Tschelick tschelick – Plüschtierchen am Rucksack

Manche Wetten sind einfach zu gewinnen. Wenn eine untersetzte Frau mittleren bis gesetzten Alters in beiger Wetterjacke und mit Rucksack auf dich zukommt, kannst du darauf wetten, dass am Rücksack ein Bärchen oder anderes Plüschtierchen befestigt ist. Es baumelt seitlich an der Klappe und hat da die besondere Funktion, keine zu haben außer der Tatsache, dass es baumelt. Vielleicht ist das seitlich am Rucksack baumelnde Plüschtierchen aber auch ein geheimes Zeichen. Vielleicht bedeutet es: Die Trägerin dieses Zeichens ist Mitglied des deutschlandweiten Vereins der Harmlosen und Unbedarften. Wir tun nix. Wir wollen nur wandern.

Die Frau, die in Hannovers Georgengarten an mir vorbei geht, hat auch so ein Plüschtier am Rucksack. Sie tut wohl etwas. Bei den großen Blumenrabatten gegenüber dem Wilhelm-Busch-Museum bleibt sie stehen, holt eine kleine Digitalkamera hervor und fotografiert die eine oder andere Blume. Das geht scheinbar mühelos.

Wie sie weg ist, wird mir bald zu langweilig da auf meiner Parkbank, und weil die Blumenrabatte mir gegenüber so prächtig ist, beschließe ich, ebenfalls die Kamera hervorzuholen und Blumen zu knipsen. Ich habe das vorher noch nie gemacht, bin vermutlich einer der letzten, der je Blumen geknipst hat. Oder frei nach Karl Valentin: „Es ist schon alles geknipst, nur nicht von allen.“ Jetzt wohl.

Endlich auch ein Blumenknipsbild von mir

Die meisten Leute fotografieren nicht, sie knipsen. Wer auf das Motiv zielt und einfach nur den Auslöser drückt, alles andere aber der Kameratechnik überlässt, der knipst. Vermutlich ist „knipsen“ onomatopoetisch, es ahmt den Laut nach. Es ist der Laut alter Kameramechanik. Digitalkameras oder Smartphones ahmen den Laut der Spiegelreflexkamera nach, nämlich den des Objektivverschlusses. Man hört tschelick. Digitalkameras können tschlicken, obwohl sie gar keinen Objektivverschluss haben. Das vermittelt die Illusion, nicht zu knipsen, sondern zu fotografieren.

Zwei befreundete Fotografen, die ich kannte, wetteiferten darum, wer bei einem Motiv die richtige Blende und Verschlusszeit nennen konnte, ohne den Belichtungsmesser einzusetzen. Natürlich lagen sie meistens überein mit ihrer Einschätzung. Das machte die Berufserfahrung. Solche Spezialistenerfahrung steckt in moderner Kameratechnik.

Solange die Kameratechnik einfach ist, hängt die Qualität einer Fotografie vom Können des Fotografen ab. Einige Menschen machen bessere Fotos als andere, und indem sie mit der zur Verfügung stehenden Technik zu Höchstleistungen finden, professionalisieren sie ihr Tun. Langfristig münden die Erfahrungen aus professionellem Fotografieren in Ansprüche an eine verbesserte Apparatur. Sobald Techniker den Apparat wunschgemäß verbessert haben, enthebt es die Nutzer bestimmter Qualifikationen. Die Qualifikationen sind jetzt Bestandteile des Apparates und steht allen Fotografen zur Verfügung, auch jenen, die vorher über die Kenntnisse, Erfahrung und Fertigkeiten nicht verfügt haben.

Wir kennen das von der Schrift. Früher hat man sie selbst schreiben müssen, und in besonderen Fällen hat man besonders schöne Buchstaben schreiben müssen. Das musste man können. Dieser Text hier vermittelt sich über Druckbuchstaben. Ein Schriftdesigner hat jeden einzelnen Buchstaben entworfen und darauf geachtet, dass die Schrifttypen sich stilistisch vertragen, hübsch aussehen und klar lesbar sind. Ich kann die Tasten drücken wie ich will, schludrig, lässig, konzentriert, verbissen, locker und ungenau, das Ergebnis ist immer gleichförmig.

