Abendbummel online – Eulenflucht

„Eulenflucht“ ist ein versunkenes Wort. Im 19. Jahrhundert war es noch geläufig. Es bedeutet „Abenddämmerung“, die Zeit nämlich, wenn die Eule fliegt und sich auf die Jagd begibt. Zum Glück sind wir keine Eulen und freuen uns nicht auf Mäuse und anderes Kleingetier. Wir sind Bummler und bummeln – das ist auch ein schönes Wort, findest du nicht? – die Egestorffstraße entlang. Sie ist hier für den Autoverkehr gesperrt. Nur die Straßenbahn der Linie 9 fährt entlang. Falls du dich zufällig für Straßenbahnen der Linie 9 interessierst, denen man die Sieben gestohlen hat, kannst du hier eine Reportageserie von mir darüber lesen. Der Egestorff, nach dem die Straße benannt ist, war ein Industrieller des 19. Jahrhunderts. Wenn der gewusst hätte, dass wir zur Eulenflucht einen digitalen Bummel über seine Straße machen, wo er nur Pferdefuhrwerke kannte, der würde sich doch an seinen Industriellenkopf gefasst haben, meinst du nicht?
Weiterlesen

Werbeanzeigen

Abendbummel durch das Reich der Lichter

„Jeder Gang macht schlank!“, sagte meine schlanke Zahnärztin. Während die aparte Frau ihr Handwerkszeug zurechtlegte, während dieser ersten Stufe der Folter, bei der dem Delinquenten die Marterwerkzeuge gezeigt werden, hatte sie berichtet, dass sie am Morgen von Ahlem zu Fuß gekommen sei, weil sie ihr Bike in der Praxis hatte stehen lassen müssen. Ich lobte sie gebührend für diesen langen Fußweg, nicht nur, um sie gnädig zu stimmen, bevor sie sich über meine Zähne hermachte, sondern weils mir ehrliche Achtung abverlangte.

An ihren Spruch muss ich in den letzten Tagen oft denken. Direkt nach dem Rippenbruch habe ich nicht gewagt, Rad zu fahren – aus Sorge, eine plötzlich auftretende brenzlige Verkehrssituation würde eine heftige Bewegung nötig machen. Also bin ich alle nötigen Wege gegangen. Das gelang von Tag zu Tag besser, denn ich war durch die Radfahrerei etwas eingerostet, was das Gehen betrifft. Heute habe ich beschlossen, die Tradition des Abendbummels wieder aufleben zu lassen. Es gab da nämlich noch einen weiteren Aspekt:
In den letzten Tage war ich von einer depressiven Stimmung geplagt gewesen, fand mein Alleinsein grad schrecklich und trug schwer am allgemeinen Weltschmerz. Als ich am späten Nachmittag allzu niedergedrückt war, raffte ich mich auf zu einem Bummel – und muss sagen, meine Stimmung besserte sich.

Wer das Haus verlässt, sehe, dass sich in der Welt etwas selbsttätig bewege, hatte mein Sohn am Fernsprecher gesagt, als er meinen Spaziergang lobte, eine Bemerkung, worüber ich heute Morgen beim Aufstehen nachdachte. Tatsächlich muss der Stubenhocker seine ganze Welt alleine drehen. Sie ist zwar geschrumpft, aber verdichtet und um so schwerer zu bewegen. (Nebenher, ich dachte, das dahinsiechende Wort „Fernsprecher“ könnte ich durch Verwendung einfach mit neuem Leben erfüllen. Aber genau betrachtet, bleibt es im Satz ein sperriger Fremdkörper.)

Ich gehe los in einen unverschämt goldfarbenen Sonnenuntergang. Mein Ziel ist der Lindener Berg, den ich von seiner nördlichen Seite besteigen will. Die Route ist ohne Bergführer zu schaffen, und ich musste auch keine Sherpas anmieten, die mir den Radiergummi hinterher tragen. Das ist kein Problem, denn der kleine Radiergummi ist in den Knopf meines Druckbleistifts integriert und wiegt fast nichts, zumal ich den Bleistift gar nicht bei mir habe, hehe. Also los. Die Autos, die mir aus dem Abendrot entgegen kommen, fahren mit Licht. Ich muss an ein Gemälde des belgischen Surrealisten René Magritte denken, das ich sehr mag: „Das Reich der Lichter.“ Auch da gibt es die Konkurrenz zwischen natürlichem und künstlichem Licht.

Schon quere ich die Fahrstraße, lasse das Reich der Lichter hinter mir und nehme den steilen Weg zur Kuppe des Lindener Bergs. Weil ich noch unterhalb der Baumgrenze bin, steige ich über einen dichten Teppich gefallener Blätter. Es dauert übrigens vier Jahre, bis am Boden liegendes Laub verrottet und in den Kreislauf des Baumes zurückgekehrt ist, falls der Mensch nicht mit lärmenden Laubbläsern anrückt und den Kreislauf stört, die Bäume quasi entkräftet. Links von mir liegt still der Friedhof. Es ruhen dort keine vereisten Leichen sich überschätzt habender Finanzjongleure wie am Himalaya, sondern manierlich gestorbene Leute. Würde ich den Gottesacker schräg durchqueren, wäre der Aufstieg leichter. Aus Bequemlichkeit steige ich fünf Stufen hoch zu einem seitlichen Törchen, rüttle an der Klinke – abgesperrt! Ich wende mich ab, denn ich bin zu jung, um hartnäckig an der Friedhofspforte zu rütteln. Was sollen die Leute denken? Dass ich es nicht erwarten könnte? Rechter Hand in der Wohnwagenkolonie ist man offenbar genervt vom zunehmenden Bergtourismus. „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, ein wahres Wort von? Hans-Magnus Enzensberger.

.
Eine Frau mit Hund ist über die bequeme westliche Route herangefahren, parkt ihr Auto etwas unterhalb des Gipfels und kommt staunend mit ihrem Hündchen an mir vorbei, derweil ich das Beweisfoto mache, damit böse Zungen nicht anzweifeln können, dass ich im Hochgebirge unterwegs war. Ich halte mich nicht lange am Gipfel auf. Der Abstieg ist mir so leicht wie der Aufstieg. Als ich wieder bewohnte Gefilde erreiche, sehe ich linker Hand gutsituierte Häuser. Im Erker des einen habe ich vor Jahren eine Frau fotografiert, wie sie idyllisch Flöte spielend hinterm Fenster stand. Sie ist nicht da, bastelt wohl gerade nach, was kürzlich im Fernsehen angeregt wurde, dass und wie man eine Orchidee mit Wurzelballen dekorativ ins Fenster hängt. Wenig später sah ich einen erschütternden Bericht über den Jemen, der von der saudischen Luftwaffe in die Steinzeit zurück gebombt wird. Verrohte Gewalt, erbärmliches Sterben, Verhungern der Kleinsten dort und Flöte spielen an Orchideen hier – kein Wunder, dass der Mensch aus geschundenen Regionen die Zustände bei uns paradiesisch findet. Aber er täuscht sich. Die guten Plätze auf diesem Felsen halten wir besetzt. Und für den Unterhalt unseres Paradieses brauchen wir Blut, Tränen und letzte Atemzüge unzähliger Menschen. Was sollen wir machen? Unsere Betriebskosten sind einfach zu hoch.

Andererseits würfe es ein schlechtes Licht auf die menschliche Art, wenn der ganze Erdball unter Gewalt, Leid und Sterben durchs Weltall taumeln würde, ein Planet der Qualen, der die Sterne verdunkelt. Glücklich, wen hinieden ein gnädiges Schicksal ins Reich der Lichter verschlagen hat. Es geht ja auch nicht, ermahne ich mich, einen heiter begonnenen Bummel so qualvoll zu beenden. Schon haben wir die belebte Kreuzung erreicht, an der ich letztens verunglückt bin. Mein Schornsteinfeger wartet auf der anderen Seite auf Grün. Er winkt mir zu und radelt dann verkehrswidrig quer über die Kreuzung, um links in den Park einzubiegen. Wie er vorbei fährt, sagt er: „Ich muss mich hier durchmogeln.“ Natürlich, er darf das schadlos. Er ist der Schornsteinfeger. Bevor er in den sicheren Park einbiegt ruft er noch: „Schönen Feierabend!“ Ich freue mich, obwohl ich konkret nichts zu feiern habe.

