Kuriose Rituale (1) – Schlüsselübergabe

Über kuriose Rituale, wie sie in den Medien bildnerisch dokumentiert sind, tauschten wir uns letztens in Kommentaren aus. Das regte mich an, eine neue Reihe daraus zu machen. Zum Auftakt der Reihe zeigt eine Bild-Text-Kombination aus dem Teppichhaus Trithemius. Der Beitrag ist dort am 05. Juli 2015 in der Reihe „Ein Bild und seine Gedichte“ erschienen, verbunden mit der Aufforderung, ein Verslein beizusteuern. Ich veröffentliche zwei im Kommentar. Viel Vergnügen! Und wer Lust hat – nur zu!

Foto: R. Roeger – Text: JvdL

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Zwischendurch – Anstiftung, die Wildnis zu kultivieren

Als Hannoveraner Neubürger bekam ich bei der Anmeldung ein Begrüßungspaket geschenkt. Das enthielt eine Hochglanzbroschüre vom „Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover“ (aha), eine Rolle gelber Säcke vom Dualen System und einen Abfallabholkalender. Da wusste ich sofort, in Hannover wird Müll geschätzt. Man kriegt ihn gleich zur Begrüßung. Zu den Seltsamkeiten gehört die Organisation der Müllabfuhr. Man hat gelbe oder blaue Müllsäcke für Papier und Plastik. Die Säcke, so der Plan, sollen erst sonntags vors Haus gelegt werden. Das aber wird weitgehend ignoriert. Man wirft die Müllsäcke zu jeder beliebigen Zeit vor die Tür. Wo viel Müll herumliegt, werden die Leute großzügig und werfen noch weiteren Müll dazu, zumal die Müllwerker grundsätzlich etwas liegen lassen – wie andere Leute einen Pfennig im Portemonnaie belassen, damit sich das Geld vermehrt. Rund um einen Spitzahorn vor dem Haus, indem ich lebe, war auf diese Weise eine illegale Müllkippe entstanden. (1. Bild) Mehrfache Beschwerden bei der Stadt und beim Müllentsorger aha fruchteten nicht. Bild 2 zeigt eine Fotomontage, die ich damals aus Protest gemacht habe.


Im Jahr 2014 wurden der sich ständig erneuernde Müllberg endlich abgeräumt und die enge Betoneinfriedung des Baumes entfernt. Der Ahorn bekam ein großes Beet, für das meine damalige Obernachbarin die Patenschaft übernahm. Sie bepflanzte es hübsch mit Blumen und Stauden aus ihrem Schrebergarten. Leider habe ich versäumt, die blühende Pracht zu fotografieren. (Größer: Bitte klicken!)

Aushang im Treppenhaus

Vor drei Jahren ist die Baumpatin weggezogen und niemand hat die Nachfolge angetreten. Inzwischen ist das Beet verwildert. Vor Ostern haben einer meiner Söhne und ich auf den kahlen Stellen Blumen ausgesät. Aber weil Passanten ihre Hunde darin scharren ließen, ist nichts daraus geworden. Damit das Beet nicht erneut zum Müllplatz oder gar zum Hundeklo verkommt, habe ich per Aushang meine Hausnachbarn zum Rekultivieren des Beets aufgerufen und in einem ersten Schritt zwei neue Blumen gepflanzt. Nur verstehe ich vom Gärtnern ganz und gar nichts, weiß nicht, was was ist und habe für Erdarbeiten nur eine mickrige Schaufel. Es gibt aber Hoffnung: Zwei Nachbarn wollen sich beteiligen.

Forsetzungsgeschichte Freitag 00:01

Linden backt – Linden denkt

Bei Rewe am Kassenband wendet sich der Mann vor mir um und sagt: „Ich habe nur diesen Bon, nicht dass du dich wunderst, warum ich hier stehe.“
„Kein Problem“, sage ich, „ich wundere mich schon lange nicht mehr.“
„Warum auch?“, meint er einvernehmlich, „ist ja alles logisch so.“
Logisch grad nicht, denke ich, aber plausibel. Zur Kassiererin sagt er: „Ich gucke mal, ob ich einen Cent habe.“ Tatsächlich findet er einen im Portemonnaie. So bekommt er für seinen Pfandbon ein 50-Cent-Stück. Mir gefällt, dass die Kassiererin freundlich auf den Cent gewartet hat.

Während ich noch überlege, welches Pfandgut in der Summe auf 49 Cent auskommt, beschließe ich, die belebte Limmerstraße entlang zu gehen und mich irgendwo hinzusetzen. Ah, zum Kopfrechnen ist es zu warm. Wenn ich mich setze, sollte ich was zu lesen haben. In den Bücherregalen vor dem Antiquariat entdecke ich einen Roman von Robert Walser, von dem besseren, dem wunderbaren Walser also, und kaufe ihn unbesehen. Vor der ehemaligen Biobäckerei „Doppelkorn“ beschattet die Markise einen leeren Tisch. Doppelkorn wurde vor Jahren insolvent und war lange Zeit geschlossen. Wiedererstanden ist die Bäckerei als Genossenschaft „Linden backt.“ Die Schweizerin Hazel Brugger, bekannt aus Funk und Fernsehen, ist kürzlich hier gewesen und hat ein YouTube-Video über das Experiment der Genossenschaft gemacht. Früher nannte ich sie bei mir: „Schweiz gewordener Sauertopf“, aber in letzter Zeit finde ich sie ganz witzig. Ihr Video kommt fast ohne Spitzen aus und wirkt durchaus wohlmeinend.

Vor gut sechs Jahren habe ich oft an diesem Ort gesessen, Milchkaffee getrunken, geraucht und Leute geschaut. Das Rauchen habe ich mir abgewöhnt, und aus dem Lesen wird’s nichts. Ich bin derart abgelenkt durch die Passanten, dass ich nicht über fünf Sätze hinaus komme. Lichtenberg sagt: „Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht.“ Gegen die Vielzahl dieser Flächen kommt keine Buchseite an. Eigentlich müsste Lichtenbergs Befund erweitert werden auf die menschliche Gestalt.

Von einem Balkon in Bad Godesberg hatte man den Blick auf das Siebengebirge. Mein Zimmergenosse erklärte mir, er habe das Siebengebirge lange betrachtet, wegen „Drachenfels“ und sei zum Beschluss gekommen, dass da und dort die Kuppen des Höhenzugs an einen Drachen gemahnen. So kann man sich den immer gleichen Blick auf eine statische Landschaft interessant machen, auch wenn’s falsch ist, denn der Drachenfels heißt vermutlich so nach dem Mineral Trachyt. Ich sah jedenfalls keinen Drachen, finde auch, dass der alltägliche Blick auf eine Landschaft und sei sie noch so schön, rasch langweilig wird. Anders die Landschaft der menschlichen Gestalt. Ich staune über die Vielzahl der Erscheinungsformen.

Wenn die Adepten der Künstlichen Intelligenz (KI) davon schwärmen, das menschliche Gehirn übertrumpfen zu können, vergessen sie, dass menschliches Denken nicht auf das Gehirn beschränkt ist. Was ein Mensch denkt, kommt aus seinem ganzen Körper, wie er ihn bekleidet und wie er ihn bewegt, wie es ihn bewegt. Das in Reaktion auf Kontext und Situation ist mehr als simple Schaltungen im Gehirn. So dachte ich vor Linden backt, wo ich überaus freundlich bedient wurde – von der Frau im Video, die noch nie „Game of Thrones“ gesehen hat, was ich sehr sympathisch finde. Ich nehme mir vor wiederzukommen.

Radfahren verkehrt

Nachdem das stationslose Fahrradverleihsystem Obike aus Singapur im Juni 2018 Konkurs angemeldet hatte, standen und lagen überall in den Großstädten die Leihfahrräder in gelb-grauer Optik herum [Abb.1]. Weil die Fahrräder nach dem Konkurs nicht abgeräumt wurden, waren sie bald Zielscheiben von Vandalismus. Kaum hatten die Städte den fabrikneuen Sperrmüll auf Kosten der Steuerzahler entfernt, tauchte ein neuer Anbieter stationsloser Leihfahrräder auf, diesmal aus China, Mobike. Seit Herbst 2018 stehen die orange-grauen Räder beispielsweise in Hannover-Linden herum. Das Leihfahrrad von Abb 2 wurde monatelang nicht bewegt. Nur einmal in all den Monaten sah ich jemanden mit einem Mobike fahren. Eine Freundin zu Besuch hat im Februar versucht, eines zu buchen, landete aber bald auf einer Seite mit chinesischen Schriftzeichen und gab den Versuch glücklicherweise auf.

Alle Fotos: JvdL

Inzwischen stehen die Mobikes in meinem Viertel alle Kopf. Ob das eine Vorform von Vandalismus oder die vom Verleiher empfohlene Abstellweise ist, weiß ich nicht. Möglich wäre das, denn dem Vernehmen nach gibt der Verleiher per App Anweisungen wie und wo das Fahrrad abgestellt werden soll. Wer sich als Nutzer registrieren lässt, erhält ein Guthaben von mehreren hundert Punkten. Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen werden durch Punktabzug geahndet. Sinkt der Punktestand unter 100, wird das Konto des Nutzers gesperrt. Das Konto lässt sich wieder auffüllen, indem man Verstöße anderer Nutzer meldet. Auf diese Weise wurde das chinesische Sozialscoring auch in Deutschland eingeführt.

