In der Kunst liegt das Vergnügen – Nochmalige Einladung zur Teestübchen-Briefaktion

Die ganzen Fahrräder, die am Bretterzaun des Spielplatzes abgestellt waren, hat jemand zur Seite geräumt und auf einen Haufen gestellt, der aussieht wie eine Gruppe von Pferden, die sich aneinander schmiegen, um dem eiskalten Sturmwind zu trotzen. Ich muss an Bilder von Franz Marc denken. Als ich mit Familie ein Haus in Aachen gebaut und bezogen hatte, waren da auch zwei Nachbarn gerade in ihre Neubauten eingezogen und spielten im Sand der noch nicht fertigen Auffahrt „Boule“ oder Boccia. Es war ein heißer Sommer, ja, sowas gibt’s, und die Nachbarn spielten mit nackten Oberkörpern und stellten ihre dicken Bäuche zur Schau. Für meine Schwiegermutter zu Besuch waren das „stattliche Männer“, also schon etwas Besseres als ich. Der eine stattliche Mann konnte auch besser malen als ich, so jedenfalls wurde in seiner Nachbarschaft geschwärmt: „Der malt ja so schön!“ Als seine Frau uns einmal im Haus rundführte, hingen dort überall gerahmte Zeugnisse seiner Malkunst, nämlich Kopien der Pferdebilder von Franz Marc, gemalt nach Zahlen, wie die Frau des Malers freimütig enthüllte. Ich war schlagartig von meiner Eifersucht und dem Neid auf seinen Bauch geheilt.

Die Fahrräder unten, die „Stahlrösser“ oder „Drahtesel“ wie sie die tumbe Journaille gerne zu nennen pflegt, stehen jetzt schon tagelang unbewegt in der Kälte, offenbar vernachlässigt von herzlosen „Pedalrittern.“ Es gab eine Zeit, da haben mich diese Wörter schwer genervt und ich habe mehr als einmal eine saftige Polemik dazu verfasst.

Inzwischen glaube ich, dass die Wörter sogenanntes Schlaraffenlatein sind, also Worterfindungen der 1859 in Prag gegründeten Vereinigung für Freundschaft, Kunst und Humor, der Schlaraffia, deren Wahlspruch ist: „In arte voluptas“ (in der Kunst liegt das Vergnügen). Ich habe diesen Wahlspruch schon häufiger in Texten verwendet, etwa hier in „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ oder in der 4. Online-Lesenacht auf der nun ebenfalls bald versinkenden Plattform Twoday.net mit diesem Dokument einer fiktiven Zeitungsseite (zum Vergrößern bitte klicken). Daraus lässt sich schließen, dass ich heute nicht mehr auf den Maler nach Zahlen hinabschaue, den mein Unmut hauptsächlich wegen meiner Schwiegermutter traf.

Letztlich geht es darum, an einer schöpferischen Leistung Freude zu finden, egal welche Hilfsmittel eingesetzt werden. Das soll auch das Ziel der kommenden Briefaktion sein. Es wurden zaghafte Bedenken geäußert, dass man gestalterisch vielleicht den Ansprüchen nicht genüge. Diese Bedenken möchte ich zerstreuen und nochmals zum Mitmachen auffordern. Heute nicht mehr, aber zum Wochenende gebe ich Gestaltungshilfen in Hülle und Fülle, so dass jede/jeder erfolgreich sein wird. Denn darum geht’s: „In arte voluptas“

Bisherige Anmeldungen:

Feldlilie
Frauhemmingistunterwegs
lamammatwoday
Karfunkelfee
socupuk
Dorotheawagner
Lo

(Ich bitte um Nachsicht und Meldung sollte ich wen übersehen haben)

Theorie und Praxis der Handschrift (9) – Handschrift in anderen Medien – Videobotschaft und Gif-Animation

Von der jungen Blogkollegin Anna Socopuk erreichte mich ein faszinierender Videobrief, der sich beim handschriftlichen Entstehen beobachten lässt. Anna regt weitere Videobriefe an und schrieb dazu: „Z.B. würde mich, wenn ich andere Videos von Handschriften sehen könnte, interessieren, ob die Leute die i-Punkte und t-Querstriche erst am Ende des Wortes verteilen oder direkt nach dem „Hauptteil“ des Buchstabens, oder irgendwann dazwischen. Der Duden war übrigens mein Stativ, an dem ich mein Handy mit einem Gummiband befestigt hatte – fand ich thematisch ganz passend 🙂 “
Eine gute Anregung. Wer möchte und es technisch kann … Ich würde mich über weitere Videobriefe freuen.