Guten Abend

Wo ist Burglind Gorn?

Wo bleibt denn der Sturm, der uns gestern von den Wetterleuten angedroht wurde, fragte ich mich heute Morgen, als ich schon früh mit dem Rad unterwegs war. Als hätte ich ihn herbeigepfiffen, zog er auf, brachte Regen mit und hinderte mich bei der Rückfahrt, meinen bevorzugten Weg, nämlich den Anstieg der Badenstedter Straße hochzufahren. Er blies mir so heftig den Regen ins Gesicht, dass ich kaum noch etwas sehen konnte. Ich ergab mich dann und bog nach rechts in eine Nebenstraße ein, wo ich im Windschatten einer Häuserzeile weiterkam.

Eine Frau Burglind Gorn ist Besitzerin des Sturmtiefs, also sogenannte Wetterpatin. Von Jacob Grimm las ich einmal einen Aufsatz „Über versunkene Vornamen.“ Ich weiß noch, dass ich die Wortliste absuchte nach Namen, die noch nicht so tief versunken sind, dass man sie vielleicht wieder heben könnte, aber wurde enttäuscht. Die Namen, die Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts in alten Urkunden gefunden hatte, klangen allesamt so fremd, als wären sie von der Agentur erfunden, die einst die Karstadt-Gruppe Arcandor genannt hat. „Burglind“ gehört sicher zu den noch nicht versunkenen, aber bereits versinkenden Namen. Burg kommt von althochdeutsch bergan = schützen, lind von linta = Lindenholzschild. Derweil Tagesschau.de unter der Headline „Burglind fegt über Deutschland hinweg“ schon Bilder der Zerstörungen verbreitet, wo Burglind eigentlich ihren schützenden Schild hätte ausbreiten sollen, frage ich mich, wo Frau Burglind Gorn sich wohl derzeit aufhält. Statt ihre Pflicht zu tun, sonnt sie sich vermutlich irgendwo auf der Südhalbkugel und lacht sich ins Fäustchen.

Im März 2008 habe ich mal über Tief Melli geschrieben. Es gehörte einer gewissen Melanie Irsch. Frau Irsch hat sich damals in meinem Teppichhausblog wenigstens entschuldigt:

Hallo, hier spricht Tief Melli.

Ich entschuldige mich hiermit für die nassen und ungemütlichen Tage, die ich euch beschert habe. Jedoch habe ich mich selbst noch nie so über schlechtes Wetter gefreut wie im April. Seien wir mal ehrlich, schlechtes Wetter soll doch nicht automatisch schlechte Laune bedeuten. Es heißt ja schließlich:“auch wenn die Wolken die Sonne verdecken, sie scheint trotzdem.“

Euer Tief Melli.

PS: war ein Geburtstagsgeschenk, und direkt bei der FU Berlin beantragt.

Als ich eben den Kommentar kopierte, wurde ich ganz traurig. Immer diese Flüchtigkeit im Internet. Wie mag es Frau Irsch inzwischen gehen? Na, egal. Ich musste noch mal raus, um etwas einzukaufen und bekam es mit Burglind Gorn zu tun. Zur Sicherheit bin ich zu Fuß gegangen. Einmal bin ich mit dem Alltagsrad im Städtchen Jülich gewesen, um Lisette zu treffen. Auf dem Rückweg auf offener Landstraße holte sie mich mit ihrem Auto ein. Sie wollte ihre Mutter zu deren Freund fahren. Lisette hielt am Randstreifen. Ich stellte mein Rad ab, trat ans Auto, und wir redeten ein paar Worte. Mit einem Mal rief Lisettes Mutter „Huch!“ Eine Windböe hatte mein Rad vom Radweg gut 25 Meter auf den tieferliegenden Acker geweht. Wie die dafür verantwortliche Dame hieß, weiß ich leider nicht.

