Einsicht gewinnen im „Kinderparadies“

In einem Jahr, ich war zehn Jahre alt, war es sehr kalt und wir hatten viel Schnee. Leider musste ich in Erholung fahren. Kindererholung war eine Idee der Nachkriegszeit. Ich dachte noch, dass ich denen im Schwarzwald wohl zeigen würde, wie gerodelt wird. Dabei kannte ich nur einen kurzen Rodelhang aus der Bruchstraße. So denkt man eben in der Provinz, dass außerhalb der eigenen Grenzen nichts gekonnt wird. Das Wort „Elend“ meint etymologisch „Ausland“. Die Alten glaubten, den Leuten im Ausland würde es an allem fehlen. Essen, Kleidung und Kultur. Diese uralte Hinabschauen auf die Fremde kann bewahren, wer den vertrauten Bereich nie verlässt. Die Verschickung in Erholung zwang mich zur Einsicht.

Ich war noch nie alleine Zug gefahren. Das war alles beängstigend. Ich musste am Kölner Hauptbahnhof in einen Sonderzug umsteigen. Der war voller Kinder und brachte uns nach Bonndorf im Schwarzwald. Unterwegs wunderte ich mich, dass die Reise nicht, wie ich gedacht hatte, immer bergauf gehen würde, dass es ziemlich lange dauerte, bis die Berge des Schwarzwalds in Sicht kamen. Du liebe Zeit – lag da Schnee! Der Weg vom Bahnhof ins Heim war freigeschaufelt, aber links und rechts die Schneewände waren sicher über zwei Meter hoch. Das Heim lag am Waldrand und hieß „Waldfriede.“ Waldfriede war sechs Wochen Kinderknast mit strenger Zucht und Ordnung, Drohungen und Verhören im Schwesternzimmer beim kleinsten Vergehen. Wir mussten ein Lied lernen. An den Refrain erinnere ich mich: „Im Paradies der Kinder – ‚Waldfriede‘ wird’s genannt.“ In so ein Paradies würde keiner freiwillig wollen. Ich empfand es als Verhöhnung meiner Gefühle, das Lied zu singen.

Wir waren täglich draußen im Schnee. Und ich lernte richtig zu rodeln. Die Abfahrt war ein steiler gewundener Weg durch den verschneiten Wald, mindestens zwei Kilometer lang. Das war etwas anderes als hinter dem Trecker von Bauer Schmieder angebunden zu sein. Doch ich hatte meinen Koffer noch nicht und keine Sachen zum Wechseln. Meine Mutter hatte den Koffer bei uns am Bahnhof aufgegeben und vergessen, mir den Gepäckschein mitzugeben. Ich musste eine Woche lang die noch klammen Sachen vom Vortag anziehen, bis mein Koffer eintraf. Es lag nicht am fehlenden Gepäckschein. Vermutlich hatten die schlafmützigen Beamten am kleinen Bahnhof Eckum etwas falsch gemacht. Ich erinnere mich an eine Nachtwanderung durch den verschneiten Wald. In meinen nassen Sachen fror ich sehr. Auf einer Lichtung sah ich mir die Silhouette der Fichten vor dem Mondlicht an und versuchte mir das Bild einzuprägen, weil ich dachte, das will ich als Bild meines Unglücks behalten. Ich bin nie zuvor so unglücklich gewesen.

Das änderte sich, als ich Klaus Remy kennenlernte. Dieser ungewöhnliche Junge war mir schon bald aufgefallen, weil er so seltsam zierlich sprach, mit einem Singsang in der Stimme, der fast fremdländisch klang. Er kam aus Aachen. Wir waren bald eng befreundet. Eines Tages entzündeten sich seine Augen. Die Schwestern sorgten sich, er könnte erblinden, weshalb sie einen Termin in der Freiburger Augenklinik vereinbarten. Zum letzten Mal sah ich Klaus am Morgen, bevor er mit einer der Schwestern in die Stadt fahren sollte. Er machte sich Sorgen und sagte: „Ich bin gespannt, wer wohl ein Gespräch anfangen wird, wenn ich mit Schwester Hildegard im Bus sitze.“ Das hat mich sehr verwundert. Er drohte zu erblinden und machte sich Gedanken, wer im Bus ein Gespräch anfängt? Auf so eine Idee wäre ich nicht mal gekommen. Bei uns zu Hause hatten Kinder nur etwas zu sagen, wenn sie gefragt würden. Durch Klaus Remy wurde mir klar, wie grob und bäuerlich meine Welt war. Er war so gewandt auf seine liebenswürdige Weise. Leider kehrte er nicht mehr zurück nach Waldfriede. Seine Eltern werden ihn aus der Klinik abgeholt haben.

Im Speisesaal herrschte strenge Zucht. Einmal gab es Sauerkraut mit Kartoffelpürree und Brühwürstchen, eines meiner Leibgerichte. Ein Junge musste sich plötzlich übergeben und erbrach sich über dem Tisch. Da zwangen ihn die Aufseher, seinen Teller trotzdem leer zu essen. Lange Zeit musste ich bei Sauerkraut mit Kartoffelpürree an diesen Vorfall denken und ekelte mich.

Streng ging es auch im Schlafsaal zu. Während der Mittagsruhe durfte niemand aufstehen, auch wenn er dringend auf’s Klo musste. Einmal hatte jemand über die Klobrille gepinkelt. Alle Jungen wurden verhört, aber man fand den Schuldigen nicht. Vermutlich war es jemandem in der Nacht passiert und er war so schlaftrunken gewesen, dass er es gar nicht bemerkt hatte. Weil man uns mit Kollektivstrafen drohte, bedrängten wir einen rachitischen Jungen, sich schuldig zu bekennen.

Ich hatte großes Heimweh, fand aber auch, dass der Schwarzwald mehr zu bieten hatte als die Landschaft meiner Heimat. Diese Erweiterung meiner Perspektive war aus heutiger Sicht ein Gewinn. Doch als Kind will man das Gewohnte.

16 Kommentare zu “Einsicht gewinnen im „Kinderparadies“

  1. Ich war auch sechs Wochen „verschickt“. Es gibt Leute, die haben schlimmere Erfahrungen gemacht als wir damals; immerhin hatten wir nicht mehr die 50-er-Jahre-Schwestern, sondern es waren die Siebziger, und die Erzieher und Erzieherinnen waren zum Teil Hippie-mäßig drauf. Aber trotzdem erinnere ich mich an ziemlich fiese und ungerechte Begebenheiten. Immerhin haben wir aus Rache versehentlich(!) ungefähr hundert Kinder mit Windpocken angesteckt…

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      • Wir lagen im Krankenzimmer und langweilten uns tödlich. Bis auf komische rote Punkte hatten wir unserer Meinung nach ja nichts. Also sind wir heimlich stiften gegangen und haben die anderen Kinder besucht, die ohne rote Punkte. Gab echt Ärger als das rauskam.
        Meine Freundin war verschickt worden weil sie so dünn war. Als wir zurück kamen wog sie zwei Kilo weniger. Die andere Freundin hatte hüftlange blonde Haare gehabt und als sie zurück kam einen Mecki. Man hatte sie ihr wegen Kopfläusen abgeschnitten. Die Mutter bekam vor allen Leuten einen hysterischen Anfall. Ich könnte darüber stundenlang erzählen

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  2. Gut, dass du den Erzieherinnen verzeihen kannst. Aber es gab nicht nur schwarze Pädagogik, es gab auch eine Menge Sadismus. Ich war bei katholischen Nonnen im Kindergarten. Das war kein Spaß.
    Aus unserem engen Städtchen im Rheintal bin ich erst mit 16 rausgekommen. Als auf dem Weg nach Schweden hinter Hannover die Berge aufhörten, bekam ich Angst.

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    • Auch mein Kindergarten wurde von katholische Nonnen geführt. Wieviel Sadismus bei der Schwarzen Pädagogik im Spiel war, lässt sich nur vermuten. Danke für dein Berge-Beispiel. Der Blick über Ebenen war für dich wohl ungewohnt. Hätte ich nicht gedacht, doch es ist absolut plausibel.

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  3. Ich war im Harz, für vier Wochen, weil ich ein/e sogenannte/r „Kümmerling“(da gibt`s kein Genderwort ,gsd).
    Tante Erna sollte mich mästen, damit ich zunahm. Aber wohl vor lauter Heimweh und wesensgegebener Hibbeligkeit kam nur ein halbes Kilo dazu. 40 Jahre später hatte ich das umgekehrte Problem
    An die Kinderverschickung denke ich heute manchmal noch – schön war´s nich

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