Drei weitere Aspekte erscheinen mir problematisch:
1) Stationslose Verleihsysteme nutzen den öffentlichen Raum, ohne dafür zu zahlen. Da die Fahrräder überall herumstehen können, ist eine Wartung kaum möglich. Das ist auch der Grund für die Vollgummireifen. Wie die Stiftung Warentest festgestellt hat, ist zudem das Bremssystem der Mobikes mangelhaft, wodurch ebenfalls eine ständige Wartung nötig würde, die aber nur als Fernwartung aus China organisiert ist. Fraglich ist, was die Fernüberwachung des Fahrrads bedeutet. Lässt sich aus der Ferne das Rad blockieren, am Ende sogar während der Fahrt?

2) Die Daten (auch Sozialkredit- und Bewegungsdaten) der Nutzer werden nach China übermittelt, womit das System gegen die Datenschutzgrundverordnung verstößt. Es fehlt jeder Einblick, was mit den Daten geschieht, ob sie weiterverkauft werden und wer darauf zugreifen kann.

3) Die Lebensdauer der Mobikes ist laut Unternehmen begrenzt auf etwa fünf Jahre. Was geschieht mit einem defekten Rad? Wer entfernt es?

Zusammenfassend muss gefragt werden, wieso die Städte, hier Hannover, ein solches Verleihsystem auf Kosten der Allgemeinheit überhaupt erlauben. Sie sind doch schon einmal damit reingefallen.

TV-Kritik: ESC – Nichts! Und darüber buntlackiert

Die Sängerin Madonna habe ihren Auftritt beim ESC „vergeigt“, „gepatzt“ habe sie, „die Töne nicht getroffen“, war allenthalben zu lesen. Das Viasko deutete sich schon an, wie sie die Showtreppe herunter kam, als müsste sie ihre Gehhilfe erst mal auf jeder Stufe abstellen. Die allseitige Häme trifft sie vermutlich, weil die 60-jährige Frau versucht hat, einen Zustand von vor 25 Jahren darzustellen. Dabei konnte sie nur ihr eigenes schlechtes Double sein. Ich hatte mich zuvor gefragt, womit sie wohl den unfassbaren Bombast des ESC versuchen würde zu toppen, Tatsächlich! Eine Augenklappe hatte niemand ihrer Möchtegern-Kolleginnen und Kollegen beim ESC, diesem TV-Show gewordenen Glitzerfummel einer Dragqueen. Stattdessen war wohl das lautstark jubelnde Saalpublikum auf beiden Augen geblendet. Und blind im Ohr war man auch. Selten solch eine schwülstige und lackierte Hohlheit gesehen bzw. gehört. Bei mancher Darbietung entrang sich mir der Seufzer: „Lieber Gott, lass es bald vorbei sein!“ Und ich bin noch nicht mal katholisch.

Da passte es, dass mit dem Segen des NDR eine Frau Barbara Schöneberger die Punkte der deutschen Jury verkünden durfte, diese blond gewordene Durchschnittlichkeit, der man auf keinem Kanal entkommen kann. Ich fürchte, wenn dieser Planet mal an seiner eigenen Blöd- und Verlogenheit zugrunde gehen sollte, wird Barbara Schöneberger den Weltuntergang moderieren und die apokalyptischen Reiter zu Tode quatschen, jedenfalls wenn der NDR Regie führt.

Mit folgenden Worten wird NDR-Musikredakteur und ESC-Stimme aus dem Off, Peter Urban, zitiert: „Unsere Kandidatinnen haben jeweils großartig gesungen. Das ist Fakt. Ich bin einfach sprachlos und verstehe es gar nicht. Dass man von Jurys wenig Punkte bekommt, okay. Aber nichts vom Publikum…, das kann ich nicht fassen. Mir fehlen so ein bisschen die Worte.“
Das sind doch der Worte schon ein bisschen zuviel.

Gehen – Bummeln – Spazieren – Fortbewegung zu Fuß

GEHEN – irgendwo hin gehen. Gestern bin ich zuerst zum Buchdruckmuseum gegangen, dann zur Sparkasse, dann zum Supermarkt, dann zur Weinhandlung und zurück zum Buchdruckmuseum, alles immer die belebte Limmerstraße entlang. Später wieder nach Hause. Ich geriet dabei ins Schwitzen, denn ich war zu warm angezogen. Vor einem Jahr hätte ich das nicht gekonnt, denn weil ich auch kurze Strecken mit dem Rad gefahren bin, war ich ganz vom Gehen ab. Doch „jeder Gang macht schlank“, ein wahres Wort meiner schlanken Zahnärztin.

UMHERGEISTERN – Neue Form des Gehens, mit dem Smartphone in der Hand. Vorläufer war der Rubik’s Cube. Ich hatte eine Schülerin, ein zartes kluges Mädchen, dem hat ein LKW die Zehen plattgefahren, weil sie ihren Blick auf den Rubik’s Cube gesenkt hatte.

EILEN – beispielsweise zur Straßenbahnhaltestelle. Aus Eilen kann Laufen werden, wenn man kurz vor der Haltestelle von der Straßenbahn überholt wird. Weil mir keiner mehr Termine setzt, muss ich auch nie eilen. Die Mutter meiner Kinder konnte sich nicht beeilen, hatte quasi nur eine Gangart, weshalb sie alles immer rechtzeitig erledigen musste.

BUMMELN – sich beim Gehen Zeit nehmen. In meinem Blog Teppichhaus Trithemius habe ich noch in Aachen eine Weile fast täglich die mitnehmende Rubrik „Abendbummel online“ bespielt, ein Stress, den ich mir selber gemacht habe, denn ich musste spätestens um 17 Uhr zu Hause sein, um den Text noch rechtzeitig veröffentlichen zu können.

SCHLENDERN – Laszives, lässiges Bummeln, ein Wort aus der Studentensprache, ursprünglich aus dem Niederdeutschen. Schlendern bleibt heute weitgehend unbeachtet, weil Lässigkeit der übliche Habitus geworden ist, was sich auch in der Kleidung zeigt.

SPAZIEREN – langweiliges Bummeln, meist in Gesellschaft, wobei man kein anderes Ziel verfolgt als ein bisschen herumzugehen. Männer, die einen Spazierstock haben, nutzen den gerne, um damit auf Dinge zu zeigen und etwas zu erklären. Überhaupt wird gerne etwas erklärt beim Spaziergang. Zu Ostern steht der Osterspaziergang an. „Warum heißt der Spatz Spatz? Weil er so gerne umherspatziert.“ (Friedrich Karl Wächter in Opa Huckes Mitmachkabinett.)

Barockes Lustwandeln im Stadtpark Hannover – Foto: Trithemius – zum Vergrößern klicken


LUSTWANDELN – ist gepflegtes Spazieren im Sonntagsstaat. Man braucht dazu einen Kur- oder Stadtpark. Lustwandeln ist veraltet, genau wie sonntags durch den Stadtpark zu spazieren. Tatsächlich legen manche für den Stadtpark noch den Sonntagsstaat an, tragen zumindest aber ihre beste Freizeitkleidung. „Die Hose habe ich schon ewig“, sagt eine ältere Frau zur anderen und zupft ein bisschen am Kniff ihrer blauen Faltenhose. „Ewig“ wird eine Übertreibung sein. Aber vielleicht sind viele der Damenhosen, die beim Osterspaziergang ausgeführt werden, noch von Zwangsarbeiterinnen der DDR für Neckermann oder den Quelle-Versand geschneidert worden. Man zieht so eine Hose ja nicht jeden Tag vom Bügel, höchstens bei besonderen Anlässen. Darum hält sie „ewig“ – mindestens aber bis zum Ende aller Zeiten. Die lustwandelnde ältere Generation ist vielleicht die letzte, die beim Weltuntergang die guten Sachen anhätte, vorausgesetzt, die Damen hängen die Kniffhosen nicht doch noch in den Kleiderschrank zurück. „Ach, ist ja nur Weltuntergang!“

WANDERN – Gehen zu fernen Zeilen.

Frau und Herr Picapica bauen ein Holzhaus

Ein junges Paar will eine Familie gründen. Sie finden einen Bauplatz und beginnen, ein Holzhaus zu errichten. Alles geschieht mit Muskelkraft. Abwechselnd sieht man Herrn und Frau Picapica lange Balken heranschleppen und verbauen. Doch plötzlich kommt ein dicker Mann, ein Koloss, gemessen am schlanken Herrn Picapica. Dieser Koloss besetzt das zukünftige Kinderzimmer, sitzt da dick, fett und sinnlos und lässt sich nicht vertreiben. Im Gegenteil, sobald Herr oder Frau Picapica in seine Nähe kommen, teilt der dreiste Hausbesetzer Prügel aus. Was bleibt dem Paar? Es gibt auf, sucht einen anderen Bauplatz und fängt erneut mit dem Hausbau an.
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