Guten Abend

Langer Bericht von einer kurzen Regenfahrt

Vorab eine Entschuldigung für die falsche Kennzeichnung der Stilform in der Überschrift, denn das Tempus eines Berichts ist normalerweise Präteritum, während das im Folgenden verwendete Präsens der Reportage vorbehalten ist, aber für eine Reportage reicht mein Thema heute nicht hin, denn eigentlich will ich mir nur im galaktischen Getränkemarkt drei Flaschen Kölsch kaufen, packe mir herumstehendes Leergut in den Rucksack und sehe durchs Küchenfenster, dass es sich rundum zugezogen hat und zu tröpfeln beginnt. Ich vermute aber, dass es nicht mehr besser werden wird und steige hinab in den Hof. Mein Fahrradsattel ist schon nass.

Vor einiger Zeit hatte ein unbekannter Spender mir einen Sattelüberzug in Form und Optik eines Kuhkopfes ans Fahrrad gehängt. Er sah nach dem Überziehen aber mit seinen Hörnern und den Ohren einfach zu blöd aus, so dass ich den Kuhkopf manchmal nachlässig im Gang nahe der Hoftür aufgehängt habe, so nachlässig, dass er runterfiel. Irgendwann hat jemand den Kuhkopf-Sattelüberzieher verschwinden lassen. Aber jedesmal, wenn mein Sattel nass ist vom Regen, vermisse ich den Kuhkopf. Na, macht nichts, ich werde gewiss überall nass werden, denn als ich mein Rad auf die Straße schiebe, regnet es bereits in Strömen.

kuhkopfDie Kuh ist fort, weil ich sie blöd fand und vernachlässigt habe – Foto: Trithemius (größer: klicken)

Es ist sogenannter Aufgleitniederschlag, über den das Wetterlexikon mitteilt: „Der Wolkenaufzug beginnt meist 600 bis 1000 Kilometer vor der Kaltluftmasse. Zunächst ziehen Cirren auf. Mit Annäherung der Warmluft wächst die Vertikalausdehnung der Wolken nach unten beständig an. Aus dem so entstehenden Altostratus und der so entstehenden Nimbostratusbewölkung fällt meist großräumiger, ergiebiger Landregen.“

Die „Vertikalausdehnung der Wolken hat jetzt die Straße erreicht. Im Nu rolle ich durch eine Luft, die man saufen kann. Kilometer Regen über meinem Kopf. Bei Regen ist viel Sauerstoff in der Luft, und ich bin viel stärker als sonst. Weil es nicht kalt ist, kann ich die Fahrt genießen. Die Wittekindstraße fällt zum Lichtenbergplatz leicht ab, also muss ich nicht viel tun, um auf Tempo zu kommen. „Vals plat“ nennen die niederländischen und flämischen Radsportler solche Strecken, was ich mir mit „schiefe Ebene“ übersetze. Manchmal erkennt man vals plat erst, wenn man in Gegenrichtung fährt. Am kürzlich fertiggestellten Appartement-Neubau Ecke Dieckbornstraße muss ich abbremsen und einen weißen Kleintransporter mit polnischem Nummernschild umfahren. Offenbar holt er die polnischen Bauarbeiter ab, die noch mit dem Innenausbau beschäftigt gewesen waren.

Ich bin da, steige ab, schließe mein Rad an die Stange eines Verkehrsschilds und betrete den galaktischen Markt. Vor dem Markt sitzt ein Gemütsmensch in aller Seelenruhe im strömenden Regen auf einer Kiste und zuzzelt an einer Bierflasche. Derweil ich mein Leergut in einen leeren Kasten räume, ich habe elf leere Flaschen, und drei neue Flaschen Kölsch aus dem Regal nehme, erinnere ich mich an eine dramatische Regenfahrt in den belgischen Ardennen und nehme mir vor, den Fahrtbericht in den Tagebüchern aufzusuchen, um ihn abzutippen. Das werde ich morgen tun, will für heute nur noch kurz erzählen, dass ich völlig durchnässt bin, als ich zu Hause ankomme, aber jetzt schön im Trockenen sitze und gerade mein Kölsch genieße. Freuen wir uns auf eine Regenfahrt durch Ardennen und Eifel.

