Am Bahndamm – oder von einem, der Joseph Beuys ins Gesicht geschlagen hat

Am vorletzten Haus vor dem Bahndamm riecht es nach Bratwurst. Vier sitzen vor dem Haus und grillen. Hinterm Haus wird kein Platz sein, zumindest kein schöner Ort. Im spitzen Winkel kommt der Bahndamm heran, und oben donnern die Güterzüge vorbei. Aber auch vor dem Haus würde ich nicht grillen wollen, der düsteren Atmosphäre wegen. Die Leute scheinen dagegen anzugrillen, um dem Ort etwas Normalität abzutrotzen. Ich kannte mal eine Frau mit einem feinen Sensorium für solche Stimmungen. Sogar an harmlos wirkenden Orten witterte sie: „Schlechte Vibration!“
Weiterlesen

Föppes, Pierro und ich – oder: Vakantie, vakantie – Treppe zur Selbstbestimmung

Gut 45 Jahre zurück, Föppes, Pierro und ich, wir stehen auf dem Bahnsteig unseres Dorfes und warten auf den Zug. Man erreicht den Bahnsteig durch einen hässlichen Tunnel. Dort sah ich damals mein bis heute liebstes Graffito. Rechts an der Wand der Bahnsteigtreppe, entlang der ersten Stufen, genau in Augenhöhe, stand in weißer Schrift auf grauem Putz: „Arbeiter, nutze deine Aufstiegschance!“
Über den Spruch des unbekannten kritischen Poeten kann ich heute noch lachen. Er trifft die Realität auf herzlich boshafte Weise, denn er ist zugleich Verhöhnung, bittere Einsicht und Aufforderung.

Es fühlt sich nicht gut an, wenn du Arbeiter bist und an einem grauen Morgen diesen Aufstieg nimmst. Unterm Arm hast du eine braune Ledertasche, und darin liegt kein Marschallsstab, in deiner Tasche stehen ein Henkelmann und eine Thermosflasche. Oben stehst auch du, mitten unter anderen grauen Gestalten. Ihr verkriecht euch in eure Jacken und seid maulfaul. Denn was habt ihr schon zu sagen? Was ihr denkt, ist ohne Belang. Und hier an diesem frühen kalten Morgen, du warst noch schlafwarm als du aus dem Hause gegangen bist, da wird dir die Wärme entzogen, förmlich ausgesaugt vom Morgenwind. Da zeigt sich dir deine Ohnmacht in ihrer Gänze. Du bist verfügt. Andere befinden über dich, und es sind viele: dein Geselle, dein Meister, der Betriebsleiter, der Geschäftsführer, Gewerkschaftler, die Gesellschafter, Politiker und Kapitaleigner. Nur den unteren Vertretern dieser Hierarchie, die sich vor dir auftürmt bis in die Wolken über deinem Kopf, nur den Geringsten von ihnen bist du je begegnet. Die weiter oben thronen kennen dich ebenfalls nicht. Wie sollten sie auch, du bist aus ihrer Sicht viel zu klein.

Du kannst dich mit deinem Los bescheiden. Dann wird das Graffito am Treppenaufgang mit den Jahren immer bitterer für dich. Falls du Chancen hattest, tatsächlich aufzusteigen, dann hast du sie übersehen. Du bist erst später darauf gekommen, was du hättest tun sollen mit deinem Leben. Jetzt hast du keine Wahl mehr, denn du steckst über und über in Zwängen. Das ist gruselig, aber zum Glück gewöhnt sich der Mensch an fast alles.

Wer genug Kraft in sich spürt, wer sich reckt und der Kälte auf dem Bahnsteig Widerstand leistet, der wird sich nach Chancen umsehen, gesellschaftlich aufzusteigen. Das ist dann so, als hätte man dir statt Thermoskanne und Henkelmann Bleigewichte in deine Arbeitertasche gelegt. Eventuell hast du einen langen Atem und kämpfst beharrlich. Dann werden sich auch Glücksfälle für dich ergeben. Je mehr du dich ausbreitest, desto leichter können sich die Umstände zu deinen Gunsten fügen. So schaffst du Platz für dich, und das ist gewiss besser als die tägliche Müh, sich trotz enger Zwänge zu bewegen.

