fuß hin, und sie horcht daran.
„Tatsächlich, Ihre Socken ticken. Wie spät ist es? – äh – Wie kommt das wohl?“
„Ich vermute, ein hippes Berliner Startup-Unternehmen hat diese Textilfasern mit Gedächtnisfunktion erfunden. Und Maschmeyer, der Halunke, hat das Bubenstück finanziert. Man weiß noch nicht, wofür es gut ist, welche negativen Folgen diese Textilien haben, aber man drückt sie schon in den Markt. Der wird’s schon richten. Sie lässt sich neben mir auf den freien Platz sinken. „Oach! Das macht mich fertig!“
Mir ist ihre Anwesenheit angenehm. Sie ist hübsch, und wir können uns offenbar riechen.
„Hören Sie!“, sage ich, „wenn Sie eine Pause brauchen, würde ich Ihnen gerne meinen Traum erzählen, aus dem Sie mich eben gerissen haben.“
„Na gut, wenn’s sein muss.“

      „Ich war mit meiner viel zu jungen Freundin Tina unterwegs in Köln, um ins Kino zu gehen. An der Kasse rannte ich vor und rief zurück: ‚Ich lade dich ein!‘, damit sie nicht sah, dass ich auf meinen Ausweis eine Altersermäßigung bekommen würde. Ein Mann zeigte uns den Weg zum Kino. Da waren zwei. Versehentlich stellte ich mich beim falschen Film an, bemerkte aber flott meinen Irrtum. Ich wähnte Tina hinter mir, aber als ich mich von der falschen Eingangsschlange abwandte, war sie nicht da. Offenbar war sie mal wieder zu klug gewesen, hatte direkt gesehen, dass dies das falsche Kino war und war zum richtigen gegangen. Ich eilte zum richtigen, sah sie aber nirgends. Unterwegs gabelte ich eine ältere Platzanweiserin auf. Sie war bestrebt mir zu helfen. Am richtigen Kino riss man meine Karte ab, und ich ging hinein. Dort sah ich Tina auch nicht. Ich fragte die Platzanweiserin, ob sie eine Durchsage machen könne. Sie verneinte, das könne nur die Frau im Eiskeller. Dieser Eiskeller hatte ein aus Klinkern gemauertes Tonnengewölbe, war mehr eine Röhre, in dem einige Leute in Stuhlreihen saßen und auf ein Bett an der rückwärtigen Wand blickten. Darin lag die Frau. Sie war blass und schnatterte. ‚Das hier ist der Eiskeller!‘, sagte sie wie zur Erklärung. Das wusste ich ja schon, ich war ja ausdrücklich hergekommen. Ich sagte: ‚Ich vermisse meine Freundin. Können Sie bitte eine Durchsage machen!‘ Sie sagte: ‚Nein, das kann ich nicht.‘

      Ich hatte nichts anderes erwartet. Wie sollte das auch gehen aus dem Krankenbett heraus. Also stieg ich die Stufen wieder hinauf zum Foyer. Die Platzanweiserin schaute mich entschuldigend an und sagte: ‚Ihre Freundin wird gewiss das tun, was man in den Medien bei RTL und überall rät, zurückzugehen zu dem Punkt, wo man sich verloren hat.‘

      RTL also. Ich hätte nie gedacht, dass vom Drecksfernsehen mal die Rettung käme, machte mich aber auf den Weg zum besagten Punkt. Er führte mich durch ein verwinkeltes Neubaugebiet. Plötzlich kam Tina um die Ecke, sah im Augenblick sehr gestresst und alt aus. Wir sanken uns in die Arme. ‚Lass uns das vergessen und wieder zusammenspannen‘, sagte Tina. Das war klug. Ich strich ihr über die blaugefärbten Haare und fand, dass ein grauer Schleier darüber lag. Wir gingen zum Kino, und ich hoffte, der Film hätte noch nicht angefangen.“

    Ich schaue die Zugbegleiterin an, die inzwischen im Sitz zusammengesunken war. „Können Sie mir den Traum deuten?“
    „Nein“, sagt sie, „aber ich glaube, Sie ticken nicht richtig.“
    „Dann ist es quasi amtlich?“

Der Wolf scheut den Faden

Die Verkäuferin im Bäckereicafé gefiel ihm. Nur ihretwegen kam Erlenberg her. Eine Weile hatte er draußen gesessen und das Mineralwasser getrunken, in das sie ihm noch Eis getan hatte. Er saß im Schatten einer Markise und beobachtete das Treiben an der Straße. Zwischendurch erwog er, sich von ihrer zarten Frauenhand ein Stück Kuchen kredenzen zu lassen, verwarf die Idee aber. Die Hitze war zu drückend. Er stand auf, brachte die leere Flasche und sein Glas hinein und ging zu seinem Fahrrad. Unterwegs traf er die Freundin, die er zwei Jahre nicht gesehen hatte, aber in den letzten Wochen schon viermal.

Sie sah ihn mit großen braunen Augen an. „Ich stimme dir ja in vielem zu“, sagte sie, „aber in einem muss ich dir widersprechen?“
„Worin?“
„Dass das Wichtigste sich beim Menschen im Kopf findet.“
„Wo dann?“
„Hier!“ sagte sie und deutete auf den rechten Fleck, wo man gemeinhin das Herz vermutet.
„Ich erinnere mich gar nicht, etwas anderes behauptet zu haben, sondern halte es mit Pestalozzi, dass Herz, Hand und Verstand sich im ausgewogenen Einklang befinden müssen.“ Und dann hob er zu einer Erzählung an, zu lang für ein Gespräch im Stehen. Er habe in einem früheren Leben Lebenshilfetexte geschrieben, eigentlich für sich selbst, worin genau das angesprochen sei. Sie habe ein wenig Zeit für einen Kaffee, sagte sie. Also steuerte Erlenberg das Café von vorhin an. Sie fanden ein freies Tischlein unter der Markise. Schon stand er wieder vor der Verkäuferin und orderte ein Stück Käsekuchen. Fasziniert schaute er zu, wie sie die Torte aus der Vitrine nahm, ein sorgfältig bemessenes Stück abschnitt und auf einen Teller gab.
„Und den Kaffee muss ich drüben bei deinem Kollegen bestellen?“
„Nein, den bestellst und bezahlst du bei mir“, sagte sie bestimmt.

Der Kollege an der Kaffeestation bekommt Bestellzettel aus der Registrierkasse und arbeitet die Kaffeebestellungen ab. Wie Erlenberg auf den Kaffee wartet, tritt sie hinzu, deutet auf die Zettel und fragt: „Welche Bestellungen hast du schon abgearbeitet, Lorenzo?“ Es ist ein leiser Vorwurf in der Stimme, weil er im Stress vorheriger Bestellungen versäumt hat, die erledigten Zettel wegzuwerfen. Dieser Anflug von einem Vorwurf erschreckt Erlenberg. Aber er sagt sich, dass er nicht überbewerten dürfe. Wer in dieser Hitze arbeiten muss, schwitzt auch schon mal etwas Ungehaltenes aus. Aber dieses Inwändige hatte er lieber nicht sehen wollen. Was, wenn es sich öfter Bahn bricht und zähe Fäden zieht? Aus schmerzlicher Erfahrung weiß er, dass just diese Fäden, die aus Nichts gemacht sind, einen gefangenhalten können wie der Faden Gleipnir, mit dem die Götter den Fenriswolf gebunden haben.

Das Fenster zur Welt – Eine wahre Geschichte

Drei an ihr Bett gefesselte alte Männer liegen im Krankenhaus auf einem Zimmer. Einer liegt am Fenster und kann hinausschauen. Den ganzen Tag schildert er den beiden anderen, was in seinem Fenstertheater alles vor sich geht. Das erweckte den Neid des mittleren. In einer Nacht stößt er dem Fensterbettbeleger die Medizin vom Nachtschränkchen, die der bei einem Herzanfall benötigt. Der wird wach, erleidet vor Schreck prompt den Herzanfall, findet seine Medizin nicht und ist glücklich verröchelt.

    Nebenbei: Was bedeutet diese Redensart eigentlich? Glücklich verröchelt. Ich weiß nicht, wann sie aufgekommen ist, doch sie muss aus einer Zeit stammen, in der man froh sein konnte, alles hinter sich zu haben. Wir leben heute auf einer Insel des Wohlstands. Das täuscht ein wenig. Die meisten Menschen auf der Welt haben ein derart hartes Leben, dass ihnen die Redewendung unmittelbar einleuchten muss. Und trotzdem will der Mensch leben. Er will das Leben unbedingt, auch wenn es hart zu ihm ist wie ein strenger, böser, rachsüchtiger Schulmeister, einer, der die Menschen hasst. Das Leben ist ein Misanthrop. Man muss Wohlverhalten zeigen, um keins drüber zu kriegen. Was aber ist Wohlverhalten? Wonach soll man sich richten? Manche sagen, „du musst ein Schwein sein“, um die Gunst des kosmischen Schulmeisters zu gewinnen.

Bei den drei Alten im Krankenhaus ging es so weiter: Das Bett des Toten war noch nicht kalt, da verlangte der Neider aus dem mittleren Bett ans Fenster verlegt zu werden. Erwartungsfroh starrte er in die Dunkelheit hinaus und erwartete die Morgendämmerung, um all das Wunderbare zu sehen, was sein Vorgänger immerzu so farbig geschildert hatte. Für diesen Blick aus dem Fenster hatte er gemordet. Die Sonne ging auf. Es wurde kaum hell. Er schaute hinaus in den grauen Morgen. Sein Blick fiel auf eine kahle Brandmauer. Da war nur ein Lichtschacht.

    Die Geschichte, von mir „Fenster zur Welt“ genannt, hörte ich (ohne Unterbrechung wegen „glücklich verröchelt“) in den 1990-er Jahren im niederländischen Radio, Hilversum 3, wo der Moderator Jeroen van Inkel in seiner täglichen Sendung „een waargebeurd verhaal“ [Eine wahre Geschichte] erzählte. Ich habe damals einige davon mitgeschnitten und übersetzt.

Prima Fernsehen mit Jeremias Coster

Eigentlich sollte ich um drei Uhr im Café Mohren sein, wo ich mit Coster verabredet war. Um zehn vor drei verließ ich das Haus und wusste, ich würde mich verspäten. Für einen Moment keimte Unruhe in mir auf. Dann sagte ich mir, dass ich noch zehn Minuten vor dem Zuspätkommen hätte, und diese Lebenszeit wollte ich keinesfalls mit innerem Hader verbringen. Es könnte mich schließlich just ein Auto überfahren, derweil ich gerade denke: „Ich komme zu spät!“ Dann hätte ich das Jenseits herbeigepfiffen. Da stelle ich mir lieber vor, ich wäre immerzu genau richtig in der Zeit. Also dachte ich andere Gedanken. Seltsam genug dachte ich etwas, wovon später auch Coster sprechen würde, allerdings radikaler und boshafter als ich es gewagt hätte. Beim Supermarkt, dessen Mitarbeiter zeitweilig in T-Shirts gezwängt waren, auf denen stand: „Wir werden Sie begeistern!“, dachte ich: „Mist, ich hab mal wieder ums Verrecken keine Lust, mich auf diese Weise begeistern zu lassen.“

Dr. phil, Dr. ing. Jeremias Coster, dubioser Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, hatte auf der ersten Etage des Cafés einen Tisch am Fenster gewählt. „Hier hat man einen Butzenscheibenblick auf die Welt“, sagte er später, „und das ist manchmal gut für’s Gemüt.“ Vor sich hatte der Gemütsmensch ein Glas Wasser, einen Aachener Printenlikör und Kaffee im Glas. Als die junge Kellnerin an unseren Tisch trat, staunte ich erneut, wie gut sich Coster auf’s Charmieren versteht. Sie hatte nicht einen Blick für mich, sondern sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit. Coster hätte also bester Stimmung sein müssen, war es aber nicht. Caféhausromantik mit Printenlikör, Kaffee und Kellnerin, das alles hatte Coster gleich einem Bollwerk vor sich aufgebaut, um eine grimmige Stimmung abzuhalten, die ihn beständig anzufliegen schien.

An der Kellnerin könne er ablesen, wie das Betriebsklima sei, sagte Coster. Und da der Chef des Cafés hinterm Tresen stünde, wäre ihre Fröhlichkeit auch nicht antrainiert, sondern käme aus dem Herzen. Denn wäre ihr Chef ein Leuteschinder, könnte sie das auf den kurzen Wegen zwischen Tresen und Gast nicht vergessen. Anders wäre es in einem Lokal einer Kette. Dort könnte die Freundlichkeit des Personals auch das Ergebnis eines Mitarbeitertrainings sein. Wo weite Wege lägen zwischen Unternehmensleitung und Personal, wo also der direkte Kontakt zwischen Chef und Untergebenem nicht vorliege, dort wolle er sein Geld nicht mehr hintragen.

Coster nippte an seinem Printenlikör und sagte: „Das ist mein Mittagessen.“ Er habe nämlich nichts mehr im Haus und könne sich „ums Verrecken“ nicht überwinden einzukaufen. „Schon wenn ich in der Tür das Kassenpiepen höre, kriesch isch et ärme Dier, Trithemius. Und sehe ich das Personal …“ Er nippte noch einmal an seinem Mittagessen und fuhr fort: „Weil der Einzelhandel langsam verschwindet, wissen wir nicht, welchen moralisch verkommenen Halunken man das Geld für den Einkauf in den Rachen wirft. Am Ende werden davon irgendwelche Drecksäcke fürstlich entlohnt, die sich nicht zu schade sind, eine Kassiererin fertig zu machen, weil sie angeblich 25 Cent gestohlen hat. Doch eigentlich kann man diese Leute nicht einmal von Herzen verachten, denn letzten Endes sind sie nur die Produkte einer gesellschaftlichen Entwicklung.“

„Sie meinen, der Mensch ist nicht für solche Großstrukturen gemacht?“

„Ganz genau!“, sagte Coster. „Großstrukturen jeglicher Art übersteigen das menschliche Fassungsvermögen. Der Mensch orientiert sich stets an seiner unmittelbaren Umgebung. Und wer fern ist von den ihm anvertrauen Mitarbeitern, ist zu jeder Schandtat bereit, wenn sie nur die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung zufrieden stellt, also die eigene Familie oder den gesellschaftlichen Status befördert. Der richtet sich nämlich nicht nach überindividuellen moralischen Maßstäben. Wer das glaubt, ist erfrischend naiv. Ich bin sicher, die Herrschaften auf den Chefetagen verfügen über beste Manieren, wenn sie sich unter ihresgleichen befinden. Doch gegenüber den Menschen weit unter ihnen zeigen sie diese Manieren nicht. Sie sehen die Leute nicht und das macht sie zu dummen Affen. Vorsorglich entschuldige ich mich bei den Affen.“

Coster drängte zum Aufbruch, lud mich ein und schäkerte beim Bezahlen ausgiebig mit der Kellnerin. Sie sonnte sich erneut und sah nur ihn. Wer zahlt, bestimmt die Blickrichtung, dachte ich, was natürlich nicht stimmte, denn sie war nicht dem Geld, sondern Costers Liebenswürdigkeit erlegen. Im Rausgehen packte er meinen Arm. „Es hilft nur eins, Trithemius“, sagte er gut gelaunt: „Strenge Gesetze! Je größer gesellschaftliche oder wirtschaftliche Strukturen, desto strenger müssen sie gesetzlich überwacht werden. Also, wenn Überwachungskameras, dann auf den Chefetagen. Das wäre prima Fernsehen!“

Sich wundern und verstehen

Kennst du das? Du wachst du morgens auf und wunderst dich, wer du bist und dass du allerlei Dinge erledigen sollst, bis hin zum Kaffee machen. Und während du alles fast mechanisch erledigst, denkst du, na gut, dann füge ich mich eben in dieses Leben als Mensch des 21. Jahrhunderts. Wenn es blöd kommt, fremdelst du den ganzen Tag als wärst du im falschen Film. Wer gibt dir eigentlich die Gewissheit, dass du gestern nicht jemand anderes warst? Beweisen kannst du es nicht. Du erinnerst dich an deine Biographie? Es könnten auch fremde Erinnerungen sein. Du bist über Nacht einfach hineingeschlüpft, hast dir die fremden Erinnerungen angezogen wie eine Jacke. Am Ende warst du gestern noch die Ex-Geliebte von Horst Seehofer und hast gerade der BILD alles gebeichtet, wie es war mit Seehofer und so. Was hast du dir gedacht, als du ein Verhältnis mit einem verheirateten Politiker begonnen hast? Das war nicht gerade klug, oder? Na ja, wo die Liebe hinfällt. Vorstellen kannst du dir das heute nicht mehr, denn heute bist du im Körper eines Mannes erwacht und ins Bad gewankt. Ja, so geht es zu in der Welt. Alleweil ändert sich was.

Jetzt sitzt du in der Aachener Pontstraße vor dem Laden einer Bäckereikette, die keinen guten Ruf hat, da sich ihr Name dummerweise auf „Goebeln“ reimt. Bist trotzdem mutig hineingegangen, hast dir Kaffee und ein Brötchen aufs Tablett laden lassen, nach Milch musstest du fragen und bekamst die pampige Antwort, die stehe irgendwo auf den Tischen, und jetzt sitzt du draußen in der Sonne, trinkst deinen Kaffee, und was ist? Dein Brötchen fühlt sich auf der Unterseite feucht an. Das ist ein bisschen eklig, und hättest du jetzt Lust, dir die Zimpe der Verkäuferin noch einmal anzuschauen, dann würdest du hineingehen und das Brötchen reklamieren. Doch du hast dich ja auch in deiner früheren Existenz als Geliebte nicht gut um deine Belange gekümmert. Also hoffst du, das Brötchen werde in der Sonne rasch trocknen, am besten, bevor du beim Beißen an die nasse Stelle kommst.

Gegenüber werden die oberen Etagen des Hauses Nr. 117 renoviert. Bist du vielleicht vor 170 Jahren der Bankkaufmann Julius Reuter gewesen? Dann hättest du dort unterm Dach einen Taubenschlag gehabt. Deine Täubchen fliegen für dich nach Brüssel und zurück. Das ist recht weit, und du bist stolz darauf, dass deine Täubchen die Strecke so sicher und rasch bewältigen. Selten verfliegt sich eine oder landet in einem wallonischen Kochtopf. Und deshalb versorgst du deine Täubchen gut, stehst unterm Dach, und durch die offenen Luken blinzelt die Morgensonne herein. Du magst es, die Staubteilchen im Lichtbündel tanzen zu sehen. Es ist, als hätten sie sich im Sonnenlicht zum Hochzeitstanz versammelt. „Hochzeit?“ Das Wort rührt etwas in dir an. Hattest du nicht gegen Morgen noch von einer schönen Hochzeit geträumt? Du wolltest einen bekannten Politiker heiraten, der leider schon eine Frau hatte. Seltsamer Traum.

Egal jetzt, die Börsenkurse müssen nach Brüssel gesandt werden. Du wickelst die Listen zu kleinen Rollen zusammen und steckst sie in Hülsen. Nun kommt, meine Täubchen! Seid meine Boten! Tragt die Depeschen brav nach Brüssel hin. Und während du ein ums andere Täubchen gen Himmel wirfst, denkst du, dass du ihnen bald den Hals umdrehen wirst. Werner von Siemens hat dir geraten, nach London zu gehen und dort ein Telegraphenbüro zu eröffnen. „Julius! Die Telegraphie wird die Welt verändern“, das hat Siemens dir gesagt.

Im Gartenpavillon hat das Mädchen gerade das Frühstück aufgetragen. Du küsst deine Frau auf die Stirn, setzt dich zu ihr und sagst: “Guten Morgen, meine Liebe. Neuste Nachrichten: In der Schule schildert der Lehrer die Wunder Jesu. ‚Die Blinden macht er sehen, die Lahmen macht er Gehen. Und was macht er mit den Tauben, na Wilhelm?‘ Wilhelm überlegt: ‚Die ließ er fliegen!‘ Die Tauben ließ er fliegen. Hihi! Genauso mache ich es auch.“ Und dann überzeugst du deine Frau, dass es gut ist, nach London zu gehen. Siemens hat dies gesagt! Siemens hat das gesagt! „Die Tauben können wir fliegen lassen wie Jesus, liebe Helma. – Oder ich drehe ihnen den Hals um.“
„Gott sei Dank!“

Gedenktafel in Aachen – (Foto: Iris Reinhardt für Wikipedia)

Unfassbar denkst du, während du leider in die feuchte Stelle des Brötchens beißt, dass die große stolze Nachrichtenagentur Reuters hier im Haus Nr. 117 der Pontstraße ihre Wurzeln in Taubenkot hat. „Damit begann sein Lebenswerk im Dienste des Nachrichtenverkehrs der Welt“, steht auf der Gedenktafel. Es ist eine Lüge. Es ging um Aktienhandel. Dass es Finanzleute waren, die ein Interesse am raschen Austausch von Börsennachrichten hatten, findest du einleuchtend. Wenns um Geldgeschäfte geht, ist Geschwindigkeit Trumpf. Wer als erster weiß, wie die Aktien stehen, kann ordentliche Gewinne machen. Da ist es auch plausibel, dass die Nachrichtenagentur Reuters noch heute 90 Prozent ihres Umsatzes mit Aktienhandel macht. Das Nachrichtengeschäft ist nur Beifang. Beifang wie die großen rauschenden Zeitungen. Letztlich sind auch sie nur Gelddruckmaschinen.

Manchmal ist es ganz erhellend, mit der Welt zu fremdeln, findest du doch auch.

Mallinckrodt

Wieder war aus dem Nichts ein Streit entbrannt. Er war sich keiner Schuld bewusst. Der Grund war ihre finstere Gesinnung, die sie in regelmäßigen Abständen überkam wie ein grässlicher Fluch, gegen den kein Kraut gewachsen war. Ein Glas mit Rotwein hatte sie gegen die Wand geworfen. Wie der Weinflecken sich blutrot über die Tapete verbreitete, überkam ihn ein bodenloser Grimm, schlimmer noch ein heftiger Grell. Da war dieser Wunsch zu wüten. Blitze zuckten vor seinen Augen, ein Wetterleuchten der Explosionen und Entladungen in seinem Kopf. Er kannte sich nicht mehr, hatte derlei noch nie verspürt. Als wäre die Haut der Zivilisation ihm vom Leib gerissen worden und hätte das Tier bloßgelegt, seine finstere Schattenseite. Zu ihrer eigenen Sicherheit packte er sie beim Oberarm und setzte sie vor die Tür. Mit zitternden Fingern legte er eine CD dieser vier durchgeknallten finnischen Cellisten ein, startete „Path“ und drehte die Lautstärke auf, so weit, dass diese gewalttätige Musik sich irr an den Wänden stieß, wo es ihr nicht gelang hinaus zu fliehen auf die nächtliche Straße, und ihm war als würde die Tür, die er hinter ihr zugeknallt hatte, noch immer in ihrem Rahmen schwingen. Diese Musik zu hören, war Teufel mit Belzebub auszutreiben. Wie die vier Musiker im Video einen Kampf ausfechten mit ihren schier übermächtigen Schatten, so kämpfte auch er die Schatten in sich nieder.

Und tatsächlich gelang es ihm, sich zu beruhigen, ja es erheiterte ihn die Erinnerung an ihr verblüfftes Gesicht, als er sie wortlos vor die Tür geschoben hatte. Noch immer lief Path und da kam ihm wieder dieser Unheil verkündende Name in den Sinn: „Mallinckrodt.“ Er wusste nichts damit anzufangen, hatte keine Ahnung, von wo ihm das Wort zugeflogen war. Vorne erinnerte es schwach an das lateinische malus für schlecht, böse, aber das auslautende -rott war zuverlässig die Bezeichnung für Rodung. Noch zur Römerzeit war das Land von dichten, schier undurchdringlichen Wäldern überzogen. Da bot jede Lichtung die Gelegenheit aufzuatmen, den Himmel zu sehen und in die Sonne, ans Licht zu treten. Es muss natürliche Lichtungen gegeben haben in der Welt unserer Vorfahren. Doch für die meisten hat man Brände legen, Bäume fällen und Wurzeln ausgraben müssen, ein hartes und mühsames Unterfangen. Warum sollte eine solche Lichtung als böse verschrien sein? Weil dort Böses geschehen war? Was geschah in Mallinckrodt? Warum kam ihm dieses unheilige Wort in den Sinn, wann immer er Path von Apokalyptica hörte?