Abendbummel online – Unglaubwürdiger Regen

Wir haben unser Mittwochstreffen im Vogelfrei auf den heutigen Dienstag verlegt. Alles kommt durcheinander. Letzte Woche trafen wir uns auch nicht am Mittwoch, sondern am Donnerstag. Zum Glück. Denn sonst hätte ich heute kein Thema. Als ich nämlich kurz nach zwanzig Uhr durch die hübsche Viktoriastraße ging, die mit ihren Ein- und Zweifamilienhäusern so gar nicht großstädtisch wirkt und in deren Fenster ich gern hineinschaue, hörte ich von einem Hof Stimmen. Zwei junge Männer schoben ihre Fahrräder um die Hausecke auf die Straße. Ich verstand folgenden Dialog:

„Jetzt fängt es auch noch an zu pissen!“
„Aber es ist total warm.“
„Es fängt trotzdem an zu pissen.“
„Das haben die auch angesagt.“
„Auf das, was die ansagen, höre ich schon lange nicht mehr.“

Ja, so ändern sich die Zeiten. Früher haben die Leute sogar den Wettervorhersagen des 100-jährigen Kalenders vertraut und jetzt gibt’s noch kein Vertrauen, wenn sich eine Vorhersage sogar als wahr erweist. Woran das liegen mag? Vielleicht wurde kein Pissen angesagt, und jetzt kommt der missmutige junge Mann vor die Tür, und siehe da. Es pisst. Der andere behauptet, das hätten die angesagt, aber das kann überhaupt nicht stimmen. Die sagen nie, dass es Pissen werde. Obwohl, was da herunterkam, eigentlich zu warm für diese Jahreszeit war, quasi Körpertemperatur hatte. Leider war es schon zappenduster, so dass eine visuelle Prüfung des Wetterphänomens unmöglich war. Aber wenn du mich fragst, fielen da einfach einige Regentropfen. Ich wurde quasi beregnet, als ich an den beiden vorbei ging und schon bald geschützt im Vogelfrei saß, der unwillige Radfahrer dagegen wurde beim Radfahren so richtig von oben bis unten bepisst. Sein Pech, beziehungsweise die gerechte Strafe für Vulgärsprache. Wer so hässlich über die Welt spricht, dessen Welt ist auch hässlich.
Ich weiß allerdings auch nichts Genaues über die chemische Zusammensetzung des Regenwassers. Doch niemand redet mehr vom sauren Regen, der früher unsere Wälder sterben ließ. Das war aber bevor die Autoindustrie ihre kreativen Abgasfilter erfunden hat. Darum ist alles bestens, und unser Regen ist so sauber wie die Luft hinter einem VW.

Abendbummel online – Effie und die Chinesen

Wenn die Dunkelheit sich so früh schon über die Stadt senkt, macht es Vergnügen, ein Format wieder zu beleben, das ich zum Beginn meines Bloggens fast allabendlich geschrieben habe. Eigentlich wollte ich ja nur zum Lichtenbergplatz gehen, um einige Flaschen Kölsch zu kaufen. Doch die vielen erleuchteten Fenster verlocken hineinzuschauen, fremde Lebenswelten zu entdecken. Da liegt der Laden für chinesische Heilkunst und Kalligrafie verwaist im Licht. In der Tür eines Hinterzimmers taucht schwanzwedelnd ein Hund auf. Ich sehe nur sein Hinterteil, denn er himmelt eine Frau an, die im Begriff ist, eine offenbar volle Tasse in den Laden zu tragen. Vielleicht hat sie sich einen Kaffee oder Tee gemacht, jedenfalls sehe ich keinen Grund für die Freude des Hundes. Was sie da vor sich herträgt, ist gewiss nicht für ihn. Seine Schnauze würde ja gar nicht hineinpassen in so eine Tasse. Es ist diese buchstäblich hündische Ergebenheit, die ich hoch nie leiden mochte und vor allem nicht in einem Laden für chinesische Heilkunst und Kalligrafie zu finden erwarte. In China gehört der Hund doch auf den Teller und möglichst sollte er nicht mehr mit dem Schwanz wedeln. Da bin ich froh, den Laden noch nie betreten zu haben, obwohl mich chinesische Kalligrafie durchaus fasziniert. Aber leider leider, die chinesische Kultur ist auch nicht mehr, was sie einmal war.
lichtenbergplatzLichtenbergplatz – Foto: Trithemius

Kürzlich meldete de redactie, ein Service des öffentlich rechtlichen Vlaamse Radio- en Televisieomroep (VRT), eine Kunstaktion Antwerpener Künstler. Verkleidet als Notare hatten sie die Schlafplätze von Obdachlosen versteigert. Parkbänke, Stellen unter Brücken und so fort. Die Plätze wurden angepriesen wie Immobilien, so ein Platz in einer U-Bahnstation: „Gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.“ Der Erlös dieser Aktion ging an eine Einrichtung für Obdachlose.
Aus China hatten einige Chinesen per Telefon mitgeboten, weil sie gedacht hatten, es ginge um einen echten Verkauf. Man weiß ja, dass weltweit die Spekulanten händeringend nach lukrativen Anlagemöglichkeiten suchen. Aber was haben sich die Chinesen wohl gedacht. Wollten sie die Parkbänke eventuell an die Börse bringen? Wollten sie Plaketten anbringen lassen derart: „Eigentum von Hong Lu Spe Ku Lant? Oder einfach ein Stück Belgien besitzen, und wenn es ein zugiger mit Urin getränkter Platz unter einer Brücke ist? Da schauen wir lieber mal in die Bücherkiste, die wohlmeinende Anwohner auf das Mäuerchen ihres Vorgartens gestellt haben, zumal sich hier ein Ensemble prächtiger Jugendstilhäuser aufreiht. Wer in einem solchen Haus lebt, sollte doch einen erlesenen Büchergeschmack haben. Leider nicht. Da geht es mir wie Sokrates auf dem Athener Markt: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, die ich nicht brauche.“ Und wie zahlreich sind die Bücher, die ich nicht lesen will. Aber ein Taschenbuch nehme ich mit: aus der Bibliothek literarischer Meisterwerke Theodor Fontanes Roman „Effie Briest.“ Das erinnert mich nämlich an einen Kollegen Deutschlehrer, der mich mehrmals gefragt hat, was „briesen“ eigentlich für ein Verb ist. Effie Briest – was macht sie da? Muss ich das Buch nach so vielen Jahren nochmals lesen? Vielleicht hilft es, das Verb probeweise zu konjugieren?

ich briese
du briest
er, sie, es briest

wir briesen
ihr briest
sie briesen

Ich trage das Buch in der Hand, und in der feuchten Abendluft beginnt der lackierte Umschlag des Taschenbuchs an meinen Fingerkuppen zu kleben. Da brauche ich gar nicht erst ins Buch zu schauen, um herauszufinden, was „briesen“ ist. Ganz klar, Effie klebt.

Guten Abend

Einladung zum digitalen Abendbummel

Liebe Besucherinnen und Besucher des Teestübchens.

Heute Abend würde ich gerne eine Tradition aus dem Teppichhaus Trithemius wiederbeleben, die leider eine Weile eingeschlafen war. Man braucht dazu nämlich eine lebendige, kommentierfreudige Community, wie ich sie in den wenigen Tagen meiner Anwesenheit bei Worpress.com schon erlebt habe. Daher diese Neubelebung und die Einladung dazu:

Abendbummel-Einladung

Das Blogformat Abendbummel online habe ich regelmäßig geschrieben, als ich noch in Aachen lebte. Aber es gibt auch einige Beispiele aus dem lebendigen Stadtteil Hannover-Linden. Wer schon mal schauen möchte:

Abendbummel online – Limmerlöckchen auf der Glatze
Abendbummel online – Der Teufel hat Kirmes
Abendbummel online – Prima Limmern mit Fischer und Putzig

Wer nicht pünktlich um 18 Uhr dabei sein kann, das macht nichts, denn der Bummel findet quasi zu jeder Zeit und bei jedem Wetter statt.

Bis heute Abend und viel Vergnügen!
TrithemiusUnterschrift