Ach, ich bin ganz vom Thema abgekommen. Wir stehen auf dem Bahnsteig, Föppes, Pierro und ich, wir frieren nicht, denn es ist ein heller Sommermorgen, neun Uhr zehn. Gleich kommt unser Zug, der Nahschnellverkehrszug von Köln nach Roermond. Da werden wir umsteigen in den Zug nach Amsterdam. „Ben jullie op vakantie?“, werden uns einige Mädchen fragen. Und keiner von uns weiß, was vakantie verflixt noch mal bedeutet. Pierro hat Ferien, Föppes und ich, wir haben drei Wochen Urlaub, da will man sich doch keinen Kopp über vakantie machen. Auf dem Bahnsteig unseres Dorfes wissen wir natürlich noch nichts davon. Wir sind einfach nur guter Dinge, hampeln ein bisschen herum und lachen.

Da steht auch ein Alter, schon ausgemustert, und der wird langsam verdrießlich. Er quatscht uns rein und beschwert sich über die Jugend. Auf die „Hippies!”, schimpft er, auf “die Studentens” und auf uns „Gammlers!“ Zum Glück kommt sein Zug und nimmt ihn mit Richtung Köln. Er hat uns mit dem überflüssigen Plural-s ein herrliches Sprachspiel hinterlassen: „Arbeiters nutzt eure Aufstiegschancen!“ Machen wir bald. Aber zuerst besuchen wir „die Holländers“ und besonders die „Mädchens.“ Da lernen wir, dass „vakantie“ „Ferien“ heißt und überhaupt, dass es Spaß macht, Niederländisch zu sprechen. „Der Esel kommt mir vor wie ein Pferd ins Holländische übersetzt“, sagt Lichtenberg. Vielleicht sah das Niederländische aus dem fernen Göttingen tatsächlich so aus. Für uns war die Sprache die Musik unserer Ferien. Und wir gaben uns redliche Mühe, sie nach Noten zu singen, wie sie von den Mädchen vorgesungen wurden.

Kapitaleigner, Finanzjongleure und Wirtschaftskriminelle haben sich im Olymp zu unsern Köpfen ganz nach oben gearbeitet. Ihr Gewicht drückt alles nieder. Das fühlen besonders stark die grauen Gestalten, frühmorgens auf den Bahnsteigen. Doch am stärksten fühlen es jene, die keinen guten Grund mehr haben, überhaupt noch aufzustehen. Alle sind die Opfer von Bezitters, Kassierers und Gangsters. Diese falschen Halbgötter, die den Himmel okkupiert haben, können sich wer weiß was dünken. In Wahrheit sind sie nur Ezeldrijvers, ins Holländische übersetzte Herrenreiter.

Föppes, Pierro und ich, wir hatten keine Ahnung davon, wie einfach es einmal sein würde, sich Bildung zu verschaffen, und zwar außerhalb von Schule und Hochschule. Wer sich heute bilden will, muss nicht mal verreisen, sondern verfügt über ein unerschöpfliches Angebot per Bibliothek und Internet. Denn es geht bei der Bildung nicht allein um berufliche Zwecke, sondern vor allem um Vakantie, Ferien von der Fremdbestimmung, also wesentlich darum, kein Esel mehr zu sein. Dem solcherart frei Gebildeten können die Diener der Herrschenden, die gekauften Lohnschreiber und Mietmäuler nicht mehr das Blaue vom Himmel erzählen. Man hat längst selbst nachgesehen und weiß, dass auch im Olymp mit Wasser gekocht wird. Und man hat erkannt, dass die Halbgötter sich schlimmer gebärden als eine Horde Barbaren und längst ihr Recht verwirkt haben, über das Leben der auf den Bahnsteigen zu bestimmen.