auf-der-orgel-kleinEtwas Ähnliches ist im untenstehenden Gif zu sehen. Das Blatt in der Animation (Original 50 x 70 Zentimeter, größer: Bitte klicken), ist schon im Jahr 1994 entstanden und geschrieben in der modernen Handschrift des englischen Schrifterneuerers Alfred Fairbank. Anders als in Annas Video ist der Schreibprozess nicht in Echtzeit gefilmt, sondern für die Gif-Animation mit Fotos verschiedener Handstellungen gefakt.
Kalligraphieren

Seminar Theorie und Praxis der Handschrift (7) – Lob der Handschrift – Das abschließende Briefprojekt

Möglicherweise ist der Eindruck entstanden, das Seminar Theorie und Praxis der Handschrift wäre sang- und klanglos im Sande verlaufen, in der Kälte erstarrt oder klammheimlich eingestampft worden. Dem ist nicht so. Die Schwierigkeit für mich bestand darin, nicht abschätzen zu können, wer noch mit Herz, Hand und Verstand bei der Sache ist, da nicht alle, die eingangs Interesse bekundet hatten, sich regelmäßig gemeldet haben, sei es durch einen Kommentar oder ein „Gefällt mir.“ Auch weiß ich nicht, in welcher Weise und in welchem Umfang geübt wird. Es wäre auch in theoretische Hinsicht noch einiges zu sagen. Ich werde es vermutlich besser in Buchform tun, muss mir aber zuerst einen neuen Anbieter suchen, da Neobooks/e-publi offenbar Lieferschwierigkeiten hat.

Briefaktion/Teilnahmebedingung
Zum Abschluss dieses Seminars möchte ich das angekündigte Briefprojekt starten, denn Handschrift sollte nicht Selbstzweck sein, sondern angewendet werden, beispielsweise zur Belebung der Briefkultur. Teilnehmen kann, wer bereit ist, einen Brief handschriftlich und grafisch zu gestalten und an mich zu senden. Das setzt die Bereitschaft voraus, in unserem Kreis aus der Anonymität des Internets herauszutreten. Ich werde mich für jeden im Rahmen des Projekts eingesandten Brief mit einer von mir eigens gestalteten Ansichtskarte revanchieren, zwar fototechnisch reproduziert, um den Aufwand für mich überschaubar zu halten, aber handsigniert, nummeriert und handschriftlich adressiert.

Verbindliche Anmeldung

Zur Briefgestaltung werde ich im kommenden Beitrag einige Beispiele als Anregung zeigen.
Um die Auflage der Ansichtskarte bestimmen zu können, bitte ich um verbindliche Anmeldung bis zum kommenden Freitag. Sollten sich mehr als zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer finden, bitte ich vorsorglich um dem Brief beigelegtes Rückporto (Postkartentarif), damit ich für das Projekt keinen Kredit aufnehmen muss. 😉

Theorie und Praxis der Handschrift (5.1) – Zum Verständnis einzelner Formelemente – das kleine T

Verschiedentlich ist die Frage aufgekommen, warum das kleine T in der Vorlage von Alfred Fairbank keine echte Oberlänge hat. Unsere Kleinbuchstaben stammen von der Karolingischen Minuskel ab. Sie war eine Reformschrift, die Mitte des 9. Jahrhunderts im Reich Karls des Großen verbreitet wurde und schon fast alle wesentlichen Elemente unserer heutigen Kleinbuchstaben enthielt. Entwickelt hatte sie sich materialbedingt über mehrere Stufen aus den römischen Großbuchstaben. Ihr fehlte noch der diakritische I-Punkt. Das kleine T war eigentlich nur ein klein geschriebenes großes T (im Schriftbeispiel von mir eingekreist).

Erst in der Renaissance stieß der senkrechte Strich zaghaft nach oben durch den Querstrich. Wir erkennen das in allen Druckschriften (vergl. Teestübchen–Header). Die unvollständige Oberlänge des kleinen T hat nicht nur schriftgeschichtliche, sondern auch schreib- bzw. satztechnische Gründe. Gewisse Kombinationen mit dem kleinen F, fi, fl und ft wurden in der Bleizeit als sogenannte Ligaturen auf einen Schriftkegel gegossen (vergl. Abbildung) Da fügt sich das kleine T mit nur halber Oberlänge besser an. Bei der im Bild gezeigten Ligatur fi verschmilzt der I-Punkt mit der tropfenförmig ausgebildeten Oberlänge des F. Hier die Kombination ft und als Ligatur:
Wie unproportioniert und hölzern wirkt dagegen das kleine T in der Grundschrift, hier in der Kombination ft. Als mich der Grundschulverband im Jahr 2010 kontaktierte und mir Proben der Grundschrift zusandte, habe ich sogleich per Mail auf die falsche Oberlänge des kleinen T hingewiesen, erhielt darauf aber keine Reaktion. Entweder ist man im Verband beratungsresistent oder hatte schon Unterrichtsmaterial gedruckt und konnte/wollte nichts mehr ändern. Für mich ist aber das T das Indiz, dass bei der Gestaltung der Grundschrift schriftästhetische Laien am Werk waren. Warum hat man keinen Kalligrafen befragt, bevor man Generationen von Kindern nach der misslungenen VA erneut eine schlecht gestaltete Handschrift-Vorlage unterschiebt?

Theorie und Praxis der Handschrift (4) – Vorschlag zur Übungserleichterung

Man muss ja nicht das Rad neu erfinden, sollte aber auch das bereits Bekannte nicht einfach verwerfen, dachte ich mir gestern, als ich diverse Klagen über das schwierige Üben der Fairbank-Handschrift las. Darum will ich zurückgreifen auf eine Methode, nach der unsere Urgroßeltern Schreiben gelernt haben und die durch Rudolf von Larisch in Verruf gekommen war. Die Lehrbücher der Schreibmeister waren im Kupferstichverfahren gedruckt, und zwar in Rot. Man lernte, die Buchstaben der Vorlage genau nachzuziehen.

Kupferstichalphabet

Wer das am Ende konnte, der schrieb, wie der Kupferstecher die Vorlage gestochen hat, also schrieb wie gestochen, ein schreibmeisterliches Ideal, dass es als geflügeltes Wort und Idealvorstellung sogar in die heutige Zeit geschafft hat. Dabei ist zu bedenken, dass der Grabstichel des Kupferstechers ein langsames Werkzeug ist. Mit ihm sind die barocken Zierelemente einfach zu erzeugen. Das nachschreiben zu können, und zwar mit der damals üblichen Spitzfeder, war nur durch Drill zu erreichen.

Heute haben wir bessere Schreibgeräte, bessere Vorlagen und vor allem eine andere Situation der Handschrift als von Larisch sie vorfand. Aber das Verfahren kann vielleicht beim Erlernen einer neuen Handschrift helfen. Ich habe das Beispielblatt von Fairbank in Rot ausgedruckt und einige Buchstaben nachgeschrieben. Hier ist kein Kalligrafie-Pen nötig, sondern ein Feinliner oder weicher Bleistift tuts auch. Eine weitere Möglichkeit ist das Abpausen. Wir benötige dazu echtes Transparentpapier, wie der Schreibhandel es als Entwurfblock bereithält. Beide Verfahren, Nachschreiben oder Abpausen helfen, den Charakter einer Vorlage zu erfassen und zu verinnerlichen, so dass nachher das freie Schreiben leichter fällt, weil die Formgebung schon bekannt und eingeübt ist.

Abb. 1 Fairbank als Rotvorlage, Abb. 2 Nachschrift, Abb. 3 Abgepaust mit Transparentpapier


Schriftcharaktere handschriftlich nachempfinden, Beispiel: JvdL


Das Abpausen mit Transparentpapier eignet sich auch, den Charakter einer Druckschrift zu erfassen. Was frühere Grafiker mühsam mit der Hand gescribbelt haben, hier abgepaust in drei Versionen und animiert zeigt sich das Menschliche, die leisen Unwägbarkeiten der Hand. Wir wollen sie nicht unterdrücken, denn das Unperfekte zeichnet uns aus. Beim kleinen L habe ich einmal niesen müssen, wodurch meine zeichnende Hand verrutschte. Das steckt jetzt als Ausdruckshandlung im Buchstaben. Also: Immer schön locker bleiben!

Theorie und Praxis der Handschrift – Erste Ergebnisse der praktischen Übung

Da mir schon Blätter in Fairbank-Handschrift zugegangen sind, möchte ich sie hier zeigen. Bitte fühlt euch aber nicht gedrängt. Der Tag ist noch lang. Feldlilie hat nicht den Text kopiert, sondern die Vorlage reflektiert und kommentiert (größer: Klicken). Mein Kommentar:

Feldlilie schreibt fairbank

Liebe Feldlilie,
vielen Dank für deine Einsendung. Anders als du selber glaubst, schreibst du schon ziemlich gut für die kurze Zeit der Übung. Dass die Großbuchstaben etwas kleiner sein sollen als die mit Oberlänge hat schriftgeschichtliche Ursprünge. Die Kleinbuchstaben sind quasi die Enkel der Großbuchstaben, und ist es nicht normal, dass nachfolgende Generationen den vorangehenden über den Kopf wachsen? Wenn du Druckschriften vergleichst, da ist es genauso: Illinois. Das große I ist einen Hauch dicker und kleiner, was uns auch hilft zu unterscheiden. Ich rate dir, dich beim Schreiben nicht darauf zu konzentrieren. Das Gefühl für die richtige Höhe kommt von selbst. Auch das Tanzen der Buchstaben ist ja menschlich. Absolutes Gleichmaß ist Sache von Maschinen. Ich habe mir übrigens einen Trick überlegt, wie es vielleicht leichter für euch wird. Den hoffe ich heute noch vorstellen zu können.

Dorothea („Text & Sinn) sandte mir dieses Blatt und diese Mail:

Lieber Jules,
meine Schriftprobe liegt bei. Nicht sehr gelungen, aber es ist ja auch ein erster Versuch. Am gewöhnungsbedürftigsten fand ich das kleine t, besonders im Vergleich mit dem viel größeren h. Mein Papier ist sehr schlecht; es ist Recyclingpapier, und die Tinte verschwimmt. Ich habe den Füller auf verschiedene Weisen gehalten, aber mir gab es trotzdem keine dünnen und dickeren Linien. Woran kann das liegen? Mir fehlt leider die Zeit für das Abschreiben des ganzen Textes, aber ich werde dranbleiben und auch weiter mitmachen. Und ab sofort wieder meinen Füller benutzen und etwas mehr auf die Schönheit meiner Schreibsel achten.
Danke für die Anregung und herzliche Grüße
Dorothea

Liebe Dorothea,
dankeschön für deine Einsendung. Für einen ersten Versuch schon prima. Bekanntlich stammen unsere Kleinbuchstaben von der Karolingischen Minuskel ab. Dort hat das kleine T noch keine Oberlänge. In der Renaissance bekam es dann eine ganz leichte, stößt nur mal eben durch den Querstrich oben. Dass es keine echte Oberlänge ist, ermöglicht mit f und t schöne Ligaturen (Zusammenziehungen), ft. Ich habe das Foto so gut es ging bearbeitet, um maximalen Kontrast zu erzeugen. Das war hoffentlich in deinem Sinne. Wenn du zukünftig gutes Schreibpapier benutzt, wirst du sehen, dass deine Übungen viel besser gelingen. Der Kontrast ist dann auch höher. Wenn du eine abgeschrägte Feder benutzt, darfst du sie nicht beim Schreiben drehen, sondern musst sie stur im 45-Grad-Winkel halten. Das ergibt Haarstriche und Schwellzüge, auf weniger saugfähigem Papier deutlich zu unterscheiden.

Lieben Gruß,
Jules

In der Nacht zum Montag veröffentlichte Kollegin Karfunkelfee ihre Blätter in ihrem Blog mitsamt einer lesenswerten Reflexion. Das Ergebnis ihres beharrlichen Übens mit der linken Hand hier, von mir so gut es ging bearbeitet. Das Original ist in ihrem Blog zu sehen:

Schon vorgestern sandte Kollege Lo diese beiden ästhetischen Fotos, wobei der Leporellofalz der Vorlage eine gute Idee ist, Zeile für Zeile vor Augen zu haben:

Lo schreibt seine Handschrift und Fairbank

Leporellofalz

Theorie und Praxis der Handschrift – Motivationshilfe Kalligraphie, Malerei und Musik

Liebe Kolleginnen und Kollegen. Das nachfolgende Musikvideo zeigt Handschrift in Verbindung mit malerischen Prozessen. Die Schrift erinnert an Fairbanks Schulausgangsschrift, ist nicht sonderlich schön, aber aufgehübscht mit ein bisschen Wasser, farbiger Tusche und Farbe. Ich hoffe, ihr findet es motivierend. (Für evtl. eigene Versuche bitte auf festen Karton schreiben, weil sich Papier wellt, wenn es nass wird.)

NOW I’M ALL MESSED UP – Tegan & Sara from Travis Hopkins on Vimeo.

Theorie und Praxis der Handschrift (3) Wo sind meine Seminarteilnehmer?

Grafik: JvdL

Seit einiger Zeit halten sich die anfänglich begeisterten Seminarteilnehmer zurück. Von drei Kolleginnen bekomme ich gelegentlich Wasserstandsmeldungen, die anderen sind untergetaucht, offenbar, das hoffe ich, sehr beschäftigt mit dem Üben der Fairbank-Handschrift. Ich bin gespannt, ob wir am 18. einige Ergebnisse zu sehen bekommen. Als kleine Erinnerung ans Thema habe ich einen handschriftlichen Text des niederländischer Kabarettisten und Autors Wim de Bie übersetzt, der irgendwann in den 1980-er Jahren diesen visionären Text als Zeitungskolumne in der Tageszeitung de Volkskrant veröffentlicht hat. Darin wird deutlich, wie abhängig man von der Computertechnologie ist und wie es sich auf das Schreiben mit der Hand auswirkt. Ich habe den Text so gut es ging übersetzt, bis auf die unübersetzbare Überschrift. Sie ist ein Wortspiel, den Stuk ist im Niederländischen ein Homonym und bedeutet Schriftstück und entzwei. Für Verbesserungsvorschläge der Übersetzung bin ich offen.

Stuk

Wer per Computer schreibt, der schreibt über das Schreiben mit Computer. Jeder Publizist, Kolumnist und Journalist, der/die seine/ihre Beiträge mit Hilfe von Tastatur, Bildschirm, Drucker und Diskettenlaufwerk gestaltet, hat sich schon einmal öffentlich poetisch ausgelassen über das Wunder der neuen Textverarbeitung. Überzeugende Beiträge waren das, die den meisten das letzte bisschen Computerangst genommen haben. Über einen Aspekt wurde noch nicht geschrieben, darüber was geschieht, wenn eines der Geräte den Geist aufgibt. Kaputt! Der Computer, auf dem ich zwei Jahre geschrieben habe und der mich abhängig gemacht hat, ist defekt. Ich war mitten in einem Beitrag, hatte schon 873 Wörter und plötzlich: Tilt! Der Bildschirm fiel aus! Die Wut, die dann in dir hochkocht, ist unbeschreiblich. Leider konnte ich so schnell keinen Hammer finden. Bei derlei Defekt zeigt sich, wie abhängig von der Technik man ist. Die achtziger Jahre? Du gehörtest ganz dazu. Nun stehen die toten Apparate da und starren dich an. Meine Glückseligkeit habe ich ausgeliefert an eine Handvoll Speicherdisketten, die ich nicht mehr zum Leben erwecken kann. Doch da ist noch etwas Schlimmeres. Ich hatte nichts mehr zu Schreiben im Haus. Meine Schreibmaschine habe ich schon vor Jahren entsorgt. Ich musste mir einen Stift beim Nachbarn leihen. Und was zeigte sich? Meine schöne, regelmäßige, flüssige, männliche Handschrift (mit der ich früher manchem Mädchen den Kopf verdrehen konnte), ist verschwunden!

Aufgabe: Notiere handschriftlich deine Erfahrungen, jetzt 30 Jahre später.

Theorie und Praxis der Handschrift (2) – Das Konzept der Ausgangsschrift (2.2) Der unheilvolle Einfluss der Graphologie

Grafik: JvdL

Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass Schreiben zu lernen im 19. Jahrhundert aus Nachahmung und Drill bestand, zeigt sich das Revolutionäre von Larischs Schriftmethode. Noch 1843 schwärmt der Didaktiker J.H.Schöne von „lebendigen Schreibmaschinen“ und weiter: „Es ist nicht zu erwägen, in welcher Spannung sich die ganze Klasse befinden muß, wenn sie sich in stets gleichmäßigem Fortschreiben befinden soll. Die glückliche Aufführung eines solchen Schreibens bietet einen herrlichen Anblick.“ Schöne meint den Drill nach der amerikanischen „Takt-Schreibmethode “, die ganz auf maschinenmäßige Bewegungsabläufe angelegt war. Solches Schreiben lernt das Kind im „Blick- und Horchkontakt mit dem Lehrer (1,2,1,2)“ (zitiert nach Wuttke; Kind und Schrift) Das impressionistische Glücksgefühl ist da ganz auf der Seite des Lehrers. Wer wollte da nicht Kind gewesen sein?

Von Larischs Denkansatz, die je individuelle Buchstabenform zur Entfaltung zu bringen, aus den Tiefen der menschlichen Psyche zu heben, ist eine hübsche Idee, ganz im Geist des Expressionismus. Sie ist geeignet, eine große Vielfalt der Schriftformen hervorzubringen, quasi eine unerschöpfliche Datenquelle für die Graphologie. Das erkennt auch der Philosoph und Psychologe Ludwig Klages. Er ist dabei, zu seiner Charakterkunde eine grundlegend neue wissenschaftliche Graphologie zu entwickeln. Daher befürwortet er das Konzept einer Ausgangsschrift, deren Entwicklung zur Charakterschrift dem Kind überlassen bleibt. Klages schreibt über bisheriges Schreibenlernen:

“Mit ihrem Ideal blitzsauberer Gestochenheit“ entsprach sie jenem ungewöhnlichen Tiefstande der künstlerischen und handwerklichen Kultur, der das letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts kennzeichnete.“

Von der Ausgangsschrift erhofft er sich „den wunderbaren Reichtum lebendiger und gewachsener Buchstabenformen (…).“ Für die Didaktik der Ausgangsschrift schlägt er vor: „persönliche Abweichungen vom Vorbilde werden etwa vom vierten Schuljahre zugelassen, überwacht und gefördert.“ Unter Klages Einfluss wird der Begriff „Schriftvorlage“ durch den der „Ausgangsschrift“ ersetzt. Was von Larisch als Methode der Schrifterfindung durch Kunststudenten gedacht hatte, wird jetzt auf den Erstschriftunterricht übertragen, aber ohne die Unterstützung durch die Lehrkraft zu gewährleisten. Von Grundschullehrerinnen und Grundschullehrern kann die künstlerische Kompetenz nicht einfach erwartet werden, sondern müsste Teil ihres Studiums sein, was bis heute nicht der Fall ist. Im Sinne der Graphologie ist aber gar nicht nötig, die Charakterschrift zu künstlerischen Qualität zu entwickeln. Sie bietet gerade in ihrer Unfertigkeit genug Anhaltspunkte.

Das Konzept der Ausgangsschrift war demgemäß zu Zeiten der Reformpädagogik umstritten, und setzte sich erst unter den Nationalsozialisten durch. So war die 1918 eingeführte Schulschrift Ludwig Sütterlins noch eine reine Vorlage und musste möglichst getreu nachvollzogen werden. Den Nationalsozialisten missfiel Sütterlins Kurrent. Ihr wurde eine künstlerische Formerstarrung vorgeworfen und das Undeutsche, „weil die Rundungen nichts mit dem deutschen Spannungsbedürfnis gemeinsam haben. Das Schwelgen in abgerundeten Formen kann man anderen Nationen überlassen.“(T.Thormeyer; Heraus aus der Schriftverelendung, in Schrift und Schreiben, Heft 4, 1934) Der Kölner Museumsdirektor Gustav Bartel sieht die „Gefährlichkeit“ der Sütterlin darin, „dass auch in ihr jenes rein rationale Denken darauf ausging, die lateinischen und deutschen Schriftformen zu verwischen.“ (ebd.) Zudem glaubte man nicht, dass die Sütterlin als rasche Verkehrsschrift geeignet war. Auch verwehrten ihre starren Formen den graphologischen Blick auf den Menschen.

Mit dem nationalsozialistischen Frakturverbot von 1941 kam auch das Aus für die Sütterlin. Mit der danach eingeführten Deutschen Normalschrift begann das Elend der Ausgangsschriften und der Aufwind der Graphologie. Im Dienste der Nationalsozialisten wächst dem Graphologen erstmals eine unheilvolle Macht über Menschen zu. Auf Ludwig Klages diffuser Lehre aufbauend, isoliert man nicht nur charakterliche, sondern auch rassische Merkmale aus der Handschrift. Die Graphologie wird zum probaten Selektionsinstrument. Der Graphologe wird zum Taxator, der den Daumen hebt oder senkt, der vermeintlich rassisch oder charakterlich Minderwertige aussortiert und sich dabei vor seinen Opfern nicht zu rechtfertigen braucht, da er seine zweifelhafte Kunst, dieses pseudowissenschaftliche Kaffeesatzlesen, im Geheimen ausübt. Von diesen Wurzeln her stinkt die Graphologie noch heute. Sie ist weiterhin ein missbräuchliches Machtmittel von fragwürdiger Natur.

Eine für das graphologische Internetmagazin „Graphologie News“ als Redakteurin tätige Graphologin sandte mir letztens neues Material, um die wissenschaftliche Gültigkeit der Graphologie zu untermauern. Doch das Problem der Graphologie liegt nicht hauptsächlich in der mangelhaften Verlässlichkeit ihrer Aussagen. Graphologen und ihre Auftraggeber treibt der Wunsch, den gläsernen Menschen vor sich zu sehen. Freilich geht es hier undemokratisch und hierarchisch zu, denn wer die Macht hat, andere beschnüffeln zu lassen, wird sich selbst gegen derlei Übergriffe wappnen. Wer die Macht nicht hat, sollte sich trotzdem weigern, die eigene Handschrift in Einstellungsverfahren der Beurteilung durch Graphologen preiszugeben. Und Graphologen, die sich bedenkenlos zu Bütteln von Personalchefs und anderen Schnüfflern machen, sind ein rechtes Übel und sollten keinesfalls bewundert werden ob ihrer „Fähigkeiten“, wie das in populären Zeitungsartikeln oft geschieht, sondern müssen verachtet werden. Diese Leute dienen jedem Herrn, und ihr Tun führt pfeilgerade zum Tracking-Armband, das Amazon seinen Mitarbeitern umschnallen will und das jede ihrer Handbewegungen aufzeichnet, sogar vibriert, wenn etwa ein Paket falsch einsortiert wird.

Ich werde zornig über das unbedarfte Geschwafel, wenn ich in Zeitschriften oder Zeitungen Überschriften lese wie „Graphologie, die faszinierende Welt der Handschrift“ oder „Was Ihre Handschrift über Sie verrät.“ Der Unsinn nimmt kein Ende wie hier auf NDR.de.

„Die Handschrift stirbt aus! In ein paar Jahren wird niemand mehr mit der Hand schreiben“, warnt der Vize-Chef des Deutschen Literatur-Archivs in einem großen Interview. Das wäre aber wirklich schade, schließlich sagt Handschrift soviel über uns aus“,

schreibt die NDR-Autorin. Derlei hilflose Berichte von komplett ahnungslosen Schreiberlingen beschleunigen den Prozess nur. Zur Frage, warum wir etwas gegen das Aussterben der Handschrift unternehmen sollen, fällt ihr nur eines ein: Weil die Handschrift „soviel über uns“ aussage, gefolgt vom Auftritt der Graphologin. Holla! Das motiviert in Zeiten der enthemmten Datensammelei. Sofort werden wir mit unserer Handschrift an die Öffentlichkeit gehen, damit sie über uns aussagt, was wir selbst noch nicht wussten, was aber die Dame Graphologin auszuplaudern weiß. Welch ein Dreck! Als würde man ein Kind vor dem achtlosen Überqueren der Straße warnen und es anschließend unter ein Auto schubsen.

Bei solch dummen Publikationen wundere ich mich gar nicht, dass die Leute sich zunehmend scheuen, ihre Handschrift in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Man frage sich einmal selbst, wann man zuletzt einen handschriftlichen Text veröffentlicht hat außerhalb dieses Seminars. Manche finden ihre Handschrift aber auch zu hässlich oder können sie nicht mehr lesen, wenn sie etwas notiert haben. Schuld ist hier tatsächlich die Schule, weil nach der Vermittlung der Erstschrift die Schüler mit den Problemen ihrer Handschrift allein gelassen werden, ein weiterführender Unterricht in Handschrift nicht stattfindet. Darum also:

Weg vom nationalsozialistischen Erbe der Ausgangsschrift, zurück zum Erlernen und Weiterentwickeln schöner Formen! Nur so kann die Handschrift auf Dauer überleben.