Als die Glocken nach Rom geflogen waren

Wie die Glocken nach Rom geflogen sind, habe ich nicht gesehen, obwohl meine Mutter meinen Blick in den bewölkten Himmel gelenkt hatte. „Da!“, sie hätte die Glocken gesehen, sagte sie. Weil ich aber Wange an Wange mit ihr nach oben geschaut hatte, glaubte ich kaum, dass die Glocken auf dem Weg nach Rom über unser Haus geflogen waren. Dass die Glocken in Rom wären, um beim Papst Milchbrei zu essen, so wurde bei uns auf dem Dorf erklärt, warum die Glocken von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag schwiegen. Stattdessen zogen die Messdiener dreimal am Tag mit Rasseln durchs Dorf.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war Messdiener. An diesem Karfreitagmorgen durfte ich an seiner Statt mit dem Fahrrad unsere Straße hochfahren und die Rassel schwingen. Es hatte gerade geregnet. Ein milder Frühlingsregen war das gewesen. Die Natur hatte ihn bereitwillig aufgesogen. Ich erinnere mich an den erdigen Duft, der von der Straße aufstieg. Sie war zu dieser Zeit noch nicht asphaltiert und von den Regentropfen feucht gesprenkelt. Ich wusste, dass meine Aufgabe wichtig war und schwang die Rassel voller Inbrunst. Aus heutiger Sicht nichts Besonderes, doch für mich im Alter von fünf Jahren ein kleines Hochamt.

Aus meinem Tagebuch vom März 1997

(Der Beitrag ist eine Wiederveröffentlichung vom 25. März 2016)

Das Buch Christine Hansen

An diesem stürmischen Abend, mein Kabelanbieter meldete eine Störung von TV, Telefon und Internet, fand ich mich ganz auf mich zurückgeworfen. Eine Weile las ich in J.J. Voskuils „Büro“, war aber bald genervt von zu wenig Licht und legte den Wälzer weg. Wie den Abend verbringen? Sollte ich einen Abendbummel machen? Ein Blick aus dem Fenster ließ mich zurückschrecken. Es regnete offenbar. Also nicht bummeln, nicht lesen, einfach nur dasitzen? Warum nicht? Doch indem ich ganz tatenlos blieb, klebte die Zeit in der Uhr fest. Nach einer Weile Stillsitzen begann es zu denken. Ein Aufmerksamkeitsfunke unternahm einen Bummel, scheinbar ziellos, und trat hie und da Erinnerungsfragmente los.

Um ihrer habhaft zu werden, stellte ich mir die Bibliothek meines Lebens vor. Sie hat rechter Hand einen Gang entlang einer Fensterfront, von dem man nach links Regalreihen betreten kann, die im rechten Winkel vom Gang abgehen. Im Gang stehen einige Lesepulte, worauf Bücher abgelegt, aufgeschlagen und gelesen werden können. Habe ich genug gelesen, bin ich gehalten, das Buch aufgeschlagen liegen zu lassen. Ein kundiger Bibliothekar wird es an den richtigen Regalort zurückstellen. Er trägt weiße Handschuh, um jede Beschädigung zu vermeiden, nicht weil die Bücher so kostbar wären. Er weiß es nicht, denn er schaut niemals hinein. Weil er nicht weiß, welche Bücher bedeutsam sind und welche nicht, wundere ich mich, dass er ganze Regalreihen vernachlässigt hat. Dort stehen Bücher, deren Schrift nur noch vage zu erkennen ist. Sie müssten dringend abgeschrieben werden, bevor ihr Inhalt gänzlich verblasst. Ein Gang zu Regalen dieser Bücher ist tatsächlich von Spinnweben versperrt, und es müsste Staub gewischt werden. Gerade wegen der Spinnweben betrete ich just diese Regalreihe.

Die Titel auf den Buchrücken in diesem Regal sind unlesbar. Bei einem ahne ich, was dort steht. Es ist wie bei einem schwach erinnerten Traumfragment. Gerade will mans erhaschen, rennt es zur nächsten Mauerecke und steht feixend da. Ich konzentriere mich, und plötzlich ist der Aufdruck wie von Zauberhand erneut geschwärzt und mit Blattgoldpuder eingestäubt: „Christine Hansen.“ Ich ziehe das Buch aus dem Regal, trage es hinüber in den Gang, lege es auf ein Stehpult und schlage es auf.

Kleine Geschichten (7) – Hans, wollen Sie noch Wurst?

Kleine Geschichten

Wie ich mein Abendessen aus dem Kühlschrank nehmen will, die Packung Ofenkäse aber nicht sogleich zu fassen ist, sondern weiter nach hinten rutscht, stelle ich mir vor, ich müsste, um etwas essen zu können, ein Kaninchen bei den Ohren nehmen und aus dem Stall zerren. So machte es mein Onkel Eduard. Zu Ostern stattete er eines mit einer Schleife um den Hals zum Osterhasen aus und ließ es für uns Kinder durch den Garten hoppeln, am Sonntag darauf hing es ausgenommen und gehäutet in der Scheune. Auch habe ich, im Bus nach Neuss sitzend, mal gesehen, wie ein Mann in seinem Garten ein großes Kaninchen bei den Ohren hielt und ihm einen Knüppel über den Schädel zog. Im Vorbeifahren sah ich noch, wie der Rammler im Todeskampf zuckte. Dieses Bild ging mir lange durch den Kopf. Ein Schwein erregt nicht soviel Mitleid. Mit einer Schleife um den Hals und Hasenohren würde es sowieso zu blöd aussehen, jedenfalls würde kein Kind glauben, dass dieses Vieh die Ostereier legt. Und kämen sie unterm Ringelschwanz hervor, wärs doch nur eklig. Weiterlesen

Frau Lochmanns Jacke

rübenfeldWenn die Sonne hoch steht und das Land grell bescheint, setzt der Junge sich gern in den Schatten des Anhängers und wartet auf Züge. Es kommen nicht viele vorbei, und wann sie kommen, weiß niemand. Das Ereignis kündigt sich an, wenn das Vorsignal seinen Signalteller in die Waagerechte legt. Das scharrt, und dann springt der Kleine auf, bahnt sich einen Weg durch Holunderbüsche und Brombeerranken und setzt sich in die Böschung des Hohlwegs. Er kann ein gutes Stück der Strecke überblicken, bevor sie sich krümmt und aus seinem Blick verschwindet. Doch die Dampflok sieht er schon von weiter her, an den runden weißen Wolken, die über der Strecke aufquellen. Die Schienen unten künden als letzte das Nahen des Zuges an. Sie beginnen leise zu sirren, als wären sie in Hitze geraten. Donnern, Fauchen, Stampfen, Zischen, Rattern, Rattern, Rattern; hei, was für eine wilde Musik von Dampf und Eisen! Der Kleine springt auf, schwenkt sein Taschentuch, winkt in den Führerstand der Lok hinein, dem schwarzgesichtigen Heizer zu. Manch einer lächelt und lehnt mal kurz seinen Kopf aus dem kleinen Fenster. Dann die Waggons, einer nach dem anderen, und wie schön, wenn sich hinter den Fenstern eine Hand für ihn rührt. Wenn Güterzüge kommen, muss er Anhänger zählen. 80, 81, 82, 83, 83, – 94, 97, verzählt. Jetzt wird er in seinem ganzen Leben niemals mehr die richtige Zahl erfahren.

Gerne spielt er auch an kleinen Pfützen in der Karrenspur. Er gräbt einen Kanal und lässt die obere Pfütze leer laufen. Dann werden die Wasserflöhe von oben heimatlos. Das ist leider so.

Da taucht oben am Knipp seine Mutter aus dem Acker auf. Dauert es eine ganze Stunde bis sie bei ihm ist? Sie ist so langsam auf den Knien.

„Ach, hol doch mal die Jacke von Frau Lochmann und bring sie ihr!“

Frau Lochmanns Jacke ist blau. Er greift sie sich vom Kleiderhaufen und rennt los.
Zu seinen Füßen haben breite Knie eine staubige Spur hinterlassen, wo die Frauen durch die Reihen der jungen Rübenpflanzen gerutscht sind, um sie mit der Handhacke zu einzeln. In den Spuren welken die entwurzelten Pflänzchen. Es geht leicht bergan, dann wieder bergab. Ganz hinten am anderen Ende kriecht Frau Lochmann. Er läuft hin und gibt ihr die Jacke.
„Du bist aber ein lieber Junge!“, sagt sie und streift die Jacke über.

Es gefällt ihm hier. An diesem Ende des Rübenfelds war er noch nicht. Am Rain bricht er einen Holunderstock ab. Man kann mit einem Messer feine Muster in die Rinde schneiden. Das hat er bei seinem älteren Bruder schon gesehen. Er versucht es mit einem scharfen Stein, doch es gelingt nicht gut. Lieber macht er den Stock ganz blank. Wie er dort sitzt, fließt die Zeit vorbei, und erst spät erinnert er sich an seine Mutter. Auch Frau Lochmann ist nicht mehr zu sehen. Er rennt los. Hinter dem Knipp überholt er sie. Die anderen sitzen schon am Anhänger und kauen dicke Stullen aus Weißbrot, das die Bäuerin selber backt. Dazu gibt es Malzkaffee mit viel Milch aus der großen Töte. Den gießt die Bäuerin jedem ein, der seine blecherne Tasse hinhält.
„Wo warst du denn so lange?!“, fragt seine Mutter.
„Och, da hinten.“
„Wo da hinten?“
„Da hinten bei der Frau Arschloch!“

Der Knecht prustet in seine Tasse, und die Frauen juchzen auf.
„Bei der Frau Arschloch!“, wiederholen sie lachend,
„Da Hinten!“, ruft der Knecht und will sich schier nicht einkriegen vor Lachen. Dann müssen sie die Hände vor den Mund halten, denn Frau Lochmann hat sich gerade erhoben, klopft den Staub aus den Knieschonern und kommt heran.

Der Kleine guckt erstaunt. Was haben die denn? Da ist sie doch, – da, die Frau!
Meist zieht der Nachmittag sich lang. Die Frauen knien wie versteinert im Feld, über ihnen steigen die Lerchen auf, stehen fast still in der Luft und singen ihr eintöniges Tirili, das Wasser in den Pfützen ist schon hin und her geleitet, und ein Zug ist auch nicht in Sicht. Es kommt nie einer, wenn man sich danach sehnt. Da lernt er schon ein bisschen, dass die Zeit aufgehalten wird, wenn man sich sehnt. Und das macht einsam.

Wenn die Sonne endlich in die westliche Wolkenbank taucht, dann kommt der Bauer mit seinem Traktor gefahren. Er misst die Tagesleistung mit seinen Blicken aus, und dann ruft er die Frauen zum Gespann. Staubige Gestalten erheben sich aus dem Feld und kommen müde herüber. Ein Rest Kaffee ist noch da. Was nicht getrunken wird, kippen sie an den Wegesrand. Sie beladen den Wagen, die Frauen packen sich dazu, den Kleinen nehmen sie auch mit; die Rückfahrt beginnt. Nun wird allen der Weg ziemlich lang. Über den Wagen streicht ein kühler Wind, dem keine mehr viel entgegensetzen kann. Sie halten ihre Strickjacken vorne zusammen. Und der Kleine kauert sich zwischen die Strohballen. Zu Hause tut die Mutter Seife auf den Waschlappen und wäscht ihm die verdreckten Beine. Eine Welle von kleinen Stichen zieht über seine Haut, wo die Seife in die unzähligen winzigen Risse geht, die von den Strohhalmen kommen.

Dies ist ein Beitrag zum Schreib-mit-Projekt des Kollegen Wortmischer
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Kleine Geschichten (6) – Kirchtürme sehen

Kleine Geschichten
„Den Hansen müssen Sie mal besuchen“, sagte Ortsvorsteher Theo Lammen, „der hat viel Zeit, der hat ja nur ein Bein. Ach, wissen sie wat, ich jehe mit Ihnen.“ Lammen, ein rotwangiger Bauer im Ruhestand, hatte schon mehrmals den Türöffner für mich gespielt und begann offenbar Gefallen daran zu finden. Wir gingen über die Straße zum Haus des Einbeinigen und durchquerten den überwucherten Vorgarten. Er klingelte an der Haustür. Eine alte Frau öffnete.

„Juten Morjen, Frau Küttelwäsch!“, sagte Lammen. „Das hier ist der Herr van der Ley. Der will im Dorf Geschichten sammeln. Kann der ens mit ührem Broder kalle?“

Sie wischte sich die Hände an der Kittelschürze ab und reichte mir die Hand. „Ja, von Ihnen hann ich schon jehürt!“, sagte sie, „dann kommen Sie ens erein!“ Frau Küttelwäsch zog die Tür auf und trat zur Seite.

Der Flur war niedrig und hatte wenig Licht. An den unordentlich angebrachten Wandpanelen hingen diverse Bilderrahmen mit religiösen Motiven, offenbar Mitbringsel aus den Wallfahrtsorten Kevelaer oder Banneux, die der Mütterverein alljährlich anfuhr. Wir durchquerten eine kleine Küche, dann führte uns die Frau nach rechts ins „jute Zimmer“, dessen zwei Fenster zur Straße hinauszeigten. Das gute Zimmer erstreckte sich über die Frontseite des Hauses und war durch eine faltbare Trennwand aus nikotingelbem Plastik unterteilt.

Hinter der Falttür bot sich ein bizarrer Anblick. Über die gesamte Stirnseite des Raumes erstreckte sich eine eichene Schrankwand. Aus dieser Wand war ein Schrankbett ausgeklappt. Dort saß inmitten seines zerwühlten Bettzeugs ein kleiner alter Mann. Er trug einen braunen Frottee-Schlafanzug. Das rechte Hosenbein war hochgeschoben. Heraus schaute ein schrundiger Beinstumpf, der endete, wo das Knie hätte sein sollen. Ein großer Tisch beim Fenster war mit Medikamentenpackungen bedeckt. Hansen lächelte uns erwartungsfroh an. Er schien nichts dabei zu finden, seinen Beinstumpf zu zeigen.

„Pitter, der Herr will ma mit dir sprechen. Der is us Oche!“, sagte Lammen.
„Ja, dat Sie us Aachen sinn, weeß isch, isch hann jo dat Nummernschild von Ührem Auto jesenn!“

Ich schüttelte dem Einbeinigen die Hand. Sie war warm und klebrig.

„Bitte entschuldigen Sie die Unordnung!“, sagte Frau Küttelwäsch, „mein Bruder erwartet die Gemeindeschwester, damit die sein Bein versorgt. Ich mach Ihnen mal Platz, dann können Sie sich an den Tisch setzen.“ Sie schob mit ihrem Unterarm die Medikamente zu einem Haufen zusammen.
„Nein, machen Sie sich keine Umstände, Frau Küttelwäsch!“, wehrte ich ab, „ich komme schon zurecht.“
„Sie brauchen mich ja sicher nicht mehr“, fragte Lammen.
„Ja, danke schön, Herr Lammen“, sagte ich, „wir sehen uns später.“
„Dann will ich mal denen da draußen auf die Finger gucken!“
„Ja, Herr Lammen, die mösse Se ens in de Fott tredde“, rief der Einbeinige, „dat sin voule Lömmele. Die donn nix!“ ( … die müssen Sie mal in den Hintern treten, das sind faule Lümmel, die tun nichts!) Dabei wippte sein Beinstumpf bestätigend auf und ab. Ich schaute aus dem Fenster, schräg hinüber zu den gescholtenen Gemeindearbeitern. Sie waren zu dritt. Als ich eintraf, hatten sie Anstalten gemacht, ein altes Transformatorenhäuschen niederzulegen, das auf der Ecke von Lammens Anwesen stand. Jetzt standen sie wie machtlos vor dem hohen Ziegelbau und rauchten.

„Da haste Reäch, Pitter, isch jonn dann ens!“, sagte Lammen und ging mit Frau Küttelwäsch hinaus. Ich setzte mich zu den Medikamenten an den Tisch und packte meine Karteikarten aus. „Sie haben ja freien Ausblick“, sagte ich und deutete zum Fenster.
„Ja!“, rief der Einbeinige, „isch kann von meinem Bett aus sieben Kirchen sehen!“ Sein Finger wanderte über die Felder hinweg zum Horizont. Ich schaute hinterher. Tatsächlich sah man in der Ferne die Türme mehrerer Kirchen. Er zählte mir stolz die Namen der Pfarreien auf, und ich schrieb sie auf eine Karteikarte. Mehr erfuhr ich nicht von ihm. Denn derweil ich notierte, worin er seinen Trost fand, brachte Frau Küttelwäsch die Gemeindeschwester herein.

Einige Wochen später fand ich auf dem Kirchhof sein Grab. Er war fünf Tage zuvor gestorben. Ich stand eine Weile still, las seine Lebensdaten und sah ihn vor mir, wie er freudig die Kirchen aufgezählt hatte, da, aus seinem Schrankbett heraus. Wie klein seine Welt zuletzt gewesen war. Und doch hatte er Weite darin gefunden. Hatte sich die fernen Kirchen durch sein Fenster ins Schrankbett geholt, sich erinnert, wie er noch kräftig auf zwei Beinen und da und da gewesen war. Und jetzt lag er unter der Erde. Es regnete. Bald würde das Grab einsinken. Die Blumen hingen nass und welk auf den Kränzen. Die Aufschriften der Bandschleifen waren ausgewaschen, und ihre Enden ruhten in lehmigen Pfützen. „Letzter Gruß – Die Nachbarschaft.“ Das klang ungewöhnlich kühl. Später sollte ich den Grund erfahren. Denn je länger ich in der 240-Seelen-Gemeinde unterwegs war, um so mehr begannen sich die Geschichten zu verknüpfen.


Alle Namen geändert – Bild oben: Pfarrhaus in Kirchheim mit Friedhof – Foto: Gudrun Petersen
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Kleine Geschichten (5) – Vier Töpfe auf dem Kohlenherd

Kleine Geschichten

„(…) aber dabei dürfen wir nicht vergessen, daß immer noch die Begegnung von Mensch zu Mensch die beste Quelle ist und bleiben wird. Die einst so hoch geschätzte Erfahrung des Alters steht heute bei uns nicht mehr so hoch im Kurs, aber sie hat noch ihren Wert. Vor allem müssen wir uns hüten, daß uns Lauheit oder Gleichgültigkeit den Mund verschließen. Unsere Kinder, Enkel und Urenkel,unsere Zukunft warten darauf, daß wir für sie zur Quelle des beseelten Wortes werden und es bleiben.“ (Pfarrer Stockem, Festschrift zum Bundesfest 26. bis 28. 6. 1971)

Vor dem Krieg war im Haus die Gaststätte gewesen. Der Gastwirt hatte nebenher noch einen Lebensmittelladen und die Poststelle betrieben. Die Gaststätte hatte im Dorf das Café geheißen. „Wir gehen ins Café“, war die übliche Rede, was feiner klang als „wir gehen in die Wirtschaft“ und ein bisschen an die Niederlande erinnert, wo die Kneipen auch Café heißen. Der Wirt war im Krieg gefallen, und jetzt lebte die älteste Frau des Dorfes im Haus.

Das alte Backsteinhaus trug noch die Spuren des Kriegs, war übersät mit Einschussspuren. Da waren scharfkantige Brüche zu sehen, wo die Backsteine getroffen worden waren, die aber mit den Jahren fast die gleiche mattbraune Alterspatina angenommen hatten wie die unversehrten Steine. Seitlich schloss sich ein gemauerter Torbogen an, worin das hölzerne grüne Tor fehlte, wie man sie überall in den Dörfern am Niederrhein sehen kann. Ich fragte mich, ob hier wieder das Freilichtmuseum Kommern auf Raubzug gewesen war. Das Haus war mir schon bei meinem ersten Besuch des Dorfes aufgefallen, denn an der Hausfront hing seitlich der Haustür ein hölzernes Ortsschild. Das Brett war offenbar in der Mitte gespalten, und es war mal der geschnitzte Schriftzug Kirchheim zu lesen gewesen, doch weil die obere Hälfte fehlte, konnte ich das nur noch ahnen.
Ich klingelte an der Haustür und wartete.
Nebenan trat eine Nachbarin vors Haus und zupfte die verwelkten Blüten aus den Geranien.
„Macht die nicht auf?“, fragte sie. „Die ist aber da. Sie müssen hinten rum gehen und an der Küchentür klopfen!“
„Danke!“, sagte ich und ging durch den Torbogen hinten rum.
Als ich an die Küchentür klopfen wollte, fuhr ein Auto auf den Hof. Ich wartete. Ein vierschrötiger Mann im Blaumann stieg aus und musterte mich erstaunt.
„Wat maachen Sie dann he?“
Ich bin der Mann, der im Dorf Geschichten aufschreibt, und wollte Frau Pohl besuchen.“
„Ach ja? Isch bin dä Sohn! Dann kommen Sie ens möt!“

Die Küche war voller Dampf. Frau Pohl hatte vier Töpfe auf dem Kohlenherd.
Ich stellte mich vor, aber hatte Mühe, mich zu erklären. Sie sprach nur Platt, und ich war froh über die vermittelnden Worte des Sohnes. Sie wirkte eingeschüchtert. Mit einem Fremden zu sprechen, war ihr offenbar unangenehm.
„Das war wohl hier mal der Gasthof von Kirchheim?“, fragte ich.
„Ja, bös dä von de Amerikaner bombardiert worden is. Im Kirchturm, da soß jo de Fliejerabwehr, un he jing eine Blindjänger rein!“, sagte Frau Pohl.
„Ach“, sagte ich, „dann haben die auch das Ortsschild draußen zerschossen?“
„Nee, dat halve Brett hen ich no’m Kriech verstocht, – glöv ich.“
„Verstocht?“
„Das hat meine Mutter im Herd verbrannt!“ übersetzte der Sohn. „Es gab ja nach dem Zusammenbruch kein Brennholz mehr. Aber genau weiß sie es nicht mehr.“
„Kommen Sie darum?“, fragte Frau Pohl ängstlich. „Nein, keine Sorge, Frau Pohl“, ich hatte mich nur gefragt, warum die obere Hälfte fehlt.“
Wir setzten uns an ihren Küchentisch, derweil es auf dem Herd anheimelnd bruzzelte. Dann machte ich einen Fehler, legte nämlich ein Diktaphon auf den Tisch, und das war und blieb auf dem Wachstuch ein störender Fremdkörper, obwohl ich gefragt hatte, ob ich das benutzen dürfte. Ab jetzt sprach sie nur noch Hochdeutsch und blieb ziemlich einsilbig. Als ich sie nochmals auf das Holzschild ansprach, konnte sie sich nicht mehr erinnern, was damit geschehen war. Es war sowieso Zeit zu gehen. Auf dem Land muss Punkt zwölf beim Mittagsgeläut gekocht sein. Ich stand auf und sagte: „Vielen Dank, Frau Pohl, dass ich Sie stören durfte. Ich will Sie nicht weiter vom Kochen abhalten. Was haben Sie denn da alles drin?“
Frau Pohl hob stolz der Reihe nach die Deckel ab und deutete hinein:
„Rindersupp mit Markbällchen, he de Äerpel, dä Blomenkohl, un he in de Kasseroll hen ich dä Schweinebraten! Alles nach alter Art und Weise.“
„Jo!“, sagte der Sohn. „Kochen kann ming Mamm! Die hat ja auch für den Pastor Stockem gekocht und den Haushalt jemacht.! Wor dat net esu, Mama?“
„Ja“, nickte sie, „dä aale Pastur, dat wor ene fffeine Mann, ein Herr, ene richtije Pastur!“

Als ich am offenen Küchenfenster vorbeiging, hörte ich den Sohn fragen: „Wor dat in Ordnung, Mamm, dat isch dä rinjelosse hann?“
„Jojo, dä wor anjenehm!“, sagte Frau Pohl.

Nachtrag
Einige Tage später traf ich Frau Pohl vor dem Haus an, wie sie mit den Händen in der Erde wühlt. Sie hat Blumen gepflanzt. Ich hielt das Auto an und begrüßte sie. Sie war sehr erfreut. Wir erzählen ein bisschen und irgendwann sagt sie: „Ich find dat jot. Äver hürt ens, verdeent Ühr domit  och jeld?“ Ich sage, „hierbei nicht, aber ich bin Lehrer, und der Staat bezahlt mich gut.“ Da sagt sie: „Dat is jot!“


Bild oben: Pfarrhaus in Kirchheim mit Friedhof – Foto: Gudrun Petersen
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Kleine Geschichten (4) – Knecht und Herr

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Für einen Moment fliegt mich der Zauber an, den ich als Kind empfand, wenn ich ein Buch aus der Borromäusbücherei unseres Dorfes ausgeliehen hatte und von fremden Lebenswirklichkeiten las. Und nun stehen sie alle dort, die Bücher meiner Kindheit, und ihre Rückenschildchen rufen: „Lies mich!“, als wäre ich ein Zeitreisender. Doch trete ich an eines der Regale, um ein Buch herauszunehmen, dann will es kaum hervor. Auch seine direkten Nachbarn drängen sich mir entgegen, als hätten sich alle Bucheinbandfolien über die Jahrzehnte miteinander verschweißt.
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Kleine Geschichten – Das ist die moderne Zeit

Kleine Geschichten

Bei einer Trainingsfahrt mit dem Rennrad gelangte ich an ein Dorf am Niederrhein, das wie eine Insel in den Feldern liegt, beschattet von mächtigen Kastanien. Ich war müde und hatte noch viele Kilometer gegen den Wind vorm Bauch. Deshalb hielt ich kurz an und lehnte mein Rad an ein Kapellchen, das außerhalb des Dorfes dem Westwind trotzte. Die Kapelle war durch ein schmiedeeisernes Gitter verschlossen. An den Wänden hingen marmorne Votivtafeln. Sie waren den gefallenen Söhnen einer Familie gewidmet. Ich sann über die Schicksale nach und dachte: Man müsste so ein Dorf einmal auslesen wie ein Buch.

Einige Monate später fuhr ich mit dem Auto hin. Da sah ich, dass der äußere Eindruck getäuscht hatte. Im Dorf gab es nicht Kneipenwirt, Pfarrer noch Bürgermeister, und wo diese drei Säulenheiligen fehlen, stirbt das Dorfleben langsam dahin. Ja, es gibt in der alten Volksschule ein Gemeindezentrum, dessen Öffnungszeiten vermutlich per Mundpropaganda ausgegeben werden; man weiß es nicht als Auswärtiger. Und der Mütterverein fährt einmal im Jahr nach Kevelaer, wie im Aushangkasten zu lesen. Am Dorfplatz hält der Metzger noch aus, und da die Mittagspause vorbei ist, geht langsam die Jalousie des breiten Schaufensters hoch. Bimmelimmelim, der Laden ist auf! Das Kirchlein St. Joris ist verschlossen.
Ich frage eine alte Frau, die mich schon eine Weile beäugt:
„Wer hat den Schlüssel?“
„Den verwahrt die Küsterin.“
„Ob man den von ihr bekommen kann?“
„Ja, aber nur, wenn sie dabei ist. Es wird ja soviel gestohlen heutzutage. Wat machen Sie denn hier?“
„Eigentlich wollte ich den Heiligen Joris mitgehen lassen, aber wenn die Küsterin mich nicht allein in die Kirche lässt …“
„Ach, dann ist dat sicher Ihr Auto, das da hinten parkt.“

Leugnen ist zwecklos. Ich gucke brav und frage artig, und weil ich so offenkundig am Dorfleben interessiert bin, beginnt sie zu erzählen. Sie sei die zweitälteste Frau im Dorf, sagt sie, und ich bin überrascht, weil sie noch so rüstig wirkt.
„Nur die Frau Pohl, die da drüben am Ortseingang in der ehemaligen Wirtschaft wohnt, ist älter. Die alte Generation stirbt weg“, sagt sie und deutet auf die umliegenden Gräber. „Jetzt wohnen Leute im Dorf, die haben neu gebaut, man kennt die gar nicht. Im Krieg sind ja viele Häuser zerstört worden.“
„Wie war das im Krieg?“

Sie hat den dicken Pudel ihrer Tochter bei sich. Der Hund will nicht verstehen, dass hier etwas den gewohnten Tagesablauf stört. Er zerrt an der Leine, Wind kommt auf, Laub fegt über den Friedhofsweg, und das Licht im Westen wird kalt. Sie zieht ihre Strickjacke zusammen und erzählt drei Geschichten:

Luxus unter Feindbeschuss
Als die Front von Westen her heranrückte, da waren in allen Häusern Soldaten einquartiert. Sie lagen zum Schlafen überall auf dem Boden herum. Sogar unterm Küchentisch lagen welche. Aber der Feldwebel, der musste ein Bett haben. Und abends bekam er einen heißen Stein ins Bett, der in Zeitungspapier eingewickelt war.

Drei Pferde und zwei Ochsen
Dann wurde das Dorf evakuiert. Einige Dorfbewohner mussten ins Sauerland. Man lud den Hausrat auf einen großen Fuderwagen. Der wurde von drei Pferden gezogen. Als man ins Sauerland kam, schafften es die Pferde nicht, den überladenen Wagen den Berg hoch zu ziehen. Da wurden zwei Ochsen vor die Pferde gespannt, und dann ging es.

Das ist die moderne Zeit
Bei der Rückkehr mussten sie den Rhein auf einer Behelfsbrücke überqueren. Die hatten die Amerikaner gebaut. Bevor man die Leute aber weiter fahren ließ, wurden sie zuerst entlaust:
„Von NEGERN!“


Bild oben: Pfarrhaus in Kirchheim mit Friedhof – Foto: Gudrun Petersen
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Ethnologie des Alltags – Schreiben wie der Ochse pflügt

Kleine Geschichten

Die Schreibrichtung der Vorformen unseres Alphabets ist furchenwendig. Boustrophedon´,wie der Ochse pflügt“, heißt diese frühe Form des Schreibens. Deren Schriftzeugnisse findet man auf Vasen aus dem heute griechischen Mittelmeerraum. Oft ist auch der Sprecher dargestellt, und aus seinem Mund kommt die Rede wie ein endloses Band. Die Sprache floss also wie Wasser aus seinem Mund. Die Idee, den Fluss der Rede in Zeilen zu unterteilen, einen harten Schnitt am Zeilenende zu machen und einfach wieder vorne zu beginnen, taucht erst viel später auf. Dazu gehört ja das Verständnis, dass das Ende der Zeile keine Unterbrechung der Rede anzeigt, sondern eigentlich nichts bedeutet. Zu schreiben wie der Ochse pflügt heißt, dass das Schriftband am Ende des Beschreibstoffes einen Bogen beschreibt, die Buchstaben kippen in die andere Richtung, sind also gespiegelt, wenn die Schrift in die Gegenrichtung läuft. Man schrieb abwechselnd rechtsläufig und linksläufig.

Doch was es mit der Weise zu tun hat, wie der Ochse pflügt, habe ich erst verstanden, als ich in Kirchheim nach einem Fronleichnamskapellchen recherchierte. Ich hatte im Ort gehört, dass ein Bauer einst zu Fronleichnam eine hölzerne Kapelle vor seinem Haus errichtet hat, die zwischen zwei Zierkirschbäumchen links und rechts des Hauseingangs gebunden wurde.

„Nein, das Kapellchen haben wir nicht mehr. Wir haben es vor Jahren an das Freilichtmuseum Kommern verkauft“, sagte Frau Balzer (Name geändert). Wir haben noch irgendwo ein Foto davon, doch ich kann es Ihnen jetzt nicht heraussuchen, ich habe nämlich einen Hexenschuss. Am besten kommen Sie in zwei Stunden wieder. Dann ist mein Mann vom Getränkemarkt zurück.“

Als ich später wieder an der Haustür des Bauernhofes klingelte, öffnete mir der Mann. Seine Frau lag auf den Knien vor dem Wohnzimmerschrank und hatte einen Stapel Fotoalben auf den Boden geschichtet. Und trotz ihres Hexenschusses tauchte sie gerade tief ins untere Schrankfach ein. Als sie sich aufrichtete, hielt sie ein kleines Foto in der Hand. Es war grünstichig und aus gebührender Entfernung aufgenommen. Das Kapellchen sah jedenfalls ziemlich mickrig aus. Dann jedoch kam ihr Mann mit einem hölzernen Modell des Kapellchens zurück, das er selbst getischlert hatte. Die beiden vermuteten, ihr Kapellchen würde zu Fronleichnam im Freiluftmuseum aufgebaut, und ich versprach, mal nach ihrem Kapellchen zu recherchieren.

Herr Balzer, ein Landwirt im Ruhestand, führte mich auch auf seinen Hof. In der schön restaurierten offenen Scheune hatte er ein kleines privates Museum für Ackergeräte. An den Wänden hingen diverse Gerätschaften, und natürlich stand da auch ein polierter Pflug. Hinter diesem Pflug war er einst gegangen. Zwei Ackergäule waren nötig, ihn zu ziehen. Doch als der 2. Weltkrieg anbrach, wurden nicht nur die Männer, sondern auch die Pferde eingezogen. Da blieben ihm und seinem Vater nur ein alter Gaul und ein Ochse.

„Pferd und Ochse, das geht nicht gut zusammen“, sagte er. „Das Pferd geht im Halfter, der Ochse geht im Joch. Wenn Sie am Ende der Furche sind und beim Ochsen am Zügel ziehen, dann macht der zuerst gar nichts, der dreht nur ein bisschen den Kopf. Mit einem Ochsen vorm Pflug können Sie nur im weiten Bogen wenden. Aber das Pferd, das will auf der Stelle herum. Man braucht viel Geduld mit so einem ungleichen Gespann, weil die immer wieder das Geschirr durcheinander bringen.“

So musste ich also einmal in die Scheune eines Bauern gehen, um zu erfahren, warum das Schreiben in großen Schleifen „Boustrophedon“ heißt.

Übrigens wusste man im Freilichtmuseum Kommern nichts mehr von der Fronleichnamskapelle. Sie gaben mir die Telefonnummer des inzwischen pensionierten Museumsleiters, der den Bauern damals das Kapellchen abgeschwatzt hatte. Ich rief ihn an, doch auch er konnte sich nicht daran erinnern. Da dachte ich, wie schade. Die Bauern hatten doch das Kapellchen im guten Glauben gestiftet, es werde im Freilichtmuseum aufgestellt und somit der Bildung und Erbauung dienen. Doch man hatte es angekauft und dann in einem Depot vergammeln lassen, bis niemand mehr wusste, was es war, geschweige denn, wie man es aufbauen musste.

Manchmal schreibt der Mensch, wie der Ochse pflügt, und manchmal ist er selbst der Ochse.

Bild oben: Pfarrhaus in Kirchheim mit Friedhof – Foto: Gudrun Petersen

Ethnologie des Alltags – Kirchheim

Kleine Geschichten

Vor einigen Jahren, ich lebte noch in Aachen, da fand ich bei einer Trainingsfahrt im platten Land zwischen Aachen und Köln ein kleines Dorf. Ich nenne es Kirchheim. Das Dorf wurde von mächtigen Kastanien beschattet und lag wie eine Insel inmitten frisch gepflügter Felder. Vor dem Ort stand im Westwind ein Kapellchen. Ich war schon ziemlich erschöpft, und weil mich der Gedanke schreckte, noch gut 50 Kilometer gegen den Wind nach Hause zu fahren, tat ich etwas, was ein ordentlicher Radsportler niemals tut, ich stieg vom Rad, lehnte meine Rennmaschine ans Kapellchen und gönnte mir eine Pause. Gegen Osten war das Kapellchen offen, nur durch ein verziertes Gitter verschlossen. Am kleinen Altar brannte ein Lämpchen. An den Wänden links und rechts hingen Votivtafeln aus Marmor. Ich las die Namen und Lebensdaten der Väter und Söhne einer Familie, die in den beiden Weltkriegen gefallen waren.

Als ich über die Tragödie der Familie nachsann, da dachte ich plötzlich, man müsste so ein Dorf einmal auslesen wie ein Buch. Einige Monate später war ich mit dem Ortsvorsteher des Dorfes verabredet. Kirchheim hatte nur 240 Einwohner und daher keinen Bürgermeister. Der Ortsvorsteher, ein rotwangiger Bauer im Ruhestand, war schnell begeistert, und nachdem er die Zustimmung der beiden Gutsbesitzer am Ort eingeholt und ein wenig meine Vergangenheit erforscht hatte, gab er mir den Schlüssel zum aufgegeben Pfarrhaus, wo ich hinfort nach Belieben übernachten konnte. Ich stellte mein Klappbett in der alten Bücherei im Erdgeschoss auf, hatte da Tisch und Stuhl, eine Stehlampe und ein funktionierendes Telefon mit 3-stelliger Nummer. Die Bücherei war 1970 geschlossen worden, als auch die einklassige Schule schloss. Es war seltsam, zwischen den Regalen einer aufgegebenen Bücherei zu sein. Sie standen entlang der Wände und waren völlig gefüllt. Nicht ein Buch schien zu fehlen, und wollte man eines herausnehmen, so klebten die Bücher mit ihren Folienumschlägen aneinander, so dass die Bücher der ganzen Reihe sich vorwölbten, bevor sie eines der ihren freigaben. Das war eine unwirkliche Umgebung, das große leere Pfarrhaus mit seinem verwilderten Garten hinterm Haus, und schaute ich aus dem vorderen Fenster lag etwas erhöht der Fiedhof und mittendrin erhob sich die kleine Kirche. Leider litt ich in dieser Zeit unter einer schwierigen Beziehung und hatte den Kopf nicht ganz frei, sonst hätte ich da glücklich arbeiten können.

Der Ortsvorsteher führte mich in viele Häuser ein. Bald war ich im Dorf bekannt wie ein bunter Hund, und fast jeder war bereit, mir aus dem Leben und von seinen Erfahrungen zu erzählen. Nur der Metzger, der den einzigen Laden im Dorf hatte, wollte nichts mit mir zu tun haben. Vermutlich hatte er gerochen, dass ich Vegetarier war. Ich verbrachte jede freie Minute im Dorf. Samstags morgens wurde ich einmal von der Straße weg zum Frühstück eingeladen, bei einem Dachstuhlzimmerer. Er hatte im Ort neu gebaut, sein großes Wohnhaus und einige Hallen. Der junge Familienvater hatte nur noch ein Auge, in das andere war ihm bei Zimmermannsarbeiten ein Holzspan gedrungen. Von ihm erfuhr ich, dass gerade solche Neubauten wie sein stattliches Haus ein Zankapfel im Dorf wären, weil es nur wenig Bauland gab und deren Besitzer nichts davon verkaufen wollten. Mir wurde rasch klar, dass viele scheinbar arglose und hübsche Geschichten im Kontext sozialer Beziehungen eine unschöne Tiefendimension hatten. Von ihm erfuhr ich auch, dass im Dorf nichts geschah, was die beiden Gutsbesitzer nicht erlaubt hatten. Daher wurde ich auch überall so freundlich empfangen. „Weil die Chefs gesagt haben, der ist in Ordnung.“

Nach einer Weile sagte ich dem Ortsvorsteher, meine Idee, aus den Geschichten ein Buch zu machen, könne ich leider nicht verwirklichen, denn viele der Geschichten würden den Zank im Dorf weiter schüren. Er verstand mich gut, verwies auch auf die Chronik, die der Dorfschullehrer bis zur Auflösung der Schule geführt hatte. Diese Chronik hatte er mir schon zu Beginn meiner Recherche ausgehändigt. Der Lehrer hatte getreulich alles aufgeschrieben, was er über einzelne aus dem Dorf in Erfahrung bringen konnte, wann, wo und als was sie etwa eine Lehre angetreten hatten, welche Noten sie bei der Gesellenprüfung erreicht hatten und so fort. Die Chronik war von Hand zu Hand im Dorf herumgereicht worden. „Und stellen Sie sich vor“, sagte der Ortsvorsteher entrüstet, „da hatte der auch die Bilanzen meines Hofs aufgeschrieben. Da konnte jeder im Dorf lesen, was ich verdient hatte.“

Demnächst will ich im Teestübchen einige kleine Geschichten aus dem Dorf veröffentlichen, die ich natürlich anonymisiert habe.

Bild oben: Pfarrhaus in Kirchheim mit Friedhof – Foto: Gudrun Petersen