Ein hilfloser Küchenmensch berichtet

Acht Wohnungen habe ich besichtigt, nachdem ich mich entschlossen hatte, nach Hannover zu ziehen. Die siebte entsprach meinen Wünschen. Ihr Vorzug: Sie hatte eine große Küche, ihr Nachteil: Das Haus stand am Bethlehemplatz. Drum nahm ich die achte Wohnung. Die Adresse „Bethlehemplatz“ wollte ich nicht haben. Die Leute würden denken, ich wäre eine Betschwester. Um dieses Missverständnis zu vermeiden, müsste ich „Atheist“ auf Visitenkarten drucken, und man würde denken, der Mann ist Atheist von Beruf, aber wohnt am Bethlehemplatz. Ist so ein Durcheinander überhaupt erlaubt?

Der Vorteil der achten Wohnung: Sie ist ähnlich geschnitten wie meine Aachener Wohnung, und unweit führt eine Güterbahnlinie vorbei, was in Aachen auch gewesen war. Zu der hatte ich eine gar mystische Beziehung. Leider ist die Güterbahnlinie nahe meiner Wohnung in Hannover stillgelegt und inzwischen völlig überwuchert. Doch der größte Nachteil der Wohnung: Sie hat eine kleine Küche. Wenn ich in dieser Küche koche, habe ich wenig Platz. Jetzt bin ich sowieso ein Küchen-Legastheniker oder wie mich eine ehemalige Blogfreundin schimpfte, ein „hilfloser Küchenmensch.“

Kürzlich bereitete im TV ein Fernsehkoch ein vegetarisches Gericht zu, und ich bekam Lust, das nachzukochen. Ich schaute mir den Beitrag mehrfach in der Mediathek an, um alles richtig zu machen, denn gemeinhin vergesse ich die Reihenfolge von Arbeitsschritten und die eine oder andere Zutat. Ich besorgte also die Lebensmittel und Gewürze, sah mir nochmals den TV-Beitrag an und legte los. Was der Fernsehkoch in 20 Minuten zubereitete, dazu brauchte ich gut zwei Stunden. Meine zu kleine Küche sah aus wie ein Schlachtfeld, und geschmeckt hat es nur so lala. Ich kann mit weniger Zutaten und geringerem Aufwand leckerer kochen.

Überhaupt finde ich die um sich greifende TV-Kocherei obszön. Das sabbernde Gewese ums Essen ist widerlich. Man stelle sich vor, so eine geschmäcklerische Kochsendung würde Hungernden in der 3. Welt gezeigt. Man treibt sie zusammen; entkräftete Gerippe schleppen sich zu einer Bretterbude, und auf einer Riesenbildwand kocht das gut gelaunte Arschgespann Martina und Moritz, also sie kochen etwas (transitiv). Würden sie im Suppenkessel sitzen und kochen (intransitiv), das Wimmern, bis sie gar sind, wollte man auch nicht sehen. Gleich wie wäre das eine Sache zum Fremdschämen.

Ich erinnere mich noch an die Anfänge der obszönen Kocherei: Der Schauspieler Clemens Wilmenroth präsentierte als Koch verkleidet seine legendäre Kreation „Toast Hawai.“ Dabei hätte es bleiben können. Doch mit Wilmenroth begann die Vergötterung der artifiziellen Fressgier und ihrer öffentlichen Darbietung. Deren trauriger Höhepunkt kam, als Roger M. Buergel, Leiter der documenta 12, den Molekularkoch Ferran Adrià zur Kunst erklärte.

Fast genauso daneben: Ich kannte eine Frau, für die es leider das Schönste war, auf der Couch zu liegen und die Sendung „Das perfekte Promi Dinner“ zu schauen. Wir entfremdeten uns, weil ich mich ums Verrecken nicht dazulegen wollte. Schon beim Wort „Promi“ kriege ich Herpes. Und die Figuren erst, die sich unter dem Etikett Promi durchs Leben mogeln, will ich lieber nicht kennen. Promis bekochen und benoten sich gegenseitig. Wenn ich irgendwo zum Essen eingeladen war, habe ich doch anschließend keine Noten vergeben. Das ist sehr sehr peinlich und pfeilgrad Geschmacksverirrung.

(Im Bild: documenta-Leiter Roger M. Buergel, Montage: JvdL)

Einladung zu Tisch

Von den zwei Paaren, die wir zum Essen eingeladen hatten, musste eines kopfstehen, sobald der runde Esstisch über eine Schiene an die Wand gefahren und in die Senkrechte gekippt war. Zuvor jedoch klappten die Sicherungsbügel hoch, ähnlich denen einer Achterbahn, und fixierten alle an ihre Plätze. Wir hatten uns dagegen entschieden, selbst unten zu sitzen; wir hätten als die Gastgeber nach oben schauen müssen, was uns nicht angemessen erschien.

Also wiesen wir die Plätze dem General und seiner Gattin zu, worüber die beiden erkennbar unfroh waren, nachdem der Tisch senkrecht an der Wand klemmte. „Hätte ich das gewusst, wäre ich im Hosenanzug gekommen“, sagte Frau General spitz, als ihr das weite aprikotfarbene Abendkleid unter die Nase rutschte. In gruppendynamischer Hinsicht sind Dreierkonstellationen naturgemäß problematisch. Immerzu neigen zwei dazu, sich gegen die dritte Partei zu verbünden. Dies wurde durch die notwendige Sitzordnung begünstigt, denn bei einem senkrecht stehenden runden Tisch muss eine Partei doch immerzu unten sitzen, während zwei Parteien das Privileg haben, dass wenigstens die beiden inneren Partner auf dem Scheitelpunkt sitzen. Ihre Partner sitzen dann schon mehr seitlich, so etwa auf zehn nach zehn Uhr. Da nun in beiden Fällen die Männer ihre Frau rechts sitzen ließen, kam ich auf diese Weise neben die schöne Gattin des Doktors zu sitzen, hatte sie quasi links neben mir, was mir von der hohen Warte aus die Gelegenheit gab, den ganzen Abend über mit ihr zu flirten. Wenn meine Frau und ihr Mann sich einmischten, ignorierten wir sie einvernehmlich.
„Ach, quatsch uns doch nicht von der Seite an, Darling!“, fertigte Frau Doktor ihren Gatten ab und schob mir lasziv lächelnd ein köstliches Kanapee in den Mund.

Frau General war inzwischen verstummt. Sie mühte sich tapfer, den General davon abzuhalten, ihr Kleid mit der Serviette zu verwechseln. Eine groteske Situation, die aber durchaus ihr Apartes hatte. Wir hatten den Koch natürlich angewiesen, weitgehend feste Speisen zu bereiten, die nicht tropfen. Trotzdem hatte der General sich über und über besudelt. Mir war das ein innerer Vorbeimarsch, ihn und den Doktor gedemütigt zu sehen.