Anders gesagt: Um hier Bild und Text in technisch einwandfreier Qualität zu veröffentlichen, muss ich nicht viel können. Es wäre sogar eher hinderlich gewesen, wenn ich Kenntnisse hätte einbringen wollen, denn ich hätte nicht gewusst wie und lange nach Möglichkeiten suchen müssen. Zumindest was die visuelle Kommunikation betrifft, verhalten wir uns alle wie Hochstapler. Um etwas darstellen zu können, brauchen wir ein Heer unsichtbarer Helfer. Hochqualifizierte Dienstboten erlauben uns den Luxus des semiprofessionellen Publizierens. Die hochqualifizierten Dienstboten begleiten uns durch den gesamten Alltag. Wir Nutzer können getrost immer mehr vertrotteln, ohne dass es auffällt. Mental haben wir alle ein Plüschtierchen am Rucksack.

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Teestübchen-Technikmuseum: Automaten und Diener

Vor beinah 27 Jahren, am 25. November 1992, stellte die Süddeutsche Zeitung diesen Fahrkartenautomaten vor, der zu Testzwecken am Münchner Hauptbahnhof aufgestellt worden war. (Zum Vergrößern bitte klicken!) Ich notierte mir damals:

„Endlich! Wenn sie jetzt noch einen Automaten aufstellen, der für mich eine Fahrkarte zieht und dann nach Castrop-Rauxel fährt, wo ich sowieso nicht hinwill …“

Aus heutiger Sicht ungewollt komisch wirkt im Begleittext der Satz: „Der Fachmann nennt diese Technik Touch-Screen.“ Wie der zickige Automat zu bedienen war, musste der Fahrgast halt lernen. Damit wurde ein wesentlicher Sachverhalt umgedreht. Vorher bediente ein Schalterbeamter den Fahrgast, jetzt muss der Fahrgast einen Automaten bedienen. Mit der deutschlandweiten Einführung der Automaten wurde der klassische Schalterbeamte abgeschafft. Es entstand ein ulkiger neuer Beruf, der Automatenguide. Automatenguides sind bis heute gefragt, besonders wenn man als Fahrgast in Eile ist. Auf diese Weise kehrt der Mensch in die schöne neue Automatenwelt zurück, wenngleich nur als Dienstbote eines digitalen Herrn.

Nahezu wunderbar finde ich den mit Edding gezeichneten Automatenguide auf diesem Parkscheinautomaten, den ich in Aachen fotografierte (Zum Vergrößern bitte klicken!) Mir gefällt besonders, dass er so hübsch die Klappe aufreißt. Die Buchstaben in der Sprechblase sind vermutlich linksläufig zu lesen. Das große C am Wortende und das gespiegelte a deuten darauf hin. Linkshänder schreiben gern von rechts nach links, denn es ist die ihnen gemäße Schreibrichtung. Bei der üblichen rechtsläufigen Schreibweise verdeckt die Schreibhand stets die vorangegangenen Buchstaben, weshalb Linkshänder gern den Stift von oben ansetzen. In der Sprechblase steht „Cabot.“ Im ripuarischen Dialekt, zu dem Kölsch und Öcher Platt gehören, bedeutet „kapott“ soviel wie defekt, kaputt. Da es für eine Mundart keine allgemein bekannte Orthographie gibt, könnte man die Schreibweise „Cabot“ gelten lassen, da sie schön vollmundig klingt. Automat spuckt keinen Parkschein aus? Danke für den Tipp! Oder wird hier ein Automat aus Protest mit dem Edding zurückgestuft.

Automat, komm sprich mit mir!

Manchmal sind Wörter besonders faszinierend, bei denen man sich verlesen hat. Lang ist’s her, da hatte ich einen Kollegen mit Sprachfehler. Er war Buchdrucker und bediente die große Rotationsmaschine. Einmal glaubte er, im satirischen Magazin Pardon das Wort „Karwenmänner“ gelesen zu haben, kam in die Setzerei, mit dem Finger auf der aufgeschlagenen Zeitschrift, um sich mit mir über die „Ka-ka-kar-wenmänner“ zu amüsieren. Da stand aber nicht das seltsame „Karwenmänner“, sondern „Kaventsmänner“, was übertragen viel Großes und Dickes meinte. Eigentlich ist Kaventsmann der seemännische Ausdruck für eine Riesenwelle, so hoch und schwer, dass sie ein Schiff überrollen und zum Kentern bringen kann.

Zu dieser Zeit lag meine damalige Liebste im Krankenhaus. Früher gab es in Krankenhäusern strenge Besuchszeiten. Damit ich sie täglich besuchen konnte, erlaubte mir mein Chef einen Teil der Arbeitstunden auf den späten Abend zu verlegen. Ich hatte eigentlich nie viel zu tun. Was an Arbeit anfiel, war am Vormittag zu schaffen. So stand ich abends in einer verlassenen Druckerei einsam zwischen den Setzkastenregalen und langweilte mich. Keine Maschine lief, kein Kollege kam vorbei, um mit mir über Karwenmänner zu lachen, und in dieser lähmenden Stille war nur das eintönige Brummen der Neonlampen über mir. Die Zeit wollte und wollte nicht vorbeigehen. Neben dem Eingang zum Druckereisaal stand ein klobiges schwarzes Telefon. So eines mit Wählscheibe. Man musste eine Eins vorwählen, um eine Leitung nach draußen zu bekommen.

Weil ich keine Uhr hatte, rief ich die Zeitansage an, wählte die Eins, wartete bis das Freizeichen kam und wählte dann 119, um an der Hörermuschel zu lauschen. Eine Frauenstimme sagte: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr, 19 Minuten und 50 Sekunden.“ Aufgelegt, ein paar Schritte gegangen, wieder 119 gewählt: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 0 Sekunden. PIEP. Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 10 Sekunden.“ Die Zeit verging, wie mir schien, dadurch noch langsamer. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn die Dame angefangen hätte, rückwärts zu zählen, mindestens aber nicht über die Minute hinausgehen würde. Natürlich wusste ich, dass da am anderen Ende nicht das Fräulein vom Amt die Uhr ablas. Aber die mechanisierte Stimme bot mir in dieser großen, menschenleeren Druckerei zumindest die Gewähr, nicht von Gott und aller Welt verlassen zu sein. So einfach bin ich gestrickt, dass mir diese kaum verborgene Illusion zum Trost reichen konnte.
Zeitansage anhören

Bei Lidl haben sie seit geraumer Zeit schon automatisierte Ansagen. Eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme sagt:

    „Sehr geehrte Kunden! Wir öffnen Kasse drei für Sie!
    Bitte legen Sie Ihre Ware auf das Kassenband!

    „Sehr geehrte Kunden! Wir schließen Kasse eins!“

„…für Sie!“, ergänze ich bei mir, weils hier geflissentlich weggelassen wurde. Die sehr geehrten Kunden könnten sich sonst veralbert vorkommen. Was man nicht automatisiert hat, ist: „Dankeschön für Ihren Einkauf!“ Es kommt noch immer papageienartig aus Kassierer- oder Kassiererinnenmund. Obwohl, es wäre zu überdenken. Manche vernuscheln die obligatorische Abschiedsformel auch und man versteht nur „Ka-ka-karwenmänner“. Da wäre so eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme vielleicht wirkungsvoller. Allerdings müsste das Personal dann in Playback geschult werden. Und man bräuchte auch eine Männerstimme, denn es wäre strange, wenn der Deutschrusse an Kasse vier plötzlich mit einer wohl modulierten Frauenstimmer reden würde. Es wäre aber auch befremdlich, wenn er den Mund zur Playbackansage bewegen würde, aber die Ansage gar nicht käme, weil der verantwortliche Computer sich aufgehängt hat, bzw. sein Programmierer.

Drei kuriose Alltagsmythen

Genau eine Woche, nachdem ich zu Rauchen aufgehört hatte, erfuhr ich, wie ich mich quasi mühelos in den Besitz von einem Prozent der Marlboro-Aktien hätte setzen können. Dazu muss man bloß zwölf kleine Rauchringe durch einen großen Rauchring blasen. Mein Gewährsmann lieferte sogar die Anleitung für die Rauchringe mit.
So geht’s: Den großen Ring muss man mit gerundetem Mund hinten aus dem Hals heraus hauchen, für die kleinen Ringe schließe man die Lippen zu einem Rund und klopfe rasch mit den Fingerkuppen auf eine Wange.

Wie das Kunststück zu dokumentieren wäre, wusste mein Gewähsmann nicht genau. Ich vermute, man sucht am besten einen Notar auf, zündet sich eine an und bläst unter seinen staunenden Augen zwölf kleine Rauchringe durch einen großen. Mir Nichtraucher war dieser Weg, zu sehr viel Geld zu kommen, leider versperrt. Doch falls es jemand versuchen wollte, nur zu. Die Anleitung ist gemeinfrei.

In meiner Kindheit sammelten wir Laschen aus weggeworfenen Zigarettenpackungen, und zwar jene mit einer aufgedruckten kleinen Nummer. Es kursierte das Gerücht, für einhundert dieser Laschen bekäme man von der Zigarettenfirma einen Fußball. Tatsächlich galt es in jener Zeit unter den rauchenden Erwachsenen als politisch durchaus korrekt, leere Zigarettenschachteln in die Botanik zu werfen, so dass wir Laschen genug sammeln konnten. Allerdings wusste niemand, welche Firma den Fußball ausgelobt hatte. Und nie hörte ich von einem Glücklichen, der den Fußball wirklich bekommen hätte.

Der Autor Hans Reimann berichtet in einem Buch von 1922, dass schon im Jahre 1914 ein gewisser Adolf Alfred Neumann an den Hannoveraner Verleger Paul Steegemann fünfhundert Streichholz-Etiketten geschickt hatte und dafür einen Fußball haben wollte. Wenn diese Kinderträume auch nicht in Erfüllung gegangen sind, so kann sich der zukünftige Besitzer von einem Prozent der Marlboro-Aktien natürlich einen langen Güterzug voller Fußbälle leisten.

Perspektivwechsel

Ich habe weiß Gott einen schönen Weg zur Arbeit gehabt. Meistens bin ich mit dem Fahrrad gefahren, und ich fuhr in Gegenrichtung. Während sich Autoschlangen stadtwärts wälzten, fuhr ich abseits der Hauptverkehrsstraßen hinaus aufs Land, nicht irgendwohin, sondern ins schöne Münsterländchen, benannt nach der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster. Im Ortsteil Niederforstbach durchfuhr ich ein Neubaugebiet, und dann schoss ich eine kurze Rampe hinab auf die Vennbahntrasse, ein altes Bahngleis, das nun Fahrradweg ist. Der schwingt im weiten Bogen auf ein Tal zu. Schon bald rollte ich über einen Viadukt, dessen mächtige Pfeilerbögen aus den Bruchsteinen der Nordeifel gemauert sind. Unten schlängelte sich der Rollefbach durch die Wiesen. Unvorstellbar, dass dieses Rinnsal so ein tiefes Tal geformt hat. Stünde man im Bach und würde hinaufblicken, könnte man auf die Idee kommen, den Radfahrer um seinen Weg zu beneiden, dass es doch herrlich sein müsste, hoch oben über den Viadukt zu rollen.
[Vennbahn-Viadukt – Foto: JvdL – größer: Klicken]

Die Wahrheit ist, das bisschen Herrlichkeit geht durch das Alltägliche rasch verloren. Man flucht höchstens, wenn es an den Rinnen in der betonierten Fahrbahn rumpelt. Du bist irgendwo ganz oben, aber so richtig wertschätzen könntest du es nur, wenn du unten stündest. Ob es eine menschliche Eigenart ist, nicht wirklich schätzen zu können, wenn man oben ist? Es schadet jedenfalls nicht, die Perspektive zu wechseln.

Aber da unten wartete niemand und schaute zu mir hoch. Da hatten sich rotbunte Kühe unter den überhängenden Büschen versammelt, um Schatten zu finden. Die flachen Bachufer hatten sie mit ihren Hufen zertrampelt. Perspektivwechsel schön und gut. Aber da unten möchte ich nicht als permanent schwangere Hochleistungsmilchkuh mit nassen Hufen im Schlamm stehen. Ähem, übers Thema hinausgeschossen. Es rollte einfach zu gut.

Aber um Kühe und ihre Perspektive geht es. Wir müssen leider einige hundert Meter zurück. Ich bin spät dran. Wo die Vennbahntrasse, vom Bahnhof Brand kommend, die Münsterstraße quert, eine Schlaufe, die ich aus Zeitgründen nicht fahre, just dort treibt ein Bauer seine gut 50 Kühe über die Straße, so dass wir warten müssen. Links und rechts der Vennbahntrasse hat er Wiesen. Die linke Wiese ist abgegrast. Darum treibt er die Herde auf die rechte Wiese. Die Kühe traben gleichmütig durchs offene Gatter, da plötzlich regt sich Aufregung in der Herde. Einige Kühe haben sich verlaufen, streben auf gleicher Höhe mit der Herde vorwärts auf der parallelen Wiese. Eine um die andere Kuh der Herde bemerkt den Irrtum ihre Artgenossinnen, bleibt stehen und blökt hinüber. Ich verstehe kein Muhen, aber sie rufen wohl: „Hallo, liebe Freundinnen! Ihr seid auf der falschen Seite!“ Blöken es ausdauernd hinüber, bis die Irrläufer sich besinnen und umkehren.

Das Erlebnis fiel mir ein, als ich die Meldung über die lautstarke Wiedersehensfeier von Kühen in der Zeitung las. Landläufig geht die Rede von dummen Kühen, womit der Mensch sich vom Leib hält, das Leid wahrzunehmen, das dem Nutzvieh bedenkenlos angetan wird. Aber Kühe, die ihre Artgenossinnen rufen, die sich verlaufen haben, oder ein lautstarkes Wiedersehen feiern, erinnern daran, dass auch im Umgang mit Tieren ein Perspektivwechsel fällig ist.

Pauline hat Cola getrunken – terug van weggeweest

Etwa im Jahr 1972 habe ich letztmalig in meinem Leben als Schriftsetzer einen Lehrling ausgebildet. Er kam aus dem Eifelort Imgenbroich bei Monschau und hieß wohl Michael Knein. Dieser Junge erzählte mir erstmals von der damals noch unbekannten Rockband Supertramp. Die wäre der ganz heiße Scheiß. Ich war gar nicht amüsiert, dass mir einer aus einem Eifeldorf vom heißesten Scheiß berichten musste, von dem ich bislang nichts, aber auch gar nichts gewusst hatte. Freilich hatte ich damals keine Zeit, denn ich hatte Beruf, Familie, und abends bereitete ich mich auf ein Studium vor.

Inzwischen ist fast ein halbes Jahrhundert vergangen. Nach Supertramp kam neuer heißer Scheiß und obendrauf wieder neuer, und was aktuell angesagt ist in der Popmusik überblicke ich kaum, vor allem, weil sich auch dort die Entwicklung ausgefasert hat. Früher saß ein Interessierter am Strom und erlebte, wie Welle auf Welle vorbeikam. Inzwischen strömt es nicht mehr, entweder weil der kulturelle Fluss zu träge geworden ist, aber hauptsächlich, weil sich alles so verflacht hat, dass, wo vorher Strom war, ein Delta mit ungezählten Verästlungen ist. Da ist es möglich, dass Entwicklungen an einem ungehört vorbei gehen, und es müsste Tausende Michael Kneins geben, die den Fingerzeig geben.

Aus Gründen, die wohl verborgen in den Tiefen meines Gehirns ausgekungelt wurden, habe ich am Ort meiner Kurzreise Supertramp gehört. Es ist eine noch heute frische Musik und lässt mir noch immer einen angenehmen Schauer über den Rücken rieseln.

Mir ist auferlegt worden, nicht über die Stadt meines Aufenthalts zu schreiben, um nicht noch mehr sinnlosen Tourismus zu befördern. Ich werde mich dran halten, denn törichte Reiseberichte, mit denen die Plage Städtetourismus vergrößert wird, gibt’s genug. Immerhin regt mich schon seit langem jede Form von Reisejournalismus auf. Die gutgelaunten Moderatorinnen/Moderatoren ihrer oberflächlichen Reiseberichte im öffentlich-rechtlichen TV, als da heißen „Wunderschön“ oder „Fahr mal hin!“ würde ich gerne mal saftig links und rechts abwatschen, damit sie aufwachen. Freilich, was sollen sie machen? Sie können ja nichts anderes als dumm durch die Weltgeschichte zu streifen und sich überall den heißen Scheiß zeigen zu lassen. Auch auf dem kreuzblöden Traumschiff des ZDF hat man leider den Schuss noch immer nicht gehört. Ich fänds gut, das würde mal mitsamt Operettenkapitän Florian S. absaufen. Alle würden aus dem Wasser gefischt, aber kein Hafen der Welt wollte die Geretteten, die gedankenlosen Mitverursacher des Klimawandels, aufnehmen. Zur Abwechslung könnte man die Kapitäne von extrem umweltschädlichen Kreuzfahrschiffen mal verhaften und für zehn Jahre aus dem Verkehr ziehen („Kriminelle“ Matteo Salvini). Und Philipp Amthor riefe zur Spendenaktion für die Herrschaften auf. Das wäre ein Spaß, der mir die Hitzewellen erträglich machen würde.

„Mit der Ruhe.“ In der Bahn sind mir Menschen aufgefallen, die, kaum gibt sich die Gelegenheit, die banalste Dinge aus ihrem Leben erzählen. So der Mann, der sich in Ermangelung eigener Kinder an seiner Nichte Pauline erfreut. Einmal hatte er die Aufsicht über Pauline und sie verlangte nach Cola. Da hat er ihr ganz arglos Coca Cola gekauft. Die Mutter später war entsetzt: „Pauline kriegt bei uns nie Cola!“ Ich hoffe, das korrekt zusammengefasst zu haben, denn mir war zu warm, diese Geschichte mitzuschreiben. Zudem wäre ich bei der Aufzeichnung der komplexen Verästlungen dieser mauskleinen Kleinstgeschichte vermutlich kaum mitgekommen. Ich kann leider kein Steno.