Dieser schockierende Text über die Hinterlassenschaft der Hunde lässt dich am Ende schmunzeln

Ich kannte einen Mann, der hieß Hund. Zu dieser Zeit arbeitete ich als studentische Hilfskraft für den Pressesprecher der Technischen Hochschule Aachen (RWTH), genauer ich entwarf alle Drucksachen der Pressestelle. Es war eine neue Informationsbroschüre für Besucher der Hochschule zu machen, und Herr Hund vertrat die Druckerei, die den Zuschlag bekommen hatte. Als er zu einer Vorbesprechung eintraf, saß ich bereits mit dem Pressesprecher im Konferenzraum. Herr Hund trat ein, und sofort verbreitete sich ein enormer Gestank. Wir sahen uns an, und aus Höflichkeit sagten wir nichts dazu. Herr Hund schaute sich das Layout an, fragte dies und das, und erläuterte, wie er sich den zeitlichen Ablauf der Drucklegung dachte. Inzwischen hatte der Gestank den Raum völlig vereinnahmt und sich schwer auf unsere Gemüter gelegt. Ich dachte, dass jemand durchaus Hund heißen darf, er hat es sich schließlich nicht ausgesucht. Doch schlimmer als ein Hund zu stinken, fand ich ein wenig extravagant. Auch Herr Hund und der Pressesprecher waren irgendwie nicht bei der Sache. Das Gespräch lief nur stockend, und zwischendurch war die allgemeine Irritation groß. Man konnte sich einfach durch den Gestank hindurch nicht auf mein Layout konzentrieren. Mit einem Mal beugte Hund sich nieder, zog einen Schuh vom Fuß und holte ihn triumphierend unter dem Tisch hervor.
„Ich bin das!“, rief er erleichtert. „Ich dachte schon die ganze Zeit, was stinkt das hier so, und jetzt haben wir den Übeltäter!“

Unter der Sohle klebte ein großer hellbrauner Flatsch aus Hundekot. Herr Hund war nun so erleichtert, dass er den Schuh gar nicht mehr wegnehmen wollte, sondern er hielt das Corpus delikti abwechselnd dem Pressesprecher und mir unter die Nase. Wir schluckten und nickten ergeben, und der Pressesprecher rang sich ein paar beschwichtigende Worte ab, um Herrn Hund zu bestätigen, dass nicht er, sondern nur sein Schuh so bestialisch stank. Darauf endlich entfernte sich Herr Hund zur Toilette, um den Kot von seinem Schuh zu waschen.

Noch unter Eindruck habe ich einige Tage darauf dieses Cartoon gezeichnet:

hund

Winterdepression ohne was drumrum

liebe hass wahnsinn gleich bestellenLieber nicht bestellen

„Soll ich Ihnen Ihre Winterdepression einpacken oder geht die so mit?“
„Haben Sie Geschenkpapier?“
„Welches hätten Sie denn gern, das Rote, das Schwarze oder das Gestreifte?“
„Keine Ahnung. Ach, lassen Sie nur, ich nehme sie schon so für unterwegs.“

Das geht seit Wochen jeden Mittag so. Konkret gibt es Auslöser, nicht genug Sonne, graues Wetter, was weiß ich, und Verstärker. Die kann ich benennen:
Ich will mich erheitern lassen, und es klappt nicht. Da gucke ich eine Kabarettsendung und werde noch depressiver, weil so ein Würstchen von Comedian auf die Bühne kommt und das Publikum fragt: „Geht’s euch guhut?“
Diese plumpvertrauliche Ihrzerei macht mich krank. Ihrzen ist duzen ohne Erlaubnis. Die nimmt sich das Würstchen einfach raus. Ach, wie schön wäre doch, wenn die Wurst fragen würde: „Geht’s euch guhuut? und einer mit einer wirklich lauten Stimme würde rufen: „Ja, bis du kamst, du Tünnes!“ Macht aber nie einer. Dass die Leute sich das gefallen lassen, ohne dass einer sich wehrt, macht mich depressiv.
Genau wie das vereinnahmende Wir. „Kommerz und Konsum sind unsere neuen Religionen. Wie die Idioten warten wir aufs neue iPhon“, schimpft der niederländische Kabarettist Philipp Simon – wir tun dies und wir tun das, und ich will immer rufen: „Neee!!! Das machst du Honk vielleicht. Ich nicht!“
Was mich auch depressiv macht: Witzmoden. Jedes Jahr zu Karneval kommen bestimmte Witze in Mode. Heuer die Veganerwitze. Dieselben Vollpfosten, die gestern noch dachten, Veganer wären Außerirdische von der Vega, fragen jetzt: „Warum essen Veganer keine Hühner? Weil Eier drin sind.“
Soso, im Huhn sind Eier. Wieviele? Ein Sechserpack vielleicht?
Ich lach mich noch tiefer in die Depression.

Und heute Mittag saß ich auch noch mit einem Kreationisten am Tisch, weil sonst kein Platz mehr war an den Tischen im Biosupermarkt. Es war da so voll, ich musste mich zu zwei Männern in den besten Jahren setzen, um meine Suppe zu löffeln. Der mir schräg gegenüber wirkte durchaus sympathisch. Wie er dasaß im Businesshemd könnte er Ingenieur sein. Er war aber Kreationist, quasi der erste Kreationist, dem ich auf freier Wildbahn begegnet bin. Bislang dachte ich, diese Idioten gäbe es nur in den Medien. Der rechts von mir war erklärter Buddhist und redete davon, dass man sein Bewusstsein erweitern solle. Ich war auf der Stelle strikt gegen seine Bewusstseinserweiterung. Zu gefährlich. Erleuchtet wäre er noch nicht, sagte er selbst. Ich wusste das schon vorher, dann würde er nämlich mal schweigen. Der andere, der durch seine blöde Fragerei ziemlich viel Müll aus dem Schwarzlicht-Buddhisten hervorgelockt hatte, war aber auch nicht besser. Die Welt wäre 6000 bis 8000 Jahre alt, er wisse das auch nicht genau, aber keinesfalls Millionen Jahre. Er kenne da nämlich einen Wissenschaftler von seinen Vorträgen, der prüfe zuerst wissenschaftliche Aussagen, widerlege sie, und gleiche sie dann mit der Bibel ab. Außer der Bibel gebe es wirklich nicht Sicheres. Plötzlich haderte er: Wenn es da draußen einen Gott gebe, dann könnte der ihm doch die Filter nehmen, damit sich ihm die wahre Gestalt der Dinge offenbaren würde. Ja meinte der andere, das werde er auch bekommen, wenn er drum frage. Man bekäme ja letztlich alles, was man sich wünsche.
Ja, aber … ich konnte nicht wirklich glauben, die zwei hätten sich gewünscht, so strunzblöd im Kopf zu sein.

Ich wünsche mir jedenfalls vom Universum, vom Heiligen Bimbam, von Kanaldeckels Pitter oder wie der heißt, die Winterdepression weg. Am besten diesem kreationistischen Wissenschaftswiderleger direkt an den Hals. Ich pack’s auch ein.

Das Zeitalter der Heuchelei

nd parisHeute machte die hannoversche Neue Presse mit einem fast ganzseitigen Symbol auf, das in den letzten Tagen durch die sozialen Medien geisterte. Dieses Symbol lehnt sich formal an das Zeichen der Atomwaffengegner an, das auch als allgemeines Friedenszeichen Verwendung findet, und ist eigentlich die Forderung nach nuklearer Abrüstung. Es wurde 1958 vom britischen Designer Gerald Herbert Holtom entworfen. Die Form erinnert an die germanische Todesrune, ist jedoch nicht daraus erklärbar. Ihr liegen die Buchstaben N und D des internationalen Flaggencodes zugrunde. N D steht für Nuclear Disarmament (dt.: Atomare Abrüstung). Formal ist das Zeichen eine Binderune (zwei Zeichen an einem senkrechten Ast). Man muss sich die beiden Figuren hintereinander stehend vorstellen. In der Praxis stand jedoch der Signalgast auf Deck des Schiffes und gab die Zeichen nacheinander.
Nd
Nuclear Disarmament, entwickelt aus dem internationalen Flaggenkode – Grafik und Animation: Trithemius

ND1Wie geht ein Symbol für nukleare Abrüstung mit den Terroranschlägen in Paris zusammen, abgesehen von der groben Ähnlichkeit mit einem stilisierten Eiffelturm? Zum Glück haben radikalisierte Muslime die Welt noch nicht mit Atomwaffen bedroht, auch Saddam hatte keine, obwohl der Besitz von chemischen und atomaren Massenvernichtungswaffen von den USA und ihrer Koalition der Willigen als Grund angegeben wurde, den Irak mit Krieg zu überziehen, in dessen Folge 150.00 Zivilisten getötet wurden. Nicht hundert, einhundertfünfzigtausend Männer, Frauen und Kinder! Inzwischen wissen wir, dass dieser Kriegsgrund vorgeschoben war. Tony Blair, als Premierminister verantwortlich, dass Großbritannien sich an dem völkerrechtswidrigen Krieg beteiligte, hat sich kürzlich dafür entschuldigt und eingestanden, dass dieser Krieg erst „den Aufstieg der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ begünstigte.“ (FAZ, 25.10.2015)

Man hat in Deutschland noch keine Lichterketten gesehen, mit denen dieses sinnlose Blutvergießen betrauert wurde. Haben wir denn wirklich geglaubt, die Leute im Irak würden sich und ihre Familien so einfach abschlachten lassen? Was jetzt wie religiöser Fanatismus daher kommt, ist aus Wut und Verzweiflung entstanden, aus ohnmächtiger Verzweiflung über Raketen und Bomben, die Hochzeitsgesellschaften zerfetzen, die aus hoffnungsfrohen Kindern blutige Klumpen machen.

Angesichts der Toten von Paris fühlen wir uns hilflos. Wie würden wir uns fühlen, wenn wir zufällig Iraker wären und es die eigene Familie getroffen hätte? Würden wir dann zustimmend nicken und sagen, musste leider sein, weil der Westen ja geopolitische Interessen hat? Oder würden wir uns für das uns angetane Leid rächen wollen? Und wer produziert all die schrecklichen Waffen, mit denen der ganze Erdball in blutiges Leid und Entsetzen getaucht wird? Ist nicht Deutschland führend bei den Waffenexporten, weil ja Arbeitsplätze  und fette Gewinne für Aktionäre daran hängen, und was fällt unseren Politikern ein, wenn es darum geht, das sinnlose Sterben im Irak, in Syrien und weltweit zu beenden? Neue Waffen hinschicken und Grenzzäune gegen Kriegsflüchtlinge. Moment, ich muss grad ein bisschen kotzen.

Eigentlich habe ich sowieso fertig. Solange sich unsere Betroffenheit und unser Mitgefühl nur artikuliert, wenn es welche von uns trifft, bleibt jede Betroffenheitsbezeugung Heuchelei.

 

Volontär Hanno P. Schmocks Wochenrückblick – Frikadellenbrötchen ohne Frikadelle, bei dem das Brötchen fehlt – und ein toter Elefant

schmocks-wochenrückblickDer Playboy in den USA will keine Nacktfotos mehr veröffentlichen, von Frauen versteht sich. Nacktfotos von Männer hat man sowieso nicht gedruckt. Beispielsweise den ungefähr 90-jährigen Playboyerfinder Hugh Hefner hat man nie nackt gezeigt, obwohl der doch Zeit seines Lebens im seidenen Bademantel rumgelaufen ist, so dass er jederzeit und allerorten die Hülle hätte fallen lassen können. Man hatte vermutlich Angst, die überwiegend männlichen Playboyleser würden ins Heft brechen. Mitten ins lackierte Centerfold, zu Deutsch Mittendrinausklappbild, wo immer eine von Hefners aktuellen Gespielinnen sich nackt geräkelt hat. Könnte man abputzen. Die Lackierung war aber eigentlich für eine andere Körperflüssigkeit gedacht. Damit soll jetzt Schluss sein. Der Chefredakteur hat verlauten lassen, Nacktheit gäbe es im Internet massenhaft, wäre demnach nichts Besonderes mehr. Der Chefredakteur der belgisch/niederländischen Ausgabe will allerdings weiter Nacktfotos drucken, denn ohne nackt wäre wie „een Broodje Kroket zonder Kroket.“

Mein Freund Herr Leisetöne sagte jüngst im Vogelfrei, im Autoradio habe er zum Thema Playboy ein Interview mit einem Sexualwissenschaftler gehört. Der habe gesagt, die Entscheidung wäre aus rein ökonomischen Gründen gefällt worden.
„Aha, ökonomische Gründe! Für die Erkenntnis, dass Magazine herausgegeben werden, weil man damit Geld verdienen will, muss man doch keinen Sexualwissenschaftler fragen“, sage ich.
„Was hätte ich denn machen sollen?“, sagt Herr Leisetöne, „hätte ich etwa aus dem Auto aussteigen sollen, weil im Autoradio ein blödes Interview lief?“

Warum eigentlich nicht? Wäre doch hübsch, wenn allerorten die Autofahrer rechts ranfahren und aussteigen würden, und man wüsste sogleich, aha, da läuft mal wieder ein blödes Interview im Autoradio. Man hat wieder einen Experten ins Studio geholt und der sagt Sachen, die jeder Depp auch sagen könnte, aber der Depp darf nichts sagen, dafür braucht man einen Experten. Dann würden dumme Expertenbefragungen hoffentlich bald verboten, weil gesundheitsgefährdend, wenn nämlich dauernd Autofahrer neben ihrem Auto in der nassen Kälte stehen müssten, nur weil der geladene Experte nicht schlau genug war, eine Interviewanfrage abzulehnen und zu sagen: „Für diese blöde Frage brauchen Sie keinen Experten. Da rasiere ich mir lieber in Ruhe die Füße.“

Früher hieß es ja, das Kraftfahrtbundesamt wäre der Bettvorleger der Autoindustrie. Jetzt hat sich der Bettvorleger trotzig erhoben und zwingt VW, demnächst 2,4 Millionen Autos zurückrufen. Ich bin gespannt, ob wir das bei der Verkehrsdichte merken, ob sich da ab und zu Lücken im Verkehrsfluss auftun, und du weißt, aha, da fehlt mal wieder eine VW-Dreckschleuder. Könnte aber sein, dass da nur einer rechts rangefahren ist, weil im Radio wieder ein blöder Experte sprach, etwa verkündet hat, VW habe aus rein ökonomischen Gründen bei den Abgaswerten betrogen und nicht etwa aus kulturellen Gründen, weil man dachte, ein Auto, aus dem hinten kein dreckiges Abgas rauskommt ist wie ein Auspuff ohne Puff.

zucker-für-das-Ohr Zucker ins Ohr kippen?
Davor kann ich nur warnen.


Während der
letzten Fußballweltmeisterschaft ist bei Spielen der belgischen Roode duivels den Medien die 17-jährige schöne Flamin Axelle Despiegelaere unter den Zuschauern aufgefallen. Über Nacht wurde sie weltberühmt, weshalb sie sogar einen Werbevertrag von Loreal bekam. Im Übermut twitterte sie darob ein Bild von sich, wie sie neben einer erlegten Antilope posiert. Dazu schrieb sie verschwurbelt, bei der Jagd gehe es nicht nur um Leben und Tod. “Het is veel belangrijker dan dat.“ (Es ist viel wichtiger als das (der Tod).) Bei ihren 200.00 Followers handelte sie sich damit einen Shitstorm ein, und Loreal kündigte den Werbevertrag wieder. (Wir berichteten.)

Im simbabwischen Gonarezhou Nationalpark hat jetzt ein deutscher Hobbyjäger den größten Elefanten erschossen, der dort seit 30 Jahren erlegt worden war, wofür der verwirrte Mensch geschätzte 53.000 Euro bezahlt hat. Ich weiß nicht, wie der erfolgreiche Jäger seine Mordlust erklärt, dieses ruchlose Hobby verrohter Männer mit zuviel Geld. Im Internet kursiert ein Foto, worauf er stolz neben dem erlegten Elefanten posiert. Dieses Posieren ist nämlich noch wichtiger als der Lustmord an einem alten Elefanten. Obwohl Hugh Hefner sich nicht ausgezogen hat, würde ich jetzt doch am liebsten in den Playboy brechen, ersatzweise in den Aldi-Prospekt.

Musiktipp
Damon Albarn
Mister Tembo

Die einen schießen Elefanten tot, die anderen besingen sie. ”Tembo” bedeutet “Elefant” auf Suaheli. Mr Tembo ist ein kleiner Elefant.

Über das Denken am Herdfeuer

Hier sitze ich gern. Doch in der Dunkelheit habe ich es noch nie getan. Und Mondlicht gibt es kaum, der Mond ist nur eine dünne Sichel. Die hohen Bäume hier, die meisten sind Buchen, wie du vielleicht im Dunkeln ahnst. Ein Herrscher hat sie pflanzen lassen. Vorher war der Berg kahl. Man hat nichts gewusst, damit anzufangen, bis der Fürst kam und einen Park hinpflanzen ließ. Die Alten haben hier nach Flint gegraben, du weißt schon Feuerstein. Sie schlugen scharf Splitter davon ab für Messer und Pfeilspitzen. Zu ihrer Zeit oder später hat es vermutlich überall Wald gegeben. Die kleinen Rodungen, die es gab, lagen weit verstreut.

Selten bekamst du einen Menschen von einer anderen Rodung zu Gesicht. Sie waren dir fremd, hatten ihre eigene Geschichte und hatten ihre eigenen Gesetze. Doch bei solchen Begegnungen mit Fremden habt ihr über deren Kleidung und Haartracht gestaunt, mehr noch über deren Waffen. War die Begegnung nur kurz, war sie bald schon vergessen. Sonst dachtet ihr wenig nach. Warum auch? Alles war doch selbstverständlich seit Menschengedenken schon so gewesen.
Weiterlesen

Einiges über lange Wörter und die Innere Sprachpolizei

Ich möchte endlich mal einen richtig langen Text schreiben dürfen mit lauter breiten Wörtern wie Gesundheitswiederherstellungsmittel und Gesundheitswiederherstellungsmittelzusammenmischungsverhältniskundiger, ohne dass gleich so ein neumalkluger Sprachpolizist mit dem Zollstock kommt und sagt: „Ihr Text ist mindestens fünf Zentimeter zu breit für den Bürgersteig. Schreiben Sie doch statt Gesundheitswiederherstellungsmittel Arznei, Medizin oder von mir aus Medikament, obwohl Medikament hinsichtlich seiner Länge mit seinen zehn Buchstaben schon hart an der vom Ordnungsamt erlaubten Grenze ist. Aber hören Sie mal, Herr Trittenheim, Gesundheitswiederherstellungsmittelzusammenmischungsverhältniskundiger geht gar nicht. Jetzt stellen Sie sich das Wortungetüm doch mal für eine Zeitungsanzeige korrekt gegendert vor:

Rathausapotheke sucht freundliche Gesundheitswiederherstellungsmittelzusammenmischungsverhältniskundige bzw einen ähnlich freundlichen Gesundheitswiederherstellungsmittelzusammenmischungsverhältniskundigen

oder noch schlimmer als Kompositum mit Auszubildende.“

„Hallo, Herr Sprachpolizist, ist Ihnen jetzt vielleicht das Polizeipferd durchgegangen? Gehört mir etwa die Rathausapotheke? Ich hatte überhaupt nicht vor, eine Anzeige aufzugeben und diese Wörter zu gendern, sehe mich aber jetzt vor die Situation gestellt, dass die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser durch Ihre blöden Beispiele schon überbeansprucht wurde und einige möglicherweise einen Angstzustand bei sich entdeckt haben, nämlich die Hippopotomonstrosesquippedaliophobie, womit in Fachkreisen die Angst vor langen Wörtern bezeichnet wird.“

„Was heißt denn hier Fachkreise? Diese Fachkreise sollten wissen, dass der gemeine Leser, die durchschnittliche Leserin lange Wörter überhaupt nicht liest. Wenn ich hier mal rumfrage, wer sich das Buchstabieren der langen Wörter einfach geschenkt hat, werden einige rot. Diese Damen- und Herrschaften könnten nicht mal zu ihrer Entschuldigung sagen, sie wären Hippopotomonstrosesquippedaliophobikerinnen bzw. Hippopotomonstrosesquippedaliophobiker, weil sie das Wort nämlich überhaupt nicht gelesen, sondern nur überflogen haben.“

„Ehrlich gesagt habe ich mal einen Text verfasst, worin Hippopotomonstrosesquippedaliophobie
vorkommt. Den würde ich mich auch nicht trauen bei einer Lesung vorzutragen, weil ich das Wort dann komplett lesen müsste. Da hätte ich Angst, mich zu verhaspeln oder die Leute wären schon eingeschlafen, wenn ich grad erst bei Hippopotomonstroses angekommen wäre. Dann hätte ich das elend komplizierte „quippedaliophobie“ ganz umsonst gelernt. Dabei ist der Text ganz interessant. Er handelt von einer alten Dame, die von der Vorstellung gepeinigt wird, in der Nacht würden kleine Männchen aus dem Fernseher steigen und ihre schönen Sachen gegen blödere Sachen austauschen. Mein Freund Filipe d’Accord, also der Musiker, mit dem ich letzten Samstag aufgetreten bin, der hat die Frau als Zivildienstleistender betreut. Einmal hat er zu ihr gesagt: „Da haben Sie aber einen schönen Blumenstrauß!“ Die alte Dame hat abgewunken, der wäre vorher noch viel schöner gewesen. Aber dann wären die aus dem Fernseher gekommen und hätten den Strauß gegen einen blöderen ausgetauscht.

Interessant ist ja, dass in den menschlichen Phobien nichts korrekt gegendert wird. Korrekt müsste es heißen, dass aus dem Fernseher Männchen und Fräuchen klettern, die alle schönen Sachen gegen blöde austauschen. Aber in einem solchen Fall höchster Gemeinheit will Frau eben nicht unbedingt mitgenannt werden.

Übrigens habe ich bei meiner Lesung am Samstag gemerkt, wie plötzlich im gesamten Auditorium die Aufmerksamkeit wegsackte, und das bei einer Textstelle, die überhaupt nicht langweilig, sondern im Gegenteil sehr lustig war und wo gelacht wurde. Da war ich für einen Moment irritiert, konnte das unkonzentrierte Volk aber durch meine geschickte Wortwahl und Beschreibung verrückter Vorgänge wieder einfangen. Da dachte ich nebenher, dass es nichts mit dem Lesen im Blog zu tun hat, wenn lange Texte nicht angenommen werden. Es ist nur so, dass die Aufmerksamkeit der Leute früher viel besser war. Aber dann kamen die aus dem Privatfernsehen und haben deren gute Aufmerksamkeit gegen eine Form von Aufmerksamkeit auf die blöden Werbepausen ausgetauscht, so dass die Leute sich mitten in meinem schönsten Text plötzlich fragen, wo eigentlich die Erdnüsse sind oder merken, sie müssen mal unbedingt Pipi machen.

Naja, besser sie gehen rechtzeitig, bevor ich einen lustigen Text lese, und es läuft vor Lachen alles in die Hose. Aber wenn das Malheur sowieso schon passiert ist, darf ich vielleicht endlich mal einen echt langen Text schreiben.

Hier stand vorher ein viel besserer Text. Kleine Fräuchen sind aus dem Internet gestiegen und haben ihn gegen einen schlechteren ausgetauscht. Wer/wie war das?!!!

Wenn Frauen über Schultern schauen

Bildhafte Vorstellungen sind konservativ. So sehen und verstehen wir heute noch das Piktogramm mit Telefongehäuse und auf eine Gabel aufgelegtem Telefonhörer, manchmal sogar mit stilisierter Wählscheibe, obwohl Telefone heute ganz anders aussehen. Ähnlich gut verstanden wird das Piktogramm, das eine stilisierte Dampflok zeigt, obwohl man Dampfloks nur noch von der Modelleisenbahn oder der Museumsbahn kennt.

Gestellte Fotos können ebenfalls konservative Vorstellungen transportieren. Die Frau, die dem Mann freundlich über die Schulter schaut, ist so ein Relikt aus Zeiten, in denen Männer in allem, was nicht den Haushalt betraf, die Macher waren, Frauen die wohlmeinenden Zuschauer.

Neuland
Das Foto aus einem aktuellen Prospekt der Discounterkette Aldi Nord verdreht die heutigen Verhältnisse, denn Smartphones sieht man weit häufiger in Frauen- als in Männerhänden. Konservative Frauenbilder transportiert auch das Transportunternehmen Deutsche Bahn:

bonus

Selbstentlarvend war die Werbung der Deutschen Bahn schon 2009: