Herumfliegende Worte

Vermutlich werde ich das kluge Kind in einem Jahr erst wiedersehen. Hab ihm noch rasch einen Floh ins Ohr gesetzt, sich ein Notizbüchlein anzulegen und darin zufällig gehörte Gesprächsfetzen zu sammeln. Diese Sammlung wäre hübsch zu lesen. Meine Freundin Lisette war beim Stadtbummel nicht ansprechbar, sobald sie irgendwo in der Nähe ein paar Gesprächsfetzen erhaschen konnte. Meist bleib sie dann stehen und tat so, als müsse sie an Ort und Stelle etwas Wichtiges tun, um in Wahrheit noch mehr vom Gespräch zu erlauschen.

Einmal habe ich kurz hintereinander drei Gesprächsfetzen aufgefangen. Danach war ich in Sorge, einen Bekannten zu treffen oder etwas Ungewöhnliches zu sehen, – dann würden die Gesprächfetzen unweigerlich im Orkus des Vergessens versacken. Diese Sorge zwang mich, die Zitate im Stehen zu notieren und ich vermisste dabei eine Unterlage. Es wäre prima, wenn in den Innenstädten hier und dort Stehpulte angebracht wären. Ein solches Stadtmöbel für Notizen fehlt.

Meinen liebsten Gesprächsfetzen hörte ich einmal auf der Kölner Domplatte. Ein junger Mann sagte zu einem alten: „Reg dich nicht auf, Onkel Franz, ich mach das schon.“ Aus irgendeinem Grund ist dieser Satz für mich wie Poesie. Einen anderen Gesprächsfetzen sammelte ich am Aachener Markt auf. Vor dem Lokal Postwagen, gleich neben dem Standesamt, hatte sich eine staatsgemachte Hochzeitsgesellschaft versammelt. Ein Mitvierziger sprach auf zwei Frauen und einen Mann ein, zeigte einer imaginären Person mit heftiger Geste einen Vogel, beugte sich vor und sagte empört: „… und feiert da Silvester!“ Warf sich in die Brust und fuhr fort: „ Ja gut, Okay, dat issss ..!“ Die Worte, der Mann, man hätte die Rolle nicht besser besetzen können. Jedenfalls dachte ich mir, egal, um wen es geht, man sollte als Außenstehender nie so heftig urteilen. Man ist dann grundsätzlich im Irrtum.

Im Regionalexpress nach Aachen sagte eine lebhafte Oberstufenschülerin über eine als bedrohlich empfundene Lehrerin: „Die guckt mich an, und alle Gedanken, die in meinem Kopf waren, sind einfach weg!“ Das wirft die Frage auf, ob man überhaupt Gedanken auf Vorrat im Kopf hat gleich Kartoffeln in einem Korb – und ob man die Lehrerin besser zwangspensionieren sollte.

Professor Coster hat sich mal keine Hose kaufen können, weil er ungewollt Zeuge eines Gesprächs zweier Hosenverkäufer wurde, von denen der eine dem anderen gesagt hatte: „Ich sage dir mal, was sie mir per SMS geschrieben hat: Sie findet schön, dass ich träume, sie mag wie ich sie ansehe, …“ – hier in Gänze zu lesen:

Im Cafe sprach eine alte Dame mit einer Kellnerin, die ihr mit den Krücken half. „Ne, ne, dat jehört sich nicht!“, sagte die Alte immer wieder. Was genau sich nicht gehörte, konnte ich nicht herausfinden. „Das gehört sich nicht“, wird sowieso mit den derzeit Alten aussterben. Die nachfolgenden Generationen haben nämlich sehr divergierende Ansichten darüber, was sich wie gehört. „Das gehört sich nicht“ gehört in eine Welt des Anstands. Diese Welt ist dabei, im Orkus des Vergessens zu verschwinden. Der Soziologe Herr Putzig würde sagen, dass andere Formen des Anstands gültig werden. Was sich gehört, wäre eine Frage der kulturellen Vereinbarung. Da hätte er auch wieder Recht.

Lesefrüchtchen, Bier und schöne Schultern


Auf den Straßen der Stadt brandet ohne Unterlass der Autoverkehr, auf den Gehwegen ist ein Kommen und Gehen, unzählige Sonnenhungrige bevölkern den weitläufigen Georgengarten, liegen lustvoll im Gras oder scharen sich um einen qualmenden Grill, doch irgendwo nahebei im hannoverschen Universitätsviertel sitzt eine kleine magere Frau über den alten Briefen des Dichters Johann Paul Friedrich Richter, besser bekannt als Jean Paul (1763 – 1825) und versucht, seine mühsam zu lesende Kurrentschrift zu entziffern.

Man kann sich den Zauber vorstellen, der sie umfängt, wenn sie die Briefe von der Hand eines bedeutenden Schriftstellers des 18. Jahrhunderts studiert und eintaucht in die Vergangenheit, in die Gedankenwelt Jean Pauls, die sich in seinen privaten Nachrichten enthüllt. Manchmal wird sie lange über einem Wort sitzen und versuchen, die Bedeutung zu entschlüsseln. Das ist eine schwierige Angelegenheit, denn die Orthographie weicht stark von der unsrigen ab, und viele der Wortschöpfungen Jean Pauls sind kryptisch. Man muss wissen, worauf er anspielt, muss die Verhältnisse und die geistigen Ideen seiner Zeit kennen, um den gemeinten Sinn zu erschließen. Beispielsweise schreibt Jean Paul über hungernde Schreibermönche:

    (…) wenige von uns standen noch den Hunger der Mönche aus, deren Abschreiben durch die Erfindung der Buchdruckerkunst entbehrlich wurde; daher sie mit Recht sagen, den Erfinder derselben, den Doktor Faustus, hätte leider der Teufel unstreitig geholet (…).“ Aus: Jean Paul; Untertänigste Vorstellung unser, der sämtlichen Spieler und redenden Damen in Europa, entgegen der Kempelischen Spiel- und Sprachmaschinen; in: Klaus Völker (Hrsg.): Künstliche Menschen, München 1971, (S. 99 f)

Jean Paul setzt hier irrtümlich den Mainzer Anwalt und Geldverleiher Johannes Fust mit dem Doktor Faustus der Volkssage gleich. Im 18. Jahrhundert wusste man nichts von Johannes Gutenberg, weil sich Johannes Fust in den Besitz von Gutenbergs Druckerei gesetzt und als Erfinder des Buchdrucks ausgegeben hatte. Dass nicht Fust, sondern der Goldschmied Gutenberg den Buchdruck erfunden hat, wurde erst durch neuere Forschungen bekannt. [Näheres über den Wirtschaftskrimi hier:]

Unter Schwierigkeiten mit der Handschrift Jean Pauls und mit seinen Anspielungen auf das Wissen seiner Zeit vergisst Frau Dr. Meier die Welt da draußen, vergisst vielleicht auch zu essen und ist stolz und glücklich, wenn sie den Briefen wieder einen Schatz abgerungen hat, beispielsweise eine launige Bemerkung Jean Pauls über Leibniz und seine Monadologie. Wer schon selbst einen schwierigen Acker bearbeitet hat, weiß die Ergebnisse zu schätzen, die Frau Dr. Meier in einer Vorlesung den interessierten Fachkollegen vorträgt. Und so sparen sie nicht mit Lob, wenngleich mein Freund Konrad Fischer und ich froh sind, dass sie endlich fertig ist mit ihrem papierdünnen Vortrag, der vom prachtvollen Hörsaal fast verschluckt wurde.

Trotzdem, es war inspirierend, wie wir später merkten, als wir in einer Lindener Kneipe ein Bier nach dem anderen kippten und uns angeregt unterhielten. Allerdings war ich bald abgelenkt durch eine hübsche junge Frau, die in meinem Blickfeld saß und ihre wohl gerundeten Schultern zeigte, erst eine, und da ihr Gesprächspartner offenbar noch nicht verwirrt genug war, ließ sie ihr Oberteil verrutschen und entblößte wie zufällig auch ihre zweite Schulter. Worüber sie mit ihrem Partner sprach, konnte ich nicht hören. Aber es ging bestimmt nicht um die beinahe mauskleine geistige Beziehung Jean Pauls zu dem gut hundert Jahre früher lebenden Gottfried Wilhelm Leibniz, die Frau Doktor Meier in mühevollster Kleinarbeit aus den Briefen Jean Pauls herausgefiddelt hat. Doch: „Kultur ist Reichtum an Problemen“, schreibt Egon Friedell. Ob er damit auch die Probleme meint, die eine schöne Frau mit entblößten Schultern bereiten kann, weiß ich freilich nicht.

Die Wahrheit über den Eiermann

Gegen Morgen erzählte ich einen mir peinlichen Witz. Und gegen Schluss hin hatte ich schon die Pointe vergessen, vielmehr verdünnisierte sie sich, so dass ich den Witz nur zu Ende erzählte aus Gründen der Vollständigkeit und um meine Mutter zu widerlegen, die oft gesagt hatte, ich würde die Dinge nicht fertig machen. Die ganze Schöpfung scheint mir so ein Witz zu sein, dessen Pointe sich leise verdünnisiert. Und sie wird nur der Vollständigkeit halber zu Ende erzählt, bevor die Unterbeamten der galaktischen Registratur alles dicht machen und sich polnisch verabschieden. Keiner lacht. Wir haben ja nur die offizielle Version der Welterzählung. Auf Arte war der inzwischen 78 Jahre alte Eric Burdon zu sehen. Er wurde gefragt, was er mit dem Beatles-Song „I Am the Walrus“ zu tun habe. „Ich war der Eiermann“, sagte Burdon. Er sei mit John Lennon auf einer Sexorgie gewesen. „In einem Kühlschrank lagen Eier.“ Beim Sex habe er einen großen Hintern vor Augen gehabt. John Lennon habe gesagt: “Go on, go get it, Eggman!” Dann habe er, Burdon, auf dem Hintern ein rohes Ei zerbrochen.

Als Jugendlicher war ich begeistert von der B-Seite der Single „Hello, Goodbye“, worin der Eggman besungen wird, und da die offizielle Erzählung damals die sexuellen Eskapaden der Beatmusiker schamhaft verschwieg, verstand ich nur Unsinn, wurde vom Unsinn inspiriert und wurde der Mensch, der ich heute bin. Hätte ich mal gewusst, was es mit dem Eiermann auf sich hat, wäre ich heute ein anderer. So ist das. Wir alle kennen nur die A-Seite der Welterzählung und bauen unser Weltbild aus dieser offiziellen Version, die quasi im rechten Winkel zum wahren Geschehen steht. Und da es nie anders gewesen sein kann, hat sich im rechten Winkel zu den Tatsachen über Jahrtausende dieses gigantische Lügengebäude aufgetürmt, in dem die scheinphilosophischen Einfaltspinsel peripatetisch umherwandeln und was von der neuen Erscheinung „Fake News“ schwafeln.

Von Vögeln und Menschen

Ob die Vögel mit den Rufen der jeweils anderen Arten etwas anfangen können? Nehmen sie deren Flöten, Pfeifen, Tirilieren als etwas Verwandtes wahr wie der Mensch, der die verschiedenen Rufe unter Gezwitscher subsumiert? Oder versuchen sie die Rufe der anderen Arten auszublenden als störende Geräusche? Die Schreie der Graugänse am Annateich in Kleefeld jedenfalls sind eindeutig kein Vogelgezwitscher. Graugänse tönen wie der Lärm aus verbeulten Trompeten. Paarweise kommen die Gänse von angrenzenden Wiesen geflogen, schießen synchron über die Wasserfläche des Annateichs, um dann mit ausgestellten Füßen zu wassern. Warum sie dabei unentwegt schreien müssen, als ginge es ihnen an den Hals, man weiß es nicht. Aber da ihr Geschrei wirklich nicht angenehm anzuhören ist, wundert es nicht, dass man die Gans als Schlachtvieh domestiziert hat. Der Augenblick ihres Verstummens beim Halsumdrehen muss wunderbar sein. Da wird sogar mancher Vegetarier zustimmen.

Der Annateich in Kleefeld Foto: JvdL (größer: Klicken)


Ich weiß, dass die Graugans bei der Verhaltensforschung hoch im Kurs steht. Konrad Lorenz hat ihr Verhalten genau untersucht. Das Genaue aber weiß ich nicht, eigentlich nur, was der Cartoonist Hans Traxler als wertvolle Quintessenz herausgearbeitet hat:

    „Das interessiert den Forscher, den Alten,
    ob Gänse sich wie wir Menschen verhalten.
    Jawohl, sie tun’s, besonders die grauen
    Sind akkurat wie unsere Frauen.

    Mach ihnen den Hof,
    das finden sie doof
    Wende dich ab,
    das bringt sie auf Trab.“

    (Hans Traxler; Freud in der Krise)

Wie eingeladen landet eine fette Krähe auf dem Weg. Der Gang der Krähe wirkt immer ein bisschen arrogant. Sie wackelt stolz mit dem Arsch, obwohl sie nicht mal singen kann. Manche Menschen sind genauso. Die wackeln mit dem Arsch, tragen die Nase hoch und man weiß nicht warum. Die einzige Qualifikation, die sie vorzuweisen haben, ist stolzer Gang und hohe Nase. Unsereiner meint, er müsste etwas Besonderes leisten, aber das ist Quatsch. Arroganz und Arschwackeln reichen völlig, die Mitmenschen zu beeindrucken. Dass sie den Grund nicht kennen, schreiben sie ihrer Unwissenheit zu.

Zwei junge Frauen radeln vorbei. Die eine ruft: „Mein kleiner Bruder hat sich eine Sonnenbrille gekauft und sagt: ‚Charlotte, nenne mich jetzt bitte nur noch Mister Cool-Man!’“ Charlottes kleiner Bruder hat offenbar schon früh gemerkt, wie der Hase läuft. Nur ich will einfach nicht wahrhaben, dass wir sind wie die Graugänse, wo der größte Schreihals und sein Bürzel die meiste Aufmerksamkeit bekommen.

Trocken gefallen

Dieser Text ist unter der Sonne eingetrocknet, versumpft quasi ohne Pointe. Anfangs noch nass: Das System der Teiche und Kanäle im hannoverschen Georgengarten ist aus einem Altarm der Leine entstanden, nicht durch Austrocknung, sondern vermutlich bei der Anlage des Parks im 19. Jahrhundert. Ein Altarm, aus dem ein Teich gemacht wurde, ist von allen Gewässern die traurigste Erscheinung. Was einst stolz geflossen und manchmal frech über die Ufer getreten ist, kann jetzt nicht mehr weiter, ist abgeschnitten von Erneuerung, steht nur noch da, trübt sich ein und verschlammt.

Wäre ich Wasser, wollte ich niemals Teich sein und kackende Enten auf dem Rücken tragen. Am liebsten wäre ich ein Gebirgsbach, der am Fuße eines Gletschers entspringt. Ich wäre kalt und glasklar und würde derzeit besonders wild zu Tale schäumen, weil nach Auskunft von Glaziologen die Gletscher grad dramatisch rasch abtauen, was aber nichts mit der Mittagshitze zu tun hat, die sich am Teich im Georgengarten staut.

(Georgengarten und Leine in Hannover – Quelle: Google Maps) Was ich an München sehr geschätzt habe, ist sein Eisbach, der satt und klar durch den Englischen Garten strömt. Obwohl der Georgengarten auch ein englischer Landschaftspark ist, hat er nur diese trüben Tümpel. Man denkt, die müssten mal gewaschen werden.

Die beiden Mädchen vor mir störts nicht. Sie sitzen im Schatten auf einer Decke und teilen sich ihr Picknick, derweil sie unentwegt plaudern. Ich kann dieses friedliche Bild nicht unbeschwert betrachten, denn ich sitze, um ebenfalls Schatten zu haben, auf einer Bank genau hinter den beiden, und immer wenn ich aufschaue, schaue ich den beiden auf den Rücken. Zum Glück sind sie so innerlich, da merken sie es nicht. Die Sonne kommt herum und lässt mir den Schatten schwinden. Puh, mir wird zu heiß! Deshalb muss ich mein Schreiben nach der Natur beenden und rasch nach Hause radeln. Uff, die Kette knarzt. Ich komm k a u m v o r a. Wenn jetzt noch eine Ente auffliegen würde und auf meinem Buckel landen wollt, ch knnt gr nchts mchn …

Über Ordnung und Chaos

Zwischen Ordnung und Chaos ist nur ein schmaler Grad. Hat man zum Beispiel lange genug mit sich gehadert und endlich wieder Ordnung in der Küche gemacht, beginnt nach dem letzten Handgriff des Ordnens die erneute Anfechtung des Chaos. Immerzu liegt das Chaos auf der Lauer. Es gibt verschiedene Strategien der Grenzziehung, die allesamt nur für eine gewisse Zeit gelten. Der ordnende Geist ist ein einsamer Kämpfer und geht unter schwerer Last. Denn ständig zerren an ihm die Dämonen der Gleichgültigkeit, des Aufschubs und der Lethargie. Und die Grenzen, die es täglich, ja stündlich abzuschreiten gilt, um jede Okkupation im Keim zu ersticken, ja, sie sind erschreckend lang. So mancher schwache Krieger hat sich deshalb längst der Übermacht ergeben. Jeder neue Gegenstand im eigenen Besitz ist eine Erweiterung der Ordnungsgrenzen, bringt Verunsicherung und birgt unbekannte Chaosrisiken. Der ehemalige Oberbürgermeister von Stuttgart, Manfred Rommel, wurde anlässlich eines Jubiläums gefragt, was man ihm denn schenken dürfe. Rommel sagte:

    „Meine Frau duldet keine weitere Einbringung von Gegenständen in unseren gemeinsamen Haushalt.“

Das ist das Sichern der Ordnung durch die Festschreibung der Grenzen. Wer zwei Paar Handschuhe besitzt, braucht keine weiteren. Sie würden nur dem Chaos eine Hintertür öffnen. In meinem Referendariat unterstand ich einer Generalin im Kampf gegen das Chaos. In ihrem Umfeld herrschte peinliche Ordnung. Die Grenzen sicherte sie mit festen Bollwerken aus Schränken, Regalen und probaten Fächersystemen. Da lagen in Schubfächern die Bleistifte sauber ausgerichtet und nach ihren Härtegraden aufsteigend von hart nach weich geordnet. Es gibt zwanzig Härtegrade, und wer es wagte, einen H-Bleistift achtlos in die B-Folge zu legen, wurde zur Rede gestellt und energisch zur Ordnung gerufen. Zurück ins Glied, Schütze Arsch, und niemals erlahmen!

Als die Dame gestorben war, wurde mir von ihrer Wohnung gar Wundersames berichtet. Mein Gewährsmann erzählte, dass die Dame 20 Paar Handschuhe besessen hatte. Um sie zu ordnen, hatte sie sich von einem Schreiner, „von einem guten Schreiner!“, flache Schubfächer in einen Einbauschrank einpassen lassen, die auf Rollen liefen. Darin lagerten die Handschuhe, und zwar so, dass jedes Paar Handschuh Platz genug hatte, sich auf die artigste Weise zu strecken. Die Paare waren nach Farben sortiert, einer künstlerischen Farbordnung entsprechend. In gleicher Weise waren die Blusen nach Farben in Einzelschubladen gelagert, von Weiß nach Schwarz durch das gesamte Farbspektrum und vermutlich auf DIN-A4-Größe gefaltet. Leider wurde die Ordnung der Generalin aufgelöst und in alle Winde zerstreut. Man hätte sie erhalten und konservieren müssen, man hätte Schulklassen hinführen können, ja, man hätte die Wohnung zum Weltkulturerbe erklären sollen. Man hätte der Nachwelt zumindest ein fotografisches oder filmisches Zeugnis geben müssen, dass es im chaotischen Universum einst einen Hort der perfekten Ordnung gegeben hat.

Natürlich hatte die Dame allein gelebt. Ein Partner hätte ja ebenfalls ein Ordnungs-General sein müssen. Solche Menschen sind selten. Und hätte sie einen ihr ebenbürtigen General gefunden, wäre nicht ausgemacht gewesen, dass General und Generalin die gleichen Ordnungsstrategien verfolgen. Eventuell hätten sie sich im Kompetenzgerangel verschlissen, während rundum das Chaos in Lauerstellung war.

Von der einsamen Generalin sind mir drei Bücher übereignet worden. Sie liegen aber noch unausgepackt in einer Bücherkiste im Keller. Ein Fehler zweifellos, falls der Ordnungsgeist zu einer Eigenschaft dieser Bücher geworden ist. Der Anstoß, der von ihnen ausgeht, hätte sich segensreich auf mein Leben auswirken können und mich mindestens zum Ordnungs-Hauptgefreiten gemacht. Da ich nicht in meinem Keller suchen mag, bleibt mir nur die Bruderschaft der 30 Handgriffe.

Weh! Unser schönes Leinau macht zu

Zum offenen Fenster weht das Sonntagsgeläut der Bethlehemkirche herein. Ein kühler Wind bauscht die lange weiße Gardine. Ich liege auf dem Bett, schaue von unten durch die gelichtete Krone der mächtigen Eiche in den blauen Himmel und bin in Gedanken noch beim gestrigen Abend.

Der gleiche freundliche Wind weht da von Norden her, hat sich im Leinetal abgekühlt und streicht jetzt als angenehme Sommerbrise am Leinau3 vorbei der nahen Limmerstraße zu. Eine Polizeistreife taucht plötzlich auf, vermutlich von Nachbarn herbei gepfiffen, und weist zwei Straßenmusiker zurecht, die gerade erst ihr hübsches Spiel begonnen haben, sie müssten ihren Verstärker der „Partymeile“ zuwenden, womit die Limmerstraße quasi amtlich getauft ist. Die Wirtin des Leinau3 räumt den Musikern einen Platz direkt hinter unserem Tisch frei, wo die beiden dann ungestört aufspielen können.

Der Sinn der Platzveränderung erschließt sich mir nicht. Die lebhafte Unterhaltung an den Tischen verebbt, doch wir werden durch wundersame Klänge entschädigt. Ein Gitarrist und eine Geigerin spielen harmonisch zur gut besuchten Abschlussparty des Leinau3 auf. Erneut verliert das HaCK eine Stammkneipe, denn das Leinau3 schließt.

Diesmal ist es emotionaler für mich als damals beim Vogelfrei. An manchen guten Tagen wurde ich von Bahar, der Leinau-Wirtin, mit einer Umarmung begrüßt. Das geschieht auch heute an unserem letzten Tag. Wir sind hier von ihr und ihren Kellnerinnen immer bevorzugt bedient worden, wenn wir zu siebt oder acht in geselliger Runde saßen und manchen Elferkranz Kölsch geleert haben. Freilich bin ich heute gänzlich unvorbereitet, habe nicht mal etwas zu schreiben bei mir, kein Smartphone, keinen Fotoapparat, um den letzten Abend vor dem Leinau3 zu dokumentieren.
Allerdings mag ich mich immer seltener einreihen, bei der teilnahmslosen Smartphone-Knipserei. Als letztens bei einer Tour-de-France-Etappe der Fahrer Geraint Thomas in einer Kurve stürzte, war eine Frau im Kleid zu sehen, die zunächst Anstalten machte zu helfen, dann aber am ausgestreckten Arm ihr Smartphone hinhielt, um den Mann am Boden zu knipsen. Wozu ist das gut? Die lieblosen technischen Bilder können die Momente nicht am Verschwinden hindern. All die im Bild festgehaltenen Augenblicke, und die Welt dreht sich doch weiter. Alleweil ändert sich was. Zwei HaCK-Gründer verlassen Hannover, das Leinau3 schließt; was bleibt, das als Erzählanlass zu nehmen und passende Worte zu finden. Ich habe nicht mal etwas zu schreiben bei mir. Auf meine Bitte bringt mir Kellnerin Jessie Blöckchen und Stift, das Blöckchen könne ich behalten, den Stift nicht. So kann ich mit dem Gitarristen wenigstens die Internetadresse austauschen. Ich habe hingeschrieben, um den Namen der Geigerin zu erfragen, doch zeitnah keine Antwort, also bleiben beide ungenannt.

Ein schönes Bild hatte ich eine Weile vor Augen und mag ich in Erinnerung behalten. Der junge Sänger mit Gitarre, groß und stattlich, wurde begleitet von einer kleinen asiatisch wirkenden Frau mit Geige. Nie zuvor hatte ich die unterschiedlichen Bewegungsabläufe bei Gitarre und Violine so deutlich vor mir, und es machte mir klar, dass die Wahl eines Instruments auch von den Temperamenten bestimmt ist. Während er aufrecht und locker hinter dem Mikrophon stand und die Gitarre mit relativ sparsamen Bewegungen der Hände spielte, war sie ständig in anmutig fließender Bewegung, einmal indem sie mit dem Geigenbogen die Saiten strich oder im aufgeregten Fizzicato zupfte, aber anderes schien mir nicht vom Instrumentenspiel gefordert zu sein, sondern war Einfühlung in die Melodie und bewegter Widerhall von Emotion, ein fast tänzerischer Ausdruck der Töne. Begleitend bauschte und zerrte der Wind übermütig ihre kurze Bluse, und so schien sie wie ein Schmetterling den Sänger zu umschwirren. Wer wollte bei dieser musikalischen Ästhetik nach der Polizei rufen? Trotzdem gingen die Blicke der beiden nach jedem Lied besorgt zur Hausfassade gegenüber.

Als sie aufgehört haben, gehe ich hinein, um zu bezahlen, eine geringe Zeche, denn alles ist heute 30 Prozent günstiger. „Vielleicht sehen wir uns ja nochmal“, sagt Jessie zum Abschied. Ein schwacher Trost, denn weh! Unser schönes Leinau macht zu! Wir waren so gerne dort.

Das Lied des Abends: